Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 632 (27.10.1920)
- Date
- 1920-10-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr 632 Mnrmsty Der BergarbetterstreiK in England. Paris. 26. Oktober. (Wolff.) Wie der Korrespondent des .Matin" aus London meldet, scheint es, daß eine Verständigung zwischen den Bergarbeitern und der Regierung zußandegekommen sei. Die Bergarbeiter seien geneigt, die Lohn- «Höhung von zwei Schilling anzunehmen, wenn auch unter zewissen Bedingungen. Die Lohnerhöhung soll rückwirkend ab t. Oktober erfolgen. Berlin, 26. Oktober. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung' meldet auS London: Nach dm Verhandlungen mit der Nezierung am Montag haben, den Meldungen der Londoner Abendblätter zufolge, Hodge und Smillis wieder Hoffnung, die Verhandlungen zu einem guten Ende zu bringen; sie goufcen jedoch, der Streik werde auch in: günstigsten Fall nicht vor einer Woche beendGt sein können, well nach Übereinstimmender Ansicht eine neuerliche Abstimmung unter den Bergarbeitern jtattfinden soll. London, 26. Oktober. (Reuter.) In: Verlauf der Debatte ober den Gesetzentwurf, betreffend die Ausnaihmsbestimrnun. gen, erklärte Donar Law, dse Bestimmungen würden Anwendung finden, wenn die Interessen des Vaterlandes gefährdet waren. Der Münster zollte der Haltung der Berzkeute seit Ausbruch des Streiks Lob. In Erwiderung 'auf die Ausführungen des Slbgeordneten Thomas erklärte Lloyd-George, die Negierung beabsichtige nicht, gegenüber den Eisenbahnern Vollmachten zu verlangen, die den Abgeordneten Thomas ^beunruhigen konnten. Der Premierminister fügte hinzu, wenn die Eisenbahner Sonntag den Ausstand erklärt hatten,' würden sie die Nation gefährdet haben. Schließlich wurde der Gesetzentwurf nach Ablehnung der Vertagungs-Resolution m zweiter Lesung angenommen. Die Lage in Zrland. London, 23. Oktober. (Reuter.) Nach Meldungen aus Irland hat die Nachricht vom Tode des Bürgermeisters von Cork im ganzen Lande große Erregung hervorgerufen Fn Dublin traf die Nachricht in dem Augenblicke ein, als in der Amtswohnung des Lordmahors eine Hausdurchsuchung vorgenommen wurde. In Cork haben tausende Dewckhner schwarze Armbinden angelegt. Ir, Belfast kam es zu Unruhen. Die Londoner Polizei hat Ansammlungen in der Umgebung deS Brixton Gefängnisses verboten. Amsterdam, 26. Oktober. (Reuter.) In der irischen Grafschaft ^Lligo überfielen zehn bewaffnete Männer eine polizeigruppe von acht Mann. Ein Sergeant und zwei Polizisten wurden erschossen, drei Polizisten verwundet. Der Hrmgerftrerk in Cork. Paris, 26. Oktober. (Wolff.) Nach einer Londoner Meldung des „Matin" befinden sich im Gefängnis von Cork noch neun Sinnfeiner, die seit 76 Tagen hungern.. Außer dem Bürgermeister von Cork sei gestern noch ein rüderer Hungerstreikender namens Murphy gestorben. Aus dsw Prager Parlament. Prag, 26. Oktober. Die Abgeordnetenkammer trat heule nach den Sommerferien zusammen. Ministerpräsident Cerny verlas die Regierungserklärung, in der er die im ständigen Ausschuß gemachten Darlegungen wiederholte und vor allem durch die für die Staatsangestellten in Aussicht genommenen materiellen Besserstellungen ergänzt. Darnach wird die Regierung rückwirkend vom 1. September den Staatsangestellten eine neue monatliche Teuerungszulage auszahlen und außerdem für die Bekleidungsaktion als unverzinsliche Anleihe allmählich in diesem und im nächsten Jahre den unüberschreitbaren Betrag von 800 Millionen Kronen widmen. Die Negierung will auch Vorsorge treffen, daß die Durchrechnung der gesamten Dienstzeit auf Grund der Zeitvorrückung ab 1. Jänner 1921 tatsächlich durchgefühct wird. Bezüglich der V e r s o r gu n g s f r a g e erklärt der Ministerpräsident, daß die Situation gegen die früheren Jahre sich weir g ü n