Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 636 (31.10.1920)
- Date
- 1920-10-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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» Seite f " - ■ , V5\tn. Sonntag ttiTTe sind mit einer To großen Plötzlichkeit eingetreten, | -aß dis durch die bösen Wirkungen der Kriegsbeil an der. vollen Aktivität und verständigungsmöglichleit ges hinderte zionistische Weltorganisation ihnen nicht nachkommen konnte. Noch immer fehlt ein detaillierter Aufhauplan und die großen Mittel siir die Inangriffnahme der notwendigen öffentlichen Arbeiten und für ausgedehnten .Vodenkauf sind noch nicht.vorhanden. In einer solchen Situation», in der alle Kräfte für düs eine Ziel eingesetzt werdeir müssen, tritt der Partei-, lag der österreichischen Zionisten zusammen. Es gilt nunmehr, unsere noch immer nicht ans der Höhe stehende Organisation auszubauen mch, in ihr ein schlagkräftiges und arbeitsfähiges - Instrument zu erhalten. Der Anhang unserer Bewegung ist-ln den letzten Jahren an Zahl sehr beträchtlich gewachsen, ohne daß es bisher gelungen wäre, alle diese Kräfte organisatorisch zusammenzufassen. Gerade weil wir nicht in einem starken Parteidogma das Höchste erblicken, sondern einem lebendigen. jüdischen.Leben in allen seinen volkhasten Aeußerun^ gen zum Durchbruch zu verhelfen haben, gerade darum bedürfen wir einer Organisation pon höchster Geschlossenheit. In. erster Reihe wird der Parteitag über die. Aufbringung. der. für . den Aufbausonds nötigen Summen zu beschließen haben. Die Arbeit für den »Keren Hajessod" duldet keinen Aufschub und sie muß planmäßig und großzügig betrieben werden und sich darum, aus eine entsprechende Organisation stützen. Zahlreiche Hilfskräfte, müssen heran in den Dienst der guten, Sache. und es gilt, den Gedanken jedem Inden öinzu-' hämmern, daß es hier nicht um Almosen und Spenden geht, sondern um freudig geleistete Opfer für das Höchste unseres Volkes. Ebenso wird das Wiener , Palästina-Amt .. der zionistischen Organisation -entsprechend nuszugestalten sein, um seine wichtigen Aufgaben restlos erfüllen zu können, und ihm ist ja bestimmt, ein Zentrum der Palästina-Wanderung zu wer-, den. VIober der Arbeit für Palästina, welche nicht nur im zionistischen Nahmen zu leisten sein wird, zu welcher vielmehr auch die gesamte Judenschast" herangezogen Eden Muß. darf jedoch auch daS sogenannte zionistische Gegcnwartsprogramm nicht vernachlässigt werden. Palästina und die Galuth werden stets eine lebendige Einheit bilden'und ebenso wird nur ein innerlich starkes, geistig und sittlich auf der Höhe stehendes, nackensteifes und feine politischen und sozialen Rechte währendes Judentum der Galuth das neue Erez Israel aufzubauen vermögen. Aus dieser Erkenntnis erwächst für uns eine Fülle von. Ausgaben. Das zionistische Judentum in Oesterreich /hat aufdem Gebiete volkserzieherischer und kultureller Arbeit manches Gute geleistet. Jüdische Schulen und Lehrkurse sind gegründet Wörden, gewerbliche Institutionen geschaffen und mit der VerufSumschichtuNg der Heranwachsenden Jugend begonnen worden. Aber all das sind nur Anfänge und das begonnene Werk wird bedeutend'ausgebaut werden müssen, wö^u die entsprechende Propaganda und Mitwirkung weiterer Kreise notwendig sind. Mit dem notwendigen Ausbau der Organisation hängt auch zusammen, daß unsere Propaganda bedeutend verstärkt und auf neue Grundlagen gestellt werden mich. Die zionistische Propaganda. die immer nn weitesten Sinne zu verstehen ist, bedeutet nicht eine mit Schlagworten arbeitende Bearbeitimg von Stimmvieh. Sie bedeutet vielmehr eine planvolle Erziehung für den jüdischen Volksgedanken, für die Idee der jüdischen Wiedergeburt, sie ist nichts anderes als jüdische Volkserziehung, keine Propaganda für eine Partei, sondern für eine ewige Idee. Wir werden mehr als bisher ins Volk hinausgeben müssen wir, werden die