Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 642 (7.11.1920)
- Date
- 1920-11-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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«etti * fWltn, «mmrag LNerrer Morgerizettrmg #lvv%«lvW XvCtw Un die Adresse der Wiener i Reparalionskommisfion. Von StaalebiZhnrat Nobert Stricker. > Die Siegermächte haben in Wien die Reparatronskommisston eingesetzt nnd ihr weitgehende. Machtbefugnisse eingeräumt. Sie kann nicht nur ins Wirtschaftsleben, sondern aiVH in die Gesetzgebung Oesterreichs bestimmend eingreifen. Ursprünglich war der Kommission .die Aufgabe zugedacht, Oesterreich zur Erfüllung seiner aus dem Friedensvertrag hervorgehenden Verpflichtungen zu verhalten. Sie.sollte darüber wachen, daß von den Steuern und den Erträgnissen der Wirtschaft nur soviel dam Lande bleibe, als zur Bestreitung der allernotwendigsten Bedürfnisse erforderlich ist, und die „Ersparnisse" an die Siegerstaaten und ausländischen Gläubiger abgeführt werden. Diese Aufgabe ist aber illusorisch geworden, denn bald erkannten die. Kommission und ihre Auftraggeber, daß auS Oesterreich nichts herauszuholen ist und die aufzubringenden Mittel lange nicht hinreichen, um hen Staatshaushalt zu bestreiten. Die Kommission, welche die Interessen der Mächte gegenüber Oesterreich wahren sollte, ist heute darauf angewiesen, das Problem der Rettung Oesterreichs vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch zu lösen. Aus der Kontributionskommission ist eine' Hilfskommiffion geworden. Dieselben Politiker und Zeitungen, welche seinerzeit 'gegen die Einsetzung der allmächtigen Reparationskommission als unerlaubten Eingriff in die Souveräns tat Oesterreichs protestiert haben, bemühen sich heute, die 'Kommission für ihre Vorschläge zur Rettung Oesterreichs zu gewinnen, ja sie gründen ihre Pläne auf den guten Willen und die Machtbefugnisse dieses früher so befehdeten Instituts. Meie Anzeichen sprechen dafür, daß die Kommission auch ehrlich gewillt ist, Oesterreich 'zu helfen. Aber andererseits muß festgestellt werden, daß die Kommission schlecht oder überhaupt nicht beraten erscheint, denn über tastende Versuche auf wenig bedeutsamen Gebieten ist sie bis jetzt nicht hinansgekommen. Es mag dies an der Verrottung des öffentlichen Lebens in Oesterreich liegen, welche es mit sich bringt, daß politische und wirtschaftliche Cliquen jedem. Und gar Fremden, den Weg zur Wahrheit verrammeln und es unmöglich machen, daß ehrlicher Rat bis zur Kommission dringt.. Die Andauer dieses Zustandes muß tzaS Versagen der Kommission und den Ruin Oesterreichs zur Folge haben. Es soll daher auf publizistischem Wege der Versuch unternommen werden, die Aufmerksamkeit der von Sonderinteressen streng blockierten Reparationskommission auf jene Probleme, zu; lenken, . ohne deren Losung Oesterreich nicht gerettet werden' kaNN. 7;7 : I. Die Bsamtentmrtschaft. r In Oesterreich gibt es weit über drermalhimdertkausend öffentliche Angestellte. Es leben also, wenn man - den Familienstand auch nur gering einrechnet, neunmal-?, hunderttausend Menschen direkt vom Staate, von den Ländern und den Gemeinden. Bei einer Gesamtbevölke- - nmg von etwas über sechs Millionen ergibt sich ein Miß.' Verhältnis, das ein blühendes Gemeinwesen, vielmehr aber das arme Oesterreich ruinieren mutz. Dieses Ueberwiuhern des Beamtenstandes Erl nicht von gestern her. Der altösterreichische Absolutismus hafte: sich nur wenig auf bevorrechtete Stände, vielmehr auf ein zahlreiches, sorgfältig auSgewählteS und abgericht"tes Deomtenheer gestützt, welches nur zum geringen Teile der Erledigung von Amtsgeschästen, sondern