Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 631 (26.10.1920)
- Date
- 1920-10-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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/SRtn, Vleasmg' lc Ausgaben der österreichischen Indenschast nach den ’ Zur Erörterung btt politischen Lage, welche, für )Ht Juden Oesterreichs durch den Wahlausgang! ge- Khaffen wurde, hatte das Zionistische Landeskomitee ßUr Oesterreich eine Versammlung ins Komödienhaus, leinberufen. D'r. Schalit eröffnet die Versammlung mit dem Hinweis darauf, baß den Juden Oesterreichs, die sechs Prozent der Bevölkerung ausmachen, elf bis zwölf Mandate gebühren, däß sie aber durch die uirdemokratisch; Durchführung des an sich demokratischen Proportionalwahlrechtes in Oesterreich selbst bei einheitlicher LM höchstens vier Mandate haben könnten. Nun sind sie vhne Vertretung. Die Wahlen haben einen starken Ruck nach rechts, gebracht. Die Sozialdemokraten steuern auf Neuwahlen .los, bei denen sie besser ab zu? schneiden hoffen, und die zu gewärtigende christlich soziale Regierung müßte die Aufgabe haben, Oesterreich das Vertrauen des Auslandes, das die Christlichsozialen durch Verleumdungen über ^angeblichen Bolschewismus, der in Oesterreich herrscht, untergraben hätten, tviederzugewinnen. Dies kann -allerdings nicht durch' Völkerverhetzung, sondern nur durch Völkerversöhnung geschehen. Für diese, für die restlose Verwirklichung des Völkerbundes, haben wir Juden unsere Stimme zu erheben. Und außer der großen Aufgabe der Wiedererrichtung unseres nationalen Heims in Palästina haben wir österreichischen Juden heute die schwere Aufgabe, nnS gegen die kü mm enden Ereignisse, die uns mit Besorgnis erfüllen, z u rüsten. Wer wird uns gegen das antisemitische Parlament, die antisemitische Regierung und die antisemitische Verwaltung schützen, fetzt, da die Wiener Juden (nicht eine Partei) ihre Per- - tvetung verloren haben? Nur eine Einheitsfront des starken, selbstbewußten und produktiven Judentums, die der antisemitischen Einheitsfront entgegengesetzt wird. Staats bahnrat Stricker, stürmisch begrüßt, führte aus: Schon die Tatsache, daß die Wahlniederlage der Zionisten bei den Gegnern nicht den in solchen Fällen üblichen Jubel, sondern vielfach sogar Unmut ausgelöst hat. beweist, daß unsere Arbeit nicht Parteiarbeit ist, sondern Arbeit für das ganze jüdische Volk ohne Unterschied der Parteigruppierung. Wir stellen uns in den Dienst der jüdischen Sache in Oesterreich Nicht.um politischer und wirtschaftlicher Machtpositionen willen, wie die sogenannten „großen - Parteien", und arbeiten nicht für eine Partei, sondern für die Juden.. Diese Erkenntnis ist den Juden Oesterreichs erst nach de« Wahlen aüfgegangen und nun empfinden sie den Verlust der parlamentarischen Vertretung nicht als Verlust der zionistischen' Partei, sondern als Verlust der österreichischsn Judenschaft. Daß das Mandat verloren wurde, dafür sind die Gründe nicht bloß im Wahlgesetz zu suchen, das uns trotz des Stimmenzu»- wachses des Mandats beraubte, auch nicht darin,, daß etwa die Judenschaft Oesterreichs mit der Tätigkeit der Jüdischnationalen in den öffentlichen VertretungS- Rrpern urizufrieden waren, auch nicht bloß darin, daß tS Nicht die Gelder von Banken und Großkapibalisten Für einen in amerikanischem Stile gehaltenen Wahlkamvf zur Verfügung standen wie anderen Parteien, sondern der Grund fiir den Verlust des Mandats liegt darin, daß bi« jüdische Wählerschaft Oesterreichs Nicht genügend reif ist in ihren, politischen Denken' und sich durch die hohlsten Schlägworte hat gewinnen lassen. Non den etwa 120.000 jüdischen Wählern Oesterreichs haben mindestens jÖQ.000 sozialdemokratisch gewählt und das nur deshalb, weil die Sozialdemokraten erklärten :?,Merru wir