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Wiener Morgenzeitung · 1920-11-09 · Heft 644 (9.11.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 644 (9.11.1920)
Date
1920-11-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die „Times" melden^ wenn nicht Unvorhergesehenes eintritt, würden die einleitenden Maßnahmen zur Wiedrraufnalme des Handels mit Rußland innerhalb der nächsten Tage beendet fei«. Der Entwurf für das Abkommen sei bereitfertig» gestellt. Die britischen Behörden seien jedoch der Ansicht, sie müßten sich zuvor unbedingt überzeugen, daß dir Bedingungen ordnungsgemäß erfüllt werden» bevor sie das Abkommen in Kraft treten lallen. .. ' " ii 7 ,u, , ' — g Die Pögromschande. —y. W r e n. S. November. Die Erwachenden Ungarn haben gegen die von der Entente geforderte Ratisizierung des FriedensvertrageS in der Weife demonstriert, daß sie in das Judenviertel Budapests zogen und dort die jüdischen Passanten insultierten. Siebzehn Verletzte blieben auf dem Schlachtfeld, zurück, einer in sterbendem Zustand. In Wien hat am Sonntag nicht der Friedensvertrag, sondern die Wohnungsnot und der übrige desolate Zustand des Staates den Anlaß zu einer sck-amlosen Hetzversammlung. abgegeben, in der von dem Obmann der christlichsozialen Partei ganz offen die Benützung der Judenfrage als wesentlichster Sturmbock in dem nun beginnenden Kamps um das Wiener Nathans proklamiert wurde. In der Slowakei haben die tschechischen Legionäre und Sokolisten mit der Herstellung einer Einheitsnation hei den Juden, und zwar. wie sich das in der antisemitischen Praxis von selbst versteht, bei den armen Juden begonnen und treiben die jüdische Bevölkerung ganzer Dörfer in den Winter hinaus. Im Osten ist ein permanenter Pogrom im Gange und'jede politische Erwägung muß vor der bitterlichen Notwendigkeit schweigen, täglich ein neues Dutzend von Orten zu registrieren,.in denen jüdisches Blut vergossen wird. Es ist nicht mehr der Rausch des Krieges, es rst die entfesselte Bestie, die. ihre jahrtausendealten Instinkte des Hasses, gegen den wehrlosen jüdischen Mitbürger schrankenlos' austobt. Die Beweggründe, die hier wie dort zu dieser 'Omie der 'ÄernichtuttgAnlaß geben, mögen versMMMm;-ckhrv Wirktmg?ckst/ stM die glerchL '-Man muß sich änstrengen, diese Erscheinung ruhig ins Auge zu fassen. Die'Möglichkeiten, das jüdische Volk twr diesen Exzessen einer nur vom Irrenarzt zu wertenden Massenpsychose zu schützen, müssen ausgesucht und geprüft werden. Man kommt nicht mehr mit der Erktär.ung des Antisemitismus als einer aus wirtschaftlichen Momenten, entstandenen Verirrung aus, wie dies Karl, Harx versucht hat. Die Vorgänge'des Tages sprechen zp laut , dagegen und damit fällt auch die Hypothese. dH vielleicht mit der Beseitigung wirtschaftlicher Schaden, also mit der Ursache, auch die Wirkung verschwinden würde. Die nationale Angleichung, das Verschwinden' des Judentums und sein'Selbstverzicht ans eigene politische Berechtigung, vermögen wie das ungarische Beispiel beweist., nichts zu bessern, denn weitere Selbst' entäußerung der Juden ist wohl nirgends getrieben worden als in Ungarn und ihr Ende sind die Erwachenden Magyaren. In Ungarn hat es sich gezeigt, daß selbst das chauvinistisch orientierte ungarische Judentum nicht davor geschützt war, bei der ersten Gelegenheit der durch Hetzer aufgepeitschten Gasse als Kanonenfutter vorgeworfen zu werden und die Kosten des Zusammenbruches der magyarischen Gewaltpolitik zu bezahlen. Es gibt nur den Weg der politisch - nationalen Emanzipation, die Durchdringung des gesamten Judentums mit dem Bewußtsein seiner ExUexistenz und leine gbschlofscne Hinlenkung auf ein neues nationales Ziel, das ihm politische, kulturelle und physische Heimstätte sein soll. Zwischen den