hauptsächlich der Neberwachung und Deeinflußung. der Bevölkerung diente. Das konstitutionelle Oesterreich hat dann diesen Apparat übernommen. - Er wurde nicht abgebaut, sondern neuen Zweckeidangepaßt. Früher ausschließlich Jnstnrment der Regierung, wurde er setzt Instrument der politischen Parteien und Nationalitäten. Jede warkestrebt, möglichst viele ihrer Angehörigen m den Beumtenkörder bineinznvressen, der dadurch riesenbafp wuchs. Die gebräuchlichste Art, unzufriedene Parteien unh ‘ Bolksstämme zum Schweigen zu bringen, war die Zuiteilung von Beamtenstellen. Die Hauptbeschäftigung der österreichischen Parlamentarier war die Versorgung möglichst vieler Wähler mit Staatsanstellrmgen. So wurde die Bevölkerung, insbesondere die deutsch, sprechende, zum Beamtentum erzogen. Der überwiegende Teil des Beamtenheeres ist dem kleinen, neuen Oesterreich zugesallen. Aber nicht nur die überflüssigen Leute sind geblieben, auch der Geist der Beamtenvolitik. Auch heute zeigen die herrschenden Parleien keine Neigung, der Beamtenfrage jm Sinne des Abbaues näherzutreten. Sie fürchten einerseits die Beamten als Wähler, andererseits wollen auch sie nicht darauf verzichten, ihre Partei?,wecke durch den Beamtenovparat fördern zu lassen. Es scheint unter solchen Um ständen ausgeschlossen, daß das österreichische Parlament, also die Regierung, aus eigener Initiative an der Losung der Beamtenfrage ehrlich und ernstlich arbeifcen wird. Die Kosten dieses Beamtenapparates sind natürlich trotzdem ungeheure, daran darf nie vergessen werden, die Bezahlung des einzelnen Beamten unzureichend ist. Bei einem Budget von ungefähr 30 Milliarden werden die neuen Pecsonalauslagen über 15 Milliarden be- Itragen. Dieses Mißverhältnis muß verschwinden. Aber « ist reine Demagogie, bewußtes Spielen mit Worten vnd Zahlen, wenn im Verlauf politischer Diskussionen ^behauptet wird, daß durch irgendwelche Maßnahmen ÜS& igisfitifle Steikcuua des Budgets ju Die französischen Sozialisten für Russland. Paris, 6. November. Die französische sozialistische Partei» der AllgerrreirreGetvertzs schaftsverband und die Liga für Menschenrechte richten in der *$itttuni!tä* einen Arrfrrrf an die Arbeiterschaft, in dem der Friedensschluß mit Nutzland sowie die 'WredM herstellmtg ded allgememen W e l t f r i e d e u s gefordert werden. Der Aufmarsch der Strasse. Wir haben gestern dir Einladung der antisemiftt. scheu Verbände zu her,? heutigen Hetzversammlung veröffentlicht. Ihr Wortlaut beweist, daß hier wieder die Ostjuden nur vorgeschoben werben, um gegen das gesamte Judentum Stimmung zu machen. Der Ausruf fordert: „Weg mit den. jüdischen Parasiten aus unseren Aem.!e-n, hinweg mit ihnen aus unseren Schulen jeder Art.' Wir fordern Schutz Gesetze auf alleg Gerieten des öffentlichen Lemsb gegen das vo.ksvernichteudS Judentum!" Das ist deutlich genug und sollte allen Juden die Augen öffnen, die hier so unsanft an ihre Stellung erinnert werden. Das sogenannte bodenständige Judrn>- tüm hat in Wort und Schrift jede. Verbindung mit den Flüchtlingen verleugnet. Jetzt wird ihm die Antwort zuteil, die klar undunzweideutig alle Juden aus dein Siaatslelen ausschalten will. Es ist schon zu wiederholten Malen zutage getreten, haß'die Veranstalter dieser Hetze identisch sind' mit jenen, die im Dienste der preußischen oder der magyarischen Reaktion die Republik erdrosseln wollen. Die-. Provozierung von Straßenskandalen ist noch stets ein gutes Mittel gewesen, die lichtscheuen Zwecke dieser Feinde jedes vMischen oder sozialen Fortschrittes zu -fördern, die die. heftigsten Wortführer bei Kriegshetze gewesen sinbi und, jetzt wieder , die , Gelegenheit