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Wiener Morgenzeitung · 1920-11-07 · Heft 642 (7.11.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 642 (7.11.1920)
Date
1920-11-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die Letter der NeparationSkommission sind nach -Paris abgereist. um dort ihre Berichte zu erstatten. Obzwar sie vor ihrer Abreise jede Aeutzerung vermieden hohen, die auf ihre Anträge an den Obersten Rat schließen Hetzen, folgen ihnen doch die Hoffnungen der ganzen Bevölkerung, die seit dem ersten Winter, der dem Wassenstillstand folgte, daran gewöhnt wurde, Hilfe vom Ausland anznsprcchen und zu erwarten. Daß die*erste Regierung der Republik dies hat geschoben lassen, lag in den Zeiten begründet. Volk und Staat lebten in Verzweiflung, die Widerstandskraft gegen die Not war durch den'langen Krieg und die furchtbare Katastrophe d«.r Niederlage, durch den Zerfall des Großstaates unh durch die Sorgen der Demobilisiernng und Arbeitslosigkeit aufgezehrt. Das Ausland leistete Hilfe, zwar nur tropfenweise und gegen blutige Bezahlung. Aber es gelang, über die schwersten Tage hinwegzukommen, und Lje unendliche Geduld des Volkes ermöglichte es der aus dien Führern der Parteien gebildeten Regiernng, die öffentliche Ruhe zu schützen und die Begehrlichkeiten des wn Ungarn aus vortastenden Bolschewismus abzuwehren. Die äußere Lage des Maates wurde freilich hoffnungslos. Obne Geld, obne Waren, ohne Arbeit und o^ne-markante Fübrerpersönlichkeiten stand Oesterreich hMos in Saint-Germain vor feinen Richtern, die tlntt im Friedensvertrag die Eigenberechtigung nahmen und ihm nur die Hoffnung auf Gnade liehen. Unglück stahlt den Charakter, sagt ein Sprichwort. Fn Oesterreich hot sich diese Weisheit nicht bewährt: Im GetzWeil. Wahrend in- und 'ausländisches Schiebergfsilidel die/wenigen noch vorhandenen Waren nüt der WÜniÄelnite der hochwertigen fremden Valuten aus der» Läden lockten, erschütterten wilde Streiks der bis aufs Aeußerste erbitterten, durch den Krieg betrogenen Arbeiterschaft aller Kategorien die letzten Neste des wirtschaftlichen Baues wurde der Mittelstand immer tiefer in die erbarmungslose Mühle der Teuerung getrieben. Die politische und soziale Resignation aller griff aus das Haus des einzelnen über, «nb die Hilfe des Auslandes wurde zu einem Schlagwort, das mit magischer Gewalt alle Arbeitslust und alles Selbstvertrauen tötete. Ter neue Reichtum ist noch nicht zur Erkenntnis seiner sozialen Pflichten gelangt. der alte bat. sie vergessen, da mit Um monarchistischen Glanz auch dessen Belohnungsmittel. dst Titel und Orden, entschwunden sind. Und so ist zur Armut deren unausweichlicher Begleiter gekommen, der Dtzttel. Die Regierung gab das Beispiel. Herr Nenner erschien bald in Paris, bald in Prag oder in Nom, Amtliche Würdenträger leiteten in Holland, in der Schweiz, in Dänemark, in den skandinavischen Staaten Hilfsaktionen für die Wiener Kinder ein, an denen die heimischen Getreide- und Milchwucherer ebensoviel gefrevelt hatten,, wie die über die Grenze des. Notwendigen hinaus verlängerte Blockade der Feinde. Die private .Hilfstätigkeit folgte gern dem von oben gegebenen Fingerzeig, und so bildete sich ein Zustand der Schande und.ewigen Demütigung tzercmS. In Zeitnngen und öffentlichen Versammlungen referieren Vertreter autznrärtiger Missionen über die Freudigkeit, mit der