st i g e r darstelle. Zur Hebung der Bautätigkeit weche das in Neubauten investierte Kapital in bedeutendem Maße für eine bestimmte Zeit von den Steuerlasten ausgenommen, worüber dem Hause ein Gesetzentwurf zugehen werde. Das Haus beschloß sodann, über die Erklärung des Ministerpräsidenten in dev ersten Novembersitzung die Debatte zu eröffnen. «Wir Wollen einen starken Kaiser wieder haben!" Berlin, 26. Oktober. Gestern wurde in Hannover der zweite Parteitag der Deutschnationalen Volkspartei eröffnet. Der gewesene Stäatsminister H e r g e t wandte sich gegen die Sozialdemokratie und die Deutsche Volkspartei Und erklärte: Für uns ist der O r d n u n g sstaat das Ziel. Von Preußen aus wollen wir das Reich erobern. Gemeinsam mit Bayern wollen wir den Ordnungsstaat machen. Zum Schlüsse gab Herget sein Bekenntnis zur Monarchie ab, das lautet: „Wir wollen einen starken Kaiser wieder haben." Demonstrationen der Erwachenden An -k. Budapest, 25. Oktober. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Die Gebietsschutzliga und der Verein der Erwachenden Ungarn veranstalteten hier Versammlungen. um gegen die Ratifizierung des Fnebensverträges Stellung zu nehmen. Es wurde eine Protesi- Take Aoneseus „kleine Entente". Eine Versicherungsgesellschaft für dir Friedens- Verträge. Paris, 26. Oktober. (Havas.) Irr dem Vorhag, den Take Jouescu in Gegenwart des Universitätsrektors, des gewesenen Präsidenten Pomearee und zahlreicher anderer Persönlichkeiten an der Sorbonne hielt, führte er aus, die kleine Entente, die östliche Vorhut der großen Entente, werde, fünf Staaten von der Ostsee bis zum Mittelmeer eng verbinden. Sie sei gegen die Besiegten errichtet, handle aber zu ihrem Vorteil. - (?) Bei den Besiegten, sagte Redner, wird M stets extreme Elemente geben, die ihre Regierungen aufhetzen werden, Torheiten zu begehen. Indem wir uns gegen die Besiegten derbüuden, arbeiten wir also für sie. Die kleine Entente verfolgt also den Zweck, fünf siegreiche Nationen in einem Dcfensibbündms zu vereinigen, damit die Schwierigkeiten zwischen ihnen sich abschwächen und der Feind nicht durch Intrigen das durchsetzen könne, ivas er durch Waffengewalt nicht durchzusetzen vermocht hat. Eine Konföderation oder eine Zolluuiou ist ausgeschlossen. Es handelt sich um etwas Bescheideneres, um einen kleinen Bund von Nationen in dem großen Völkerbund. Es handelt sich uw ein Defensiv- Übereinkommen, um den Frieden auf der Grundlage der Verträge anfrechtzuerhalten. Damit gehen Hand in Hand eine Gleichmäßigkeit der militärischen Organisation zum Zwecke der Sicherstellung und der Geist der Kameradschaft in den diplomütischen Beziehungen, der cs verhindern soll, daß ein Kabinett hinter dem Nucken des anderen eine abweichende Politik betreibe. Eine tschechische Nttmme gegen Polens Eintritt m die kleine Entente. Prag. 26. Oktober. (Preß-Zentral?.) schreibt: Wenn fetzt zu. viel über ein eventuelles Eintreten Polens in die kleine Entente gesprochen wird, so muß gesagt werden, daß eS nicht in den Intentionen der lleinen Entente liegt, die Drude des Rigaer Friedens und seine eventuellen Folgen auf sich zu nehmen. Wir wissen, daß Polen nach dem Mißerfolge der Baltischen Konföderation sehr viel daran liegt, gegen Rußläüd und Deutschland einen großen Block der Staaten als Stütze zu haben, und daß Polen sehr gerne jetzt in die kleine Entente emtreten würde. Diese Wendung der polnischen Politik muß uns kalt lassen. Mit Polen sind gutnachbarliche Verhältnisse sehr wohl möglich, aber em B ü n d n i s mit ihm wäre v e t* verblich. entschließung gefaßt. Nach der Versammlung demonstrierten größere Gruppen der Versammlungsteilnehmer vor den Entente Missionen. Ruhestörungen sind nicht vorgekommen. Aus der? .tzorthy-Bsrsammlrmg. Budapest, 26. Oktober. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Präsiden!: Ra kovszky teilt mit, daß das Komitat Csanad den Antrag unterbreitete, den Grafen Michael Karo ly i und den Präsidenten des Nationalrats Johann Heck in Anklage zu stand zu versetzen. Der Präsident teilt weiters mit, daß der Landesverteidigungsminister in der morgigen Sitzung die Interpellation des Abgeordneten Ruppert in der Angelegenheit Landau beantworten werde. Budapest, 26. Oktober. (Privat.) In der heutigen Sitzung interpellierte Abgeordneter Georg Ba lv g h wegen der wüsten Vorgänge der Weißgardisten an der Budapester Universität. Unterrichtsminister Haller hatte die Unverfrorenheit, die wüsten Exzesse zu verteidigen. Während feiner Rede kam die Nachricht, daß heute wieder jüdische Studenten von den Horthh-Terwristen verprügelt und aus der Universität mit G'wcrlt vertrieben wurden. Tagesbericht. Zum Zionistischen Parteitag. Von einem Teil drr Zionistischen Brzirksseklionen (Ortsgruppen, akademischen Korporationen), ist bisher die Einsendung der W a h l p r o t o k o l l c mit der Liste der Wahlberechtigten sowie die Berrrchnnng von Schekel und Parteisteurm nicht erfolgt Es wird bekanntgegeben, daß längstens bis morgen mittags' zugewartet werden kann. Später einlangende Anmeldungen werden nicht berücksichtigt werden können. Das Zionistische Landrskomitee für Oesterreich. Freiheit der Forschung nnd lästige Ausländer Gestern mittags hat die Inauguration des neuen Rektors der Wiener Universität, Professor Dr. Alfons Dop sch, stattgefttndLn. SchwindS Nachfolger führte aus: „Es luirb in meinem Rcktoratsjahr?. mein heißes Bestreben sein, den g r o ß en Traditio uenmei n er Vorgänger an der Wiener Universität zu folgen. Ich werde daS eigene Recht der Universität und ihr Recht auf Selbstverwaltung auch weiterhin verteidigen und jeden Angriff ans unser Selbstbestimmungsrecht, von welcher Seite immer er kommen i;tv gc, auf das nachdrücklichste znrückweisen." Hierauf erging sich der neue Rektor in Klagen über die traurige Lage der Wissenschaft, der Forschungsinstitute und dr.r akademischen Lehrcr und fuhr fort: m. Mkover Im Mie> . ... "*i „Ich richte daher ernste Worte der Mah-. nung an die Leiter des Staates und erinnert» fiej an die ernste Verantwortung, die sie der ganzen Volks^ gemein schuft gegenüber durch eine weitere Duldung! des Niederganges der geistigen Arbeit in1; Oesterreich auf sich nehmen. Forschung und Lehre müssen aber auch frei sein. Frei von allen -TaLes^' Meinungen und Strömungen; sie können auch nichts in das politische Programm der jeweiligen Parteien eingeschnürt werden. Diese Freiheit der Lehre! werden wir gleichfalls unter allen Umständen zu ver^ Leidigen haben. Wie wenig Voraussetzungslos diesem Wissenschaft der Herren Professoren ist, die durch restloses Durchhaltertum den traurigen Zustand, der^ sie nun bejammern, weidlich herbeiführen halsen upd an jeden hochroten Hosenstreisen das Ehrendoktoraij, heften bemüht waren, geht aus den folgenden ÄuSfüh-,?. rungen des neuen Rektors hervor, der durch diese feine^ Erklärung sich offenbar als Schtvindssi getreuen Nachts folger deklarieren möchte: Die Universität leidet heute., unter einem höchst bedenklichen Zustrom von^ Ausländern, deren Überschwemmung wir einzuv dämmen trachten müssen. V Höchst bedenklicher Zustrom von Ausländern Freiheit der auf Deutschösterreicher reglementierten Wissenschaft, dir Herren Professoren.haben ganz merkwürdige Auffassungen von freier Forschung, wie man' sieht! . . /t Daß aber die pathetische Berufung auf die vor jeden! Eingriff zu behütende Hochfchulautonomie nicht, mehr ist als ein nackter reaktionärer Schwindel, be-,. weifen die Praktiken, welche die Universitätskanzlei,, wo der bekannte Herr Bl um aller amtet, ungescheut . betreibt und die darauf hinauslanfen, den behördlichen . Verordnungen ein Schnippchen zu schlagen, was man) dann eben „Autonomie" zu nennen beliebt. Nach dM Praktizier uttg des Numerus clausus für AuslandD,^ die trotz Herrn Glöckels Erlaß geübt wird, geschiMi7 nunmehr folgendes: Ausländischen Medizinern, 8h vörs der Promotion stehen, wird die Unterschrift des folgenden Reverses üb gepreßt: „Jnde^ich heute biai. Promotion zum Doktor der gesämtendHEuMe an!.i der Wiener Urliversität erlangen und das Diplom?