Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 635 (30.10.1920)
- Date
- 1920-10-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien, Samstag ü1*, 1 ~ ...— -.- i PoMische^rwdschau. Die Geheimnisie von Crewe House. Von unserem Londoner Berichterstatter. f Wohl keines der Kriegsbücher, ob sie während des Krieges oder als sensationelle Enthüllungen nach dem Kriege auf den Büchermarkt gekommen sind, hat solchen reißenden Absatz gefunden, wie da? bei Hodder and Etoughton erschienene Buch Sir Campbell Stuarts „Secrets of Crewe House", welches nach wenigen Wochen soeben in zweiter Auflage heraustzekommen ist. Der V?r asser Campbell Stuart ist einer derjenigen, die im Aufträge Northclifses die Aufgabe hatten, während des Krieges in den feindlichen Ländern, das heißt in Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Bulgarien und der Türkei, die Spionage und gleichzeitig die Zersetzungsarbeit sowohl bei den Truppen als auch bei den Nationalitäten zu leiten. Der Titel des Buches stammt daher, daß Northcliffe sein umfangreiches Bureau im Februar 1918 in dem Palais des Marquis of Crewe unterbrachte und von dort aus die gan.e Ak ion persönlich leitete. Wie ein spannender Detektivroman liest" sich dieses Buch und einen ganz besonders tiefen Eindruck muß eS in den Lände n der Besiegen Hervorrufen, die erst aus dieser mit Dokumenten untz Faksimiliert. belegten Geschichte der Propaganda in den feindlichen Ländern erfahren, mit welcher geradezu schauerlichen Genauigkeit Northcliffe gearbeitet hat, wie genau er über alle Vorgänge unterrichtet'war und wie leicht ihm und seinen Agenten die Arbeit ganz besonders in der österreichisch-ungarischen Monarchie gemacht wurde'. In dem Palais Crewe war, wie man nun erfährt, ein von der Regierung unabhängig arbeitendes, eigenes Auslandsdepartement der englischen Regierung tätig, in welchem für jedes Endliche Land eine eigene Abteilung errichtet war. In der österreichisch-ungarischen Abteilung waren für Oesterreich Herr H. Wickham Steed und für Ungan k)r. R. W. Seton-Watson die Leiter der Propaganda. Steed eignete sich für dieses Geschäft außerordentlich, denn er war ein Jahrzehnt lang Korrespondent der „Times" in Wien und die Geheimnisse des krewe House belehren uns darüber, daß Mr. Steed während seiner Korrespondententatigkeit in Wien nicht »ur trockene Berichte verfaßte, sondern schon damals die hohen gesellschaftlichen Beziehungen in den maßgebendsten österreichischen Kreisen zur Spionage für sein Vaterland benützt hatte. Ebenso glücklich für die Entente war die Wahl Seton-Watsons als Leiter der. ungarischen Propaganda-Ab.eilung, denn Seton-Watson ist identisch mit S c o t u s V i a t o r, der wegen seiner schon vor dem Kriege veröffentlichten Aufsätze über die Unterdrückung der ungarländischen Nationalitäten durch die Magya en sich einen Weltruf, in Ungarn aber den glühendsten Haß aller ungarischen Regierungen erworben hat. ‘ Campbell Stuart erzählt nun, daß Northcliffe die Parole ausgegeben hatte, die Zersetzungsarbeit -or allem in Oe st erreich- Ungarn zübezinnen und forderte seine zwei Fachmänner für die Monarchie auf, diesbezüglich einen ausführlichen Plan vorzulegen. Auf Grund dieser Pläne unterbreitete Northcliffe dem eng ischen Auswärtigen Amte im Jahre 1918 den Vorschlag, die Nationalitäten des Donaureiches in ihren Unab hängig keitsbestrebungen in jeder Beziehung zu unterstützen und sie dahin zu bringen, der Armeeleitung den Gehorsam zu verweigern und auf solche Weife die Einheit und Schlagsertigkeit der österreichisch-ungarischen Armee zu untergraben.! Wir erfahren min, daß diese Minierarbcit nur bei den Südslawen aus ernstere Schwierigkeiten stieß, die unter Berufung auf den Londoner Geheimvertraz vom Jahre 1915 der Entente anfangs wenig Vertrauen entgegenbrachten. Dann kam im April 1918 der von Steed und Scvtus Viator zustande gebrachte Kongreß in Rom, auf welchem es gelang, die Bedenken der Süds.'awen wegen der Eroberungspolitik Italiens bis auf weiteres zu zerstreuen. Nun war die Bahn frei für eine schärfere Arbeit gegen Oeste reich-Ungarn. Lord Northcliffe machte tem Slaatssek.e.