Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 644 (9.11.1920)
- Date
- 1920-11-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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) Nr. 644 Wien. Dienstag Inland. Das Inkrafttreten der Bundesverfassung. Am Tage deS Inkrafttretender BundeSvtrfassuna <10. d. M.) werden ohnkweuerS die ichon in der Verfassung selbst sestsetzten neuen Bezrichnungen^ für d,e blsbeügcn Staa'Samler sowie für bie bisherigen Staatssekretäre und UnteestaatSsekretare wirksam. Demgemäß füh en von dem angegebene« Zeitpunkt an die StaatSkanstri die Bezeichnung »B u n d e S k a n z l e r r m t" und d«.e übrigen Siaatsäm er die Bezeichnung „Bunde-- Ministerien", und zwar letztere mit dem bisherigen, ibrr» ressortmäßigen WirkunsSt ereich anSdrülkcnden Matz s„^ür AeußereS", „für Innere- und Unterricht", Jör Justiz" uiw.); den be maligen SiaalSsekietären kommt der Titel »BundeSminister", den drrmaligrn Unterstaatssekretären der TiM „StaalSscbeiär" zu. Jnw esern, abgesehen von den vo, genannten ZenUalsiellen, aoch brr den anderen Behörden, Anstalten usw.. soweit sie nun' mehr solche des Bundes sein werden, eine den neuen staatsrechtlichen Der halinisten entsprechende Umbenennung Platz zn grei'en haK wird später durch besondere Verfügungen geregelt werden. Ebenso tritt auch iu den Amtstirrln der staatlichen ÄngesKlUeu derzeit eine Amderung nicht ein. Der Präsident der Nationalversammlung. Hauser lehnt ad. — Weiskirchner als christlichsozialer Kandidat. Die Korrespondenz Austria meldet t D i e C h r ist l i chsaziole Bereinigung im Nationa^rate hielt unter dem Vorsitze des Obmannes Fink eine PoxstandSsttzung ab, die den Hauptausschuß und in dm nächsten Ta^en den Nationalrat beschäftige« wird. Abgeordneter Dr. S ei p e l berichtete über den Stand der Verhandlungen, die seit der letzten Kludsttzung geführt worden sind. Obmann Fink beantragte, den Pr «säten .H.a u s er al- Präsidenten de- NatiozialrateS zu kandidrrrrn. P ästdrnt- H ruler erklärte jedoch, nickt in der Lage zu sein, dom Vorschlag uznstimmen. Er schlug gleichzeitig den Abgeordneten Dr. W e r Sk r r ck n e r vor. Der Vorstand beschloß daher die Kandidatur. des Abgeordneten Dr. WeiSlircknrr. Die Reglernn sblldung. Die Kombination Schober steht nach tote vor iitt Vordergrund der Verhandlung, jedoch nrachen sowohl dre Sozialdemokraten als auch die christlichsozialen Agrarier gegen ein Beamten kabinett verschiedene Einwände geltend. Die Christltchsoztalen werden sich tn ihrer nächste»» Klubsitzung mit diesen Schwierigkeiten zu besagen haben. Zur Aufnahme Oesterreich- Ht den Völkerbund. In der heutigen Sitzung deS HauptauSschnsseS gelangt unter anderem die Frage der Aufnahme Oesterreichs in den Völkerbund zur Beratung. Der Hauptausschuß wird. dazu Stellung zu nehmen haben, ob die Negierung anläßlich der Vollversammlung de- Völkerbundes am 15. d. M. in Genf ein Gesuch um die Ausnahme der Republik Oesterreich ln den Völkerbund stellen soll. '■ Zuerkennung von vier Patrouillenbooten an die Republik Oesterreich. Amtlich wird mitg teilt: Die interalliierte Bostchasiev» ksnicrenz hat der Republik Oesterreich vier Pmmnllenboore, und zwar zwei m t je 60 und zwei m l je 12-i t, aus dem Bestände dkx ehemaligen österreichisch-ungarischen Donaustortille zuerkannt. Die zur Abholung der in Jugoiiawicn b-flndttchen Boote bestimmten Marineperionen un'er Führung deS KorveltenkaviiänS Ditttich weiden am 10. d. M. in Nov fob (Neusatz) eintreffe«. Die Entente und die 'österreichische HeereSorganisntidn. Amtlich wird mitgete lt: Der Chei dr-mterallüertm HeereSüberwachungsauSschuff':-, Gencrall'uinant Z u c c a r i, hat den zuständigen Regierungsstellen die Enifcheidungen dealliierten Militärkomitees von Bersg'llcS und der