suchen, Oesterreich in schwere Md' blutige Äb^nteuer zu stützen. Die /der-'Begittu'fein. Aber man sieht ja, wie wert das Geburtsland dieser Art politischen Handelnsnämlich Ungarngekommen ist, das unter -der Herrfchasi' dieser PogromisteN steht und in die völlige Verütmüng yintingerät. Bon der ganzen zivilisierten Melk MachmIvMiert Angaim nun auch die Freundschaft' seiner frünzöfischrn Schützer, die nicht etwa aus Judophilie. sich abwenden, soydem.weil sie den völligen wirtschaftlichen. Ruin ihres. Schützlings' herankommen sehen. Die Folge gleichartiger Vorgänge in Oe^terxeich wäre die sofortige Zerreißung, aller.wiK schaftlichen Verbindungen mit dem Ausland, bas bei. Straßenunruhen clnftsemiftscheu,oder aiweren Charas terS sich sofort zurückziehen würde.!,. Dev antisemitische Aufruf fordert vffett' zur Der-tz letzung des. Gesetzes auf und stiftet Mo cp und ' Pranys. all. M ist'bisher', Leistem Widerspruch der Regierung, begegnet,, die offenbar glaubt, daß Jüdenhetze' mit, zu den demokratischen .Forderungen, .gehört mjb*' Bofji1 man Juden gegenüber das Recht beugen kann. Dias Regierung hat die Versammlung, nicht verbotet,' er-' blickt also gar nichts in diesem frechen Versuch des.. Pöbels aller Schattierungen, über die Juden hlüweg, dem Staat an die Kehle' zu fahren. Wir'stellen Verantwortlichkeit der Regierung an diesem Beginnen' öffentlich V 7 Der „Anftsemitenbrmd für Oesterreich" hieft gestern' seme diesjährige Harrptversammlung. ab. Nicht etwa unter alten Eichen, sondern im Sitzungssaal des'alt,en Rathauses. Das war ein denkwürdiger Moment für die . reisigen Necken, als der Urgermane Dr. I e rzabe “ ‘ mit hochgeschwollener Brust den „Tätigkeitsbericht" ab-' legte. Der Verein habe 15 neue Ortsgruppen und einen „Gau" errichtet. Der Antisemitenbünd habe sich mit . der Frontkämpfervereinigung zur „gemeinsamen Arbeit"; zusammengeschlossen, . um gegen die Ostjuden vorzu-. gehen. Hierauf .kam die faustdicke Lüge, -daß ^sich, . iw- Wien immer noch 850.000 Ostjuden besindenD-'^Lisi anderen Redner waren Herrn Jerzabek ebenbürtig. erzielen ist. Weder eine Herabsetzung der Einzelgehälter, noch eine Abweisung begründeter Lohnforderungen oder gar Me einfache Entlassung überzähliger Kräfte sind ohne Nebolutionlerung großer Volkskreise durchzu» führen. Nach reiflicher. ErwZgung muß man sich damit begnügen, 'von dem Abbäu' und der Reform des Beamtenwesens eme ün fünf bis zehn Jahren ziffemmäßig in die Erscheinung tretende Gesundung des Budgets zu erwarten. { ‘ Dringlicher als die Erledigung der Kostenfrage ist 'die- Beseitigung der Arbeitsunfähigkeit. Demoralisation und Desorganisation des Verwaltungsapparates, welche durch die überzähligen Beamten verursacht werden. Die Äemter gleichen Arbeitsplätzen, welche nur einer bestimmten Arbelterzahl Raum bieten und ein Vielfaches aufnehmen müssen. . Du kann von Arbeit überhaupt nicht mehr die Rede sein, nur von Drängen, Schieben und Stoßen. Unsere Bahnen haben doppelt so viel Beamte und Arbeiter wie vordem und wir fahren schlechter ode^ gar nicht. Die Justiz, und Finanz» behorden haben bei vielfach kleinerem. Wirkungskreise einen vielfach höheren PersoMlstand, und der Staats» burger kommt unendlich langsamer zu seinem Recht. Die gleiche Erscheinung zeigt sich im Poft-/Telephon- und Telegraphenwesen. Die Ueberfülle führt zu Reibungen und Störungen, ^azu gesellt sich der natürliche Trieb der meisten überzähligen. Beamten, ihre Existenz» becechtigung zu beweisen. Diese Kategorie von Ange» stEen ist unendlich gefährlicher, als jene, die den Zu* stand des Nichtärbeitens ruhig als gegeben hinyehmen. Ihr Empfinden sträubt sich' dagegen, als überflüssig zu