är des Auswärtigen, Balfour, diesbezüglich' zwei Vorschläge. Der eine ging dahin, dem österreichisch-ungarischen Monarchen gegen dessen Verpflichtung, einen Sonderfrieden zu schließen, die Jn te grjtät Oesterreichs und Ungarns bei gleichzeitiger Zusicherung der N i ch tc i n rn i s ch u n g in die österretchilch-unga.i'chen innrer: Verhältnisse seitens der Entente zu garantieren. Der zweite Vorschlag hatte zum Ziele die Vernichtung der Monarchie durch materielle und moralische Unterstützung der deutschfeindlichen Nalionatitälen. Lo.d Northcliffe gab hiebei seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß es schließlich zur Befolgung des zweiten Vorschlages werde kommen. Müssen.! Da Balfour auf die Vorschläge Northclifses ausweichend antwortete, begann das Departement von Crewe aus auf eigene Faust mit der Arbeit. Der Sitz der Agi aiions eutrale wurde nach Nomzerlegt. Eine Wochensch.ift in tschechischer, polnische, südslawischer und rumänischer Sprache wurde neben einer Um.ahl von Flugblättern und Sck'.mälncliri'ten aea'n die Deutschen und das Herrscherhaus verte'lt. In Poesie und Prosa wurde ter ra 'o-a'e Patr'o i mMder ein einen Mllerschäften an^.u-ufen. Wie gut die Propaganda ge- Wiener Morgenzeitrm 80. Oktober 19Zt0 'Nr. 635 enmnmter laiuk auswärtigen Kurs. Erklärungen im Reichstag. Berlin, 29. Oktober. Das HcmS schreitet zur Fortsetzung der Beratung des Etats. Reichsminister für auswärtige Angelegenheiten Dr. Simons toeubet sich zunächst gegen die Po litt» der Deutjch nationalen, wobei er erklärt, baß er in der Taktik aus anderem Boden stehe als diese. Der Wille Deutschlands zur Wiedergutmachung fei vorhanden. Redner kommt sodann aus die Beziehungen zu de» auswärtigen Mächte« zu sprechen und erklärt, daß Deutschland diese, gerne verbessern möchte. . Umso erfreuliches fet es, daß England jetzt ebenfalls einen AnnäherungSschrttt getan habe, indem eS von der Beschlagnahme deutschen PrrvatkapitalS Abstand genommen habe. Mit Italien seien Verhandlungen in ähnlichem Sinnp geführt worden, die zur Freigabe von 260 Millionen Mark geführt hätten, desgleichen mit Japan. Die Verhandlungen mit dem letzteren Staate hätten sich noch nicht günstig entwickelt, ebensowenig wie die mit Belgien. Gegen dieGenser Konferenz habe sich in Frankreich großer Widerspruch erhoben, der eine Auseinandersetzung mit England zur Folge, gehabt habe. Deutschland stehe auf dem Standpunkt, baß di« Genfer Konferenz. abgehakten werden müsse und daß dre Ententemächte im Abkommen von Spa die Abhaltung dieser Konferenz zugesagt hätten. Bezüglich der Brüssel« rKonferenz erklärt Redner, daß sie zwar keine praktischen Erfolge gebracht habe, baß aber der Boden für e: ne Verständigung geschaffen worden sei, was ziemlich viel bedeute. Uchcr die Frage des Völkerbundes äußert sich Redner dahin, Deutschland werde nicht um Aufnahme in r den Völkerbund betteln, aber wenn es aufgefordert werden sollte, einzutreten, so würde es dies tun. Der Minister bespricht sodann die Belastungen durch den Friedensvertrag und weist .darauf hin, daß gerade Frankreich die grüßten Vorteile von dem Friedensvertrag habe. Er wendet sich hierauf gegen die Anschuldigungen der Deutschnationalen, daß er und der Gesandte tit Paris, Mayer, sich würdelos gegenüber Frankreich benommen