nicht gewählt werden, gibt es Pogrome." Hätten die Juden jüdisch gewählt, btt Schutz vor Potzvomen wäre mindestens gleich stark mit 62 sozialistischen und 8 jüdischen Mandaten, statt, wie jetzt, mit '65 Sozialdemokraten! Angesichts dieses Zeichens politischer Unreife braucht die Judenschaft Oesterreichs eine starkeOrganisation, um sie vor politischen Dummheiten zu bewahren. An unsere Stelle ist niemand zum Schutze der Juden getreten und wir müssen und werden unsere Arbeit genau so weiterführen wie bisher. Wohl fehlt dem jüdischen Volke in Oesterreich heute die Tribüne, von der aus es sprechen kann; aber wenn die Juden politisch erzogen werden, werden sie nicht mehr ein« Masse bilden, die jedem Schlagwort zum Opfer fällt. Wir glauben, daß gerade nach dieser Wahl diese Arbeit der politischen Erziehung größeres Verständnis in der österreichischen Judenschaft finden wird. Und dieses Verständnis wird leider auch durch äußere Einflüsse gefördert werden. Der neue Univörsitatserlaß über den Numerus clausus für Ausländer (lies Juden) beweist es. Jetzt wird auch die Frage der jüdischen Kriegsflüchtlinge besonders aktuell; das Eintreten für sie wurde uns von gegnerischer Seite vor den Wahlen so ansgelegt, daß wir dadurch die Interessen der bodenständigen Inden schädigen. Das hat uns aber nicht abgehalten und wird uns nicht abhalten, weiter für die jüdischen Kriegsflüchtlinge einzutreten. Denn für uns ist die Solidarität des jüdischen Volkes daS Um und Auf. Uns obliegt weiter die Arbeit für die Flüchtlinge, jetzt allerdings unter erschwerten Verhältnissen. Die Gesellschaft von der Art der Jerzabek, Kunschak und Konsorten wird mit aller Macht die Öffentlich Kit von ihrer eigenen politischen Unfähigkeit ablenken wollen, fe UM Ml den Luden- und Llücbtlinaspunkt Wiener MorgdnzeVtmis_ An unsere j>. t. Abonnenten! Oesterreichksches Postfparkaffenkronto. 150.693. Tschecho-slowakischeS Postsparkassenkonto 150.693. Zahlstelle für Polen: Wiener Lombard- und Gskomptebank, Keükem Pyne? 12: Zahlstelle für Ingoslamiy«: AZer KiZicky, banfc« ein,, Ofijek I„ Gajev trg brvj 11, Am 1. November beginnt ein neues' Abonnement auf die „Wiener Morgenzeitung". ' . Wir ersuchen, die Erneuerung rechtzeitig vorzunehmen, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. ' Erlagscheine gehen unseren Abonnenten in diesen Tagen zu. Abonnementpreife: Für Wie« (zum Abholen' in den Trafiken oder mit Postzusendung) .Är, 30.— pro SNonat Mit Postznseridung : Für die österreichische Provinz. Kr. 30.— „ „ Für die Tschecho-Slowakei . . . KL. 13.— „ Für Jugoslawien ..Dinar 6.— „ „ Für Pole«.pol«. Mark 30.— „ „ Für Rumänien.Lei 10.— ,, „ Für Deutschland . . . . . . . Mark 10.— „ „ Für das übrige ^Ausland .... Kr. 45.— „ „ In Deutschland abonniert man die »Wiener Morgenzeitung" bei dem Zeitungsvertciebsbmeau H a m e w a f f e r, Berlin C 54, Rosenthalerstraße 43. Die Verwaltung der „Wiener Morgenzeitnng". hirtlenkt. Und dabei können, sie sich, dank den Machinationen und Deputationen der Österreichisch- Israelitischen Union und ihres Fleischer darauf berufen, daß ein Teil der .österreichischen Judenschaft diese Politik gutheißt. Trotz dieser durchaus nicht rosigen Situation können wir hoffen, das Aergste abzuwenden; unsere Partei wird den Willen und die Kraft aufbringen, gegen diese Barbarei aufzutreten. Wir wollen aber auch in unserer Arbeit unentwegt deshalb fortschreiten, weil unsere Arbeit fürZton mit dieser unserer Arbeit für das jüdische Volk hier untrennbar zusammenläuft. Eine zionistische Arbeit unter einer verängstigten und korrumpierten jüdischen Bevölkerung (und korrumpiert muß sie werden, wenn sie ne be n dem H.esetz Mt) ist nicht möglich.. Wir müssen deck jüdischen Völke durch-die Sicherung seiner Idechte die Bedingungen