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Wiener Morgenzeitung · 1920-10-14 · Heft 619 (14.10.1920) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 619 (14.10.1920)
Date
1920-10-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Wien. Donnersrag Wlenßr Morgen^eltun- 14. Oktober 1V2(7 /Nr. 619 Das souveräne jüdische Volk. —V 3? i f n. 14. O'ober. An der Republik acht alle Gewalt vom Volke aus: Rolk ist der Träger der Souveränität. In d>'r j war es die Person des Kaiß'rs. Alle Urteile .-»^'sson in seinem Namen, die Beamten des Staates •Xi.i' t von ihm bestellt, leisteten ihm den Eid: das übrige L< ti war die graste Masse, die einfach zu gehorchen lmtte. Sie hatte hin und wieder in regelmästigen Zwischenräumen das Recht, durch gewählte Abgeordnete Hatidlnngcrr oder Nnterlassungen der vom Kaiser bestellten und nur dem Kaiser verpflichteten Veainten zc> kritisieren und das Staatsbudget angeblich zu bewilligen. In Wrtll'ichkeit taten die vom Kaiser ernannten Beamten, denen die Leitung der Verwaltung in die Hände gelegt war, wo? sie wollten. In der Republik werden sie vom Bolle bestellt und auch die Negierung besteht aus Personen, die vom Volke selbst mit ihrem Amte bekleidet find. Die Negierungen nun, die die Republik bisher leiteten, haben ihrem Zweck und ihrer Aufgabe nicht - entsprochen Tie republikanische Denkungsart ist an der Donan noch zu sungen Datums. Die Fehler, die begangen worden sind und schwer auf der Bevölkerung lasten, liegen offen zutage und das Volk, daS souveräne Volk ist lurnmehr wieder aufgerufen, am 17. Oktober sein Urteil zu wrochen. Der einzelne Wähler ist mit Träger dieser Volkssorweränitat und er bat nicht allein das Recht, sondern die Pflicht, durch die Abgabe des Stimmzettels feine Ansicht darüber zu sagen, wie die Geschäfte der All« Gemeinheit in Zukunft geführt werden sollen. DaS Wakssrecht ist in Oesterreich nicht aus der Höhe der Zeit. Es ist von den qrosten Parteien geschaffen worden, die nur ihre Interessen, nicht aber die des Staates im Auge haben. Sie haben einander vor der Oeffentlichkeit beschimpft und in Grund und Boden hinein verflucht. Heimlich aber, im stillen Kämmerlein, haben sie ruiteinander Nückversicheningsverträge geschlossen, die jeder einzelnen Partei einen gewissen Grundstock an Mandaten sichern sollten. Die kleinen Parteien, die von der Negierung arrsgeschlorsen sind, sollen arrch aus dem Volkshau8 ausgeschlossen bleiben. Diesem technischen Mangel aber können die Wähler abhelfen, l Insbesondere die jüdischen -Wähler, gegen die sich dor allem und. hauptsächlich das Gemeinabkommen der, großen Parteien richtet. Jede Partei in diesem Staate hat die Möglichkeit, irgendrvie in einer Schattierung der großen Parteien zur Geltung zu kommen. Nur die jüdischen Wäbter bleiben austerhalb jeder Kombination. Die antisemitischen Parteien sind natrrrgemäst nicht dazu berufen, sie bei sich aufzunehmen. und das Gemenge von Mandatsjägern, Strebern und Renegaten, das ans die jüdischen Stimmen heute Jagd macht, will ebenfalls nicht als jüdisch gelten. Diese Sorte von Leuten redet von Arbeit, Ordnung und Wiederaufbau. Ganz schön: aber warum versuchen diese Kandidaten denn nicht ihr Glück bei Nichtjuden? Sie hätten ja in dem Siebenmillionenstaat Raum und Publikum genug für ihre volksbeglückenden Tiraden! Warum tauchen sie aerobe in dem Bezirk auf. dessen Wählerschaft schon zu Beginn des vorigen Iabres deutlich ihre Meinung geäußert hat und bis heute in unzähligen Versammlungen dein damals Erwählten ihr Vertrauen votierte? Der jüdische Wähler weiß genau, worauf es ankommt. Er weiß, daß sein Vertreter in der Nationalversammlung immer das Wort ergriffen hat. wenn es nötig war. Uebergriffe gegen das Judentum zurückzuweisen. Er hat aber auch — und es ist nicht