gelten. Es setzt das Bestreben ein, Arbeit um jeden Preis zu schaffen. Sie betrachten jede Vereinfachung des Geschäftsganges als eine Bedrohung ihrer Existenz und sind, aus vom menschlichen Standpunkt durchaus begreifsichen Gründen, bemüht, alles zu komplizieren, überflüssige Abteilungen zu erhalten und neue zu fchasfeir. Die Tätigkeit überflüssiger Beamter muß zur Verbreiterung und Verlotterung des amtlichen Apparates führen. V Der heutige Zustand bedingt aber auch die Entwertung des österreichischen Menschenmatonals. Hunderttansende Menschen zum Nichtstun oder, was noch ärger ist, zur Scheinarbeit verurteilt,, sind ein fressendes Geschwür am Volkskörper. Sie ninfsen gerettet, das heißt prodttstiver Arbeit 'zugefiihrt werden. Aus diesem Grunde allein ihiifjlc alles daran gesetzt werden, dm Abbau des Beamtmapparates sofort, und, wenn es nicht anders geht, gewaltsam dnrchzn.führen. - ' Der' Abbt-ir-- kann' nickst in der Meise erfolgen/daß man Angestotlm aufs Pjlasier setzt und \k erworbener Faktoren im klaren. An eine sofortige Herabsetzung'der' Persqnakkoston kann, .wie oben erwähnt, nicht gedacht' werden. Das einzige Mittel ist die Beurlaubung Mit' vollen Gebühren unter Wahrung des Nückberufungs- * rechtes. Der anfangs hohe Stand der Beurlaubten ttzird^ bald sinken. Viele werden den Weg zur produktiven^ Arbeit suchen und finden, denn das in Frage kommende" Menschenmaterial ist ein gebildetes und'diszipliniertes.' In den meisten Fällen werden die Urlauber het später j erfolgenden Rückberufung keine Folge leisten, weil' sie' sich von der inzwischen gefundenen Arbeit nicht 'Mrdesi ' trennen wollen und einen billigen Ausgleich /'heut' Miederantritt des Dienstes vorziehen'werden. '"Die ' wieder einsetzende allgemeine Produktion wird gerne' die Reihen ihrer Arbeiter aus diesem Mäterial ergänz zen. Vorbedingung für einen Erfolg der Aktion ist^ allerdings, sie dem Machtbereich der beteiligten Burean'» kratie, vor allem der politischen Parteien zu entrücken. Solange diese Faktoren mitbestimmend bleiben, ist der Abbau undurchführbar. Die Angelegenheit muß .von-., outzenher und frei von Rücksichten auf Personen und , Jnteressentengruppen betrieben werden. Um Oesterreichs zu sanieren, sind große ausländische Kredite, erforderlich.. Ein Oesterreich mit Hunderttausenden überflüssiger Beamten wird so lange des Kredits unwürdig bleiben,--- als nicht der Abbau des Beatmenapparates den Gläu't - bigern garantiert werdenkann. Fkonftituierung des Keren HLjeffod (PalMna^ ArrfbaufVnvsj. 7 '' Lö>»hidmk» 5. November. (Del.-der „Wienär-Morgen-!' Heftung".) Die Könftttuierung des Hauptbureaus"'des; Keren 'Hujefsod'.'^n' Mnbon' ist soeben" erfolgt. Es>' itsk -^eMvssett"''tvÄchen-'jsiid"'''LeMisterung 'des' KeLenr!/ 'HaMsöh sofort iit■/ die ' Wege zu' leiten. Ein Direktz f -torium ist bis zum nächsten Zionistischen Kongreß eintzss gesetzt worden. Die - Herren Dr. B. F e i w fe t,: 25. I a-sb-dtinsky, I. N-aiditsch und 'H. Zlatopylskitz wurden' zu D i.riejkto reu ernannt. Die Exekutive der!? Zionistischen Organisation ist' durch einen'Gouverneur!' im Direktorium vertreten. Slls solcher' füngiert Herr^ Julius Srmvn. Sekretär des^Direktoriums, ist Hrrrp Lev Hermann. ''' / V' Dqs Haüptbureaü für Organisation und Poopä»! ' ganda Vestndvt sich rn 75, Great' Nuffell ^don'WE- 1, Tesegrarnmatzresse: KerejafM, L^ndbn.sk Für die Arbeit des Keren Hajessod' in verschie-l'- denen'Ländern Zentralenropüd ist in Berlin' tzin^st ^besondere Abteilung unter der Leitung der Herrin-^ Jusin? Be r o ertz'Knrt^ f e kd-'nub Dr. Arturs ca--f(hc. '«vöroeu. D«r' Le'tzie.re -wurde LE MsMe. betäubt,. WM ..'..LiELDdu«, ENlt». •.-ü