Botschafterkonfrrenz über da-Wehigesetz nnd d»r Organisation des österreichischen Hee.es übermittelt. Dies« Entscheidungen der genannte« höchsten mteroptieitett Instanzen billigen grunbiLtzlich die gemäß dem Friedens» vtrirag von Saint'Gcrmain erfolgt« Aufstellung und Otgamsaton der Vermacht und fordern nur einze ne Äendnungen auf technischem Gebiet und in fonftiaen organisatolstchen Einzelheiten. m denen eine von der österre ckischen AnSlekinng der Militärischen Bestimmungen abweichende Aussassäng Platz ge» griffe« hat. . Staatsdeamtenfragen. Die Besoldungsreform. — Abbau des BeamtenKörpers- Gestern sprach eine Deputation vom Zentralverband österreichischer ' Staatsangestellteu..^ . '-.gungen. beim Staatssekretär Dr. Mayr vor, um gegen den Versuch der Regierung, die Besöldüngsreform ohne Einvernehmen mit den Staatsangestelltenorganisätionen di,rchznführen, Verwahrung einzulegen. Staatssekretär Dr. Mayr teilte mit, daß der Kabinettsrat anläßlich der Angleichungsaktion an das Gehaltsjchema der Gemeinde Wien beschlossen habe, einen neuen Entwurf -kr Besoldungsvorlage ausarbeiten zu lassen. Ueber die Frage, ob dieser Entwurf v o r h e r den Organisationen zur Beratung zu übermitteln wäre, sei ein Beschluß nicht gefaßt worden. Es dürfte aber nach Einbringung der Vorlage von den Parteien eine Expertise veranstaltet werden. Auf die Anfrage, ob es den Tatsachen entspreche, daß die Negierung derzeit an einem Veamckmabbauaeietz arbeite, erklärte Dr. Maar, daß dieSbo- Wiener MorgettzLitmig 9. November 1920 BetteS" 1 Die Unzulänglichkeit der ungarischen Regierung', der Mangel jedes guten Willens, in Ungarn die vielberufene Nech'sordnung in Wirklichkeit zur Herrschaft gelangen zu lassen, vor'allem aber die unglaubliche Schwerhörigkeit der En'entemission in Budapest haben es dazu gebracht, daß in Ungarn heute kein Volksfest welcher Art immer vorübergeh..'n kann, ohne daß auf dem Altar des „Erwachenden. Ungarn" jüdisches Gut und jüdisches Leben geopfert werden. Es ist geradezu empörend, zu hören, daß in der unmittelbaren Nachbarschaft der Bud ap cst-'r. Oberstadth aup! ma rm sch a ft eine Horde von nichtsnutzigen Tagedieben, welche sich unter dem hochtrabenden Namen „Erwachende Ungarn" zu einer Räuber-- und Mörberbande vereinigen. Hausfriedensbruch krassester Art verüben und das Signal zu stundenlang währorckcm Pogrom ge en unschuldig' Pe son"n ausge"en konu en. Am Sonn- :a - h a Bu' ap st a er al? fe: Scka wlatz wüfttr Sr'.nen aufgeführt von christ.ichnationalen Studenten, die nichts lernen wollen und auch die Juden am Lernen verhindern, von christlichen öffentlichen Beamten, die es sich zum Prinzip gemacht haben, sich von jüdischem Fleiß und jüdischem Verstand in ihrer Karriere nicht überstü eln zu lassen, und schließlich von. einem Berbrechergosindel, das jetzt die Zeit gekommen sieht, wo es unter dem Schutz christlicher Gesetze seinen Derbrecherinstinklen unbestraft nach gehen kann. Es ist das guch n'cht anders denkbar in einem Lande, in welchem so viele Morde, deren Täter aller Welt bekannt sind, cn e a ifeit vn!e Er odurg des Re akeurs Souroghi bis hinunter zn dem Falle des I aden L ö w y, ohne jede Sühne geblieben sind, in einem Lande, welches trotz aller dieser blutigen Vorgänge die besondere Protektion der Entente zu besitzen scheint. Es liegt uns folgender Bericht vor: Am Sonntag ve^ns-al e e der De ein de Cr lachenden Ungarn unter Anichluß meh e er g e'ch e,inn er Orgamsaiionen die seit Ta ei ange'ün igte Teinonftration ge^en die Natisika.ion des Frie^ensvertra ^es, wobei es zu blutigen Ausschreitungen kam. In Kundgebungen in der Redoute wurde gefordert, die Rai i a ion unter keinen Umständen durchzuführen. Schon im S'ale kam es zu kleinen Schlägereien, gber bei dem Umzug löste sich eine Gruppe