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Wiener Morgenzeitung · 1920-11-09 · Heft 644 (9.11.1920) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 644 (9.11.1920)
Date
1920-11-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Men. Dienstag Wiener Morgenzeitung" H. November 19LV Parteitag der foterreicbfecbe« Lisnirten. In der Zweiten Session -es osteKeichischcn zionistischen Paickeitages. welche Sonntag stattfand, wurde eine ausführliche Debatte abgeführt, welcher zunächst die vorige Woche gehaltenen Referate zur Grundlage dienten. Dr. Abeles/weist auf die Tatsache hin, Latz die Palästinas keine vollständige Losung der üllweltlichen Judenfrage bedeute, und man müsse in der Frage der positiven Gegenwartsarbeit zu klaren Gesichtspunkten kommen. Das Wort „Galuth" werde allgemein in überspannter Weise gebraucht. Es frage sich, ob es eine Angelegenheit der Zionisten sein müsse, die Sache der europäischen und amerikanischen Juden in die Sand, zn nehmen, oder ob der Zionismus dulden kann, daß diese Angelegenheit von anderen Libernommen werde. Tie Entwicklung eines Teiles der Poale Zion ist ein Weg zu einem palästinafreien Nationalismus und auch bei den sogenannten Assimilanten kann sich etwas Aehnliches wiederholen.' Darum ist es notwendig, Last wir die politische Führung des Judentums behalten. Strickers Tätigkeit war eine Fortsetzung der Arbeit Herzls und sein Auftreten vielfach eine sittliche Lat. Was die Kulturarbeit anlange, so bedeute!die Gründung des R e a l g y m n as i u m 8 für viele Eltern einen Rettungsanker. Er unterbreitet Anträge zur Förderung des Jüdischen Schulvereins, auch das wertvolle Werk der Jüdischen Kinderfreund e. wo ferne von aller Wohltäterei hingebungsvolle Arbeit geleistet wird, müsse mit aller Kraft gefördert werden. (Lebhafter Beifall.) Feiler beklagt die Vernachlässigung der Organisation in der letzten Zeit. Die Auflösung der Vereine And Schaffung von Bezirkskommissionen hat sich nicht bewährt. Das Gymnasium, ebenso die Jüdische Volksbibliothek müssen von der Leitung mehr gefördert wer' den. Auch für die jüdische Sportbewegung müsse man sich mehr interessieren. Das Joint sei irrtümlich als zionistische Organisation angesehen, seine Fehler werden uns aufgeladen, während das Gute anderen Parteien zufällt. Diel kleinere Gruppen haben Kooperativen geschaffen und beim Joint Unterstützung erhalten. Dasselbe müssen wir tun. Man mutz konstatieren, datz das Joint keine zionistische Institution ist, und unsere Vertreter müssen sich mehr für die produktive Arbeit interessieren. Auch das Verhältnis zur Sozialen Hilfsgemeinschaft (Anitta Müller) bedürfe einer Klärung. In der Aufstellung der Armenräte sind graste Fehler geschehen, die man in Hinkunft vermeiden must. Dr. Wilhelm Stein bespricht das Fehlen einer systematischen Jugendarbeit. Man dürfe die. Jugend nicht länger als Rekruten betrachten, welche die Kaders aufzufüllen haben. Dieser Fehler habe sich schwer gerächt. Man hat vergessen, datz wir zwei wichtige Elemente für die Zukunft haben: die Frauen und die Jugend. Wir haben heute an den Cha! uziin bereits Menschen, welche alle materiellen Interessen für ein ideales Ziel hinwerfen. Das ist das Beispiel, das wir der Jugend zn geben haben. Wir haben die Schwungkraft der Idee eingebüstt und müssen zur Bewegung zurück. Von der Jugend kann eine Er. Neuerung kommen, aber man darf ihr nicht von autzen Drganisatronsformen aufpressen. Sie muß ihre Formen selbst finden*. Redner bespricht in ausführlicher Weise die Aufgaben der künftigen jüdischen Jugendarbeit. . Schusz erörtert den Mißerfolg bei den Wahlen mb das - Fehlen eines Wirtschastsprogmrnms und stellt einen entsprechenden Antrag. Deutsch bespricht die Taktik der zionistischen