Tatsachen, die uns täglich berichtet werden, und der über dem jüdischen Volk liegenden Ruhe besteht ein aufreizender Widerspruch. Es ist so, ols wäre unser Volk sogar schon zu schwach - zum Protest, als hätte die Ouas dieser Zeit sogar das Geiüh! der Solidarität mit den so schrecklich leidenden jüdischen Menschen erschüttert; als wäre nicht in dem Beschluß von San Remo der Weg offen, der jüdischen Not an den Leib zu gehen. Und doch ist nur in der Konzentration, aller jüdischen Kräfte auf die Arbeit in Palästina und dessen Ausgestaltung zu einem nationalen Zentrum das Mittel zu suchen, den unerträglichen Znständen ein Ende zu machen. Das Judentum kann sich nur durch seine eigene Kraft befreien, es kann nur gerettet werden, wenn es seine Kraft politisch zusammenfaßt und durch den Gedanken, der Volkssolidarität alles Trennende überwindet. Der Kampf geht gegen uns alle, welcher politischen oder sozialen Richtung wir auch sein mögen. Arbeiten wir alle daran, unserem Volk Sine Heimat in seinem Vaterland zu bereiten und die Einrichtung eines Kräftezentrums zu fördern, von L;?:n aus Mut und Hilfe den in den Kerkerländern schmachtenden Dolksteilen kommen kann. Den Juden kann nur durch Juden geholfen werden, aber in diesem Streben müssen sich alle Inden einigen und wissen, daß sonst Je_ und uniece öok£c Zrckunst verloren sind, Die ttattenisch - jugoslawischen Verhandlungen. R o m, 7. November. (Stefoni.) Der Sonder- Berichterstatter der Agenzia Stefans in S a nta Margherita meldet: Die italienischen Delegierten sind vormittags hier angekommen. Die jugoslawischen Delegierten Vesnie, T r u m b i e und S t o j a n o o i e trafen nachmittags ein und wurden vom Minister des Aeutzcrn Sforza in herzlicher Weise empfan en. Die politische» Besprechungen werden morgen beginnen. Die Streiks in Deutschland. Der Streik i r den Eisenbahnwerkftätten. — Ablehnung des Streiks durch die städtische« Bediensteten. De ck n, 8. November. Die Berliner GewerkschaftSkommission ist eifrig, bestrebt, die Beendigung des Streiks herbeizusühren, und hat den Zentralverbanb der Maschinisten und Heizer, in welchem die Elektrizität?« .'bei'er or^a niiert sich, veranlaßt, für heute eine große D.rianlmlung «inzube.ufen. In Gewe.ckschastskreisen ist man der Ansicht, daß der Streik noch heute belgelegt we.den kann. De l'«, 8. November. Wie eine der Regierung nahestehende Persönlichkeit mitteilt, sei der Betrieb der Eisenbahnen für morgen gesickiert. Man könne aber nicht wissen, wa) in Len nächsten Tagen geschehen werde. B« ln, 8. November. Die An gesteckten der Hoch- und Untergrundbahn haben beschlossen, morgen den Betrieb ruhen zu lassen. B-e ln, 8. November. Die Arbeiter der Ei se nbahnwerkstätte haben mit ZweiLritielmeh.heit beschlossen, morgen die Arbeit ein.zu stellen. Don radikaler Seite versucht man, di-se 24stüudi^e Demon-. stration auszudehnen und neue Lohnforderungen'zw stellen. Deck'<», 8. November. An.dem äußeren Bild des Berliner E l e k t r i z i t ä t s st r e i k s hat sich nichts geändert. Zwischen dcn Strrilenden und dem Magistrat werden andauernd. Verhandlungen geführt. Letzterer tat sich le eit erlckärt, di? Forderung der Arbeiter nach Belassung der Zu aze für die Nack arbcit Lu erfüllen. Cs wäre daher n ü ckich, daß sich die Arbeiter zufrieden- « geben und die A 'beit wi der au nehmen. Den Elektrizitätsarbeitern haben sich bie ande. en st 'd isch n Ar'ei er ante>ch'ossen. da auch sie den Sp uch de' Sch ich u g'a isichusses nicht an rkennen wollen. Al esidings gel.en für sie mehr politische a's mÄ er'eck.' Erwägun .en, denn es ist unzweilelsaft fest estellt, daß die Nrnkommunisten innerhalb der. Ärbeiterschaft eine unge'eu e A.zi a'ion ent'altet haben, um diese zu einer politischen Machtprobe au'zurufen und