Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 638 (3.11.1920)
- Date
- 1920-11-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2979416-2979716--05676-2991544- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
emrr mmrwmw fern jeweilkge-u Stand' der Wissenschaft einfach' oder kompliziert gewesen.! Don dem Gedanken der Klassifikation der Men^ sch«: in Weiße, Gelbe und Schwarze (Hautdifferenzierung Verniers) ging man zur rein somatischen Huxleys und zur linguistischen Müllers über, die neuestens don Stratz ab gelöst wurde, der ein« Ueber- und Unter* prdnung einzelner Rassengruppen schuf. Die frühere Dreiteilung in die kaukasische (Arier, Semiten, Hamiten), mongolische (Chinesen, Japaner, Amerikaner usw.) und negroide (Neger, Australier us!v.) Rasse wurde ab gelöst von der protomorphen Rasse der Statur* Völker (Australier), der archimorphen der Kulturvölker (weiße, gelbe, schwarze) und der metamorphen, die dus der Mischung der beide» ersten hervorgegangen sind. Welche Einteilung immer zur Grundlage gewählt wird, ist die Rasse der Semiten und Arier als stufen* gleich zu betrachten, wobei betont werden muß, daß hiebei an jene ideal erhaltenen Rassenmerkmale gedacht wird, die, wie eingangs erwähnt, heute sich nir* tzends -mehr vorfinden, weshalb jede Konstruktion, die in der praktischen oder juristischen Verwertung darauf bezugnimmt, illusorisch werden muß und nur so weit gelten kann, als sie theoretischen Disziplinen dient. Die ^urrsterei — die bekannte Vollzugsanweisimg über Option spricht von Rasse und Sprache — war aber seit jeher trocken-nüchterne Disziplin des praktischen Lrbens wie die Mathematik. i Wenn wir nun die anthropologische Stellung der Nuden ins Auge fassen, müssen wir zugeben, daß sie Nicht restlos aufgeklärt erscheint. Der ursprünglich fest* tzehaltene Standpunkt der Wissenschaft, der in den Juden Vertreter der semitischen Rasse erblickte, wurde nach neuesten Forschungen aufgegeben, da nur ein der* schwindend kleiner Bruchteil (zirka 300.000) der in Rvrdafrika lebenden Juden den Typus der Araber oder Syrer besitzen, während die europäischen Juden nach den Untersuchungen Luschans im Wandel ihres jahr* Lausendalten Mitlebens unter den anderen Völkern ihre spezifisch semitischen Merkmale verloren. Sehe» wir von den in der Religion bedingten Eigenheiten ab, dann' bietet sich bei den Juden kein auffälliges Merkmal, das kiner besonderen Rasse eigen ist, nicht die typische Haut* pder Haarfarbe verrät eine Besonderheit, vielmehr beobachtete Luschau bei seinen Untersuchungen einen auf* fallend hohen Prozentsatz blonder Juden. Die Hervorhebung besonderer Charaktereigenschaften der Jildsn als Rassen Merkmale kann ebenso wenig verfangen, als sir den Niederschlag bilden ihrer besonderen Geschichte und ihrer Ethik, die sie wiederum aus ihrer Religion schöpfen. Wen» das Wort der Wissenschaft gilt, kann abschließend heharcptet werden, daß die europäischen Juden (zirka BVs Millionen) eine eigene Rasse nicht repräsentieren, baß demnach auch der auf das frühere Oesterreich* lUngarn entfallende, Teil von ungefähr zwei Millionen Menschen nach der anthropologischen Tabelle nicht klassifiziert werde» kann und daher nur bas innere Zutzehorigkoitsbewußtsein, die kulturelle Annäherung und Sprachenähnlichkeit allein entscheidend sein muß bei der Frage, wie weit das Moment der Raffe juristisch von Relevanz ist. Und holen wir, wie das leider selten jgetan wird, die Auskunft der Geschichte über das so* tzenannte Judendeutsch ein, so finden wir, haß die Juden — und das ist Binsenwahrheit —> die in Deutsch* nd gelebt und die hochdeutsche Muttersprache wie dir schechten Deutschen gesprochen haben, nach ihrer Veribung gegen Ende des 14. Jahrhunderts mit eiserner ahigkeit an der deutschen Umgangssprache fefthielten, nd ist die später erfolgte allmähliche Herausbildung Die Entwicklung -er ziouistischen Bewegung. Bon Dr. Josef Meisl. r" Die Geschichte des Zionismus ist noch nich't geschrieben. jlkS sind mehrfache Anläufe