und ber jüdischen Arbeit. In der Kultus gemein de haben die Zionisten die Aufgabe, gegen die dort herrschende Reaktion die schärfste Opposition zn bilden und Neuwahlen auf Grund eines neuen Statuts zu erzwingen. Gemeiuderat Dr. PlaschkeS stellt gegenüber dem Vorredner fest, daß das KultuSgemeindeprogramm nicht auf dem Wege des Kompromisses erreicht wurde. Vom Standpunkt unserer Partei ist der Ausgang der Kultuswahlen ein Erfolg gewesen, was sich noch erweisen werde. Es ist nicht wahr, daß wir an der Jugend Fehler gemacht haben. Die Jugend hat gefehlt, indem sie sich vielfach radikalen Bewegungen zugewendet Hab. Die jüdische volkssozialistische Gruppe (Hitachdiüh) hätte die Aufgabe, unter der marxistischen Jugend Propaganda zu machen. Schwertfinger weist auf die Wichtigkeit des Erziehungsproblems für das Westjudentum hin, die jüdische Schule werde bsi den Jüngsten beginnen müssen. Wir werden die Minoritätsschule auf Grund des FriedenSvertragev zu fordern haben. Kraushaar empfiehlt, in den Jugendvereinen daS System der Gruppen einzuführen, welche sich mit praktischer Arbeit zu befassen haben. Dadurch werde das Gemeinschafts- und Verantwortungsgefühl der Jugend gehoben. Lanczener (beginnt hebräisch): Et fordert gleichfalls, Last sich die Parteileitung mehr um die ^Jugendbewegung kümmere.; Dr. K i w c; T:c Zweiteilung in der Arbeit zwili&cs AMsnUs und Nationalismus Zr notwendig. Man habe den früheren Jugendreferenten bekämpft, aber als er gegangen ist, hat man nichts an seine Stelle gesetzt. Auch Sangverg bespricht die Vernachlässigung der Jugendarbeit und polemisiert gegen die früher betriebene Art der Jugendbewegung. In dar . Nachmittagssitzung hielt zunächst der Kulturreferent Dr. M a r g u l r e s das Schlußwort. Er erklärt, für seine Person dafür wirken zu wollen, datz die von ihm vorgelegten Thesen nicht bloß Papier bleiben, und er werde sich bemühen, die Gesamt' Partei für diese Aufgaben zu gewinnen. Was die Frage der im Friedensvertrag gewährleisteten > Minder' h e i t s r e ch t e auf dem Schulgebiet betrifft, so käme hier in erster Reihe die Kultusgemeinde in Betracht. Es sei aber gar nicht zu zweifeln, daß der Zionistischen Organisation, als ' jüdischnationaler Vertretung in Oesterreich die Legitimation zuerkannt tveröen muß, die nationalen Rechte geltend zu machen. Eine andere Frage aber sei der Inhalt der zu erhebenden Forderungen. Redner bespricht die entsprechenden Punkte des Friedensvertrages und kommt zu dem Schluß, daß uns die staatliche Beihilfe für unsere Schulen werde gewährt werden müssen. Eine der Hauptaufgaben sei die wirkliche Hebräisierung. Hier müssen die Erwachsenen vorangehcn und es ist dank unserer heutigen Methoden möglich, in absehbarer Zeit das Hebräische als lebende Sprache zu erlernen Der Referent richtet einen dringlichen Appell an die Delegierten, an sich selbst in dieser Richtung tätig zu sein und in ihren Organisationen für diesen Gedanken zu arbeiten. Hierauf wurde zu den Abstimmungen geschritten Die Resolutionen der politischen Kommission (von uns bereits veröffentlicht) wurden einstim mi«g angenommen. Die beschlossenen Thesen zur Kulturarbeit lauten.: 1. Im Sinner der bei der Londoner Jahreskonferenz gefaßten Beschlüsse verlangt der Parteitag, daß die Zionistische Landesorganisakon die Leitung, Zentralisierung und tatkräftige Förderung der jüdischen Kulturarbeit in Oesterreich übernimmt, dafür ein eigenes Ressort mit einem In» spektorat für den hebräischen Sprachunterricht schafft und ein besonderes Budget festseht.' \ . 2. Alle dem Zionistischen Landeskomitee miterstellten Organisationen -und Gruppen haben einen Referenten für die Kulturarbeit zu bestellen und daS jüdische Schul- und Erziehungswesen in ihrem Wirkungskreis zu fördern. 