Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 621 (16.10.1920)
- Date
- 1920-10-16
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien. Samstag Wiener Movgenzettung 16. Oktober 19M Nr. kW > Die Wiederwahl Strickers wird in parlamentarischen Kreisen umso sicherer erwartet, als hinter der Wahlwerbung des Dr. Schwarz-Hiller keine geschlossene und festorganisierte Partei steht und 'bei dem gegenwärtigen Wahlsystem Kandidaturen aus bloßer persönlicher Ambition, die höchstens die Unterstützung von Tischgesellschaften oder KaffeehauZcliqnen finden, als völlig aussichtslos anzusehen sind. Nackeiner Zusammenstellung, die unter den Parlamentsberichterstattern dieser Tage kursierte, würden nach den Wahlen die Parteien in folgendem Krästeo?rbältniS in den Nationalrat einziehen: Chriftlichjoziale . / . .72 .Sozialdemokraten . ... Deutsche Bauernpartei und 61 Großdeutsche ..... 34 Bürgerliche Arbcitspartei . . ' q Jüdisch nationale . . 2- Tschechen.. . Kommunisten ...... " .2 175 Diese Liste beruht gewiß nur auf einer groben m# mangelhaften Schätzung, sie dürste aber namentlich in der Taxierung des Mandatsznwachses des antisemitischen Blocks das Richtige treffen., Der klerikal- und national-antisemitische Block wird weit mehr als hundert Mandate zählen. Die Sozialdemokraten werden.nach dem für sie schmerzlichen Wahlausgang noch mehr als bisher auch nur dem Verdacht, sie seien eine J udenschntztruppe, aus dem Wege gehen, so daß die Vertretung der jüdischen Interessen, wi er echt; und billig, durch einen bewußt jüdischen Vertreter im Nationalrat wird besorgt werden müssen. Da diesmal auch die jüdischen Stimmen aus allen Wahlbezirken gezählt werden, ist ein zweites jüdisches Mawdnt erreichbar. Beide Mandate zu gefährden, nur um als sicherer Durchfaltskandidat ein paar hundert Stimmen auf sich zu vereinigen/ kann nür einem Ehrgeizling beisallen. Dr. Schwarz-Hiller wird sicherlich nicht gewählt werden, aber jede Stimme, die er erhält, geht für die wirklich freiheitliche Sache verloren» m nd ist indirekt Wahlhilfe für Antisemitismus und Reaktion Budapester Färbung. Starkstrombehandlung für die Front. Beschuldigungen gegen Aerzte. Die Kommission für Untersuchung militärischer Pflichtverletzungen im Kriege setzte gestern in fortgesetzter Verhandlung die Einvernahmen fort. Es wurden die Beschuldigungen gegen deu ehemaligen Regimentsarzt Dr. Martin Pappenheim velprocheu, der jetzt in Rußland ist. Die Anschuldigungen gegen ihn gehen von Professor Dr. Siegmund Kornfeld aus, der ein Gegner der Anwendung der kanadischen Methode ist. Dr. Pappenheim soll die faradische Ncethode besonders energisch angewendet haben. Ein gewisser Abs am'soll nach dieser Behandlung im Grinfinger Spital einen Selbstmord verübt Haben. Die Komnüssion hat erhoben,- daß Absam, der nur Ukrainisch sprach, sich' in einem Anfall von Melancholie erhängt ujtb vor dem Selbstmord zu einem Kameraden gesagt habe, er habe A n g st v o r d e m e l e k t r i s ch e n Strom. Dieser Fall, der, lute der Vorsitzende .Proitv/or Dr. Löffler bemerkte, sehr beklagenswert ist, bildete auch den Gegenstand einer Interpellation in der Nationalversammlung. Professor Dr.'Korn.feld wurde ebenfalls vernommen. Er gab an, ihm sei eine Reihe von Fällen gekannt, in denen nach Anwendung starker faradischer Ströme bei den Behandelten schwere seelische Störungen ausgetreten seien. — Das Kommissionsmitglied Professor Dr. Tandler erinnerte den Professor Kornfeld, daß Starkströme bei der Faradisierung weder aus der Klinik LVagner noch in den anderen Kriegsspitälern vertuende: worden sein sollen. — Professor Drl Kornfeld: Ich habe mit' meiner Anzeige, in der ich der Äomnnfiion mehrere Fälle Utm Schädigung durch Anwendung von faradischem Strom bekanntgab, gegen