Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 642 (7.11.1920)
- Date
- 1920-11-07
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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«RWTT M««;^ovmra?s TRsut&tni&iwn'Q 7 NoncMVer IB20 Mr7E Politische^undschau. Drei ManLatsgrvPpen im BSlkerbnnd. t „Petit Paristen" nieldet aus Brüssel, daß Rat des Völkerbundes sich in der Sitzung vom 85. Oktober mit der Frage der Mattdate beschäftigt hat; die Mandate wurden in drei Kategorien geteilt: Zur ersten Kategorie gehören die Länder, deren fctomb noch nicht bk Möglichkeit gibt, volle autonome Delbstverwaltung einzuführen, und die sich an die Groß--' Mächte mit der Bitte um Gewährung finanzieller und militärischer Hilfe gewendet haben. Hteher gehören Mesopotamien, Syrienbas Libanontzebiet und Palästina. t . Die zweite Kategorie vön Mandaten umfaßt Länder, welche in die Verwaltung anderer Völker nach hem Prinzip der sogsnannten „offenen Tür" überzu- Hetzen haben, wobei die Rechts der autochthonen Bevölkerung dieser Länder zu wahren sind. Es sind dies Kamerun, Ruanda, Togo u. a. - Zur dritten Kategorie gehören Staaten, die rwch nicht zivilisiert sind, wie zum Beispiel die ehemals deutsch enKolonien im Stillen Ozean, deren Mandatare Neuseeland, Australien und Japan sind, ferner Deutsch-Süd Westafrika, über welches das Mandat von der südafrikanischen Republik übernommen Wird. Nach den Informationen der „Time §* hat Frankreich dem Rate des Völkerbundes mitgeteilL^ daß es mit den übrigen Großmächten darin übereinstimme, die Mandate der ersten Kategorie über Mesopotamien und Palästina durch England, über Syrien und den Libanon durch Frankreich ausüben zu lassen. Doch Ereilt Frankreich nicht die Ansicht der anderen GroßfstMen' über die Anwendung der zweiten und dritten' Kategorie auf die ehemals deutschen Kolonien. Der Rat des Völkerbundes hofft, daß in dieser Frage noch vor der Generalversammlung des Völkerbundes, welche in Dens zusammentreten wird, eine Uebereinstimmung erlzielt werden wird. r Ueber die MandatSkornmis sivüen, welche :vom Völkerbund eingesetzt werden sollen, wurden' vom Mate folgende Prinzipien angenommen, die zur Diskussion der Genera iverjainrnlunz des Völkerbundes gesellt werden sollen: Jche Mandatsrnacht wird einen Der tre ter in der Kommission haben; die Kommission muß eine Mehrheit von Nichtmandatar- Mächten haben. Die Mandatsmacht hat kein Dtimmrecht in den Fragen, die ihr eigenes Mandat betreffen. Jedes Mitglied der Kommission hat das Recht auf zwei Experten. Jede Mandatarmacht ^vergütet dem Völkerbund die Kosten, welche er für die -Antretung der betreffenden Mandatarmacht auslegt. l. - — ■, bxe Wahle« in Jugoslawien und Hie Jude«. Man schreibt UNS LUS Sarajevo: Die Vereinigung der südslawischen Länder in ein Königs jpeich, die die Juden mit vollem Verständnis für die Kämpfe eines Volkes für feine Freiheit begrüßten, hat die Juden in ganz Jugoslawien auf eine neue gemeinschaftliche Basis gestellt. < Im neuen Königreich stehen die Wahlen für die Konstituante bevor. Das Wahlrecht hat die Juden im ganzen Königreich deklassiert. Größtenteils haben die Juden gar nicht das Recht, zu wählen, sie haben auch infolge der Art des Wahlgesetzes keine Aussicht, in das neue Parlament «inen eigenen Vertreter schicken zu können. Nun ist es ganz I .. I ...I ■*——— ..... I Die wesentlichste Veränderung aber führt die Relativitätstheorie im Begriff der Masse mit sich. Während m der Klassischen Mechanik die Masse eines Körpers etwas Konstantes ist, lehrt die Relativitätstheorie, daß die träge Masse sich Äit zunehmender Energie verändert. Sie lehrt, daß die Energie ei-nes Körpers aus zwei Teilen besieht, aus der, die sie durch eine Geschwindigkeit