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Wiener Morgenzeitung · 1920-10-27 · Heft 632 (27.10.1920) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 632 (27.10.1920)
Date
1920-10-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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menr Men. Mittwoch jtjuctit u.achrn und sehen fröhlichen Ge:uüieZ die Reaktion > Vrünrn. Alles, waS nicht sozialistisch im Parteisinn ist,! betrachten sie als Privateigentum jener Partei, der sie isetzt das Feld ranmen. Und da der Staat nicht sozialistisch Jft und es nickt werden konnte, so lassen sie alle Sorge!für Wähler und Staat sollen. Die Reaktion findet freie Bahn. Das ist die Parole, mit der die Sozialdemokratie setzt ihre Wähler, auch und vornehmlich ihre jüdischen Wähler, verabschiedet. ME-ch RUNdschML. Reue DeKl^rtn-nerr Litauens mit VeZusi auf die rationale Autonomie der Juden. Paris, 21. Oktober. Anläßlich der Pariser Anwesenheit der Dolegat-ion, des litauischen SejmS, bestehend aus den Herren: Pfarrer I. StaugaitiS, Vizepräsident des Sejms (Vertreter der christlich-demokratischr« Fraktion), Doktor H0. Soloweitschi k, Minister für jüdische Angelegenheiten, M. Slezevicius (Vertreter der dolkssozialistischen Fraktwn), Prof. B. Czepinskis (Vertreter der sozialdemokratischen Fraktion), hat das Komitee der jüdischen Delegationen die Herren zu einer gemeinsamen Besprechung und zugleich zur Begrüßung de? litauischen Staates, als desjenigen, welcher die jüdische VollLerechtigung zu verwirklichen beabsichtige, eingoladen. . Die Besprechung fand am 20. Oktober 1920 statt und ronrde durch eim Begrüßung des Vorsitzenden des Komitees der jüdischen Delegationen eingeleitet, der die Sympathien des Komitees der jüdischen Delegationen für den Staat, der die Pariser Deklaration vom 5. August 1919 unterschrieben hat, ausdruckte. Der Vorsitzende der litauischen Delegation dankte im Namen des litauischen Sejms dem Komitee und gab die Versicherung, daß die jüdriche Vollberechtigung in Litauen verwirklicht werden und daß es eine jüdische Frage in Litauen nicht geben wird. Daraufhin berichtete das Mitglied des Komitees der Jüdischen Delegationen und Präsident des Jüdischen National. ratS in Litauen, S. Rosenbaum, daß er soeben zwei offizielle Erklärungen mit Bezug auf die Pariser Deklaration vom 5. August 1919 erhalten habe, und zwar eine vom litauischen Minister des Aeutzern, Dr. Purickis. eine aru dsre von den in der litauischen Delegation beteiligten Führern der drei größten litauischen Parteien. Die beiden Briefe bringen den Willen der Regierung und der Sejmfraktionen zum Ausdruck, die Prinzipien der Pariser Deklaration in der in Ausarbeitung begriffenen litauischen Konstitution zu verwirLichen. In der darauffolgenden Aussprache wurde zum Ausdruck gebracht, daß die Gewährung der jüdischen Bollberechtigung und der Autonomie in Litauen,, welche ohne Druck und aus eigener Initiative der litauischen Staatsmänner erfolgt sei, einen Markstein in der Geschichte beider Völker bilde. Es sei ein historisches Verdienst der Führer des litauischen Volkes, daß sie es rechtzeitig verstanden haben, daß freundschaftliche Beziehungen zwischen dem MajoritütSvolk und dem Minoritätsvolk nur in dem Falle gesichert sind, wenn jedem Volke die Möglichkeit völliger nationaler Entwicklung gewährleistet wnLe. Die litauischen Vertreter erklärten, daß in Litauen Zwischen Juden und Litauern immer die besten Beziehungen bestanden haben, und daß die Deklarationen und rechtlichen Formulierungen nichts anderes als ein Ausdruck dieser Beziehungen seien. Sie versicherten, daß sie im Sejm die Sanktionierung der in Paris zugesagten Rechte vertreten werden. Die gegenseitige Aussprache