3. Alle Zionisten haben die Pflicht, dem Jüdischen S ch u l v e r e i n bcizutreten und ihn zu unterstü.en. 4. Der Parteitag betont die Notwendigkeit der Kenntnis und lebendigen Beherrschung der h e'b r ä i s ch e u Sprache und macht es der Leitung zur Pflicht, alles zu fördern, was der Erreichung dieses Zweckes dient. 6. Die innere Amtsprache d-r' Zionistischen LandeS» oxganisatron und der ihr unterstellten Aemter ist die heorälscüe. Das Landeskomiree hat drchr zu, sorgen, daß dieses Prinzip innerhalb eines Jahrrs allmählich durchgefnhrt werde. . 6. Alle Beamten jüdischnationaler Institutionen werden verpflichtet, die hebräische Sprache in Wort und Schrift zu erlernen. Das DandeSkomitee wird darüber zu wachen haben, daß die Weiterverbleibung im Amte von der Erfüllung dieser Pflicht <E>hängig gemacht wird. 7. Der Parteitag fordert die Verwirklichung deS bei der Londoner Jahreskonferenz gefaßten Beschlusses, datz die Zeni trale für die Kultur» und Erziehungsarbeit nach Palästina verlegt werde, für die Kulturarbeit t« der Galuth aber «in autonomes Zentralamt* in einer nahe dem Osten gelegenen Stadt in Europa errichtet werde. Der Parteitag drückt den Wunsch aus. daß zum Sitz dieses Zentralamtes Wien gewählt werde. Hierauf wurden die folgenden von Dr. Brand vorgeschlagenen Thesen zur sozialen Umschichtung zum Beschluß erhoben: 1. Die ungesunde soziale Struktur des jüdischen Volkes erfordert eine großzügig in die Wege zu leitende Berufs- Umschichtung. Diese. hat einerseits die Aufgabe, möglichst viel» der Schule entwachsene Knaben und Mädchen- und ferner solche den geistigen und kaufmännischen Berufen an» gehörende Juden, für die in den genannten Berufen bei den heutigen Zeitverhallnisseu kein Platz ist, manuell-produktiven Berufen zuzuführen, und andererseits die Aufgabe, Juden, die bereits.1» letzteren Berufen tätig sind, die Möglichkeit erhöhter fachlicher Ausbildung und wirtschaftlicher Erstarkung zu bieten. 8. Der Parteitag verlangt, daß die Zionistische Lande-» Organisation an den Arbeiten zur Losung der Frage dewictschas tlichen Wiederaufbaues und der Berufsumschichtung der Juden tätigen Anteil nimmt und daher eventuell einen eigenen Referenten bestellt. 3. Als Mittel zur Durchführung dieser Aufgaben kommen 'irr erster Linie in Betracht: Lehrwerkstätten auf genossenschaftlicher Basis, gewerbliche Unterrichtskjirse, gv» werbliche Stellcnveriuittlung, Berufsberatung, Lehrlingsheime, Kreditgewährung mit llebcrwachunq der unterstützten Betriebe. Der .-rv": in Arbeitsgeräten, Maschiueu mw viai^tcjjcu. ^ec Einlauf der Rohstoffe. Werkzeuge und Maschinen soll möglichst von detz Zentralstelle aus erfolgen. * j 4. Der Parteitag hält die Gründung einer jüdisches Volksbank, welche die Lösung der Frage der Berufs» Umschichtung in ihren. Tätigkeitsbereich zieht, für wünschenswert. * 11V Nach einer eingehenden OvganisationSdebatte, an der sich zahlreiche Redner beteiligten, wurden die von Dr. I. Waldmann namens der Organisationskom» Mission vörgeschlagenen Abänderungsanträge und eist Antrag Stricker znm Beschluß erhoben, welche unter gewissen Umständen die Gründung von Sondern ett bänden zulassen. Es wurde ferner beschlossen, den Schekel auf 20 Kronen und die Partcisteuer auf 60 Kronen festzusetzen. Der Antrag Dr. Sch i ff mann, das Palästina- Amt ausschließlich der Kompetenz des Landeskomitees zu unterstellen, wurde über Antrag Stricker dem Landeskomitee z u g e w i e f e n, desgleichen der Antrag Rathsprecher bezüglich der Anerkennung eines Sonderverbandes der Jugendgruppen. Nach Erledigung der Tagesordnung dankte Herr W a l t n ch dem Vorsitzenden Negierungsrat T a u s s i g im Namen des Kongresses unter lebhaftem Beifall für die umsichtige und objektive