ihr Heimatsvoik Wiener Kinder nährt und kleidet, und jedes ihrer Worte ist ein Stein mehr ans das Grab des bürgerlichen Ehrgefühls. Ein ganzes Volk legt die Derantwortnng für seine Kinder von sich, versinkt in Bettelgeist und entfremdet die Kinder der Heimat, die ja dem Gemüt mehr sein soll als. die zufällige Geburtsstätte. Wir müssen es erleben, daß die englische Gesellschaft der Freunde in einem an die österreichische Bevölkerung gerichteten Sammelaufruf wörtlich sagt: „England. Amerika und anderen Ländern liegt das Wohl der Wiener Kinder am Herzen. Tie Aermsten sogar bringen doch Opfer, um den Weyer Kindern zu helfen. England und Amerika aber frggen heute: Was tun die Oesterreicher für die österreichischen Kinder?. Was ist eure Antwort?..." Die Antwort mag ein Narr erwarten. Was tut der Staat, pm dieser Entfremdung der Jugend, um dieser Verwahrlosung und Korrumpierung des Volkes entgegenznarbeilen? Parteien regieren miteinander, gegen- «inander, durcheinander, werfen die tönendsten Schlag- Worte in die betäubte Menge, berauschen sich und anders mit ihren vom Weltkrieg längst entwurzelten Phrasen «nd nenne« diese Tätigkeit Politik. Daß Staat und Volk durch das Almosentum. durch das Schnorren um Kleider. Kchtche mrd Kondensmilch Mich zugrunde gehen und Die finanziellen und wirtscbafilicben Schwierigkeiten Oesterreichs. Paris, 6. November. (Korr.-Bur.) Sektionschef Exner, der von sämtlichen Handels- und Gewerbekammern Ö sterreichs nach Paris delegiert wurde, um einen Appell an de«! Völkerbund zu richten und die wirtschaftliche Notlage Oesterreichs zu schildern, ist »oatj Präsidenten der Republik Millerand, vom Ministerpräsidenten L e y g n e s sowie vom! Präsidenten des Senats und französischen Vertreter im Völkerbünde Bourgeois iw besonderen Audienzen empfangen worden. Alle schwebenden Fragen, insbesondere die finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten» unter denen Orfter», reich leidet, haben eine ausführliche Erörterung erfahre». Die genannten Staatsmänner bereiteten den österreichischen Delegierten einen sehr freundlichen Empfang «nd «ahme« seine Darlegungen mit sichtlichem Interesse entgegen. Austritt der österreichischen Sozialdemokratie aus der Zweiten Internationale. Beim gestrigen Parteitag der österreichischen Sozialdemokratie wurde nachstehende Resolution gefaßt: »Der Parteitag erklärt, daß die sozialdemokratische WheUerpc te t e rn a t i o n a 1 e n ich t m e h r a n g e h ö r t, es aber auch a b l e h n e n muß. det Dritten Internationale beizutreten. Der Parteitag begrüßt die Einladungen zu einer Konferenz» die unabhängig voneinander von der U. S. P. Deutschlands, von der schweizerischen Sozialdemokratie und der I. L. P. Englands ergangen sind, einer Konferenz, an der sich alle Parteien, die ebenso wie die deutschösterreichische weder der Zweiten noch der Dritten Internationale angehörten, beteiligen sollen. Der Parteitag würde es auf das lebhafteste begrüßen, wenn W i e n als Konferenzort gewählt werden könnte. Der Parteitag erwartet von der Konferenz nicht, daß sie eine neue, eine »Vierte Internationale" gründe, sondern daß sie über die Mittel und Wege berät, nach welchen Methoden der Aufbau einer Weltorganisation der Arbeiterklasse möglich ist. in der die Masten. der klastenbewußten Proletarier aller Länder vereinigt sind/ Der neue Kurs in Amerika. Berlin, 6 November. „Anited