>&= ■ rüber erhalten, werde, erkläre ich hiedurch, mit Bezie-^'' hung auf den UnterrichtSministerial-Erlaß. voM 28. April 1912, Zahl 8840, daß ich die Praxis auUj im Falle der nachträglichen ErweröunZf der deutschösterreichischen Staatsbürgersich oft im deutschösterreichischen Staatsgebiet. nsrht!' ausüben werde. Urkund dessen meine eigenhändige'! Unterschrift." ' ' Hier wird also.durch eine ungesetzliche Einfügung/ ein Rechtsbruch schlimmster Art an jener Stätte be-' gangen, welche die oberste Hüterin des RechtsgeisteÄ zu sein berufen ist. Es wird immer dringlicher, dems. Treiben dieser Universitätskanzlei einen Megel vorzn»^ schieben! Der Rektor aber sollte sich nicht allzu lauti auf die ruhmreichen Traditionen der Diener Alnra^ mater berufen; er fordert zu Vergleichen heraus, die! im Interesse des Ansehens der Universität besser mtfc*« blieben! : i ,;, : Die Geschichte einer Thvrarolle. Die Geschichte der Thorarolle, die wir hier zählen, hat den traurigen Vorzug, wahr zu sein und! zeigt, wie selbst heiliges Gut zum Objekt gewissenloser^ Ausbeutung wird: In einer vornehmen jüdischen Famitte, die im Krieg von Wohlhabenheit zu Armut karn^. und in Wien das traurige Äs jüdischer Flüchtlinge! leiden mußte, befand sich ein Stück heiligster Tradif^ tion, eine Thorarolle, auf Hirschfell in künstlerischer i Schrift geschrieben. Als den von Not Verfolgten noch die.') Abschaffung drohte und kein Geld im Hause war, brachte^ ein Mitglied der Familie, ein bekannter jüdischer Schriftsteller, die Thorarolle zu einem jener jüdischen Buch-, Händler, welche auch Gelegenheitsgeschafte mit Heiligtümern nicht verschmähen. Dieser nützte die Notlage^ seiner Mitnrenschen aus und verkaufte das kostbare i Stück um einen lächerlich geringen Betrag,' welcher! mit seinem' wirklichen Wert in krassem Widerspruchs steht an zwei Reflektanten. Diese hatten nun nicht ^die Absicht, aus der Thorarvlle jüdische Weisheit Zu! schöpfen, sondern sie durch Vermittlung des gefälligen^ Zwischenhändlers mit Gewinn weiterzüverkaufen. Als nun die Familie, in deren Besitz sich, die Thorarollei befunden hatte, davon erfuhrwollte sie den Verkauf, rückgängig machen. Der Schriftsteller appellierte an'- das jüdische Gewissen der Käufer, jedoch vergebens.' Vor ein Rabbinergericht zitiert, erklärten, sich die ge^ schäftstüchtigen Händler bereit, die Thorarolle gegÄr Erlag des Geldes an den ursprünglichen Besitzer zurückzustellen, verweigerten jedoch nach einigen Tagen, olS ihnen das Geld gebracht wurde, die Rückgabe und ver-. langten eine Entschädigung für den ihnen entgangenen Gewinn. Rach langen Verhandlungen ließen sich die T h o r a s ch i e b e r zu einem Vergleich herbei, laut wclchem sie und der ihnen gefällige Vermittler " bestimmten Betrag an den früheren Besitzer zu zahlen sich verpflichteten, wenn derselbe schriftlich erkläre, auf' seine Ansprüche auf das Verkaufsobjekt zu verzichten. Diese schriftliche Erklärung wurde dem Manne heransgelockt, der Betrag jedoch nur zum Teil an ihn ans^ gefolgt. Nun steht der Mann, welcher an seinem kostbaren Schatze mit ganzer Seele hängt, überlistet und' jedes rechtlichen Anspruches bar da. Freunde des Schriftstellers, der so um einen ihm heiligen Besitz gebracht wurde, wollen ihm das Geld zur Persüguu^