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Wiener Morgenzeitung · 1920-11-07 · Heft 642 (7.11.1920) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 642 (7.11.1920)
Date
1920-11-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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4 » Rr 642 Wien. Sonntag Der neue Kurs in Rumänien. Von unserem Bukarest«« Speztakkorresvondente«. Jorga hat.gesprochen. Seine Stimme widerhallte im Blätterwald Rumäniens. Es regnete förmlich von Entgegnungen und Zustimmungen. Die konservative pnd liberale, die sozialistische und Zionistische Presse trat geharnischtem den Kampf. Jorga, der größte Historiker seines Volkes, hat wieder einmal zur Judenfrage Stellung genommen..Professor Jorga ist als Judenfresser noch aus der Vorkriegszeit bekannt, als ein Genosse des berüchtigten Antisemiten Cuza. Nach dem Kriege zog ein neuer Geist in Jorga ein. Er lenkte ein — man sagte sogar, aus UeLerzeugnng. Jorga sprach sich für die Minoritäten aus. Gelegentlich eines Vortrages im Czernowitzer Stadttheater über Vergangenheit. Gegenwart und Zukunft der Bukowina kam or auch auf die Juden zu sprechen. „Sie sind hier autochthon." sagte er, »die Gebeine Ihrer Ahnen ruhen in diesem Boden, der Ihnen lieb, heilig und teuer ist. Sie haben mitgearbeitet an der Entwicklung dieses Landes, darum müssen wir Ihnen die volle Gleichberechtigung gewähren, nicht allein vom Standpunkt der Gesetzlichkeit, sondern ganz besonders vom Gesichtspunkt der hohen Gerechtigkeit. Wir müssen peinlichst vermeiden, den Eindruck zu erwecken, als ob wir Sie nach anderen Grundsätzen behandeln wollen als nach denen, welche auch für das rumänische Volk in Geltung sind. Es liegt für uns gar kein Grund vor. Sie zu verfolgen oder Sie in kultureller oder sozialer Hinsicht zu benachteiligen und Ihre Rechte zu schmälern. Wir müssen den Standpunkt wahren, der sowohl dem Staate als auch den nichtrumänischen Elementen zum Vorteil gereicht. Dann wird das edle rumänische Volk, in dessen Namen ich spreche, glücklich sein." Jorga hat's gesprochen, die Welt hat's gehört. Ein Umschwung trat in der öffentlichen Meinung ein. Jorga hat sein Ziel erreicht. Der Ministerpräsident Vajda Voivod hat in Paris sich Gehör verschaffen können, und es trat eine bessere Zeit für den rumänischen Premier dort ein. Dies schilderte Vajda ganz offen in der Kammer. Und nun ist alles fertig. Der Friedensvertrag ist ratifiziert, Großrumänien ist auferstandcn und Jorga kann also sein Gewissen revidieren und die alte antisemitische Leier wieder drehen. Was sagt also Jorga? Welche Verbrechen haben die Juden wieder in Rumänien begangen? Welche Strafe verdienen sie also? Jorga spricht: Die^ eingewanderten Juden haben den einheimischen Rumänen den Handel genommen: sie haben ins Land den Alkohol gebracht: die Juden waren während der deutschen Okkupation nicht genug loyal. Also schwere Sünden, die er ihnen nicht verzeihen kann. Untersuchen wir einmal die Frage, ob die Juden -er einheimischen Bevölkerung den Handel aus den Händen genommen haben, und wir werden zu entgegengesetzten Resultaten kommen. Schon im 12. Jahrhundert finden wir bei Benjamin von Tudella der Juden Rumäniens Erwähnung. Der rumänische Historiker Hormuzakr zitiert in seiner ftinfbändigen rumänischen Geschichte die nämliche Stelle. Aber auch in der römischen und später in der byzantinischen Zeit lebten Juden in der Walachei und haben dort Handel getrieben, also zu einer Zeit, wo über der Geschichte des rumänischen Volkes tiefste Dunkelheit herrscht. Ja sogar im 12. Jahrhundert hatte das rumänische Volk auf dem Gebiet des Handels gar keine Bedeutung, ES bestand vornehmlich aus Ackerbauern und Viehzüchtern. Zur Einste Urschen RelattvitStstheorie. Am Naturforschertag zu Nauheim, der vor wenigen Wochen stattgefunden hat, waren es vorwiegend zwei Erscheinungen, die das Interesse der