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Wiener Morgenzeitung · 1920-10-14 · Heft 619 (14.10.1920) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 619 (14.10.1920)
Date
1920-10-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 619 Wien. Donnerstag LViener Morgsnzeirrmg 14 Oktoder 1929 Serke 9 Der Wahlvorgang. Gewählt wird am 17. 'Oktober von 7 Uhr früh sis 5 U>' r nachmittags. ' Di2 Adresse des Lokals, in welchem gewählt wird, findet der Wähler aus einer Kundmachung, welche ta seinem Hau se angeschlagen werden w'rd. Der Wahlberechtigte erhält keine Legitimation oder weitere Verständigung von der Behörde, aber er muß sich vor der Kdmmisst on durchein eigenes, vonihm mitgebrachtes Dokument ausweisen. Also durch eines der folgenden Dokumente: Geburtsschein,, Traunngssch"in, Heimacschein, Staa's'ü g'nscha'tsi'rkunden, Unstellungsdekrete. Pässe seder Art, amtliche Legitimationen, das alte Arbeitsbuch oder die neue Ausweiskarte des Arbeiters, das alte Dienstbotenbuch oder die neu« Dienstkarte der ^a"Sgehilir, Ci'en- und Straßenbahn-P r.n.an.mzkarten, Gewerbeschein, Lizenzen, Diplome. Jmmatrik'.l^a'ionsschein, Me^dungsbuch eiier Hochichnle, Schulzeugnisse, mili ä ische Dokumente und dergleichen. Jeder Wähler halte ein solches Dokument Bereit, damit er um Wa lrn keine Scke'er ien ha'e. Dieses Dokument muß der Wähler am Wahltag best i m m t m i t n e h m e n. D-n füdischnationalen Stimmzettel muß der Wähler ebenfalls Mitnahmen. Er wird ihm von der jüdischnationalen Wählleitung durch die Post oder Bv'en zimestellt. Er ist sorgsam auszuheben. .hätte ein Wähler ihn verloren 'oder durch Versehen keinen bekommen, so kann er in jedem jüdischnationalen Agitationslokal o^er bei jedem jübischnationalen Agitator Stimmzettel erhalten. Die Wahl ist geheim! Niemand erfährt, wie ein Wähler a e st i m m t hat. Laßt euch keinen fremden Stimmzettel unt rschieöen. Achtet auf unsere Stimmzettel! Die heutige« WSHlerversammlungen. V,8 Uhr abends: Restaurant Bayer, U., Benedigerau 3. Referenten: Gemeinderat Doktor Plaschkes, D. Nebenzahl. %8Uhr abends: Restaurant Goldener Stern, II, Große Sperlgasse 27. Referenten: Gemeinderate Dr. Leopold Plaschkes Dr. Jakob Ehrlich und Abgeordneter Stricker. */-8 Uhr abends: Restaurant Feldmars ch a! l Laudon, XVI!., Hernalsergürtel 11. Referenten: Abgeordneter Stricker, D. Nebenzahl. VS Uhr abends: Caf6 Neptun. XX.. Mathildenplatz 7. Referenten: Gemeinderat Dr. Leopold P l a s ch k r s, Dr. D. Friedm a n n, Dr. Heinrich Krämer. VS Uhr abends -.„Erste Hilf e". XX., Bäuerlegasse 34. Referenten: Gemeinderat Dr. Leopold Plaschkes, Dr. D. F r i e d m a n n, Dr. Ignaz Kurt R o f e n f e l d. 7 Uhr abends: Restaurant Rosa Freund. XX., Dresdnerstraße 80. Referenten: Gemeinderat ^r. Jakob E h r l i ch, Dr. I. W a l d m a n n. Samstag den 16 d. M. um 3 Ahr nachmitta s. <£*'6 Küffner, II., Stuwer- Pratze 13, Versammlung aller jugendlichen Zionisten zwecks Gnt^eaennahme von Instruktionen für den Wahltag. Erscheinen Ehrenpflichtl Alle Agitatoren und sonstiaen freiwilligen HMskrLtte aus dem XX. Bezirk werden aufgefordert. für