nötig, in diesem Blatte und an dieser Stelle dabei noch besonders zu verweilen — auch das Seine getan, um im Sinne des jüdischnationalen Programms von der Tribüne der Nationalversammlung herab für die Versöhnung der Völker und Klassen und für das Recht der Arbeit zu sprechen, für das Wohl des Staates z» wirken. Er ist in entschiedenen und freimütigen Worten für Ordnung. Arbeit und Wiederaufbau eingelreten, obzwar er dies vor seiner Wahl nicht erst ausdrücklich in mann?, hohen Plakaten an die Wände gemalt hatte. Tie jüdischnationale Partei hat keine Wahlversprechungen gemacht; aber sie allein hat in Tausende von jüdischen Häusern Trost und Mut gebracht, sie Allein ist den jüdischen Kranken, den jüdischen Armen und den jüdischen Waisen beigesprungen. Weil sie eben die jüdische Partei ist, die Organisation, die für dos Judentum wirken will. Sie appelliert nicht an andere und bcscheidet sich gerne damit, der Träger des lebendigen Vertrauens der jüdischeu Massen zu sein. Der jüdische Wähler weiß, daß kein Deutscher einen Tschechen mit seiner politischen Vertretung betrauen würde, am wenigsten aber einen aus Konjunktur- und Mandatsgründen zum tschechischen Volke hinübergewechselten Deutschen; auch dann nicht, wenn dieser deutsch, tschechische Renegat wieder aus Mandatsgründen zu dm deutschen Wählern znrückkebren will. Der jüdische Wähler weiß, daß kein Deutscher etwas derartiges wagen würde. Aber daß ein Jude sich, wenn es die Zeit verlangt, zum Deutschtum stellt und dann, wenn die Sonne wieder anders scheint, seine jüdischen Mitbürger um ihr Vertrauen angeht — dieses Ervenment mit der Würde. Ehre und Einsicht deS Wählet wird stützt wieder gewagt. Im alten österreichischen Pariament ist ja dieses Manöver einige Male anfgeffißrt worden. So oft es Wahlen gab. kam irgendein Deutscher mosaischer Konfession und bat seine Mitbürger jüdischen Glaubens um ihre Stimme. Wie bat die Vertretung des Judentums im Parlament zu jenen Z'iten ansgesehen? Waren es nicht die nationaliüdischen Abgeordneten. die im Osten gewählt worden waren, denen die Repräsentanz und Geltendmachung. der indischen Forde-, rnngen automatisch zufloß? Die Iüdffchnatioruilen detrachten das Volk, bctri sie Entstammen und, mit dem sie verwachsen sind, akd den Allstraggebcr. Die anderen, die da jetzt mit ihrrn Bisitkarten herumschnorrcn, offene Wählerversamnrlnugen aber ängstlich vermeiden, behandeln es als eine Herde, die man zur Walil treibt und nachher vergißt. Tie jüdischen Wähler und Wählerinnen bahn es in der Hand, diesem frechen Spiel ein Ende zu machen. indem sie am Sonntag für die jüdisch' nationale Listestimmen. Die Wen zur ßaiMversammlung. Massenversammlung im 3. Bezirk. ES ist bezeichnend für das Interesse der jüdischen Wählerschaft an der jüdischnotionalrn Kandidatur, daß unsere Wählcrvcrsammku'igcn, rm ersten Bezirk, der Domäne der mehr kapitalsals nationalintercssierten Judentunrs, flUe gut besucht sind. So wies auch heute, wie^ schon oft. in den letzten Tagen, der Saal deö Hotel Post einen ülvrauö starken Besuch auf. Die jüdischen Wähler werden eben an dcr Notwendigkeit einer eigenen jüdischen Poltik immer mehr interessiert. Alerster Redner in dcr heutigen Versammlung sprach Gcmeüldcrgt Dr. Pol lack, welcher zunächst die Verleumdungen unserer Gegner über die Anchsichtslosigkeit unserer Kandidaturen durch klare Ziffern widerlegte und dann darauf ju fpPttfK« kam, w«S di« jüdisch« Wählersckstrjt von den ymzelney Parteien zu erwaHen fyxU Er strackst« jNrtyi dar interessante Detail, wie Prof. Hoffmeister in einer Vasa in inlung der Bürgerlichen Arbeitspartei «rzählte, diefs versucht, mit dem chsistlichsozialcn chemäligcn Landmarsärall sie llve r t rote r Leopold Steiner eine Koalition einzugehcn. die jedoch -rnach den Worten Hoffmeister- — .