ließ keinen Zweifel mehr aufkommen, daß Litauen die Minderheitsrechte in der Tat durchführen werde. Andererseits wurde klar zum Ausdruck gebracht, daß die Zusicherung der jüdischen Vollberechiigung und deren Verwirklichung dem litauischen Volke die Sympathien und Unterstützung der gesamten Judenheit sichern kann. Dcr Tod des KSnigs von Griechenland. i-iönig Alexander von Griechenland ist am Montag im 28. ßeöctt§ia^r gestorben. Die Umstände seines Todes sind sehr in Dunkel gehüllt. Zuerst war die Rede von einem Ueberfall durch einen tollen Affen, dann von einem venizelistischen Akteni a t. Die politische Bedeutung dieses Todesfalls ist sehr groß. Griechenland befindet sich seit feinem Eintritt" i» t ic eu o-äifche Politik, also seit 1912, in ununterbrochenen Krisen und die Entwicklung dieses Staates ist eine der stürmischesten, die man überaupt kennt. Nur zögernd folgte die Dynastie der von den Inselgriechen 2'nter Fürung DenizeloS inaugurierten nationalistischen Expansion und schon der Großvater des - jetzt verstorbenen Königs, Georg I., mußte sein Widerstreben tzecen die Pläne des kretensischen Staatsmannes, dem rnan weiten Blick nachrühmen kann, mit dem Tode bezahlen. Konstantin, der ihm auf den Thron folgte, wurde von Venizelos, der die Schwächen der Zentralstaaten im Krieg von allen Anfang an erkannt hatte, ins Schweizer Exil vertrieben. Sein Sohn Alexander betrat unmittelbar nach der operettenhasten Internierung der Dramadivision in Görlitz den Thron, blieb vber ziemlich im Hintergrund der Bühne, auf der Venizelos als Alleinherrscher agierte. Die Propaganda des geflüchteten Königs Konstantin im Verein mit der mehr als tristen finanziellen Lage des von Großgrundbesitzern ausgebeuteten Landes und den ins Große strebenden militärischen Anstrengungen der ßüegiecun haben aber einen schnell inneren Druck erheugt und. die Annahme, daß irgendein .Parteigänger 2ji ptn MAß hm Grtedens- ALStVKg ratMziersrr. L o n d o n, 26. Oktober. (Reuter.) Die Botfchuftsrkonferenz hat- Uir§avn endgültig ersucht, den Friedensbertras bis zunr 18. Movembsr M ratrftzievsn. -- ' S!s Hanseln die Entente. Budapest, 26. Oktober. Der Umstand, .baß der Minister des Aeußern bei der Unterüreitung-"der Vorlage über die Ratifizierung des Friedensvertrages nicht!)ie dringliche Behairdlung des Gegenstandes vorgechlagen hatte, wurde in parlamentarischen Aversen lebhaft erörtert. ' > .. f . Bon eingeweihter Seite erhält der „Pestrr Lloyd" hierüber folgende Mitteilung: Die Entente hat wiederholt bei der ungarischen Regierung augefragt, wann' die Nationalversammlung den Friedensvertrag zu ratifizieren gedenke. Die hierauf erteilte Antwort war durchaus nicht so gefaßt, daß sie bei der Entente den Eindruck hätte erwecken können, als wende die Regierung in dieser Angelegenheit ein taktisches Hinausschiebrn an. Trotzdem ging der Regierung in der zweiten Hälfte des Oktober die entschiedene Aufforderung der Entrnte zu, den Vertrag bis zum 1'. November zu ratifizieren. Die Regierung ist bestrebt, den Termin «inzuhalten, doch kann sie hiefür keine Verantwortung übernehmen. Für die Unterfertigung des Friedensvertrages trägt die Regierung die Verantwortung. Die Ratifizierung des Friedensvertrages aber ist Sache der Nationalversammlung, und das Recht, den Entwurf und mit ihm den Vertrag ein'r eingehenden Beratung zu unterziehen, kann ihr nicht abgesprochen werden. des Venizelos den König weg geräumt hat, um der Oppo- (itiou den Zentralpunkt zu nehmen, hat viel für sich. Jedenfalls kommt das Balkanproblem wieder in den Vordergrund. Griechenland hat ftch binnen eines Menfchenalters von der Adria bis zum Schwarzen Meer ausgedehnt, seine Truppen halten das Gebiet von Amyrna besetzt