breiten Massen erregten: Eier nach« DerjüngungScheorie und Einsteins Lohre von der Relativität. Mit letzterer wollen wir uns befassen «nd. müssen gleich vovwegnehmen, daß wir in diesem Aufsatz bloß die spezielle Relativitätstheorie behandeln. Einsteins Theorie datiert bereits einige Jahre zurück, wurde jedoch bei ihrem ersten Erscheinen mit Rücksicht darauf, daß sie den seit Jahrhunderten vererbten Begriff der absoluten Zeit verwarf und dre Formeln der klassischen Mechanik nur als Näherungswerte erkannte, von den konservativen Physiker, kreisen mit starkem Widerspruch ausgenommen. Erst als im Lauf« des heurigen Jahres eine britische Expedition auf Grund astronomischer Messungen quasi einen Experimental, beweis für Einstein lieferte, kamen auch seine Ideen zum Dewußtsern der breiten Massen und erregten leider mehr Verwirrung als Erkenntnis des RelativitätsbegriffeS. Der Hruptvottvurf, den man Ernstein auf dem Naturforschertag gemacht hat, eigentlich für Gelehrte eia recht nebensächlicher Vorwurf, ist der, seine Theorie sei unanschaulich. — Denken wir zurück, welche Verwirrung entstand, als Galilei und Kepler den Menschen klarlegten, datz die Sonne feststeht und die Erde, auf der sie leben, sich bewegt, ja jogar eine Doppel, bewegung beschreibt, um sich und um die Sonne, dass sie tzine Scheibe sei, sondern eine Kugel usw. Den Massen erschien die» unglaublich, umsomehr als kein mechanisches Experiment, das man auf der Erde an stellte, sine Möglich, litt liefern konnte, die absolute Geschwindigkeit der Erde zum Pettrnraum zu messen. Für die b'Xxiali^ ba: ^Begriff bmtfea" öa oäpiii gültiger, wissen wir, datz das, zvM Wiener Morgenzeitrrng Dle Verhandlungen Take Joneseus in Warschau. Warschau, 6. November. (Poln. Tel.-Agent.) „Kursor Warszvwski" veröffentlicht eine Mitteilung, wonach man in hieftqen politischen Kreisen der Ansicht sei, datz die Verhandlungen mit Ta^e Ioneseu bezü!ich der Kleinen Enteutezu keinem & o f U tiven Ergebnis geführt bät^en. da die Beziehungen zur Dchechs-Äswakei die L ge erschweren. In den Beratungen spiele die Crage eines Bündnisses zwischen Polen und Rumänien die wichtigste Nolle. Warschau, 6. November. (Poln. Tel.-Ag.) Bei dem Bankett zu, Ehren des rumänischen Ministers des Aeußern Take Jonescu brachte Minister des Aeußern S a p i e h a einen Trinkspruch auS. worin er ausführte, die politischen Ideen der beiden Länder seien dieselben und die wirtschaftlichen Interessen bringen sie einander näher. Die Zusammenarbeit Rumäniens und Polens bestehe bereits. Take I o n e s c u erwiderte, der Friede werde nur dann dauernd sein, wenn die Bestimmungen des Friedensvertrages voll erfüllt sein werden. Rumänien verfolge in seiner auswärtigen Politik kein anderes Ziel, als sich ganz dem Friedenswerk zu widmen. Die R^risfa n«ntra ist., archeol. ei filol., ITT, Seitß 143 ff., erwähnen schon 1330 in Ackermann die Juden als Handelsvolk. Im Jahre 1453 war der Jude Nathan königlicher Zöllner von Polen. Die Juden hatten auch in der Türkei gute Handelsbeziehungen und knüpften auch solche mit der Moldau an. Alexandru cel Bun gewährte den Juden zahlreick^e Priviligien und bereicherte auf diese Weise die Moldau. Der Handel blühte damals und die Einnahmsquellen des Wojwoden stiegen von Tag zu Tag. Die Juden Chaim Cohen und Nachman Tor aus Konstantinopel trieben einen sehr schweren, schwungvollen Handel mit der Moldau und Polen, ja sogar mit Hamburg. (Jorga, ttvl. au Lembefg, S. 46 f. und 50.) Der moldauische Fürst Jancu der Sachse war sogar ein Gläubiger der Juden. (Jorga, Kei. L mhe s, S. 59.) Moldauische Frächter standen im Dienste des Juden Abraham Gambais und haben dabei reichliche Verdienste gehabt. (Jorga: ebenda.) Der Verschleiß von Nahrungs- und Genußmitteln war den Juden verboten. Sie trieben vornehmlich Vieh- und Tuchhandel. Im Jahre 1625 verbietet der ^Wojwode Stephan der Vierte den Juden