„leider" nicht gelungen ist. Di« Juden lömtcn also voraus« sehen, was sie von. einer solchen Partei für ihre jüdischen Interessen zu errvarten hasten. Der Antisemitismus ist nicht, Vi« di« Liberalen sich und uns einroden wollen, eine vorüber, gehende Erßheinung, sondern hat tiefgehend« Ursach-y, meist WirtsckMUcher Art; deshalb fehlt er bei keine« Partei, so freiheitlich sie auch sein mag. Daher können die Juden nur eigene Politik mackyn; urrd die Vertreter der jüdischer« Polln! sust> di« Jüdischnationaien. Nachdem hieraus Pr. AraSny auf di« Notwendigkeit einer jüdischen Politik Schutzmittel der Gesamtheit gegen den Feinauf allen Cviten hingewiesen halte, ergriff Tr. Dcsider Friedmann daS Wort und führte tu einer interessanten, überaus beifällig aufgenonuuenen Rede auS' Wenn man die Wahlpluk'at« und Wahlaufrufe der einzelnen Parteien ansiokst, so müßte man glauben, daß die Juden in diesem Staate eirre gewaltig« Majorität bilden, welch« die christliche Bevölkerung niederhält. In Wirtlichkeit sind sie ü Prozent der Bevölkerung urid nehmen nicht einmal in diesem Verhältnis an dcr Macht im Staate teil. Wichtig- Deaintcnstellcn sind lhnen verschlossen. Auch sonst ist der Zustand der Judenschaft hierzulande zücht günstig, da si« u'nte, fortwährenden Anfeinduttgcn und Drangsalierungen der Behörden zu leiden hat. Dennoch dreht sich dieser Wahlkampf nur um di« Juden frage. Wenn nur uns nun fnrgen. woher «S kommt, daß di« Judcnfrage au§ der öffentlichen Diskussion nicht versckpvindet, so müssen wir ßtgen: Wahl gib! es da Gründe, welck)e irr den, Inden selbst liegen, wie zum Beispiel die Ucstersüllung einiger Berufe, die gerade di« Jüdischnationalen durch Berufsumschichtung beseitigen wollen; al>er obwohl diese Tatsack-en vorliegen, an dorren wir alS Opfer der geschichtlichen Entwicklung nur zum Teile schuld sind, so ist doch unverkennbar, daß da» psychologische Moment des Judenhasses sein« tieferen Gründe hat. Die Nichtjuden haben noch nicht vergessen, daß wir erst seit kurzem frei sind, daß sie urrS die Freiheit gegeben und dadurch sich eirre gewisse Konkurrenz ^geschaffen hasten. Deshalb wird der Antisemitismus, der volkspsiichologische Gründe hat, mech durch die freiheitlich st en Parteien nicht aus der Welt geschafft werden. Wir haben in Oesterreich Parteien, die nicht judenfeindlich sind; aber j« größer winnen. Dle jüdische Bevölkerung ist besonders befähigt, dabei mitzuack'-eitcn, und hat auch den guten Willen dazu.. Darum ist eS et« Unrecht n-ichl nur an urrS, sondern arlch an sich selbst, wenn die Parteien dieses Staates uns von der produktiven Arbeit «uöschlicßen wollen. Aber das jüdische Problem ist nicht uur bei unö, sondern in der ganzen Welt auf der Tagesordnung. Heute steht, uns eine Einheitöfront des Antisemitismus gegenüber; die Gegenwehr kann nur erfolgen durch die Schaffung einer j übt sch c n Einheitsfront. Wir wissen ,licht, was uns die nächsten Wochen bringen iverden. Und wen« wir heute sehen mästen, Flüchttinge, deren ganze- Verbrechen darin -besteht, daß sie durch den Krieg hichorverschlygcn wurden, auSgetrieben werden, sq ist d«rs keil,« Frage, tsie pur die «OsljttHeu" mngeht, wie ein Teil de« jüdischen Bevölkerung gedankenlos meint. Wir dürften in der nächsten Zeit erleben, wie man sogenannten «bodeuständigen^ Juden in Wien daS H.ei» matrecht verweigert. D«,ruin wäre es sin ebenso gewissenloser wie verhängnisvoller Jrrtunt, die Ostjudcn. dem antisemitisck)en Pül'-c-l preiszu^cben. Die Antisenuten ^vollen gerade in diesem Punkt einen Keil in die Einheit unsere» Judentums kreibeit und beinahe sieht eS so aus, «!»