Leitung der Verhandlungen. Nach einem Schlußwort des Vorsitzenden, welcher die geleistete Arbeit hervorhob. wurde die Tagung unter Absingung der „Hatikwah* geschlossen. Pottttsche^rmdscha Die' Reinigung der Slowakei. «fc Im „Prager Tagblatt* berichtet Richard Katz in einem Kaschauer Brief: Seit Wochen sind druzmistische Legionäre (das sind solche, die in den seinerzeit in Rußland aufgestellten tschechischen Abteilungen gedient haben) gemeinsam mit slowakischen Sokoln um die „Reinigung" der Slowakei bemüht, worunter sie die rücksichtslose Ausweisung von Juden, Kommunisten, Magyaren und Deutschen verstehen. Bei den Juden, als dem Punkt des geringsten Widerstandes, haben sie angefangen, sind aber auch schon auf die Kommunisten übergegangcn. Der Jude der Süd- und Westslowakei ist wohlhabender Kaufmann, Händler: ihm wird die „Neinigungs'-Belvegung verhältnismäßig am wenigsten anhaben, denn es hat sich erwiesen, daß sie sich von Fall zu Fall mit einigen tausend Kronen abstumpsen läßt (wie es denn überhaupt wenig Bewegungen, ja wenig Gesetze in der Slowakei gibt, bei denen das nicht der Fall wäre): hingegen ist der ostslowakische und namentlich der karpathorussische Jude ausgesprochener Proletarier, Dorfkräme^ Bretjsägcarbeiter, Salzbochmann. Er ist Brutalitäten wehrlos auZgeliefert. In Sillein leben gegenwärtig sechzig arme JudenfamUten, die ans den Dörfem der Umgebung — in denen sie ortsansässig waren — vertrieben wurden; vor ein paar Tagen trommelte der Silleiner Gemeindepolizist aus: „Die Juden müssen Sillein verlassen!* — Er sagtq durchaus nicht, wohin die Armen gehen sollten... Die Rückkehr in die Dörfer ist ihnen unmöglich, der Aufenthalt in Sillein auch... Letzten Endes hilft ihnen ein jüdisches Komitee nach Amerika hinüber; das ist eine Schmach und Schande für die Republik. Bezüglich der Ausweisungen aus Turziansky Sv. Martin kann ich auf den (seinerzeit in der „Wiener Morgenzeitung" reproduzierten) Artikel des „Kassai Naplo* rückverweisen, dessen Nichtigkeit ich überprüft habe. Ein Schtvarzvrrch über die Pogrome in der Ukraine. Aus London wirb uns berichtet: Hier fand eine Kon», ferenz der großen jüdischen Körperschaften statt, umzn der für die Ukraine zu unternehmenden Hilfsaktion Stellung zu nehmen. Der Verband der ukrainischen Jude» wurde zu einer großen permanenten Hilfsvrg<misation umgefvrmt. welche unter der Patronanz des. GroßrabbinerS Dr. Hertz als Ehrenpräsidenten und Sir Stuart Samuel als Ehrenvizepräsidenten ihre Tätigkeit entwickeln wird. Die Konferenz, welche drei Tage hindurch tagte, beschloß unter anderem, ein Schwär zbuch über die in der Ukraine an den Juden verübten Greuel herauSzugeben. A«S General Zkettgorvskis VeroanZLNheit. - Noch lange, bevor General Zieligowski durch die Besetzung von Wilna bekannt wurde, hat, wie dir'West-, ukrainische Preßagentur zu berichten weiß, die jüdische Bevölkerung OstgalizienS — allerdings nicht in angenehmer Weise — seine Bekanntschaft gemacht. Nach, 'dem Zusammenbruch der Mittelmächte bildete Zieligvwski, der damals in Odessa weilte, aus verschiedenen Abenteurern eine Legion, weW nach der Evaklüerung von Odessa auf rumänisches Territorium überging und von da im August 1919 über Ostgalizien nach Polen transportiert wurde. Bei ihrem Durchmärsche durch Ostgalizien veranstaltete diese „wilde Division", wie sie genannt wurde, in einigen Städten, darunter in Kolomea, wilde Judenpogrome, die zahs.- veiche Opfer forderten. Aus Moskau. Mvsüm, #. November. (Funkspruch.) „W'iiuu" i.i. inon* j ttctt die auS französischer Quelle stanimenden Nac!>rich!< n i'iOea | große Unruhen in Moskau. — Anläßlich des bütuu 1 Uuuä he.r RMluliM wkchL Me. WWsMche AvuMte eriajs^.

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