die kurze Seit, ble uns noch vom Wahltag trennt, ihre ganzeKraft in denDienst der iüdischnätionalenSache zu stellen und sich im Lause des ganzen Tages im Lokal der zionistischen B ezi r ks se kti o n, XX.,KarlMeißlstraße5-8, einzufinden. Inden, kämpft und arbeitet für eure Sache. Die Wahlleitung für den XX. Bezirk. Zetroi Misrachi. II.. Praterstraße 43. Alle Mitglieder, die noch nicht an der Wahlagitation beteiligt sind, mögen sich beute von 7 bis 8 Uhr abends in unserem Lokal zur Wahlarb.eit melden. Mitarbeit Ehrenpflicht. Inhaber von Woklsorrds-Sammelbo en wollen die gesammelten Beträge, eventuell die leeren Dogen schleunig st im Hauptwahl» bnreau, II., Laborstraße 20a,, abführen! Die grotzdeutsrven Lieblinge der Wiener „Audenbliitter". Die Wiener bürgerliche P esse, der die.antisemitischen Dunmrköv'e den Namen „Ju^enp.esse" gegeben haben, hat in ihrem fa'« ischen Haß gegen al'ez Jüdische sich die g-oß'euksch n Judengegner als Schoßkind erkoren. Kein Dag vergeht, an dem nicht die „Neue Poincarf gegen das MchinsspiMrit. Wie man Oesterreich helfen soll. — Falls sich OeKerreich a«; Deutschland Mschlietzt, Wird Frankreich das SWeinftEet KNNekSieren. Paris, 13. Oktober. (Havas.) In der Wochenuber-• sicht der „Revue des Teux Mundes" bespricht Poincarce den Beschluß der österreichischen Nationalversammlung, betreffend die Volksabstimmung über den Anschluß an Deutschland. Er erinnert daran,,daß sich Oesterreich durch den Vertrag von Samt-Germain ausdrücklich der« pflichtet, sich jeder Handlung zu enthalten, die seine Unabhängigkeit gefährden konnte, ausgenommen den Fall der Ermächtigung durch den Völkerbund. Poincarce bc, merkt, daß allerdings nach den Erklärungen des Staatssekretärs Dr. Renner in Innsbruck Nitti Oesterreich dir Anshebnng des Artikels 88 in Ansicht gestellt haben soll. Seitdem aber sei Giolitti yrit Millerand in?lix. les-BainS zusammengetrossen und beide batten vereinhgrt, öffentlich die Verträge von Saint-Germain nnd Versailles als den Eckstein des Friedens anzu erkennen. Poincarce erörtert sodann die materielle Lage Oesterreichs und sagt: Die Revarativnskommission hat mit Wohlwollen die Mittel gebrnft, Oesterreich bei seiner Wicderausrichtnng zu Helsen. Nicht Unzirfriedenheit kann also die Kundgebung der Nationalversammlung hervorgerusen haben. Poincarce entwirft sodann ein Bild der bedeutenden Hilfsquellen des neue« Oesterreich und sagt: „Oesterreich ist noch nicht tot, fvenn cs sich die Mühe nehmen will, zu leben." Poincarce gibt dann einen Uel,erblick über die Mittel, Oesterreich zu helfen, nämlich K o h l e n v e r s v r g u tt g d it r ch' internationale Uebereinkour mcu und durch Mitwirkung Amerikas und (? n g I a n d s. Gesundung des Geldwesens, Liquidation der Oesterreichisch.ungarischen Bank usw^ „Aber", schreibt er, „Oesterreich selbst muß feine budqetäre Lage bessern, anstatt seine Klagen mit jenen Deutschlands zu.vereinigen " Poincarce bemerkt, daß der An. schlnß Oesterreich nicht ermöglichen würde, sich den ihm durch den Vertrag auferlegten Lasten zu entziehen. Uebriaens würde es nach dem