schaffen, nicht auf die Mittel der Korruption für feine. Existenz angewiesen zu fein. Ein Kampf um die Rechte des^ jüdischen Volkes hier ist ein Kampf um die Moral des Mischen Volkes; und er muß geführt werden, weil Palästina nur von innerlich freien Menschen aufgebaut werden kann. Wir müssen unsere Pflicht tun für daß jüdische Bott hier, weil es zugleich die Erfüllung der Pflicht gegen das Mische Bott'in Palästina ist. Der vorangegangene Wahlkampf hat uns in dieser Arbeit ermuntert. Wir wissen heute, daß in Wien '20.000 Juden diese Arbeit billigen und an ihr teilnehmen wollen. An diese 20.000 anknüpfend, müssen wir davangehen, unsere Organisation so auszubauen, daß sie die, überwiegende Majorität der Juden Oesterreichs umfaßt. . Zum Schlüsse sprach Gemeinderat Dr.Plaschkes über die Notwendigkeit der Volksarbeit nach der Wahlarbeit. Er betonte, daß die Juden Oesterreichs heute bei keiner Partei des Parlaments den Schutz finden können, dessen sie bedürfen. Die österreichische Politik ist auf Unterdrückung der Minderheiten aufgebaut; das hat das Wahlgesetz deutlich gezeigt. Gegen den geistigen und wirtschaftlichen. Pogrom, der uns Juden droht, kann Kur einheitliche Organisation die Abwehr bieten. Diese Zusammenfassung der Mischen Krä ste erstrebt die Zionistische Organisation in Oesterreich und sie wird ihre Arbeit in verstarAem Maße aufnehmen. Der demnächst stattfindende Parteitag wird die Richtlinien schaffen.' Mit lebhaftem Beifall für die Ausführungen Doktor Plaschkes/ schloß die eindrucksvolle Versammlung. Petljura dementiert die Judenpogrome. .Herrn Pettjuras Herben haben im „befreiten" Ostgaltzten wie Bestien gehaust. Ströme jüdischen Blutes sind geflossen und die Mische Bevölkerung zahlreicher Ortschaften wurde aik den Bettelstab gebracht. Dies konnte sich der ,/Verbündete" 'Polens erlauben, ohne allzu vrel zu riskieren. Ms sich seine Banden aber auch an polnischem Blut und Gut vergriffen, wurde man in Warschau stutzig und las dem großen Maman gründlich den Text. Die Vorstellungen der jüdischen Delegation in Paris hatten den Erfolg, daß die ukrainische Regierung sich mit der Angelegenheit naher befaßen mußte. Sie rst der Sache nachgegangm und läßt die Demenlierspritze arbeiien. -„Die Pogrom: in Kammetz-Podolsk seien als völlig grundlose Erfindung" zu betrachten. Sre beruft sich io Nebenbei aus das Zeugnis ihres Mitgliedes Herrn Pmkas K r a s n h g, Leiter des ukraimschm Ministeriums für jüdische Angelegenheiten. Herr Petljura möge sich den scheinheilig"» Augenausichlag ersparen — er wird die Rechnung ohne den Wirt wachen, wenn seine ganze Regier ungSluust in Pogromen und Demcnäs besteht. Skr'KWet'rM' ®j{ ■ —.■ - — i ■ ■!'»»■ * i — Inland» Parlamentarisches. Die Führer der Parteien werden, soweit sie nicht in Wien domizilieren, heute hier eintreffen, worauf die Gruppenvorstände sofort in Vorberatungen eintreten werden. Donnerstag tagen die Klubs der Christlichsozialen' und Großdeutschen. Freitag vormittags versammelt sich, der Gauptausschutz. Die ersten Verhandlungen werden naturgemäß der Konstituierung des Hauses gelten, woran sich dann 'die Entscheidungen be. züglich der Neuwahl des Kabinetts schließen werden. Der ablehnende Beschluß der Sozialdemokraten und der negative Standpunkt der Parteileitung der Großdeutsche« Volkspattei schalten vorläufig jede Kooperation der Parteien bei der Regierungsbildung aus, so daß die Annahme immer'mehr Anhänger findet, es werde zunächst eine. Beamtenregierung mit parlamentarischem Ginschlag eingesetzt werden. Diese Regierung soll .ihre Hauptaufgabe darin finden, den Abbau der AeMter in Angriff zu nehmen. Das Heeresamt soll mit dem Staatsamt des Innern verschmolzen werden, das Portefeuille des Aenßern soll den Agenden des Bundeskanzlers angegliedert