dazu unternommen worden, von denen Citrons „Geschichte des, ZionsgedankenS" in hebräischer ,Sprache den vollendetsten Versuch, wenigstens hinsichtlich der fNaterialbeherrschung, darstellen dürste. Aber auch dieser Verbuch leidet an dem gleichen Mangel, welch« fast jeder genetischen Geschichtsdarstellung irgendeines umfassenden Themas!b« jüdischen Geschichte entgegensteht, nämlich an den völlig Unzureichenden Ergebnissen d« Detallforschung. Noch haben jtolr nicht das Archiv für die -Geschichte des Zionismus, (wenngleich in Berlin durch die Zionistische Bereinigung für Deutschland bereits ein kleiner Anfang gemacht worden ist; jtuxij ist nicht einmal mit der Sammlung und übersichtlichen Zusammenstellung deS gedruckten Materials begonnen worden, von dem handschriftlichen' Material, das sich noch zu einem großen Teil im Privatbesitz befindet, gar nicht zu reden, 'jeder Tag kann uns Unwiderbringlicheentreißen, und wer;*tÖ, was aus den vor dem Kriege von dem Odessa« omitee gesammelten Dokumenten inzwischen geworden ist?' L.nter solchen Verhältnissen ist eS selbstverständlich, baß d«' izelne, der noä) so souverän das ihm zugängliche Material herrscht, doch nicht ein «schöpfendes und einwandfreies jiBtfb von der Entwicklung der zionistischen Bewegung bieten Könnte und sich damit bescheiden müßte, die mehr oder Minder bekannte,c Linien dieser Entwicklung durch eilige Mnzelheiten zu ergänzen, und da und dort scharfer zu Zeichnen, als dies vor ihm geschehen. Trotz dies« unbestreitbaren Tatsachen ist eS zu begrüßen, wenn von Zeit zu Zeit versucht wird, die jeweilig zugänglichen Quellen zu einer jolchen Darstell'.,.,g zusammenzusasstn. Denn es ist unleugbar, daß ein leb» MtM BedürMH uM kMM insoxmato.rischM, Bachs übex -WiMier' r; eines besonderen Jiddisch" auf die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vergewaltigungen zurückzu führen, welche sich in der Errichtung der Ghettos kundgab. Hier liegt die Erklärung für die Veränderung der deutschen Sprache, der angesichts der Absperrungsmaßnahmen der Landesfürsten einerseits und der Weiterentwicklung des Lebens andererseits, die Ausdrücke fehlten, und die daher von den Ghettojuden aus dem Talmud ergänzt oder selbst erdichtet werden mußten. Immerhin' aber kann die deutsche Urquelle dieses Judendeutsch festgestellt werden, jener rote Faden, der auch Sprachenfamilirn durchzieht und aus wildesten Verzweigungen hervorschimmert, so daß mancher Deutsche oder Wiener zugeben muß, baß er die Sprache dieser Juden besser verstehe, als die des biederen Wamstiwtrrs oder Sachsen. Und auf die Möglichkeit (»er Verständigung kommt eA an. Das ist der Sinn jeder Sprache. Unsere Gesetzgebung konnte einen lückenlos geschlossenen Rahmen für den aus der Dölkenkunde entlehnten Begriff der Rasse in der Optionsfrage nicht schaffen, eine juristisch verwendbare Definition nicht unterbringen. So muß ihre Schwesterwissenschaft, die Naturforschung, ihre Lehrmcisterin sein. Die europäischen Juden repräsentieren keine eigene Rasse, well es eine solche überhaupt nicht gibt, und weist die Sprache, die den Optionspetenten — in der Regel denken wir hier an die Flüchtlinge den unverwischbaren Stempel, deutscher Zugehörigkeit auf. Die Konsequenzen sind klar. Die Regierung Oesterreichs wird sich ihnen ebensowenig entziehen können, wie sie auch im tschechischen Vertrage von ihr anerkannt wurden, es wäre denn, daß siebte Vogel-Strauß-Methode zur Geltung bringen wollte, die kurzsichtig und von Unheil begleitet ist. '• In scharfer Abgrenzung, des Rasfeubegriffs, mit dem zu Unrecht alle Arten von Völkern und' Stämmen identifiziert werden, muß der des Volkes und der Nation abgehoben werden. Auch in ihrem Leben sind, wie im bunten Teppich, Rassenmeister mitverwebt und wir finden heute keine Nation, die sich rühmen könnte, rrin national-kulturelle Errungenschaften von Weltbedeutung hervorgebracht zu haben. Und der ruhige und gerechte Sinn der Weltgeschichte wird seststellen können, daß sogar an der Wiege