Völkerbnndpakt genügen? daß Frankreich seine Zustimmung verweigere,' damit Deutschland kein Recht habe, den Anschluß anznnehmen nnd noch weniger, ihn unter Verletzung des Versailler Vertrages zu provozieren. Poincarce schließt: „Mit dem Tage, wo Oesterreich sich mit Deutschland vereinigen würde, wären wir ermächtigt, am Rh e in zu bleiben." Ministerpräsident Ulilos über die luden in Ostgalizien. Warschau, 12. Oktober. (Privat.) In der Minister, ratssitznng vom 30. September erstattete der polnische Ministerpräsident Witos Bericht über seine Reise in Ostgalizien, dessen Bevölkerung durch' die bolschewikische Invasion nnd dann durch die Armee Petliuras stark gelitten hat. Der Ministerrat bewilligte hundert Millionen Mark für dke geschädigte Land- und fünfzig Millionen für die Stadtbevölkerung: er beschloß auch, den Bericht des Premiers zu veröffentlichen. Diese Veröffentlichung ist jetzt erfolgt. Ihr sind , einige charakteristische Stellen zu entnehmen: Die Bevölkerung ohne Unterschied der Konfession hatte den Premier freudig erwartet nnd die Delegationen der Polen. Rnthenen und Juden, welche den Minister. Präsidenten überall, wohin er kam. begrüßt, gaben ihrer Freude über die Befreising von den Bolschewiken Ausdruck. Die Bolschewiken haben bei den Einwohnern alle Habe weageschlepvt: Pferde, Wagen, Getreide, Lebensmittel. Kleider, Stiefel. Ileherall bat die Bevölkerung vor dem Premier über unerhörte Mißbräuche und Gewalttaten Klage geführt, welche die ukrainische Armee begangen hat.?\ti einigen Orten haben die Bauern die Bolschewiken gebeten, sie von Petliuras Söldnern zu erlösen. Was die Bolschewiken übrig gelassen hoben, haben die Petlsura-Soldatenunb-Offizieregeraubt. InProbuszna haben sie einen Pogrom veranstaltet, zwei Juden erschlagen, 15 schwer verwundet und 30 jüdische Frauen geschändet. Der Premier, minister konnte feststellen, daß Petliuras Söldner einfach die ganze Bevölkerung beraubt haben. Sie haben einige tausend Pferde über die Grenze geführt, welche sie bei ' den Einwohnern weggeschleppt hatten. Der offizielle Bericht erzählt weiters: An Men Orten, welche der Premier besuchte, kamen i ü di sche Delegat tonen zu ihm, um ihm ihre Freude und: ihren Dank für die Befreiung von den Bolschewiken aus^ '- züdrücken. Die Jüden haben sich während der bylsche-'-' wikischen Invasion patriotisch verhalten. In Zlo cz o fcr haben sie an einem Tag zwei Millionen Kronen sammelt, um den Von den Bolschewiken arretierterr'.'. katholischen Geistlichen zu befreien. In Kopyczynce zogen die Jrrden dem Premier in feierlichem Zuge," welchem eine Thora vorangetragen wurde, entgegen.^ In '. Sta n i slau hat die jüdische Delegation dem Premier^ ihren Dank für die Befreiung ausgedrückt und ihn ge- : beten, die Regierung möge die Fürsorge üb'w die: Witwen unö Waisen übernehmen^ welche nach.denV .dreißig von den Petljura-Banden er-. mordetenJuden hinterblieben sind. ' (Der offizielle Bericht bestätigt die lohale Haltung der möischen Bevölkerung, während man von gewissen Seiten' die geschehenen Uehergriffe gegen die' Juden mit ihre^ angeblichen Unterstützung