und Heben vor Koustantinovel. jetzt drohen ihm neue Wirren. Der neue griechische Regent. Athen, 26. Oktober. (Havas.) Das ausgeloste Parlament wird unvcrzüglich zur Wahl eines Regenten einberufcn werden. Die Wabl des Admirals Konduriotis scheint gesichert zu sein. Die Wahlen zur Nationalversammlung werde« um eine Woche verschoben. ' Vor einem Staatsstreich in Ungarn? Das Pariser „Echo de Paris" meldet, baß in Ungar» die Gefahr eines neuen Staatsstreichs bestehe. Die Bewegung soll angeblich von demokratischer und fortschrittlicher Seite ausgehen. Zu den Schwierigkeiten der Negierung Horthy komme noch hinzu, daß die amerikanische Finanzunterstützung, die den gänzlichen wirtschaftlichen Zusammenbruch Ungarns aufhalten sollte, ausgeblieben ist. Die Opposition sei dadurch sehr stark geworden. —' Man hat derartige Ankündigungen schon so oft vernommen, daß Skepsis sehr am Platz ist. Es ist aber möglich, daß in dieser Meldung einem Staatsstreich Horthys präludiert wird, der so ziemlich mit seiner Weisheit am Ende ist. Es bann sich aber auch um einen Hilferuf an die französischen Kapitalisten handeln, etwas weniger knauserig zu sein und den ungarischen Mördern mehr Geld zu schicken. Die Juden scheinen schon ausgepumpt zu sein. Freundschaftliche Annäherung zwischen Ungarn und Rumänien. Das Budapests christlichnationale Oraan „Ui Nemzedek" meldet: Delanntlick haben >ick seinerzeit mit den abziebenden rumänischen Truppen zahlreiche bL^s che w iki sche Agitatoren auf das Gebiet Siebenbürgens und Altrumäniens geflüchtet und von dort ihre Minierarbeit gegen die Festigung der Verhältnisse in Ungarn fortgesetzt. Wie uns aus Bukarest gemeldet wird, hat die ungarische Negierung bei der rumänischen Regierung Schritte unternommen, damit letztere diele Emiaranten an Unaarn ausliefere. Dieses wäre —.so schließt das Blatt die bezeichnende Meldung — das erste Dokument der freundschaftlichen Annäherung beider Länder. Die Sukzessionsstaaten wissen es also klar und deutlich, auf welche Weise sie sich die Freundschaft Ungarns erwerben können. Aus -er Slowakei. Prag, 26. Oktober. (Prehzentrale.) Das „Prager Tagblatt" meldet aus Preßburg, daß tue Nachricht deS „Wiener Montagblattes" über Unruhen tu btt Slowake; unbegründet ist. Preßburg, 26. Oktober. (Preßzentrale.) „Slovak", da? Organ der slowenischen Bollsparter, deren Führer Abgeordneter Hlinka ist, wendet sich schärf gegen du neu gegründete slowakische christlich soziale Partei und schreibt, daß diese Partei nur der Horthy-Politik dient, um das slowakische Volk dem magyarischen Süommaubo untcu-juoebnen. Um das slowakische Volk zu verblenden, hat diese Parier m ihren Exetntivausschuß zu 10 Magyaren und Deuis.heu auch 20 slowakische Maanaronen oenoiiulltur. vi. r"• , Nr, 632 Sttlattd. Der irmerpoUtische Zirkus. Gestern sind die chrisMchsozialrn Parteiführer aus best Landern hier oingetvoffen und haben die Beratungen üb« die durch die Wckhlen und den Austritt der Sozialdemokoateq ans dem Proporzkabiuott geschaffene neue politische Lage i» Angriff genommen. Die Erörterung erstreckt sich vor allem auf die Festlegung des künftige« AktionSprm gramms und die Sicherung einer verläßlichen und tragfähigen Mehrheit, die sich verpflichten würde, -dieses Pro« grcvmm durchzuft'chren. Die ChriMchsozialen, «IS größte Partei des Hauses, haben die Hauptlast der Verantwortung für die Führung der Parlamentsgeschäfte zu übernehmen, sind aber bemüßigt, da ihnen fünf Mandate auf di<» einfache M e h r h e i t im Nationalrat fehlen, nach Bundesgenossen Umschau zu halten. Der Beschluß de-r Sozial d e m o 11 ate « schließt jede Kooperation mit dieser Gruppe wenigstens vorläufig aus, er bleibt also nur die Möglichkeit offen, mit den