durchschlagender, als rein national verschriener Erfindungen jüdischer Geist Patenschaft stand. .Auch die deutsche Ration kann hievon berichten. Politische Rundschau. Der Geheimvertrag von GödSllS annulliert. Wie aus London gemeldet wird, hat die englische Negierung erklärt, daß sie den französisch-ungarischen Geheimvertrag von Gödöllö nicht anerkenne. Infolgedessen hat die französische Negierung die ungarische Negierung verständigt, daß der Vertrag annulliert werde. Das ist eine neuerliche Niederlage deS französischen Imperialismus, der den polnisch-russischen Krieg verloren, hat und . nun auch den Plan aufgeben muß, mit den 200.000 bewaffneten Mördern Horthys Europa zu überfallen. ■ Gegen die Alarmmeldungen ans dev Tschscho- Sr-wänei. Vom Preßreferat der tfchecho-slowakischen Gesandtschaft in Wienwerden wir ersucht, zu erklären, daß alle Nachrichten eines hiesigen Montagblattes Wer .1 II.———■1,1—in—.. ■ I . .III .—, den Entwicklungsgang der Bewegung besteht, sowohl für propagandistische Zwecke als auch für die Belehrung der Zionisten selbst. Dieser Aufgabe hat sich Adolf Böhm*) mit großem Geschick unterzogen, und da « von vornherein sich d« Schwierigkeiten und Unzulänglichkeiten seines Beginnens bewußt war, so wäre es eine falsche und unverdiente Einstellung, wenn der Rezensent seines Buches ihm einzelne Jrrtümer und Lücken nachvechnen wollte, anstatt zu fragen, ob das Ziel in dem bescheidenen Umfang, den sich d« Verfass« gestellt hat, erreicht wordek ist. Und selbst wer dem' Autor ergänzende Hinweise für eine neue Auflage, die dem Buche von Herzen, zu gönnen wäre, bieten und an b« Darstellung manches aus setzen möchte, müßte rückhaltlos anerkennen, baß von B ö h m ein sehr bedeutendes Tatsachenmaterial anziehend und lebendig dargestellt worben ist, und daß das von ihm entworfene Blld in. den entscheidenden Zügen die Entwicklung der Bewegung getreulich widerspiegelt, auch dort, wo er, wie in dem Abschnitt bis zum Auftreten HerzlS, offenbar nicht alle schon heute zugänglichen Quellen ausgeschöpft hat. .So hat B ö h.m das unstreitige Verdienst, in sein« Arbeit, die. auS einigen am Jüdischen Pädagogium in Wien gehaltenen Vorträgen hervorgcgangen ist, eine vorzügliche Jnformationsschrift der oben geschilderten Art geschaffen zu haben. Der jetzt zur Ausgabe gelangt: Band umfaßt die Enttvicklung der Bewegung bis zum Tode Theodor HerzlS und gliedert sich in drer Teile: Die Einleitung, welch: dle Vorbedingungen sür die Entstehung der zionistischen Bewegung schildert, den I. Abschnitt, der von der Vewegnirg bis zum Auftreten HerzlS, also von den Vorläusern des politischen Zionismus, und endlich den II. Abschnitt, der von der Bewegung uni« HerzlS Flihrung handelt. *) „Ti: zionistisch: Peive.zn-s.." El/.: , ihrer Entwick.'ung von Aovi,' Böhm. I. T.D: „D m Bewegung bis zum. Tode Theodor H.rzls," Well Verlag, 1Ä2.0. 3. November 1920 fölt 633 Putschabsichten in der Tschecho-Slowakei völlig aus der Luft gegriffen sind. Speziell in der Slowakei lwrchcht vollständige Ruhe. _ . Kleine politische Nachrichten. Der preußische Minister des Innern hat mittelst Erlasses die Organisation Escherich (Orgesch) verboten. Der Kongreß der französischen sozialistischen J u' gendorganisationen beschloß in seiner gestrigen Schlußsitzung mit 6483 gegen 1958 Stimmen den Anschluß an die kommunistische Internationale. Rach einer Meldung aus Genf hat gestern das Sekretariat des ^Ikerbundes seine Bureaus' offiziell eröffnet. Täglich treffen zahlreiche Abordnungen ein Ein Abgesandter Kemal Paschas ist in Konstantinopel eingetroffen und hat dem Großwesir. die Bedingungen mitg.et.eilt, unter denen die Kemalistcn mit der Pforte in Verhandlungen treten würden! Darunter befinden sich^ das Verlangen einer schriftlichen Garantie der Entente, daß Smyrna unter türkische Hoheit zurückkehre. daß Thrazien Autonomie verliehen werde und daß die Türkei einen Vertreter in die Meerengenkommission entsenden könne. Die Installierung des Völkerbundes in Genf. Paris, 