von Demonst anten los . und etwa 8000 Personen zogen vor da; Lo al des L.o,odstäd er Kasinos im fünften Bezirk,- welches aiS das jüdische Kasino bekannt ist. Ein Teil der Demonstranten besetzte die Kasinolokalitäten und forderte, man möge darin die Waggonbewohner unterbringen. Drei Familien von Waggonbewohnern wurden auf Streifwagen in die Leopoldstadt gebracht, um dort ein Haus zu'suchen, wo sie un «'gebracht werden könn en. Es wurde die Losung^ ailsgegeüen, in das Leopoldstädter Kasino zu ziehen. Untertp-egs kam es zu Schlägereien, wobei zwei junge Leute, der 20jährige Julius Farago und der 21jährig.' Priva beam e Andwas Herczeg, blutig esch'aM wu den. Die Ne tungsgcsellschaft leistete ihnen die erste Hilfe. Um 12 Uhr hatte die Menge das Leopoldstädter ' Kasino besetzt und dort kam es zwischen den Kasinomi.g'iede n und den junzen Leuten zu Verhandlungen. Unmittelbar an das Kasino grenzt die Oberstadthä 'ptn a rnfchast. Von dort wurden leritiene Po.'i isten zum Kasino beordert, um zu verhindern, daß es zu Aussch.-eitungen komme. Ti Kasinobe'tUng sah sich zum Nachgeben veranlaßt und brachte die drei Familien im zwei.en Stockwerk des Hauses untrr. Inzwischen hatte, die Poli ei die Straßeneingänge geräumt und um halb 4 Uhr herrschte hier wieder Ruhe. Im Laufe des Nachmittags wiederholten sich jedoch' an meh'rei Stelen der Hauptstadt die Demonstrationen, Jn -b« NdMlach^asse, wo sich der orthodoxe Tempel Üt* . findet, zog eine aus dreißig Mitgliedern bestehend^ Gruppe „Erwachender Ungarn" aus und j * ' attackierte die Passauten. : ° Die Rettungsgeseltschaft mußte i n. z w ö.l f F ä l.l<r ä,' eingreifen. Um halb 8 Uhr abends kam es in de^ Podmaniczkygafse zu Schlägereien, Später wieder^ holten sich die. Ausschreitungen ayf dem Karlsrin^ und in der Brunnengasse. Dir Passanten wurden'voT^ unreifen jungen Leuten blutig geschlagen. Rettungsgesellschaft mußte wiederholt ein schreiten.,^ Schwerverletzt wurden hiebei zumeist junge. Leutes, da.'unter der Ba.ikbeamte Max Schön, der Privat-« beamte; Emmerich Steiner, der Kaufmann ArmkH Deutsch. Der 27Jährige Kaufmann Eug''n tzrme s erlitt so schwere-Verletzungen, daß die Nettungsgese^, fcha't ihn in sterbendem Zustand ins Spital brachte. , Der 41jähr'ge Kaufmann Emanuel Balafza wurde! auf einen Wagen gezerrt und blutiggeschlagen. Dev Fabrikant Zoltan Ka s za b erlitt starke Ve.l tzungen durch Stockhiebe am Schädel. Noch mehrere andertz Personen wurden schwer verletzt. Die Polizei nahml. zahlreiche Verhaftungen, vor, doch gelang/es erst nac 10 Uhr, die Ruhe in den Straßerz herzustellen. Bei den Unruhen wurde sogar ein Arzt der Fvet-i willigen Nettungsges^llschast mißhandelt. , . Krokodttstrünen w der Horchy-VersammlÄNg^ Budapest, 8. November. (Ung. Del.-Korr.-Bur.)' \ * In der heutigen Sitzung der Nationalversammlung: führte Graf Albert A p p o n Y i aus: Es wäre zrx wünschen, daß die Regierung ihre Energie hauptsächlichjder Verteidigung der Rechtsordnung und d«N inuercn Konsolidierung widme und gewisse Uebel^ stände im inneren Leben d:s Staates, die der außen-i politischen Stellung Ungarns sehr schädlich seien, <mj) das energischeste abschaffe. . ' . Ackerbaum nister Stephan S z a b o --Na g y a tad^ . meinte, daß sämtliche Mitglieder der Negierung von!' der Wichligkeit der Sicherung der Rechtsordnung durchs' drangen seien und Uebergriffe jedweder Art auf das!s tiefste bedauern. Er "sei auch überzeugt, daß es d«v Regierung gelingen werde, die innere Beruhigung mckj . die Achtung der Gesetze restlos zu sichern. Ministerpräsident LeleLi über die PogromÄ Budapest, 8. November. (Notionalversammlung.) Minister» prasid-nt Graf Telcki erklärte: Die gestrigen Exzesse haben nach der Prorestvetsammlung stattgefunden, können jedoch unmöglich den Jnlenlionkn derjenigen