erhält, und aus der, die iin ihr latent ist und weit größer ist als die andere. Unter ^Zugrundelegung dieser Tatsache läßt sich dann zeigen, daß - die Masse und Energie derart miteinander Zusammenhängen, daß die beiden, in der klassischen Mechanik scheinbar unabhängig voneinander gelehrten Gesetze von der Erhaltung der Energie und von der Erhaltung der Masse eigentlich identisch sind. Die Folgerungen 'der Ernsteinschen Theorie über die Veränderung der Masse durch erteilte Geschwindigkeit erscheinen wohl als das Unglaublichste. ES ist deshalb ^em umso höheres Verdienst der deutschen GelehrtLN Kaufmann und Bucherer ün Bonn, die Nichtigkeit der Mcrssenändevung experimentell nachgewiesen zu halben. Dazu bedurfte man natürlich Körper» die sich mit riesiger Geschwindigkeit bewegen. Solche fand man in den Elektronen, 'wie sie etwa von der Kathode einer Röntgenröhre oder vom Radium als Kathodenstrahlen ausgescvndt werden. Aber hierüber spricht erst die allgemeine Relativitätstheorie klar und deutlich. , Wir wollen unsere Ausführungen nicht schließen, (üfyne einer Persönlichkeit zu gedenken, die der ganzen ^Relativitätstheorie ein, wir möchten sagen, vornehmes ^maHematisches Gewand gegeben hat, des leider zu lfrüh verstorbenen Forschers Minkowski, der »die Zeit als gleichwertige vierte Dimension ein* -geführt, die Ereignisse nichi mehr in / der dritten dimen« MonaLen Welt des Seins, sondern in der' vierten dimenßjmalefi. Welt des Geschehens beurteilt hat. £Hto Geritmauw. Dör sozialdemokratische Parteitag hat gestern die Resolution Dr. Bauers über das Verhältnis derPartei zum Staat angenonimon. Die wichtigsten Leitsätze 'der Resolution besagen: .. , . Die Republik» daS Werk der Sozialdemokratie, kann in Oesterreich nur eine bürgerliche fem, so-« latige in den übrigen Staaten die kapitalistische Produktionsweise foktbcsteht. Die sozialistische Republik ist p r o p a g a n d i st i s ch vorzubereiten. Der Parteitag billigt den Austritt der Sozial», demokraten aus der Regierung. Als Oppositionspartei haben die Sozialdemokraten nunmehr irch bezug ans die auswärtige Politik am A nschlu ß a n Deu t sch la nd als Ziel festzuhalten und, solange er nicht durchführbar ist, alles zu verhindern, ivas ihm später hinderlich sein könnte. Eine Restauration der Habsburger ist im Verein mit den anderen Nachfolgestaaten abzuwehren, das Burgenland von der magyarischen Konterrevolution zu befreien, woraus es seinen Willen zu äußern haben wird. Mit Sowjenmßland sind ehestens wirtschaftliche und diplomatische Beziehungen herzustellen. Jnnerpolitisch ist die Wehrmacht anszubanen. Polizei und Gendarmerie dürfen nicht auf ihre Kosten vergrößert werden. Die Entwaffnung Oesterreichs darf nur nach Entwaffnung Ungarns stattsinden. Das Verfassungswerk ist fortzusetzen. Die Schulsrage hat Angelegenheit des'Bundes zu sein, der obligate Religionsunterricht muß abgeschrsft werden. Die Verwaltung ist durch autonome Vertretungen der Kreise und Bezirke zu demokratisieren. Wirtschaftlich: Die Lebensmittel bleiben staatlich bewirtschaftet, an Sv:He der Zentralen treten gemeinwirtschaftliche Anstalten. Die staatlichen Industrie- Werke sollen nicht an das Privatkapital ausgeliesert werden. Der Mieters chutz bleibt aufrecht, die Vermögensabgabe. ist schleunigst einzuheben. Eine energische Produktionspolitik, Ausbau der Wasserkräfte, Hebung der landwirtschaftlichen Produktion haben einzutreten. Handelsverträge statt Kompensationsverträgen. Schließlich werden soziale Fordenrrigen bezüglich Krankenversicherung und Altersversorgung der Arbeiterschaft gestellt.; - Die Debatte über „Die politische Lage und bfy Aufgaben der Sozialdemokratie" nahm gestern den ganzen Sitzungstag in Anspruch. Abgeordneter