sich zu überzeugen, wie weit ihre Macht über die Massen der Berliner A'bei er gehe. De l n, 8. November. (Wolfs.) Die Urabstimmung in den städ ischen Betrieben' über Annahme oder Mlehnung des Sch'edssp'uch-'s erzab nach einer Korrespondenz, die mit den städtisch n B'hörden in Fühlung steht, etwa 14.003 Stimmen für den Streik und über 12^600 G im men da.e.gen. Da dir erforderliche Zveid^ttelrrrür.'eit nicht erreicht wor en ist, ist das Ergetn's ivit ei er Ab l e h n u u g des S t re i k s g le i chbedeu.t.en d. Die Inden ftnchten vor Petljura. Krakau, 8. November. (Weftukr. Preßag.) „Kuriers Codzienny" meldet aus Proskurow: Nach der^ feierlichen Erklärung des Generals P a w l en ko. daß die polnischen Truppen sich demnächst hinter den Zbrucz zurückziehen würden,. hat eine Massenflucht der jüdischen Bevölkerung Vach Polen eingesetzt. Die Juden ‘ verkaufen ihre beweglichen Vermögenswerte zu Spott-' preisen. Täglich melden sich durchschnittlich 150 Juden um Passierscheine für die Auswanderung nach Amerika oder Polästina. Föderativ« der ukrainischen Juden in England« Loicko», S. November. (Jewish Corr. Nur.) Die erste Sitzung der^ neugewählten^^ Exekutive ^FödrrkrttovdÄ^^^«krE sinischen Juden -in England hat vorgestern unter dem Vorsitze Dr. Jochelmanns stattgesunden. Der Sitzung wohnte auch der Vorsitzende der jüdischen Welthilfszentrale Dr. Leo Motzkin als Gast bei. Nach einer eingehenden Diskussion! wurde beschlossen, eine Reihe von Subkomitees zü wählen, und zwar wurdenein polilisches, juridisches, Finanz-, Emigration>. Press,'- und Propagaudakomitee gewählt. Dr. Schwarz mann, Mitglied der Exekutive, der sich in besonderer zionb-i. stischer Mission nach Beßarabien begibt, wurde beauftragt,,! während seines Aufenthaltes in Beßarabien auch btc Inter- , essen der Föderation zu vertreten. Dr. Schwarzmarm .er--, hielt vom rumänischen Außenminister Take Jonescu ein Emp-' fehlungsschrciben an die rumänische Regierung, letztere möge ihm in seinem Streben, den jüdischen Flüchtlingen zu helfen, alle möglichen Unterstützungen zuteil werden. BevorstehendeFriedensverhandlungenzwrschen Polrn und Rutzland. ' Riga, 6. November. (Westukr. Preßag.) Wie ge- ' meldet wird, werden die polnisch-russischen Friedens- Verhandlungen wahrscheinlich am Ende der 'nächsten- Woche beginnen. (Bekanntlich wurde in Riga bisher nur' der Vorfriede verhandelt und signiert.) , Rückzug Sieligotvfkrs. Wßl«a heschosie«. Warscha«, 8. November (Funtspruch ) General Z i e l i=* gow s I i mußte ferne Tmvpi» msolge der Angriffe des über- ' legenrn Feindez« r ü ck n e h «e n. Die S! a d t Wilna wurde von 14 skindlichm Flug« Zeugen m'l Maschinengewehren beschoffen; der Atttllerie Zieligowskts »st eS gelungen, ein Flugzeug abzuschießen. Harding und Pole». Din-s^nu, 8. November. Kurz vor seiner Wahk zum P äiibeit cu der Bereinizten Siaa en hatte Senator Harding eine Konferenz mit der polnischen Dele-> gaiion in Ameri.'a, an der auch einige andere Sen,^! toren le'l".ahmen. Harding erklärte, daß er die allgemeinen Sympa Hirn Ameri'as für die gerechten An-- | sp üche Polens ohlw Ensch änkung teile, daß er jehvchf der Milcht sei, daß 2lm:rika nicht sagen könne,! welche Grenzen Polen erhalten fall, da dies dem amerikanischen Prinzip zuwiderliefe. Keine Kabinettskrise in der Tfchechv-Slowakei! Prag, 8. November. lPieß-Zentrale.^ ES zirkuliere« scho« i-inige Wochen ver'chiedene Gerüchie über die devorffchmdS Drm sffon des tschecho-slowakischrn Deamtenkab neits und üb«: drr baldige Einsetzung einer neuen pa»lame«ta>ische» Reg'tNMA Gegen üb r dresen Gcrüchtcn eiflait »CcSke C lovo* katrgonfch! raß die Bildung einer ueum varlümealurischm Ncgieuutg itz l .uLLÜu Leü «tsMktzloÜe»^ - . 3854

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