entsprechen, die. die Versammlung veranstaltet habe». Die Exzeße bilden gewiß ein bedauerliche« und d e» n r n h i g e n d «S Symptom, eS seien jedoch der Wille l? und die Macht (?) vorhanden, diese Exzesse in weilest» gehendem Maße und unter Anwendung der energischesten Mitlek zu vereileln und dre bneits öeiübteit Exzesse ausS schönste ahnden. Er warne die Bevölkerung der Hauptstadt, sich von g e» w »f f t n t o 1 e n Agitatoren zur Teilnahnre a« Exzessen hinreißcn z» lassen, denn die zur Anwendung kommende» Maßnahmen werden von unarahwer Schärfe sein. Er könnt,' über alle E nzrlbei'en der im Gange brstndl'chen Untersuchung i«' Interesse des Ergebnissekerne Mitteilungen macken, verspreche aber, daß die Täter ermittelt und mit beispielloser Strenge bestraft werden. j- Das HanS nahm die Antwort deS Mimsterpräsidenlrn zur «iHttlniA /Kiftim, mmAm züglich in Paris derzeit Vorschläge der Reparationskommission in Verhandlung stünden. Die Kommission anerkenne, daß die öffentlichen Angestellten m Oesterreich unzulänglich entlehnt würden, betone aber, daß die Zahl der öffentlichen Angestellten in keinem E i n klang zur Größe dieses StaateS stünde. Die Abordnung stellte die Forderung, daß auch in der Frage der Schaffung eines Gesetzes, betreffend die Perfonalvertretüng und den Abbau der Staatsangestellten, unbedingt das Einvernehmen mit den Organisationen zu.pflegen wäre. In der gleichen Angelegenheit sprach sodann die Abordnung im Staatsamt für Finanzen und für Inneres vor. Qestsereichische Diplomaten im Anslanv. In der Berliner „Weltbühne" vom. 4. November lesen wir: - Die Niederlage der Sozialdemokraten in Oesterreich hat auch den Rücktritt des österreichischen Gesandten in Berlin zur Folge gehabt, der begreiflicherweise eine christlichsoziale Regierung nicht vertreten will und als Jude auch kaum kann. Die deutsche Presse" rühmt Ludo Hartmann nach, daß Oesterreich keinen aufrichtigeren. ' i .rtcrcn und eifrigeren Vorkämpfer des Anschluß- E gedankens hätte senden können. DaS ist richtig. Nur i unterläßt sie, hinzuzufügen: auch keinen ungeschickteren. Denn Ludo Hartmann mag ein hervorragender Gelehrte ,.;.ö überzeugtehrlicher Sozialdemokrat sein — ein ttrÄULer iit er nickt. Vor gllem fehlt« ÄN das Verständnis für die Eigenheit deS Volkscharakter^ der Reichsdeutschen, also die wichtigste Voraussetzung: für einen erfolgreichen Diplomaten. Statt die. kühl« Zurückhaltung der Norddeutschen zu berücksichtigen und zu begreifen, daß man sich ln Berlin nicht aufdrängen darf, sondern die Dinge an sich herankommen lasten muß, stürzte er sich in blindem Uebereifer auf seine Mission. Er war buchstäblich noch keine Stunde im- Berlin, als er bereits in einer eben tagenden Sitzung der BundeSstaatenvertreter erschien und feine Agitationfiir den Anschluß begann, die sofort die frostigste Aufnahme fand. Das dämpfte aber nicht seine Begeisterung^ das verdoppelte sie. Und so trat er — ganz gegen jebe^ in diesem Falle richtige, diplomatische Gepflogenheit —- bei allen passenden und mehr noch bei allen unpassenden Gelegenheiten als Redner für den Anschluß auf^ griff in die Weimarer Verfassungßverhandlungen ein und mertte nicht, wie er der guten Sache schadete, der. er zu dienen glaubte. Merkte nicht, . .welch herzlichinniges Bruderschaftsverhältnis zwischen Deutschen und' Oesterreichern der Krieg geschaffen hatnämlich eines», daß man in ganz. Deutschland noch lange nach dem' Krieg auf die „Nazis" erbittert sein wird, ja ihnen vielfach die Hauptschuld an der endgültigen Niederlage zuschiebt. Und so trug er alles dazu bei, Oesterreick' als neues NeichSglied unerwünscht erscheinen zu lassen. O Ludo! Wie du alles verkehrt gemacht hast, so kann man dir auch in Umkehrung deS alten Satzesurufen.^ phüoscmms. — tacutisop!