Erziehung der Jugend beeinflussen oder in die Hand nehmen müssen und jene eben Heranwachsende Generation heranznziehen haben, welche heute, zer-, splittert und vielfach uneins mit sich und ihrem Volke, vergebens nach dem inneren Gleichgewicht ringt. Eine planmäßige Volkserziehrmg im weitestc.l Sinne bildet keineswegs die letzte unserer Ausgaben., Ebensosehr tut unserem Volke die politische Erziehung ® not. Gerade der AuSgäng der letzten Wahlen in die Nationalversammlung hat gezeigt, was auf diesem Gebiete zu leisten und was hier versäumt worden ist. Die dielen Tausende jüdischer Wähler, welche, ohne aus das sozialdemokratische Programm eingeschworen zu sein, dem einen Schlagwort von der Pogromgesahr gedankenlos gehorchend, für die Sozialdemokraten gestimmt haben, weil sie das jüdische Mandat gewissermaßen ohne jüdische Stimmen für selbstverständlich gesichert hielten', sind ein lebendiger Beweis für die Notwendigkeir einer starkenpolitischen Organisierung der jüdischen Massen.. Der-Kampf um daS jüdfche. Recht ist nicht, nur unumgänglich nötig, erenthält auch moralische Werte von Volks-, erzieherischer Bedeutung, ans die wir nie und nimmer Verzichten können und wollen. Es wird die Aufgabe des Parteitages sein, in diesem Sinne schlüssig zu wer- , den und das für die politische Arbeit nötige Vollzugsorgan . zu schaffen, welchem die politische Arbeit übertragen werden soll. Unser Porteitag hat eine Reihe von wichtigen Fragen zn> lösen. Auch der österreichische Ziouismus ist mit den, so gründlich geänderten Verhältnissen in eine neue Aera getreten und die Zeit erfordert völlige Hingabe und Ovfcrwilligkeit. Der Geist, der über unserer heutigen Tagung, waltet, und die von ihr zir fassenden Beschlüsse müssen , des Augenblicks würdig sein und ihre, belebends Wirkung üben auf.die jüdischen Masim, die wir heute zur Mithilfe-rmd Mitarbeit am Werke eines heimatlosen Volles rufen, das nunmehr darangeht, sich aus eigener Kraft und vor den Augen Wiener Morgenzeitung SI. Oktober 1920 Nr. m der ganzen Menschheit fein Heim m mühevoller und friedlicher Arbeit wiederzuerobern. 1. VerhandlmrgsLag. Geste n abends begann der Parteitag der österre'chpcheu-?ionistksch.'u Organisation im Festsaale des GcN'Hrbevereins. seine Dera'innen. Im Namen der abtvcie >den Le'tnng e^rfrjete S'.antsba'Mat S t r i ck e r die Tagung. Por.Eingehen in hie Tagesordnung gedachte er bcä> verstorbenen Mitgliedes der Leitung Adolf Stand. „Ich lann es. mir", sagte der Redner, „vor diesem Forum ersparen, seine Verdienste aufzuzählen. Ueber einen Mann, der von Beginn, der Bewegung an großes geleistet, der Arbeit stets freudig auf sich nahm und den letzten Nest seiner Kraft noch in den Dienst unserer Sache gestellt hat, brauchen wir hier nicht lange zu .sprechen. Die Unvergeßlich feit ist in diesem Falls kein lee.es Wort." — Der Parteitag finde MM Umständen statt,- die ihm den Charakter eines .Wernepunk es in unse er Arbeit geben. Die Beschlüsse von. San Nemo haben das Wesen der zionistischen Partei gründlich geändert.-. . .... f.; Der Weg nach Palästina ist rmS frelgegebe«, wir haben nicht mehr für die Anerkennung des Zi-snis-. mus zu kämpfen, nicht mehr um den freien Weg, wir haben jetzt dafürzu sorgen, daß das. Juden tum seine Pflicht erfü lte. Wie groß ^>iese Umwandlung war, konnten, wir bei der Londoner Konferenz sehen, wo das Gefühl der Bangigkeit vor der Größe der Aufgabe keinen Enthusiasmus aufkommen ließ. Redner bespricht die Londoner Konferenz und fahrt fort: Zwei- Aufgaben hat in erster Reihe diese Tagung zu erfüllen: Pä l ä st i n a das zu geben, was es braucht, Me n sich em und Mittel und unsere ganze Kraft muß hierauf konzentriert werden. Wir müssen uns hier schlüssig werden und eine Organisation schaffen, die imstande ist, Mittel sür Palästina atiszubringen und die Menschen zu liefern. Er weist auf den Palästina- Auf bau fand s hin, für den die energische Arbeit