keinen Arzt eine Beschuldigung erhoben, sondern nur Konstatierungen vornehmen wollen. Ein.gewisser Markus Neu mann hat mir im Jahre 1917 mitgetE, daß nr im Reservespitat auf dem Rosenhügel, Lessen Leitung Prosej-or Redlich hatte, an der Zunge frradisiert worden sei unb infolgedessen Brandwunden an der Zunge erlitten habe. Professor Redlich, der sofort zu diesem Punkte vernommen wurde, gab an, daß -er sich an die Einzelheiten der Behandlung Neurnanns nicht erinr^rn können Daß Neumann, der ein schwerer Neurotiker war, an der Zunge saradisiert worden sein könne, erklärte Professor Redlich für unmöglich. Bei Erörterung der einzclnen Fälle ergab sich, daß die Borwürfe nicht ganz den Dai/awen antsprecheu. Es Hürde die Rechtserngungsschrift des Doktor Püopenh?im verlesen. Er war vom Juni. 1917 bis Dezember 1919 Leiter der Nervenabteilung im Kriegssvital in Grinzing. Er erklärt, er selbst habeleinen Patienten saradisiert, das habe der Zivilarzt Doktor N c i^ra a n n getan. Es seien nur schwache Ströme verwendet worden. Der ehemalige Spitalkommandant des Grinzinger Kriegsspitals, Professor Dr. Albert Durig, gab an, nach dem Scheiden des Professors Kornfeld habe Dr. Pappen he im die Leitung der Nervenabteilung übernommen. Es sei eine starke'Bewegung gegen diesen' Arzt entstanden, weil von unbekannter <Äite den' Kranken suggeriert worden war,' daß Dr. Pappenheim eine strenge BelMdlungsinethode einführen werde. Es sei schwer gewesen, in dem Spital, wo Dausende von Patienten waren,' die Ordnung ansrechtzuerhalten; mehrere Patienten, insbesondere Tschechen, haben erklärt, sie werden sich bis zum Kriegsende „d u r ch z i t t e r it". Anfangs habe Dr. Pappenheim eine schärfere Behandlungsmekhode eingehalten, aber die Beschuldigungen seien grundlos.'Es sei infolge der-' Beschwetden mehrerer Patienten der damalige Abgeordnete Max Minier im Grinzinger Spital erschienen^ und habe sich die Faradisierungsmethobe erklären lassen. Winter habe aber kernen Anlaß zu einer Beschwerde, gefunden. ' - Als letzter Fall gelangte der Fall des Professors Dr. Artur Schüller/ der Leiter der Nervenabtei-- lustg im Reservespital Stifts kaferne war, zur Erörterung. Dem Professor Schüller wurde zunächst zum' Borwurfe gemacht,' daß er den Leutnant Wilhelm' Uj h e l y durch Anhaltung in einer Isolierzelle gequält haben soll. Professor Schüller gab an, daß UjhLly/ ein sehr erregbarer Mensch, gleich bei seiner Aufnahme in der Abteilung sehr erregt war. Er habe befürchtet, daß Ujhely einen Selbstmord verüben werde, iveshM er die Verfügung tvaf, daß der Patient psychiatrisch-! beobachtet' werden solle. Da aus' keiner psychiatrischen' Abteilung ein Platz, frei war, habe er eine Internierung', und Isolierung in einer- Ei n Z-eck-zelld angsardüekr' Das. Kon-iKenntglied Dr. Fr e uni d la ch -vielt/dein ' Professor Schü/er vor. 1 aß, um reinen Selbstmord des Pätienren" zu. verhindern, es wohl; angezeigter gewesen wäre,' den Patienten mit mehreren anderenin: einem Zimmer zu belassen als allein in einem Zimmer, wo er, von andereil unbeachtet, viel leichter einen Selbstmord begehen ' konnte. Professor Schüller - erwiderte,' daß dem Patienten, wenn-'er nicht isoliert werde, leichter, eine Waffe zugesteckt werden könne. - Der Zeuge Ka u d e r s bemerkte, daß in einem an die Isolierzelle des Ujhely - angrenzenden Zimmer' ein gleichfalls isoliert'er Offfizner sich ers e n habe und daß erst dann Ujhely nach Waffen durchsucht wurde. Professor Schüller bemerkte, daß der Offizier, der sich erschösset! "habe, von der Abteilungdes Professor Erben war.' ' ' - ' ■ ... Es gelangte dann Fall eines gewissen Josef Krael zur Erörterung, der bei mehreren Abgeordneten gegen Professor Schüller und -ndere Aerzte Beschuldigungen wegen in.h