werden. Ueberdies sind Maßnahmen ins Auge gefaßt, die die Vereinfachung des bisherigen kostspieligen Beamtenapparates bezwecken. * Der Sanierungsplan der Reparations- Kommission für Oesterreich. Der Leiter der. R-eparationskommission in Wien, Sir Goode, hat für den Wiederaufbau der Produk- Lion, des. finanziellen und wirtschaftlichen Lebens Oesterreichs einen Sänierungsplan entworfen, den er! auch den politischen Parteiführern und maßgebendes Financiers unseres Staates' vorgelegt hat. Er enthälr folgende Grundgedanken: Zur Hebung der Valuta soll Oesterreich einen interimistischen Kredit von sechzig Millionen Dollar erhalten, der jedoch erst 'beim amerikanischen Privatkapital erlangt werden muß. 'Die neu zu errichtende Notenban k wird aus in- und ansländifchem Privat kapital fundiert fein.; An die Stelle der Golddeckung tritt die N e a l d e ck u n gj An den Staatsmonopolen wird zur Ent^ lastung des Staates auch Privatkapital beteiligt sein können. Die Produktion soll durch Lieferung von Rohstoffen und Rohprodukten wieder aufgebaut werden.^ Hiefür kommt der internationale Rohstoffkredit in Frage, der für Oesterreich durch die Vermittlung der Repavationskommission in höherem Maße als bisher herangezogen werden» wird. > Ferner soll der Ausbau der Wasserkräfte sofort in Angriff genommen werden. Zur Steigerung der landwirtschaftlichen, Produktionsollen verschiedene Erleichterungsmaß-' uahmen für Anbau usw. getroffen werden. - Sir Goode begibt sich nach Paris, um seine Vorschläge der Zentralstelle der Reparationskomnüssion vorzulcgen. Wie in politischen Kreisen verlautet, stehen die Vertreter der Ententestaaten vor dem Abschluß des finanziellen SanierUngsProgramnls. Jedoch konnte die Diskussion noch nicht zu Ende geführt werden, weshalb auch die für Ende Oktober tn Aussicht genommene Berichterstattung in Paris einen Aufschub erfahren dürfte. Jedenfalls verbleiben die maßgebende^ Mitglieder der Kommission vorläufig, entgegen den' früher gefaßten Plänen, zur Fortsetzung der Beratungen! über daS Saniernngstzrojekt in Wien. Nenners Abschied vom Anßenamte. Gestern fand im Staatsamt für Aeußeres aus Anlaß deS. Rücktrittes dcS Staatssekretärs Dr. Renner ein Empfang der! Beamten und Angestellten statt, bei dem zverst der Gesandte I y v e« den Dank' des Hauses für das Entgekenkommen des scheidenden Staatssekretär- Ausdruck verlieh. Staatssekretär Dr. Renner verabschiedete sich in längerer. Rede von seinen Mitarbeitern und erklärte unter anderem, daß alle Mitarbeit den Zweck hat, daß wir vor den Siegern bestehen, daß sich Unser Volk vor unseren Nachbarvölkern die Stellung erwirbt... die ihm gebührt. Die Volker hatten sich mehr oder weniger feindselig von uns abgewendet, wir müsien jetzt mit diesen Nachbarn, die sich gestern von nnS getrennt hahcn, in Frieden und .Freundschaft leben. Es muß daS Ziel aufgerichtet werden, daß wir mit diesen Völkern m Hinkunft in Handel und Wandel verbunden sind. Das Außenamt ist gleichsam das Fenster, das sich vom Innern des Hauses nach außen öffnet, und es ist ^as B-ndeglred zu den Nachbarstaates. Die Amtsgeschafte wurden gestern von Stantssekrttär Dr. Mayr übernommen, der dm voraussichtlich provrsorifchen Charakter seiner Amtssirhruug betonte.' '' Das Verfahren gegen- Profeffor Wagnex- Iauregg. . Wie bi: Korr. Wilhelm meldet, hat die Kommission zur Erhebung militärischer Pflichlveritzungezr in bezug aüf die gegen Professor W a g n e r - I a uregg ihtb andere Aerzte, welche die Faradisierung als Behandlungsinethode angrwendet haben, erhobenen Beschuldigungen auf Grund der aktenmäßigen Erhebungen und der am 14. Und 16. Oktober durchgesührtrn mündlichen Verhandlung sestgesttllt: Professor Wa g ne r - I a u r c 3 fl habe in unge- I zählten Fällen den Simulall<'Nsverd-acht durch die 2Ui-