Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 651 (17.11.1920)
- Date
- 1920-11-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Eine Aufforderung der Entente. Praef, 18. November. (Preßzentrale.) Das Tschecho-slowakische Pretzbrrrean meldet aus Paris: Die Volfchafterkorrferenz befaßte sich mit den Nachrichten übrr die geplintr Am'turzalrtion in Ungarn und beschloß, die Ententemifston in Budapest zu einer entschiedenen Intervention aufzufordern. Die Horthy-Regierung wird darauf aufmerksam gemacht, daß sie füt jeben Umsturzversuch verantwor iich ist. Außerdem wird das Dörlangen an die Horthy-" Regierung gestellt, raschest die Armee zu demobilisieren. flniidcuischc Mschrettungen Prag, '16. November. In Prag ist es heute ans Anlaß der Ereignisse in Eger zu großen deutschfeindlichen Ausschreitungen gekommen. Schon am frühen Nachmittag wurde auf dem Wenzelsplatz vor dem Denkmal König Wenzels eine Versammlung improvisiert, die den „Narodnt Listy" zufolge aus Kreisen der Egerer tschech'schen Minderheit angeregt war. Zwei Senatoren, ein Agrarier und ein nationaler Demokrat, wissen darauf hin, daß die blutig geschlagenen tschechischen Offiziere und unschuldige KchWch^Wider^ dieum^iLMzWtWHMtzMchBLsn Eget.gebracht wurden, mit der Bitte nach Prag gekommen seien, sich ihrer anzunehmen. Das s'i der best« Mweis dafür, daß. an ein friedliches Verhältnis mit den Deutschen nicht zu denken sei. Man werde nicht dulden, daß im. tschechischcheu Parlament die .Macht am Rhein" gesungen werde. Nachdem noch meherere andere Redner re'prochen hatten, wurde eine Resolution angenommen, worin die Regierung zu Maßnahmen im Interesse der tschechischen Minderheit in Eger aufgefordert wird. Zum Schlüsse wurde an die Teilnehmer, der Versammlung die Aufforderung gerichtet, zum Deutsch.'« Landestheater zu ziehen, das für die tschechische Kunst werde beschlagnahmt werden. Die Menge zog in die Altstadt vor das Theater, wo Direktor Kramer aufgofordert wurde, das Gebäude zu verlassen und es samt dem ganzen. Inventar zu Mergebrn. Vom Theater bewegte sich die Me i ge zum Deutschen Kasino und sodann zum'„Prager Tagblatt", zum Gebäude des Handwerkervereines und vor die deutsche Mensa a^emiea in der Kraka'!ergaise. Im Gebäude des „Prager Tagblatt", wo ganze Gruppen von Demonstranten in die Redaktion und die Druckerei eindrangen, wurde das gesamte Mobiliar in Unordnung gebracht. Ein anderer Trupjx von Demonstrant:» drang in das Gebäude der „Bohemia" ein, wo ebenfalls großer Schaden a ge ichte^ wur.e. In der M .nsa acaüe-nica wurde die Einrichtung .teilweise zerstört und Bücher sowie Schriften der dort einquartierten Stu-- dentenvere'.ne auf die Straße geworfen. Ein anderer Trupp der Demonstranten zog vor die Bmiifortsche Druckerei — hier wird die „Tribnna" gedrückt — und versuchte mit dem Hinweis, daß es; sich lim ein von jüdischem Kapital finanizertes Unternehmen handle, in das Gebäude einzudringcn. Vernünftigen Elementen gelang es, die Menge von ihrem Vorhaben abzubalten, und man einigte sich, einem dreigliedrigen Komitee die Schlüssel zn übergeben, welches dieselben den Polizeibehörden auslieferte. Gegen-Abend zog die Menge vor das Reue Deutsche Theater, um die heutige Vorstellung zu verhindern. Weiters wird von tschechischer offizieller Seite gemeldet: In der Deutschen Lese- und Ne e' alle wurden die Vereinsbibliothek und die Schriften desBereue? aas den Fenstern geworfen, was von der angesammelten Menge jubelnd begrüßt wurde. Ebenso würden aus der ' Turnhalle d'e Eiurichlungsgegenstände und di) Sch.iften. pe§ Vereines auf die Straße geworfen, wobei sich auch einige Soldaten beteiligten. Auch im Handwerkerve e'n imb in der „Schlaraffia" wurde die Einrichtung herausgeworfen, ebenso in der Druckerei der „Tribuna". Im Studentenheim wurde durch energisches Einschreiten e: äüache das Eindringen