Wit^ ternig führte aus: Was soll geschehen, hwenn die Chrrstltchsozialen erkennen, daß sie die Aufgaben nicht lösen können und in ihrer Verzweiflung an die Repa-; rationskommission herantveten? Ist dann für uns nicht die. Aufgabe gegeben, e i n z u g r e i f e n? Redner wünscht, daß der Parteitag diese Frage erörtere, und daß der Referent hierüber Aufklärungen gebe. j Dr. Maurer (2Bten) erklärte, die Frage der ftootfc tion sei eine prinzipielle uyd keine taktische. Die Christilichsozialen werden nicht sehr lange allein re-i gieren und wir werden uns dann irgendwie wieder zu» sammensetzen. Was wird dann geschehen? (Präsident! Seitzr'Das im historischen Moment jeweils Not^i wendige!)! Dr. L. Hartmann begründete einen Antrag worin die Parteileitung beauftragt wird, ein Volks», begehren wegen des. Anschlusses an Deutschland in düs Wege zu Lite». j Im weiteren Verlaufe der Debatte wurde einst Gegenvesolution der sogenannten „Linken" eingeb rächte Dre Verlosung des umfangreichen Elaborats erfolgte' unter .größter Unruhe und wiederholten Protestkund» gedungen. Der Sprecher der sinken", Fe reu ex Mien). erklärte, daß seine Gruppe keine Parteispaltung' und keine Parteizerstörung wolle, sondern für die Jdestdes. Kommunismus in der Partei eintvete. j Der Referent Abg. Dr. Otto Bauer erklärtst in seinem Schlußwort: Auf die Frage, was wir tun. werden, wenn die christlich soziale Herrschaft zusammen-' bricht, kann ich nur antworten, daß ich nicht weißwas wir dann tun werden, und daß ich jeden füv töricht halte, der darauf' eine Antwort gibt, das wird' von den sozialen und politischen Umständen nicht allein bei uns, sondern in, ganz Europa ab hängen. Am Schlüsse der Sitzung referierte Abg. Doktov Friedriche A d l e r über den Punkt: „Die Partei, die Arbeiterräte und die Internationale". Nach Annahme einer diesbezüglichen Resolution wurde mit 167 gegen 129 Stimmen 'beschlossen, >.zust heutigen Sitzung Dr. Frey und Rothe zuzulassen und ihnen je eine halbstündige Redezeit zur Erörterung ihrer Angelegenheit einzuräumen. V klar, daß die Juden, die in diesem Staate chre Pflichten in jeder Beziehung erfüllen, inder energischesten Weise ihr Recht fordern müssen. Die Pcotestversammlungen, die unternommenen Schritte hatten teilweise Erfolg. Die Bestimmung, daß in Bosnien nur jene Juden (dies galt auch für die autochthonen Sephardim) das Wahlrecht haben, die sich als national« Serben oder Kroaten deklarierten, wurde aufgehoben und allen Juden in Bosnien das Wahlrecht gegeben, die nach Bosnien heimatzuständig sind. —, Ausländern, die als Tschechen zum Beispiel das Wahlrecht haben, wird es g e n o m m e n. wenn sie Jud cn find. .So wurde kurzweg in vielen Sädten jedem das Wahlrecht genommen, dessen Name nur deutsch klang und der demnach verdächtig schien, ein Jude zu sein. — So haben einzelne Lokalbehörden die Wahllisten gesäubert. Bedauexlicherweise mußte es dazu kommen, daß dis Juden ihr Pecht erst erkämpfen mußten, daß weder die maßgebenden Staatsmänner und Politiker noch die einzelnen Parteien das Gefühl dafür hatten: es gehe nicht an, Unrecht zu begehen an Menschen, die. ihre Pflichten erfüllen.. Im Parlament, welches die wichtigsten gesetzgeberischen Aufgaben zu erfüllen hat, wird kein Jude sein» der die Jytevessen seiner jüdischen Mitbürger verteidigen. Angriffe abwehren, falsche Behauptungen richtigstellrn kann. Die verschiedensten Parteien stehen sich im heftigsten Wcchlkampfe gegenüber. Jede Stimme kann ausschlaggebend werden. Da erinnert man sich nun, daß in vielen Städten' Juden in größerer Anzahl, leben, die das Stimmrecht haben, deren Stimme nun wertvoll werden könnte, und nun beginnt das Werben... Die Juden sind leider in Jugoslawien nicht organisiert, sie