den Betrieb einer Bäckerei, einer Fleischbank und einer Schenke. (Condrescu, Unwni 1," S. 139 ff.) Wir zitieren, wie man sieht, Herrn Jorga selbst. Die Juden haben also den Handel ins Land gebracht und nicht der Bevölkerung aus der Hand genommen. Ob die Juden den Alkohol eingeführt haben, läßt sich heute schwer sagen. Vielleicht haben sie ihn im Lande vorgefunden. Ohne vergleichende Sprachforschungen anstellen zu wollen, kommt das Wort „Rakie" (Schnaps), rumänisch „Raciu" bei den Kirgisen, Ungarn, Persern, Tartaren, Turkmenen vor. Es ist ganz gut möglich, daß die Goten, Hunnen. Awaren oder sogar die Magyaren, welche Rumänien durchzogen und sich im Lande aufhielten, den Schnaps ins Land brachten. für uns Richtung oben, für unsere Antipoden Richtung unten ist. Ebenso ist eS für die jetzige Zeit, naturgemäß, schwierig, sich in den neuen Zeitbegriff hineinzudenken; abet die Experimente von Fizea-u und Michelsen auS der Optik, besonders aber die Lorentzschen Theorien über optische und etektrodynamische Erscheinungen in bewegten Körpern, auf die hier «inzugehen nicht möglich ist, zwangen Einstein, als unbedingte Forderung da* Gesetz von der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit im Vakuum aufzustellen, damit war aber die Definition der absoluten Zeit nicht mehr haltbar. Die klassische Mechanik definierte den Begriff der Gleichzeitigkeit so. indem sie sagte: Für einen Deoibachter. der im Mittelpunkt der Strecke a m am Puntt m sieht, litten zwei Ereigiuffe in » und b gleichzeilig ein, wenn er sie in m im selben Zeitmoment optisch wahrnimmt, etwa LicklsikNiak aus a und b ui einem Spiegel in w. Dabei gilt als selbssversiLndliche Voraussetzung, daß der Lichtstrahl von a nach m ebenso lange braucht wie von b nach m. Und nun wollen wir annehmen, daß im Punkt m ,wtt Beobachte siünden. daß der eine m m bleibt und brr andere sich m der Richrung m-h bewege. Dmn wirk» Vr Lirbfiliahl der van b anöaekil, den in Bewegung befindlichen Beobachter, der ihm ja quasi entgegeneilt, früher treffen als den rn Ruhe befindlichen und dir zwei Ereignisse, die für den einen gleichzeitig sind, sind dann für den anderen nicht mehr gleichzeitig, das heißt, der Ze't» begriff ist nrchtS Absolutes mehr, sondern ist etwas Relatives. Zwei Ereignisse, die gleichzeitig eintreten für den einen, treten nicht mehr gleichzeitig ein für den anderen. (Relativ!- tat der. Gleichzeitigkeit.) Die zeitliche Folge ist also anhängig vom Standpunkt des Beobachters. Der erste Eimvand. den man dagegen erhoben hat, war der: Wieso beobachten die Physiker diese Erscheinung erst jetzt. Die Antwort liegt nahe. Wer die mathematische- Formel der Lorentz-TvrnSformationen kennt, der sieht, daß die Unterj schiede zwischen rn>d den A hou Gklüd iuy 'jui ZeAvLgE ß> % November lSÄ n&eftt 'S7 r'""Lr~ ' ■"1 "■ ' -V . I Pelzhaus 4 Bermann & Landesmann Taboratrassc Nr. 1, L Stock \ empfiehlt sein reiches Lager in allen Arten . j Pelzmänteln, Stadtpelzen, 1 Füchsen und Verbrämungen; » in feinster Ausführung s»i$ Ztlr Frage der Loyalität möchten wir den rumänischen Publizisten Herea Carp sprechen lassen: „Ucker/ unseren Mangel an Loyalität wollen wir nicht diskutieren. wir können daV Gegenteil beweisen. Äber an^ gesichts der Tragödie, die wir hier fünf Jahrhundert«, unter dem Regime von 890 Gesetzen, von Ausnahmen und Aushungerung durchlebt haben, sehen wir es alS eine Frage der Würde an, über unsere Loyalität nidjt zu diskutieren." Und nun noch einige Worte über den Anteil der Juden an der rumänischen Kultur. Trotz Unterdrückung und Verfolgung haben sie für die rumänische Nation mehr geleistet, als das Land es verdient hat. Wir erwähnen bloß den bedeutendsten rumäni-, scheu Statistiker, den Juden Man Sanielivici, die bedeutendsten Philologen Lazar S a i n e a n u, Doktor Candrea und Dr. Ti kt in; die hervorragenden? Juristen Dr. Stern, Rosenthal und