2. November. <Tel.»Konip.) Das Sekretariat des Völkerbundes hat gestern seine Bureaus in Genf offiziell er öffnet. Sw Eric Drumoud hielt eine große Eröffnungsansprache. Täglich treffe« zahlreiche Abordnungen ein. Die japanische Abordnung allein umfaßt 71 Mitglieder» darunter 30 militärische Sachverständige. Die britische Armee in Mesopotamien. London, 1. November. (Privat.) Auf eine Anfrage teilte Bonar Law im Unterhaus mit, daß die. in Mesopotamien stehenden britischen Tcüppen am 1.'August dieses Jahres 80.000 Mann stark waren und ihre Zahl bis zum 1* Oktober auf 101.000 Mann gestiegen ijl. Die Erhaltungskosten dieser Truppen betragen gegenwärtig wöchentlich 691.000 Pfund Sterling. Inland. Aus dem Parlament. Im Laufe dieser Woche werden die Verhandlungen der von ihren Parteien bevollmächtigten Vorstände über das Aktionsprogramm, die zu wählende neue Regierung und ihre Mehrheit, zum Abschluß gebracht werden. Die Abmachungen der Parteiführer werden dann zu Beginn' der nächsten Woche den Parteiklubs unterbreitet werden. Die Sozialdemokraten beteiligen sich vorläufig an den Beratungen nicht in offizieller Form und werden weitere Direktiven erst von dem morgen zusammentretenden Parteitag erhalten. Dr. WeiSkirchner erschien gestern im Klub der Chrrstlichsozialen und informierte in offizieller Weise die Klubgenossen über die Ergebnisse seiner Bu-' dapester Reise. Eine offizielle Berichterstattung ist vorläufig nicht vorgesehen. In einem Jntewiew hat er erklärt, Ungarn werde rmS helfen und einige wichtige Zuschübe für den Markt senden. Herr Heinl werde sich in der nächsten Woche nach Budapest begehen, um über einen Uebergang vom bisherigen Kompensationssystem zu einem System des freien Handels mit den Vertretern der ungarischen Regierung zu beraten. Es sei eine liberale Behandlung des Paß- und Zollwesens und eine Erleichterung deS Grenzverkehres in Aussicht genommen. Böhm geht von b« Ungebwchenheit der volklichen Sonderart d« Juden bis zur Emanzipation aus, welche sowohl in äußeren Momenten (Feindschaft d« Umwelt) wie auch, in dem inn«en Mommte des national-religiösen Charakters des Judentums tief begründet war. Dessen Abstreifung, das allmähliche Schwinden beS Fremdheitsgefühls und GhettobewußtftinS ist die charakteristische Erscheinung aller großen' , Assimilationsperioden; während ab« die Assimilation M be«! früheren. Perioden ihre Wirkung jewellig nur auf bestimmte Gebiete erstreckte, ist die der letzten eineinhalb Jahrhunderte prinzipiell und in allen Ländern auf eine völlige Eingliederung der Juden in die StaatSgemeinschaften angelegt.- Die Derhältaisse in den einzelnen Ländern fir# tit dieser Hinsicht nur graduell und zeitlich verschieden, in der Tendenz 'aber gleich. DaS Streben nach der modernen europäischen Kultur ist in der jüdischen Wesensart tief begründet, weil die Jdeala und Ideen, welche in dem geistigen Prozeß, der schließlich auch die Emanzipation herbeiführte, eiire so^ große Nolle spielten, den Juden wie ein Steg ihrer eigenen Ideale/ für die sie so lange gelitten hatten, . Vorkommen * mußte. Die Hauptwirkung der Emanzipation und! Assimilation erblickt Böhm mit Recht in den Aenderungeit beS inneren Wesens der Inden, in d« Z«störung ihrer nationalen Sonderheit, in der Herstellung der engsten Kultur^ U7ld SchicksalSgemeinschaft mit ihrer Umgebung. Die charakteristischeste Versallsersch?inung in der iirneren Zersetzung > deS JudenMmS ist feine Wandlung in eine „ltonfessiv.i". Allerdings gab es immer Hemmungen, welche sich :e. Assimilation in den Weg stellten; die moralisch.', soziale und politische AttSnnhmsstel'.ung der Inden, ii'rfchemiüigen, die von den As-imilanten selbst tiicht ri'.hlig gedeutet ivurden Und aus die erst der Zimli-mus durch s,-ine Austchnttug gegen die innere Zersetzung die A-rtwort fand. To ist der .sioniSmils zwar ei:, <ii;i£> s-iner H•'»*.’ aber :i r\ :r: , idee doch ura't. Taj; der -.ü-ui.-urne neljt eine »o! lil'.r.i/, lo sc Idee darstc.ilt, joiweru. ans. denl Leben, des jüdisch'!! -do. eS