Mden nur eine Einheitsfront für die Angriffe der Gegner, aber keine Einheitsfront im Kampfe zur Wahrung ihrer Interessen. Ein einiges Judentum müßte zum Zeichen des Protests Wahlenthaltung üben. ' ES ist gewiß, daß, wie inrmor die Wahl ausfällt,, die Partei, gegen welche die Juden gestimmt haben werden, gegen die Juden in offene Feindseligkeiten treten wird, die Partei aber, für wvsche die Juden stimmten, sich ihrer nicht annehmen wird. Zu dieser eindrucksvollen Manifestation wird es aber nicht kommen... Die beiden Hauptpartei: Radikale und Demokraten, werden wahrscheinlich je einen jüdischen Kandidaten auf ihre Liste setzen (in Belgrad), um die jüdischen Stimmen .im ganzen Königreich für ihre Listen zu gewümm. ,; Und da ist es nun ganz klar, daß es daüon abhäng!, welcher Jude auf die Liste der einen oder 'anderen Partei kommt, ob der Jude, der auf die Liste kommt, es auch tatsächlich verdient, daß jüdische Wähler seinetwegen die Stimme» für die Partei abgeben, ob der Kandidat die Gewähr bietet, daß er im Parlament a!ö Jude sich den jüdischen P y l k s i n t e r e s s e p voll rrnö ganz widmen wird. Die Bewegung in Amerika zugunsten der drangsalierten Juden in Europa. i In Amerika werden letztens erneut Anstrengungen unternommen,'um doch die amerikanische Negierung zu bewegen, Maßregeln gegen die unerhörten Drangsalierungen der Juden in Osteuropa zu ergreifen. Große DemonstrationSversammlnrigen in New-Aort werden geplant.^ Dr. Bich!er, Präsident des Verbandes der ungarischen Juden, verweist , in einet öffentlichen Erklärung darauf, daß selbst die größten Protestversammlungen wirkungslos geblieben sind, weshalb er vorschlägt, daß eine Delegation von 50.000 Juden vor dem Weißen Hause in Washington demonstrieren soll. Schon der allgemeinen menschlichen Zivilij sation wegen müßte sich die amerikanische Negierung ' der Sache annehmen. Bichler verlangt die Organisierung aller Landsmannschaften unter dee Aegide des jüdischen Kongresses Auch> der „Perez"« Schriftstellerverein hat eine Konferenz in dieser Angelegenheit einberufen, die von mehr als 300 Delegierten verschiedener Körperschaften beschickt war. Sie beschloß' vor allem, mehr Aufmerksamkeit der uichtjüdischen Presse Amerikas zu schenken. Die jird'chen Journalisten müßten diese genauestcns über die entsetzliche Lage dee Juden informieren Und erwirken, daß sie der chrlstlichen Bevölkerung in häufigen Artikeln darüber Aufklärung gebe. Man solle auch mit allen großen Arbeite rorganisationen in Verbindung treten,! damit diese gegen die Judenmetzoleien Stellung nehmen^ Deutscher Reichstag. Berlin, 6. November. In. der heutigen Sitzung des; Reichstages gelangte die Interpellation der Abgeordneten Schiffer und Genossen, betreffend die Souveränität in Eupen und MalmÄY, in Verbindung mit der Juterpellation Korell über die besetzten Gebiete deK Rheinlandes zur Verhandlung. > " Abgeordneter Dr. Bell (Zeirtrum) begründete die! Interpellation Schiffer, indem er auf die flagranten Rechtsverletzungen, di« Vertragsbrüche und die Vergewaltigungen hinwies, die in der Annex ion der Kreise Erlpeif und Malmsdy durch Belgien lägen. j Minister des Muß0rn Dr. S i m v n 8 betonte, auf' alle Proteste und Eingaben der deutschen Regierung sei! keine Antwort erfolgt. Es ist zu hoffen, daß der Völker^ bund zu einer eingehenden Prüfung der deutschen RschtKli auffassung kommen und sich ihr im Geiste der Gerecht tigleit anpassen wird. J Abgeordneter Korell (Deumkrat) schließt sich deit Ausführungen des Abgeordneten.Pell an. Er appellier»! im Namen b;3 Nheinlanbes an das schlecht informierte französische Volk und fordere die Regierung auf, für alte, von den Eutentesoldaten begangenen Perle rechen I (Nergisch Sühne zu verlangen.