• sollte e» ihnen gelingen. Aber wir müssen bedenken: Wsi P^romen würde kein Unterschied zwischen byd-nständigep und picht bodenständigen Juden gemacht werden« Darum predigen wir die jüdische Einheit uich auch deshalb, well die Betätigung in, den verschiedenen Parteien den H <fß g«gen unS Immer nur verstärkt hat; so war es zur Zeit bsH alten Oesterreich in Böhmen, in Gallzien und ist Ungarr^ Heute sind an die Stelle der nationalen die Klasfenkämbsa getreten. Wenn wir Juden nun aus der «inen Seite als Führer des Proletariatgegen dle bürgerlichen Massen, auf der anderen Seite als bürgerliche Partei gegen dre soziale. Entwicklung Front machen, so werden wir als Bolschewiken und als Kapitalisten verfolgt und züchten den Haß. Darum »Nüssen wlr uu» auf uns selbst besinnen, A"r so »lindern wir die Neibungsslächen mtd bauen den Judenhaß ab. vl.'sa bleibt uns heute nur eines: unS auf die eigen«! bedrängte Poliiion zurückzu^i:hen. Wir brauchen Mandatar« der jüdische« Gesamtheit, betin in her Gesamthert werden wir aagegrissen. DeShalh können wr« die Partei wählen, welche die S e lbstweh'r des. jüdische^ Volkes sein wtll. Znm Schluss« widerlegte Dr. Kurt Rosenfelb tn wirkungsvoller Wci»s die Argument« der jüdischen Mutlos^ feit, welche unserem Bentühen um die orgauiscttorische Ersassung der jüdische« Kraft «utgegengehalten werden, worauf Herr Waltuch die imposant« Versammlung schloß> , Die südifchnationnle Kandidatur und das zweite Ermittlungsverfahren. gestrigen Amtsblatt wird verlautbart, welche Parteien den A n sprach a u f d i e Z u- Weisung weiterer Abgeordn et e.n> fi tz e tm zweiten Ermittlungsverfahren nach Maßgabe derRestftimmen erhoben ^baben. I Unter den angeführten elf Parteien' befindet sich fauch die j tt d i s ch n a t i o n a l e P a r t e i. Neun dieser Parteien haben ihrer Anmeldung H a ir v twahlvorschlüge beigeschlossen. Ein solcher Vorschlag wurde von der jüdischnationalen Pü-fM nicht eingereicht, da die jüdischnationale Reichslifte mit der allgemeinen Kandidatenliste identisch ist. Selbstverständlich hat sie vollen Anspruch auf Zählung der Rejtftimmen im zweiten Ermiltlunasverfahren. Wichtig fürdle Wahlagitation! Dir jüdischnationale Hanptwahjl e i t u n g befindet sich I!., Taborstraße 20 a. AuskunftSlokaie im II. Bezivlr. Restaurant 5 a ur er. Obere Donanstraße 39, 6 bis 8 Uhr; Cafs Dnrst. Untere Augartenstraße la, 6 bk 8 Uhr, Sonl.'a^ von t0 bis 12 Uhr; Cafö Zeißh Große Soerlgafse 35. 6 bis 8 Uhr, Sonntag Voll bis 12 Uhr; Restauration Baron, Große Schiffgaffe 19, 7 bis 8.Uhr; Cafü Reif, Stephanirsträße,' CafS I g l a u e r, Taborstrgße 49, ß bis 7 Uhr. Sonn, tag 9 b!s 11 Uhr: Cafä Dlau, Rotensterngasje!7, 6 bis 8 Uhr; Müller. II.. Mayergasse 7/7; Praterstraße 17, 8 Uhr früh bis 6 Uhr abends; Cafü K ü f f n e r, Stuwerstraße 13. 4 bis 7 Uhr; Casö Schwarz, Leopoldsgasse 25. 7 bis 8 Uh, abends: ll., Prater. Kleine Fufahrtsstraße 180. Caf^ zur Sennerin. Telephon 41.640, täglich von 6 bis 8 Uhr abends. diese Parteien sind, desto größer wird die Zahl derer, die drn Instinkt des AntisemittSmuS in sie tragen. Werul auch di« heutige WirtsämstSordn-urtg durch eine sozialistische Wirtschastsentivicklung abge-ldst würde, der AntisentitiSmuS wird damit nicht aus der Welt geschafft, kann e» auch durch politische Programm« nicht werden. In der heutigen Zeit sind wictschaftliche Fragen maßgestend - uird werden in der nächsten Zeit noch größere Bedeutung ge- Heute, 7 Ahr abends, lm S tsungssaal der KuUusgemeinde Wr.-Neustadt WShlerversammlung Redner: Kandidat Schlossermeister Adolf Neurath (Mödling). David Nebenzahl (Wieni. Kandidat Jakob Jaul (M.-Neustadt). Samstaq den 16. d. M., V?8 Uhr abends, tat Saal des Hotel Frsihauf, Baden WShlerversammlung Redner: Kandidatin Nnltta Müller, Kandidat Kultuspräsident Dr. Ernst Moser (Mödling), Kandidat Sch lossermeister Ado!f Neurath (Mödling). Dr. Filipp (Wien) und andere.

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