Großdeutschen in Verbindung zu tretenauS deren Lager wohl vereinzelte koalitiansfeindliche Stimmen laut werden, die aber offiziell erst heute zur Entscheidung gelangen werden. Die Tatsache, daß Dr. Roller und Dr. Pesta vorläufig i-m> Proparzkabinett verblieben sind, wird dcchin gedeutet, daß die Großdeutschen geneigt sei« werden, in eine Arbeitsgemeinschaft einzutreten. An eine formelle Koalition wäre aber unter keinen Umstanden zu denken. Gelingt diese Kombination, die vorläufig im Vordergrund der Diskustion steht, so würde em Beamtenkabinett mit pavlamentcrrischen Einschlag gewählt werden, daS jene Gesetze zu vertreten hätte, die von der Arbeitsgemeinschaft beschlosien werden. Bezüglich aller anderen Devatungsgegenstmrde würden sich die Großdeuffchen fvsie Hand Vorbehalten. Die Personenfrage dürfte im dieser Woche noch nicht zur Losung gelangen. Man spricht davon, daß die Ländervertreter den Abgeordneten Fink zum Bundespräsidenten Vorschlägen werden, und daß Dr. Mahr der Kandidat für daS Bundeskanzleramt fein wird, während die Präsidentschaft im Nationalrat dem Abgeordnete-' Dr. WeiSkirchner zufallen wird. Gesandter Hartman« zurÄckgetreten. Wien, 26. Oktober. (Tel. Korr.-Bur.)' Der außerordentliche Gesandte mid bevollmächtigte Minister tn Berlin Professor Dr. Hartmann hat dem Staatssekretär Dr. Mayr als Leiter des Staatsakte,; für Aeußeres das Ansuchen um Enthebung von der Stelle eines! Gesandten fot Berlin übermittelt. Beschlagnahmte Waffen. Innsbruck, 26. Oktober. Die „Bolkszeitung^ meldet: Gestern wurde eür auS Bayern eingelangter Waggon mit Waffen mrb Munition über Einschreiten des sozialdemokratischen Abgeordneten E'rtl und der Arbeiter der Südbahnwerkstätte beschlagnahmt und ins Waffendepot der Staats-, wehr überführt. Der Inhalt des Waggons war, wie die ,Ml!Szeitnng" mitteilt, als Umzugsgut deklariert. Das Blatt verlangt da? energischeste Einschreiten der StaatSregrerung. Telegramme. Jüdische Arbeiter in Frankreich. Paris. 24. Oktober. (Iewish Cor-. Bur.) Die Exekutive der jüdischen Welthilfszentrale hat eine Konferenz der Vertreter sämtlicher jüdischer Bevölkerungsschichten von Paris einberufen, um über die Möglichkeiten der Arbeitsbeschaffung für die jüdischen Emigranten, die in Frankreich stecken bleiben, und deren Zahl sich gegenwärtig auf 15.000 beläuft, zu beraten. Auf Initiative der Exekutive wurde beschlossen, eine Organisation zu schaffen, die den Emigranten jüdische Hilfe erteilen und Gelegenheit sowie auch die Bedingungen für eine kulturelle Existenz zu beschaffen hätte. Die Exekutive beabsichtigt ferner auch, in Belgien, Elsaß und m den Norddedartenients Frankreichs ähnliche Organisationen zu schaffen. Konferenz der jüdischen Kooperativen in B^tzarabien. Kischinew, 20. Oktober. (Iewish Corr. Bur.) Die Leitung des Verbandes der jüdichen Produktionsgenossenschaften hat sämtliche jüdische Kooperativen Beßarabiens zu einer außerordentlichen Konferenz einberufen, um die wirtschaftliche Umschichtung der beß. arabischen Inden nach einheitlichen Grundsätzen und mit! Hilfe einer zentralen Organisation durchzuführcn. Bessernna der Lage in Italien. Derln 26. Oktober. Die „Vossische Zeitung" meldet aus Mailand vom 25. b. M-: Heute morgens fand in Rom ein von Giolitti präsidierter Ministerrat statt, in welchem die innere Lage einer genauen Prüfung unterzogen und als infolge der strengen Regieriingsrnaßnahmen der letzten Tage gebessert bezeichnet wurde. Ueber die bevorstehenden ' italiensich j'.'goslawisch-.'u Verhandlin'.gen berichiete Graf Sforza in optimistischem S'n-ie, indem er dein Vertrauen aus die ver-- söhnlichen Absichten der Beiarader Regierung Aufdruck gab.

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