Feder (Dekan an der juridischen Fakultät in Lille): die Mathematiker S. Sanielivici und David Smanuel;^ die Publizisten Rubin und S t r e i t m a n n: den Begründer der rumänischen Volksbücherei Alkaley;. den größten rumänischen Dramatiker Renette Roman; den Kunstmaler Verzent; die Kritiker Ghora uny Dobrodianu; die Komponisten Fuchs und Ge-, lestan; den Finanzmann Blank, den Begrürder. des größten ' rumänischen Jndustriewerkes „Steaua Romana" Ing. Dr. Edölianu usw. Die Juden haben viel zur Größe Rumäniens belgetragen und werden weiter im Dienste des Staates stehen, verlangen aber bei gleichen Pflichten auch gleiche Rechte. __ l)r. M. R. Heftige Kämpfe an der Wrangel-Front. Fortschritte der Sotvjettrn^pen. Moskau, 6. November. (Funkspruch.) Frontbericht., vom 5. d. M.: Feindliche Angriffe östlich von Perekotz^ wurden blutig zurückgeschlagen: der Feind zieht sich zurück. Bei Salkowo und Genitschesk wird der FeinE' von unseren Truppen verfolgt, die die Stationen R tK kowo und Nowo-,ATexejewka besetzt haben. Nach hartnäckigem, blutigem Kampfe ist daS Rots Heer in; die Eschongarski-Halbinfel eingedrungen, nachdem die stark befestigten feindlichen Stellungen bei D sch im-! b u t u k und nördlich von Tschongar genommen Wörde»- waren. Die feindlichen Stellungen waren betoniert und! reichlich mit schwerer-Artillerie versehen. Am 4. Novem^ ber haben wir den Fluß Siwach überschritten und di^ Eisenbahn und die Tschongar-Brücke erobert. In de». Kämpfen am 4. und 5. November wurden regimeyterl weise Gefangene gemacht. Außerdem wurden^ 229 Geschütze, 4 Panzerzüge und 69.000 Geschosse erbeutet. Beö Genitschesk leistet der Feind mit Unterstützung der Flottehartnäckigen Widerstand. > --- , sind, daß sie rn ihrer erstrn Konsequenz an Mechanischen SSct^, gangen auf der Erve überhaupt nicht meßbar waren. J Verallgemeinern wir nun die Begriffe Über Zusiarr^ der Beobachters und nehmen wir an, es handle sich nich^ um zwei verschiedene Beobachter, sondern mathematisch^ ge«^ sprachen um zwei verschiedene Koordinatensysteme, die gegen« einander in -Bewegung sind. Die spezielle Relativitätstheorie^ befaßt sich nur mit solchen Koordinatensystemen, bei denen, die Bewegung eine gleichförmige geradlinige ist, und die For«< devung, die hier entsteht, heißt, mathematisch formuliert^ 'l^rnn daS erst: Kool dmaien y.lcm durch die G.s^e 2c y e und die in ihm g mcsscne Zeit mit t bezeichnet sind, wähiknd sie im -wei:m Koord'na.ensysiem x’ y* r' t' l^i'';eW welche Beziehung, respektive welche Transformation besteht! zwischen diesen Größen? Die Antwort hiefür bietrn die Ein»- steinschen Transformationen, auf die hrer nicht eingegangsn! werden kann. Die Naturgesetze müssen nun selbstverständlich! so formuliert sein, daß sie, rn keinem Koordinatensystem! gemessen, eine Vereinfachung erfahren, das heißt, daß keine»! KooMnatrnfystem eine bevorzugte Stellung zukommt. Uw]', also der speziellen Relativitätstheorie Genügezu leisten,! müssen die Formeln, welche die Naturgesetze darstellend gegenüber den Transformationen invariant sein, wobei biej Lichtgeschwindigkeit konstant sein muß. Daboi zeigt es sich nun, daß diese Bedingung für die Maxwellschen Glolchungeni der Elektrodynamik erfüllt sind, daß die Ableitung der olek--!- trischen und optisch»« Gesetze durch die Relativitätstheorie sogar erheblich veveinfacht und die Zahl der Hypothe'eni verringert wird. Dagegen entsprechen dir Gesetze, der klassischen Mechanik den Bedingungen nicht. Studiert man dies Ernstein.TranSformationen, so ergibt sich, daß die Langes eines Matzstabss in bezug auf ein be»vegteS System Leines! ist als in bez-ug auf ein ruhendes, das heißt, ein Stab,. sich bewegt, erleidet dadurch eine Verkürzung, die-üurcktz dv Geschwindigkeit bedingt rst; eben das gleiche gÄt für Dia! Z r. Eine Uhr, die bewegt wird, gebt budnrch

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