der Bolsche-' wiken zu begründen sucht!) Freie Presse" in das Odinshorn des großdeutschen Walhall stößt, kein Tag, an dem sie nicht zum Be'fp'el den Herrn Emil Kraft als Meister der Volkswirtschaft ihren gläubigen Leiern anpreist. Da fällt uns nun zufällig der Wahlaufruf dieser Großdeutschen in die Hand, wie ihn die ehemals „judenlibe"a^e", letzt stockantisemitische „Grazer Tages- I p o st", na'ü lich als Inserat, veröffentl'cht. Dort heißt es: . . Unsere deutsche Kultur versinkt im Sumpf einer volksfremden jüdischen Schiebermoral... Im Rahmen der deutsch"» Bolksgeme'nichä^t hat der Fremdkörper des Judentums keinen Platz. Sein Zersetzender Ein'luß in poetischer, wrrtscha'tlicher und kultureller Beziebung ist l)euie umso verderblicher, weit es durch die Zuwanderung der Ostjuden verstärkt wurde und weil es sich in der interuationalen Sozialdemokratie das gefährlichste und gefügigste Werkzeug zur Vernichtung des deutschen Volkes geschaf'en hat . . . Wir bekämp'en das Judentum als den gefAhrl'chsten Fe'nd des deutschen Volkes und mit ihm (?) jede Partei, die, n'cht auf dem Rassenstandpunkt stehend, sich offen oder versteckt zu seinem Hel'erShel''er macht (??) . . . Das Judentum überwuchert unser gesamtes öffentliches Leben Man würde den An'erligern dieses in so schlechtem Deutsch reich ''ehenen Au'ru'es (da müssen ein Dutzend Po'allchni '', Sed.'a^ Ie ' abek b isammen gewesen sein) zu viel Ehre antun, wolt'e man gegen diesen Unsinn polemisieren. Echt daran ist nur der blutige, alle Vernunft erschlagende Haß g^gen die Juden. Als erste Unterschrift unier diesem Machwerk prangt aber die — des Herrn Emil Kraft, eines der hervorragenden Fachmänner, dis als besondere Seite oder Autorität in der ,.Neuen Fr ien P esse" ihre Künste zum Besten geben. Fragt sich nur: Wann sind diele Leute eigentlich ehrlich? In der „Neuen Freien Prssse" «dar im JnseräL der „Gramer Tagespost"? Unsere jüdischen Wähler in der Steiermark werden auf diese Frage die richtige) Antwort geben und die jüdischnationale Reichsliste' wählen. __ ’• Inland. -;i: Das Kärntner Plebiszit zugunsten i Oesterreichs entschieden. Klagenfnrt, 13. Oktober, 6 Uhr 30 Minute^ nachmittags. ) Soeben ertönten vom Stadtpfarrturm die 16 Pöllerschüsie, welche der in der größten Erwortungj befindlichen Bevölkerung verkündigen, daß in einer' Stunde das Ergebnis der Volksabstimmung vönt Rathaus aus bekanntgegeben werden wird. Das Ergebnis ist folgendes: - . Für DeutiiböÜerr«- für S.H.Ä Distrikt Rosegg ...... 1980 2331 / E Ferlach ...... 8428 4984 „ Bleiburg. 5140 5339 „ Völkermarkt . .8304 2442 Zusammen . . 21.852 16.066 güt Oesterreich ergibt sich alfo ein Plus von 6756 Stimmen, das heißt, daß 59'14% der Stimmberechtigten für Oesterreich gestimmt haben. J Aus Anlaß des Abstimmungsergebnisses sind fast alle Häuser der Stadt beflaggt. In den Straßen herrscht außergewöhnlich reges Leben. Alles ströml zum Neuen Platz, der von einer oieltaufendköpsigm Menschenmenge besetzt ist. Don den umliegendeü Höhen dröhnen Pöllerschülse. Alle Glocken lautM' *

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