verhindert. Bor 6 Uhr abend? umstellte <ünr aion 2000füimac Menge, darunter auch. Legionäre, das Neue Deutsche Theater und erklärte es für beschlagnahmt. Ministerpräsident Czerny über die Prager Exzesse. Prag, '16. November. (Trchechoslow. Preßbur.) Mln'st'rpräsideut Czerny gab in dercheu igen Sitzung , des Senats folgend? Erklärung ab: j Die Herren Bert.e er des Klubs der deutschen Senatsmi gl'eder l-ahen sich ErsMmMl. über die Crigniise ii P ag beka mt sei. Soweit mir in tee Angelegenheit Beriche zugekommen sind, kann ich solgendes mitieilen: Auf eine ve össent'lich'e Notiz hin fanden kich' beute unaefabr 20l) Personen aus dem Wen'.elsvla'; ein peren Zahl in ku: tzr Zeit am uuaeMr 15D0 Verlagen wuckis. Das P ogramm der Versammlung war die Verhandlung über die Ereign'sse in. Eger. Nach de: Versammlung, die ungefähr dreiv'e iel S un'en dauerte, zog die Menge zum deutschen Sianderheater, wo trotz des Wide.standes der Wache ein Teil über die Notstieg^ auf die Galerie drang. Inzwischen fand sich eine größere Zahl russischer Legionäre e'n, die erklärten, daß sie das Thraleraebäude vor ieöweder BeschädigunL schaden werden Im Landen hatien sich, in das Tbratrrgebäude ungefähr 2^0 Leg'o ä e unter Füh ung einez bisher unbeännteu Kapi äns einge'un'en. ob diese aktiv oder demobilis'rrt waren, konnte noch nicht sicherg"stellt werben. Pom Stündechra'er be^ab sich ein Trupp artf den Graben, wo er in das Deutsche Haus e'ndrin^en wollt?. Die Wache bemüh e sich mit allen Mitteln^ die Versammelten zum Abzug zu bewegen. Die Leute waren jedoch infolge der Ere'gn'sse außerhalb P'ags so erregt, daß ein Au°emandergehen mit Anwendung der gewöhnlichen M't'eln n'cht erreicht werden konnte. Nach längerer Zeit du chb'ach d'e Menge den Hasp en ang und d"ang in-da-. Innere ein. Die Poli ei nst mit allen Mitteln bestrebt, weiiere Ung"se''l"ch-ei!en hintan zuhalten. Ferner habe ich eben einen Bericht erhalten, baß die Demoust anten in bre Räümlichleiten des „Prager Tagblatt" ei-gedrungen sind. S e wurden jedoch bald von der Polizei,hinausgehrängt... .. Sclon in meiner Erklärung vom 26. Oktober sagte ich in der Abgrordneten^annker, das; die Regierung für Ta? Verhält is des S aa'es zu den Nat'onalitäten leinen an'.e on Maßstabe habe, als das Gesetz und die. Rechtm drung. Die Re.gieruug wird daher rücksichtslos ,ge.ge n a lle lln^e setzlichkeiten' , Vorgehen, mögen, sie von we'char StTle immer erj folgen. Gl.'ichzeit'g for? ert die Re Terung jedoch, daß! die Episoden, die sich in der letzten' Zeit in. Töplitz, > Eger. und.P 'ag, abgespielt. Halen,.nicht zur Entzündung . der Lei^enscha'ten verwendet werdeni Leidenschaften, die die Ruhe und Ordnung stören, de.en leder Bürger in. g'eicher Wene bedarf. Die Nigierung be' auert diese Störung der ös.en lichen Rnhe nun Ordnung, die durch unverantwor l'che Elmnen e hervorgrruTn wurde, und den g >.ten Ruf der Ha"p stadt. Präg gefährden könnt?. Die Rrg'erung wird dafür sorgen, daß die ösfrnw liche S'che he'.^, Nn^'e und Ordnung nicht nur u Prag, sonde n auch übe a l a derwä t) au frech erlal er w:r.e und appe l'.ert an all' Bürger ohne Un er schied der; Nato a.'i.öt. ''' ' . u. unte.stützen.. (Starker Beifall j ans der, S'.tte.. Widerspruch bei den i £*uiid5cu.j Prager Stürme. ~y. Wien, 17. November. Die Unruhen, deren Schauplatz feit einigen Tagen die deutschböhmischen Städte sind, haben gestern auf, die Hauptstadt der tschechischen' Republik übergegriffen^ Zeitnngsredaktionen wurden gestürmt, daß deutsche Landestheater und das deutsche Kasino besetzt, und die deutschsprechende Bevölkerung in Panik versetzt. Ein uns abends zugehender Bericht besagt: „In den deutschen Kreisen Prags herrscht ungeheure Erregung und Angst. Die Geschäftswelt ist bestürzt und fürchtet, morgen die Läden zu öffnen." Nun ist man m. Prag' derartige Dinge gewöhnt. Sie waren vor dem Knetz