ü m a n e r Be H a nd l u n'g erhob. Professor. Schüller gab an,' daß Krael gleich: bei seiner Aufnahme ins Spital mit Selbstmord drohte, falls er elektrisiert werden würde. Er habe den Krael, der an nervösen Gesichtsstörnngen litt, ' genau beobachten lassen. Krael habe sich auch' beruhigt, sein Zustand sei bald ein behaglicherer' geworden und eines' Tages, sei er auch aus dem Spital desertiert. Der Generalstabsarzt Dr. Johann Frischgab zu diesem Falle an, daß er auf Intervention des Abgeordneten Winter die Aufnahme des Krael in das Garmso-nsspital verfügt habe, da der Patient, wie' der Abgeordnete Winter mitteilte, den Aufenthalt in der' Abteilung des Professor Schüller' nicht länger habe ertragen können und Mit Selbstmord drohte. ' , Die Verhandlung wird heute fortgesetzt und beendet werden. Zum Einmarsch der Jugoslawen in Kärnten. Paris, 15. Oktober. Die Botschafterlonferenz hat gleichlautende Noten an die iv Paris akkreditierten Gesandten O e st e r r e i ch s u n d Jugoslawiens gerichtet. In diesen Noten wird ausgefLhrt, daß laut Informationen zu befürchten sei. daß eine g r w a l s a in e B e rh i n d e t * n 8 bet Beschlüsse der internationalen Plebiszit« Kommission nach Bekanntwerden des. PlebiszitergebnifseS in Känttm vsrberertet werde. Ohne den Eintritt solcher Ereignisse abzuwarten, verweist dir Botschafterkonferenz auf die schweren K o rn p l i k a t i o n e n, die jeder Versuch, die Vertragsrechtlichen Befugnisse der Mächte und der internationalen PlebiSzitkommissivn zu hindern, herbeisührrn mühte. Die Mächte lehne» es ab, vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden und müßte« sich in einem solchen Fall die Freiheit ihrer Handlungen Vorbehalten, . . Drei Monttore für Oesterreich. Der Oberste Rat hat Oesterreich, drei M o n i t o r e aus der ehemaligen Donauflottille zugrständen. Eine Kommission reist dieser Tage nach Neusatz, um die drei Monitor«, die m Hinkunft die Snomvolizer aut dem Gebiete der österreichischen Republik besorgen werden, zu übernehmen. Der Völkerbundrat. London. 15. Oktober.(Funkspruch.)Der V ö l k e r b undr a t wird m seiner Brüsseler Tagung über A r m e n i e» beraten, dann über einen Antrag des italienischen Senators Tittoni, betreffend die Verteilung der Rohprodukte an diejenigen Lander, die daran Mangel leiden, über den Schutz religiöser und völkischrrMinder-» h e i t e n i« O e st e r r e i ch und Bulgarien/iiber die künftigen Bezrehungm zwischen Danzig und Polen und über einen schwedisch-norwegischen Vorschlag, betreffend die Herabsetzung der Rüstungen. Telegramme. Die erste Sitzung des Regierungsbeirates ttt Palästina. Jerusalem, 14. Oktober. (Jewffh Corr. Bur.) Die erstes Sitzung des Regierungsbeirates in Palästina, der aus 10 hohe»! Peomten und 6 gewählten Vertretern der yaWmmsischen völkemng besteht, wurde mit einer Begrüßungsansprache des Oberkommiffärs Sir Sam n e l feierlich eröffnet. Sir Samuelzollte den Versammelten volles Lob für Aufrechterhaltung der! öffentlichen Ruhe und Ordnung im Lande und erklärte, daß die^ Verhandlungen mit der französischen Regierung über die Regelung' der G renzfragen im Norden gute Forschritte machen; sie! konnten jedoch noch nicht abgeschlossen werden.' Was die inneren Verwaltungsreformen betrifft, werden die ' Reis eeins ch r 8 n ku n g e n i n K ür z e ä uf ge Hobe« w er de»/ Gegen die Malaria werden besondere S ch u tz m a ß-I n a h « e n getroffen »nd p h a-r nr ä z e rr t i s ch e S ch »le»i ° etrichtet werden. Das Schicksal Wilnas. Paris, 15. Oktober. (Tel.