hätten, und wirft den Deutschnationalen vor, daß sie es seren, die den Redner immer wieder zwingen, sich wegru der von den - Deutschnationalsn verhetzten Leute bei Frankreich zu entschuldigen. Was Belgien anlange, so werbe die Frage von Eupen und Ma'unedy noch lange ein Hindernis für engere Beziehungen sein. Er hoffe auf einen allmählichen Ausgleich. Mit I t a l i e n haben sich die Verhältiilsse rascher gebessert. Auch mit Italien gibt eS einen Zankapfel: Südtirol. Hinsichtlich Süütirols haben für die deutsche Regierung niemals irgendwelche politische Erwägungen eine Rolle gespielt, sondern sie verfolgte nur eine Politik moralischer! Unterstützung. Auch Jugoslawien gegenüber haben wir einen wunden Punkt, das ist Kärnten. Wir werden stets versuchen, mit Jugoslawien, mit.welchem uns dre Donau vereinigt, gute Beziehungen aufrechtzuerhalten. Äehnlich verhält eS sich mit der T s ch e ch o - S l v w a ke t. Ein Hrndernis.ist dabei die Angelegenheit des Hult s'ch in er Ländchens. Von der Tschecho-Slowakei trennt uns auch der Umstand, baß der deutschen Bevölkerung nicht die Freiheit gegeben worden ist, di« der Friedensvertrag allen Minderheiten gegeben här. Aber auch hier führen nnS die gemeinsamen Landesgrenzcn und gemeinsamen Wasserweg« zusammen. Jedenfalls sind unsere Beziehungen normaler Art. Deutschland will mit der Tschecho-Slowaket in gutem Einvernehmen leben. Redner kommt sodann auf Polen zu sprechen und bedauert, daß alle Verhandlungen mit Polen so geringe Erfolge haben. Er betont, daß Danzig deutsch sei und deutsch bleiben werde, und schildert die gräßliche Lage der Deutschen im Korridor. Er bespricht sodann den Gang der Verhandlungen mit den Polen in Paris und Warschau, die zu einer Regelung der Eisenbahnfrage im Korridor führen sollen, und erklärt» auch die Frage der Regelung des Wasser» und Luftverkehrs müsse erledigt -liverden. Die, Regelung der allgemeinen Wirtschaftspxlitischen Fragen mit Polen bereite Deutschland ebenfalls große Schwierigkeiten. Redner wendet sich nunmehr der Besprechung der oberschlesischen Frage zu und erklärt, daß es verkehrt wäre, aus Oberschiefien einen selbständigen Staat zu machen, da dieser bald ein Spielball aller Mächte sein würde. Deshalb werde es daS beste fein, Oberschlesien eine Verfasiung zu geben, die den Zusammenhang mit Deutschland gewährleistet. WaS Litauen anlangt, so drohe der Funke, der infolge der Besetzung Wilnas durch die Polen unter der Asche glimmt, jeden Augenblick zur K r i e g S f l a m m e zu werden. Falls ein derartiger Krieg ausbrechen sollte, könne Deutschland nur neutral bleiben und werde eS auch sicherlich sein. Redner kommt sodann auf Rußland zu sprechen und führt auS: Deutschland erkenne die Sowjetregierung nach wie vor an, verhalte sich aber im übrigen abwartend. Ebenso verhalte eS sich zu Wrangel und den anderen selbständigen russischen Negierungen abwartend, verfolge aber deren Bestrebungen mit großer Aufmerksamkeit. Mit China sind Verhandlungen wirtsch">ftlich-politscher Art i eingeleitet. Auch mit Japan ist die Wiederherstellung gut** | Beziehungen in fortschrertender Entwicklung. arbeitet hat, bewies bald die große Zahl der Fahnenflüchtigen und Ileberläufer, unter denen sich sowohl Off'zie.e aller G.adr all auch Mannschaften befanden. Die Meuteren unter den Nationalltätenttuppen Mhrten sich von Tag zu Tag. Als die Juni-Offensive im Jahre 1918 gegen Italien losging, führte' ein tschechischer Kompagniekommandant seine ganze Kompagnie den "Italienern zu. Tschechen Überfielen österreichisch-ungarische Truppen, welche die Piave überschritten hatten, im Rücken und vernichteten fast die ganze Munition, welche für den Nachschub bestimmt war. Der Zusammenbruch