Telegraph" meldet aus N e w - 3) o r ft: Nach Informationen aus Wafhin ton habe H.a r d i n g die Absicht, den Kongreß nach feinem Amtsantritt im Frühjahr zu einer besonderen Sitzung einzrtterufen und ihm eine Resolution vorzu- 'egen, durch die zwischen Deutschland, O e sierrreich und den Bereinigten Staaten der Friedens zu st and wieder berge ft ellt wir^. Anschließend daran w rde Harding direkte Verhau langen mit den westeuropäischen Mächten wegen des Haager Schiedsgerichtes und des Völkerbundes einleiten. _ Blutige Unterdrückung der Gegenrevolution in Moskau. Paris, 6. Noyember. (Funkspruch.) „Petit Parisien" erfahrt, daß in Moskau eine Gegeurevol nt i o n aus ebrochen sei. Die Svwjetregierung l abe dieselbe in dlutiester Weise unterdrüekt. 3n den Straßen der Stadt sei mit Kanonen geschossen worden. Obstruktion im polnischen - Reichstag. Warschau, 6. November. (Tel. der „Wiener Morgenztg.-.) Die Session des Neichstages hat durch die plötzlich ausgebrochene 9 bst rn k t r ost der Opposition eine Unterbrechung epfahrenj Die^ Rechtr^hatta mit, einer. MiEWWmeE MhEit die Fortsetzung der Debatte übM den Nest des Verfassungswerkes deschlosiLm Als nun dir De stte eröffnet wnrde, begannen! die Sozialdemokraten die Obftrnkrion. Mit S ch r e i e n, P s e i f s n, P u l t e f ch l a g s st usrv. verhinderten sie die Drbatte. Bier fozialdemokratische «n-dersüdisch-i nationale Abzwrdurte Grund au m wurden vom SrjmmLvschaL für zehn Sitzungen, a us g e sch io ss est D»sirsichweigetten, den Saal zu verlassen, wurde die Sitzung unterbrochen. Äser auch nach! Wiederaufnahme der Sitzung dauerte der! Lärm fort, so daß die Debatte nicht beginne« konnte. Generalstreik in Mailand. Hausdurchsuchungen. — Ei« Abgeordneter und Rotgardisten verhaftet Mailand, 6. November. (Tel.-Komp) Der. Zwischenfall zwischen den^ Sozialisten und Nationalisten hat in Mail a n d zur Prokla^ matio« des Generalstreiks geführt^ Die Polizei nahm in der Arbeiterkammer^' von der ans geschossen worden war, eine Hausdurchsuchung vor. Hiebei wurde« zahl^ reiche G 'wehre und Revolver gefunden. Die Polizei «ahm auch eine Bande als Rotgardisten ausgerüsteter junger Bursche«^ an deren Spitze ein sozialistischsrAbgeordneter stand, fest. Auch in den Wohnungen der sozialistischen Abgeordneten wurden Hans-! 1 durch such ungen vorgenommen. Der Abgeordnete B « e e o wnrde verhaftet. Hardings Wahl. Paris, 6. November. Der „MatinE meldet aus New-2)ork: Nach den nunmehr fast vollständig vor-' liegenden Wahlergebnisien sind 404 Wahlmänner für, Harding und 117 für Cox gewählt. Harding hatte in; 37 Staaten die Mehrheit, Cox in 11 Staaten. wmaamwBummxmammmmmmmBHmtxsamuKmmaBBiammmmmmmBm die Kraft zur Arbeit verlieren, das kümmert die Dolkrführer nichts, die in der atemlosen tzagd nach der Regierurrgskrippe Maß und Ziel vergessen baben. Hilfe kann nur ans dem Volke selbst komnren, das die Würdelosigkeit und die ungetzei're naiianalökanomische Gesahr dieses Zustandes erkennen muß. ES muß ein Abbau der i V HilfStatigkelt aller fremden Organisationen Und die < Rückkehr und Erziehung zur produktiven Arbeit emgst leitet werden. Wenn die Anstrengungen zur Erzielirng ausländischer CharitaS darauf verwendet werden, Kredit und Arbeit zu suchen, dann wird dies allen VolkSkrehLtz ‘ und dem Staat wahrlich mehr Nutrerr bringen. 1

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