-Kowp) Der Rat de< Völler«! bimdes hat seinen Präsidenten Leon Bour geois und den spanischest Gesandten beouflragt, im Namen des Rates des Völkerbundes, die polnisch-litauischen Angelegenheiten zu prüfen. L e o B o u r g e o i S hat daraufhin P a d e r e vz S k n z u s i ch geschieden und Zn einer Ilnterredung über:! diese Angelegenheit auf ihren großen Ernst hingewiesen. Bourgeois,! erklärte, daß dir Besetzung WilnaS durch polnische Truppe»! nach Abschluß drS WaffenMstandeS einen sehr schlechte»! E'i w d r u ck ans den Völkerbund gemocht habe. Er bitte ihn,-! seiner Regierung hievon Mitteilung zu ^machen und ihr ferner zst sagen, daß vom Rate deS Völkerbundes eine militLrischej Kommission ernannt worden sei, die sich bereitan Ort und Stelle begeben habe. Vormarsch des Generals Zettgomski. Kopenhagen, 15. Oktober. (Wolff.) Der „BerliugSke Tidende" wird aus Kowno gemeldet: General Zeligowski tzäl - den Vormarsch fortgesetzt und steht jetzt aus halbem Wege! zwischen Wilna und Kowno. Diese neuerliche.polnische Offeusivri wurde am Mitiwoch morgens eingeleitet. Den ganzen Tag hatte», heftige Kämpfe stattgefunden, bei denen die litauische Fro»t d u r ch b r o chen wurde. Die litauischen Truppen habt»- neue Stellungen eingenommen. Litauifcher Protest Wegen Wilna. Warschau» 15. Oktober. Nach Blättermrldunge« hat ba- Miuisterium des Aeußern gestern von der K o w n o e r Regierung eine Protestnote gegen die Einnahme WiluaS erhalten. Der Eisenbahnerstreik in Pole«. Warschau» 15. Oktober. Wie die Blätter berichten, dürfte; der Streik der Eisenbahner heute beendigt werden. Die Ersens hqhner sind , ausschließlich aus wirtschastlichm Gründm i« den Streik getreten. Ueber ihre Lohnforderungen dürste schon heute eine Einigung zusiaude kommen. Umbildung des polnische« Kabinetts. Berlin, 15.' Oktober. Im polnischen Kabinett steht eine teilweise Umbildung bevor. Eisrnbahnminister Bartes Finanzminister G r a b s k i und UnterrichtSminister Rats l sollen zurücktreten. Friede zwischen'Rußland «nd Finnland. Moskau. 15. Oktober. (Funkspruch.) Aus Dorpat wird gemeldet, daß der t u f f i f chsiirnis che Friedensvertrag am 14. d. M. nachmittags unterzeichnet wurde. ... J Cattaro kommt an Jugoslawien Mailand, 15. Oktober. (Tel.-Komp.) Die »Jde^ Nazionale" berichtet, daß «ach einer Mitteilung der Regieru«- die Antwort des Bolschafterratrs über dir Frage der Bucht vo« C a t t a r o in Fiume eingrtroffe« ist. Nach dem Beschluß bei Botschafl'errates wird die Bucht von C a t t« r» ohne jede Beschränkung Jugoslawien zugesprochen. Die Wirren in Irland. London, 15. Oktober. (Reuter.) Bewaffnete Männer griffen gestern nackmittags ein Panzerauto an, LaS vor einer Dubliner Bank hielt. Mv Soldat wmde verletzt, emer der Angreifer getötet. Später wurde ein zweites Panzerauto in einer der belebtesten Straßen angegriffen, wobei mehrere Offiziere getötet und ein Offizier, ein Unlerosfizjer «nd ein Zivilist verletzt wurden. Zwei Zivilisten wurden getötet und vier verwundet. Sozialistische Kundgebungen in Italien für SoWjetrutzlanv. Schießereien «nd Demolierungen. Rom, 15. Oktober. (Stefani.) Gestern fanden auf Grund des Beschlusses der'sozialistischen Parteileitung und deS All« gemeinen Arbeitsverbandes in allen Stadien Italiens Kund-' gedungen zum Protest gegen die politischen Pers o l g u n g e n und für die Anerkenn u ü g S o w j e t r u ß l a n d s durch Italien statt. Die A r V e t k würbe'»on 3 bis 5 Ufo nachmittags eingestellt. InBo 1 ogna kam es zu S ch i e ß t v 11 e n zwischen einer Gruppe von Manifestanten und der Polizei, wobei, wie verlautet, zwei Personen getötet wurden. In M a i l a n d kam Ä zwischen einer Anarchistengruppe' und einer anderen Gruppe, die patriotische Lieder sang, zu ehtei Schießerei, wobei eine Person getötet und mehrere verwundet wurden. Die Polizei stellte die Oj-nung wieder' ^chreibmasehinen ‘SsÄff LEOPOLD STEINHART Wien. L BUjerrtraiso 9. lolsodov 4073/VUi Billigste Bezugs« us auelle für Bupeaumobel -» (