der butga.ii'chrn Armee, welche in Oesterreich-Ungarn lange ein Geheimnis blieb, wurde durch die Flugschriften der Propagandakommission in den Reihen der österreichiich.ungariscl-en Armee sofort bekannt und man darf Sir Campbell S'uart ohuew.eiters glauben, wenn er. behauvtet, daß dieser Propaganda- und Informationsdienst, dem auch ungarische Kontingente erlegen sind, die Katastrophe dex Zentralmächte beschleunigt habe. V'el schwieriger, aber mit desto größerer Zähigkeit wurde in der Abteilung für De u t s ch la nd, mit dessen Leitung H. G. Wells betraut wurde, gearbeitet. Der Vrr'asser behauptet, daß auch in den Reihen der deutschen Truupen der Propaganda- und Informativ ns'ienst, le,onters der letz.ere, die erhoffte Wirkung erzielt habe. - . Die Geheimnisse von Crewe House enthüllen neuerlich aldir Blößey und die Schwächen der alten Mona chic, welche früher ober später zur Katastrophe hätten führen müssen. Sie sind aber auch eine furchtbare Anklage gegen, al dieienigrn, die beei Krieg herausbeschworen und in ihrer Kürzlich, igkeit nicht früher beenden wollten, als bis si: Lord. Northcliffe vom Crcive House. aus zu Boten gestreckt hatte. Lord Northcliffe und seine Gehilfen hatten Oesterreich-Ungarn besser ve.stanbe l a's die Po i ikor, welche die Verantwortung für die Geschicke der Hatsüurger-Mona chie zu tragen hatten. Deshalb konnte Lord Northcliffe sp leichten Spiels die Mi na chie uuterwühlen, während Oesterreich heule höchstens gegen seine alten Führer wüten sann. 1 Die Westilkrmnische Prcßagontur meldet: Radiotrlcgiaunne berialeu aus Warschau und Moskau über 1 die Ratifizierung des polmjch-russtjchcu Prät'müuacfriedend von Riga. Wie bekannt, haben die Polen in diesem Friedensvertrag fölgende Grenzlinien im Osten erreicht: Zbrucz—Nowno—Sarny—Luniniec—Bamnowiczi, die Grenze der Bezirke Wilna—Disna bis Lettland. Infolgedessen kamen an Polen 162.000"Quadratkilometer Boden mit 10,049.000 Bevölkerung. Davon entfallen auf Ukrainer 7,213.000 (72 Prozent), Juden 1,349.000 (13 Prozent). Polen 1,098.000 (11 Prozent). Deutsche 218.000 (2 Prozent). Russen 193.000 (2 Prozent), andere Nationalitäten 63.000. Das Mandat über Palüstina. In einer Versammlung der Vertreter der Londoner Synagogen sprach Professor Dr.Weitzmann über die nächsten Al'fgaben der zionistischen Exekutive, in bezug auf den Wiederaufbau Palästinas. Bezüglich des Mandates-sagte er, es bestehe berechtigte Hoffnung, daß das ' Mandat folgende Punkte enthalten werde: 1. Die Bei stät'lgung der San Nemo-Entfcheidnng. 2. Eine Der- '> psNchtilng der britischen Negierung, diese mit allen ad- ■ ministrativen Mitteln zu verwirklichen. 3. Die Schassring I einer Repräsentanz der palästinerrsifchen Verwaltung, be-! stehend auS Vertretern der zionistischen und anderen jüdischen Organisationen. Antisemitische Ärawalle im polnischen Neich-tag. Warschau, 29. Oktober. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Am Schlüsse der gestrige« S'jmsitzung kam es zu ein r scharsen Auscinauderst'tzung zwischen dem brrüchtigten Pater Lutvslawski und dem Abgevrd- > neten Rabbiner Halpern. Lutoslawski hatte in der i Rede zur Verfassung behauptet, die jüdische Religion verpflichte ihre Bekenner, die Christen zu verachtrn. Ihm! antwortete sehr scharf Abgeordneter Halpern, worauf ' Lutoslawski seine blöde Behauptung wiederholte. Es I enifhutb g.r vßer L n rm und ein heftiger W>.rtw-.chsel , zwischen den anlisemt!i»chen und jüdischen Aogeordneteu. j Als eilt bäuerlicher Abgeordneter den Jubctt mit Gcwalt-; Anwendung drohte, ent,cgncte ihm Ag'ordue erGrü n- ' bäum: „Verinch-'n Sic es nur!" Die S'/.'ne, die ans de Oi'fs nUichkeit ei tat sehr sch cch.rn Eindruck iuai;le, c>a::e.te tiingre Zeit.