ein setzen müsse. Dieser Fonds dürfe nicht den Charakter . einer Sammlung tragen, er muß aus den Opfern der Juden, in erster Reihe der Zionisten» gegründet werden. / {\ , ...» - -\ :;! . Unsere Opfer allein geben uns Ms Legitimation von anderen Opfer zu fordern. Das ganze Augenmerk muß auf die Regelung der Auswanderung nach^Palästina gerichtet werben und Wien als dem HauplknöDnpimkt fällt dabei besondere Bedeutung' zu, st. daß unsere Institutionen z e n kr a l e n C h a ra k te r' tragen. Wien kann dieses ganze Werk der Regelung der Emigration nicht allein leisten. Trotzdem aber wird der größte Teil der Verantwortung der Wiener Organisation zufallen und wir müssen beschließen, was zu geschehen hat, um daS Wiener Palästina-Amt, das eine ungeheure Aufgabe hat, entsprechend' auszugcstalten. Unter den übrigen -Fragen) die'den Parteitag zu beschäftigen haben, bespricht Redner die Kn l türfrage und drückt die - Erwartung aus,'-daß diese Tagung in ihrer Stellung- - nähme zu d'eser Frage sich nicht den Standpunkt der amerikanischen Zionisten zu eigen machen werde, welcher ■ Ui der ßonbditec Leitung zu viel Verständnis finde, was sich in dem . Budget für Palästinä ausdrücke. Auch in der Frage des wirtschaftlichen Aufbaues Palästinas, wo''der für Privatinitiative eintretenden ■ Richtung die ie-t Gedank-cn der Gemeinwirtschaft - verfechtende Richtung grgrnüberstehe, werde der Parteitag Stellung nehmen müssen. Alle Mittel, die daS jüdische Volk als solches.liefere, müssen der Förderung der Gemernrvirtschast in Palästina dienern 'Einen weiteren Punkt der Beratungen bildet die Ausgestaltung der Landesarbeit, einer Arbeit, die eng mit der 'zionistischen Tätigkeit Zusammenhänge. Diese Einheit zeige sich, in der Frage der Be ruf sumschichtüng, im Schulwerk und in der polittschen Arbeit. Auch hie Londoner Konferenz sei zu dem Schlussgekommen. daß diese Arbeit unbedingt von den ^bnistrn geleistet weichen Muß. Rur ein starkes,-für feine Recht«, kämpfendes' Judentum kann ein starkes Palästina schaffen. Wir'müssen nur unsere Kräfte entsprechend verteilen, daß die Arbeit für Palästina keinen Schaden erleide. v Mit der Aufforderung, alle diese Fragen objektiv und sachlich zu diskutreren, schloß der ab tretende Prä? sident des Zionistischen Landeskonrite.es unter [türmi* schem Beifall seine Eröffnungsrede. D ie hierauf vargr nommene Wahl des BureauS ergab bas folgende Resultat: Präsident — Negierungsrat R. Taussig; Vizepräsidenten -— Dr. Desider ÄFr ie d m a n n, Ing. Richard Berg er, Innsbruck, Dr. Israel Waldnranu; Schriftführer (deutsch) — Dr. Heinrich 5kiwe, Paul Stein, Linz,-Erwin Pisk a t y, L n;,leb rät - che - Sch rill füh er — Mo ses Rath: Sch'.islfü rer für Jivbi,ch: Löbl Taubes. Regierungsrat Taussig übernimmt den Vorsitz und h-egrsißt als Gäste Oberrabbiner Dr. CH aje's, ' den Abgeordneten des polnischen Sejm Dr. O- T h on,! das Mitglied de§ Aktionskomitees Dr. Leon Reich und die Vertretung des Misrachi-Wien. (Stürmischer Beifall.) — Die Ing n' g uppen beantragen, der Parteij tag mö^e die Chatuzim in Palästina, die jüdische Legion und ihren Gründer Jabot in sky begrüßen, waS per Aklta a ion angenommen wird. Hierauf folgte die Wahl -des Legitimation?- NNÄ deS Permanenzausschnsies, worauf Dri L. Reich mD Abg-eordneter Dr. Thon mit größtem Beifall auf-, genommene Begrüßungsansprachen hiel'eu. g- Die Beratungen finden heute um 9 Uhr früh ihre- Fortsetzung. , ■ ■ . - Politische^rundschaust Die SteÜuna der Mandatsmachte Völkerbundrat. h Von nuferem Londoner Korrespondenten. Die besondere Stellung der Mandatsnräch'te Völkerbundrat bildet noch immer den Gegenstand diplomaiischsr Pourparlers zwischen den einzelnen. Entente-!' Mächten. Selbst bezüglich der Verteilung, der Mandat« sür die unter Mandats schütz zu stellenden Gebiete herrscht noch lange kein vöiliges Einvernehmen. Die franzö< fische Regierung verständigte den^Völkerbundrat, daß /sis-. hinsichtlich der Mandate der Klasse A. welche > füv Me sopo tamien und Palästina. Großb'rikan«j nien und für Syrien und den Libanon Franks reich mit dem Mandat., betraut, mit den' übrigen' alliierten Mächten übereinstimme. Hingegen könne ftöj eine solche ZustimmangSerklärung bezüglich .der,Ge^ bietsklassen B und C, also des ehemaligen deutschem- Besitzes nvÄ..nicht abnehen. Der Bundesrat beschloß) Frankreich '^""^'-^.vwrE^er hoffe, daß die artiierteit*. Mächte auch ^^^ichs der Klassen B und C baldig^ zu einer Einigung' gelangen werden, weil sonst den Bnndesrat darüber schlüssig werden müßte, ob nichL Paragraph 8 des Artikels XXII des Statuts in.Än» Wendung zu kommen habe. Dieser Paragraph lautetr „Das Ausmaß der Machtbefugnisse der Kontrolle-oder der Verwaltung, welche durch die Mandatsmacht auKgeübt werden soll, wird nach vorheriger Zustimmung der Mitglieder des Völkerbundes in jedem einzelnen/ Falle durch den Vundesrat ausdrücklich umschrieben,^ Bezüglich der permanenten Mandatskommission wurden die folgenden Punkte zur Diskussion geste.M: T. Jede Mandatsmacht entsendet einen Vertreter, kn die Kommission. Die Majorität der KommissionA-. Mitglieder muß aus Vertretern von Mächten bestehen, die kein Mandat aüsüben. Vertreter einer Mandats? macht dürfen sich an der Abstimmung Wer Fragen, welche sich auf das Mandat ihrer Macht beziehen, nicht beteiligen. 1 - : 4 4. Jedes Kommissionsmitglied hat -bas/ WW zwei technische Poträte mitzubringen'. Der Bundesrat richtete an die Alliierten chiB- Frage, ob sie ihre Zustimmung dazu g.'ben, daß' das! Mandat Über Armenien in der Vollversammlung in Beratung gezogen werde. Diese Frage ist dadurch dringlich, aber auch kompliziert geworden, daß Armenien um die Ausnahme in den Völkerbund an gesucht hat.- Sollt« sich irgendeine kleinere Macht bereit erklären^ da.s Mandat über Armenien zu Wernehmen, so'schlägt der Bundesrat vor, daß zur Finanzienmg dieses Unters nehmens ein vom Völkerbund garantierter internatW naler Kredit gewährleistet werde. Eine Konferenz Sokolows wit TaÄF; Ioneson. i-y^v Wahrend der Anwesenheit Take I o n e S e n s Paris trat daS „Komitee der jüdischen Delegationen'' durch Vermittlung seines Präsidenten Nahum S o k o* low mit ihm in Unterhandlungen. Bei diesen wurde unter anderem die Lage der Juden berührt, welche ander Ukraine geflüchtet sind und von der rumänischen Regierung keine Ausenihaltsbewilligung auf rumän^ schem Territorium erhalten haben. Sokolow wieS den " rumänischen Minister des!. Aeutzern auch aus die Tatsache hin, daß eine große Zahl.' von Juden aus Transylvanien 'und der Bukowina auägewiesen werden. Take Jonescu antwortete, or sei für diese Mitteilungen dem „Komitee der jüdischen De» legationen" sehr dankbar, da er biMer/ keine Kenntnis davon gehabt habet er. halte sie vielleicht'-siV^^xrt'ttsekE^ Sinne für übertriebä. Er druckte Sokolow die S y m». pothien seiner Negierung sür dieJuden aus nn^ gab dem. „Komitee der jüdischen Delegationen" die Per/ sicherung, er werde seinen ganzen politischen Einfluß aufbieten, um eine Wiederholung dieser. Vorfällefp* fern sie aus Richtigkeit beruhen — zu verhindern. / Zum Schluß , gab der Minister dem Wunsche,2fu$r druck, daß gegenwärtig, wo Rumänien vor einer A nleihe stehe, die jüdische Hochfinanz einsehen möge, daß die rumänische Regierung es mit ihren Synipathien für dje Juden ernst meint-, daher möge man. ihr dom.Erfolg der Anleihe erleichtern, — Die jüdische Hochs'manz. ist nicht das jüdische Volk, das diese A.rtMr Notabelnpolitik in der Seele verabscheut. DaS' Schicksal jüdischer Menschen ist nicht ein Gegenstand...um den zu Anleihezwecken geschachert werden darf. .Es liegt.im Interesse der rumänischen Nation, den Juden ihr Recht nicht zu verkünnnern,. und es wäre^der rünlapri scheu Nation ebenso unwürdigwie der jüdischen, wenn das Finanzbedürfnis des Landes zu einer Erprefsüngbenüht laerden würde.