an der Tagesordnung und sie haben sich seit der Revolution schon des öfteren ereignet. Aber ihre Wirkung ist heute eine andere als früher, weil auch ihre Ilr« fachen ganz anders geartet sind. Ehedem waren es Demonstrationen gegen Wien, gegen die gefürchtete Ger^ manisation, gegen die BUreaukratie und gegen den österreichischen Zentralismus. Heute richten sich die Ex^ zesse gegen die Autorität des selbstgeschaffenen Staates^ gegen den guten Namen der Republik und gegen die soziale Ordnung. Der Minister Benesch hat jüngst in einem^ Parlamentsausschuß scharfe Worte gegen die tschechische Hetzjournalistik gesagt, die weder von der fle-j wohnlichen bürgerlichen Anständigkeit, noch von' de« Rücksicht auf die Staatsinteressen etwas-wissen wolle) Er selbst, der sich öffentlich gegen den Vorwürsf Ler Be- Uichenmg ^verteidigen mußte, ä.ft^em. DpserArestzr lSett-j kationsgier/ aber es hieße-hoch -die Dinge verkennen) wollte man das, was sich da in Böhmen ereignet, lediglich ans das sicherlich nicht reine Konto, der Presse fetzcm In allen Tschechen lebt eine , gewisse heillöse. Angst um ihre Unabhängigkeit und Staatlichkeit. Sie zittern! vor jedem fallenden Laub und das Gift des' Ehaüvr«I nismns hat das sonst klardenkende Volk genau so erkäßti! wie sein Vorbild, die französische Bourgeoisie.. Der Staat! ist ihnen , wie eine reife Frucht als Folge des , für'i die Monarchie, unglücklichen Krieges zugefallen. Das Volk hat ihn nicht erkämpft, sondern eines Tages h- 08 war dies vor genau zwei Jahren — als Geschenk .-erhalten. Es war keine Zeit, einen neuen Beamtenappärak einznrichten. Man übernahm einfach alles Vorhandenes schaffte das „k. k." weg, schlng die Doppelndler-m Trümmer, und meinte, daß nun alles gut sei. Die anderen Nationen wurden ebenso überraschend zu Bü'rgern eines Staates, dessen tragende Idee die Zugehörigkeit zur tschechischen Nation war. Sie mußten naturgeniäß ans Selbsterhaltungstrieb, in eine scharfe Opposition zu diesem Staate treten, der ihr erstes und lebendigstes Recht, das ans den. Gebrauch der Muttersprache, .negiertes und unter die Strafsanktion der aus Oesterreich über-! nommenen Profoßen stellte. Die tschechische Politik sah! sich plötzlich vor der Tatsache, daß ihre Hegemonie litt eigenen Haus bestritten, ihre Demokratie angezweifelt wurde. Und in dieser Situation griff sie zu dem schlech-- testen und gefährlichsten Mittel, zur Gewalt. Vor allem ging es gegen die Deutschen,, die eine milde uUd vorsichtige, Hand hätte sehr leicht gewinnen können. Oesterreich war ihnen verschlossen. Deutschland lag in schwerer Ohnmacht. Die geographische Gestaftnng des. Landes' hätte sie mit zwingender Kraft aus ein Bündnis mit den Tschechen hingewiesen. Aber man schloß deutsche Schulen, trieb die deutsche Sprache aus dem Militär,, und warf die deutschen Beamten hinaus. Zu dieser^nationalistischen Politik, die an sich Ansregungsstosfe in Fülle erzeugt, traten noch die schweren sozialen Mängel, die Böhmen belehrten,. daß. es den Krieg doch. nicht ganz gewonnen habe. Auch in diesem reichen Lande. gibt .es Lebensmittel- und Wohnungsnot, der. Export, einstmals .die Nahrungsquelle, ist ganz ins Stocken geraten. Das kleine und,naive Volk suchte nach dem Grunde des Uebels, und flinke Demagogen ser° vierten ihm alsbald den Zettel: Die Inden und die Deutschen. Wir haben schon davon. berichtet, daß die nicht demobilisierten Legionäre, die verhätschelten Lieblinge des Volkes, die Kontrolle der Politik an sich genommen haben. Man hat ihnen so oft.geschmeichelt und sie als Netter gepriesen, daß ihnen" schließlich die Rolle ganz plausibel wurde, den Staat auch ohne Befehl von oben zu schützen. Legionäre schlugen den Mnna wegen seines Kommunismus halbtot. Legionäre reinigen die Slowakei, ind?m sie Juden, Deutsche und Magyaren auStveisen, Legionäre stürzen in den deutschen Städten -iß