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Wiener Morgenzeitung · 1920-10-10 · Heft 615 (10.10.1920) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 615 (10.10.1920)
Date
1920-10-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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£ Nr. 615 Men. Sonntag Telegramme. Die Brüsseler Finanzkonferenz. . Berlin, 6. Oktober. (Korr.-Vnr.) Aus Brüssel lmrd gemeldet: Die Frnanzkonfer'enz war für heute nachmittags zur letzten Sitzung einberufen. Präsident Ador verlas den Bericht, der die umfangreichen Arbeiten und die Resolutionen aller vier Kommissionen zusammenfaßt. Arbeit und Ware' das sei die Formel, auf die alles abzustimmen sei. Gewisse europäische Länder, wie Deutschland, Oesterreich, .Ungarn, Belgien. Bulgarien, Frankreich, Griechenland, Italien und Portugal, seien außerstande, die Kriegslosi^ ihren Einnahmen zu decken, da die Finanzen dieser Länder infolge der inländischen und ausländischen Schulden recht schwierige seren. Die DSlkerVrmdsitzimg verschoben. Brüssel» 9. Oktober. (Havas.) Drr Zusammentritt des Bölkerbundratts in Brüssel, der ans den 1t. d. M. scstgesetzr l^ar, ist ans den 20. d. M. verschoben worden. Der russische Frontberrcht. Moskau, 9. Oktober. (Funkspruch.) Frontberrcht vom 8. Oktober: Bei Pinsk und Sluzk Aufklärungstätrgkeit. Bei Sarny Kämpfe um die Ortschaft Odewsk. Nordöstlich von N o w o g r a d - W o l y n s k andauernde Kämpfe.. Bei Nowo-Uszica hartnäckige feindliche Angriffe östlich des Flusses Kalus. An der Südfrönt haben unsere Aufklärungstruppen den Dnjepr liberschritten. Bei Tschadron besehen wir die Station Makarenko und Ortschaften südöstlich davorr. Westlich von Wolnowacha und südwestlich von Marinpol sehen wir unseren Vormarsch fort. Die Unterzeichnung des polnisch-russische« WaffenstrlLftandes. Warschau, 9. Oktober. Aus R i g a wird berichtet: Die Feindseligkeiten werden 24 Stunden nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes auf der ganzen Front e i n g e ft e 111 $lad) der Unterzeichnung tritt in den Friedensvorhandlnngen eine Pause ein. Joffe wird sich für kurze Zeit nach Moskau, Dombski nach Warschau begeben. Der «sue Präsident von Niearagtta. New-Dork, 9. Oktober. (Tel.?Komp.) Die Präsident-- schaftswahlen in Nicaragua haben eine Mehrheit für die konservative Koalition ergeben. Zum Präsidenten von Nicaragua wurde Diego Manuel da Camarra. gewählt. Das.Resultat in.KaruLe«. Klagenrurt, 9. Oktober. (Korr.-Bur.) - Wie aus Kreisen der Plebiszitkommission verlautet, wird die Bekanntgabe des Abstiminungsresultats erst Dienstag vormittags erfolgen könne. — Heute abends sind die letzten Transporte von Stimmberechtigten in die Zone A abge-. gangen. Laut Beschluß des Plebiszitkommifsion wird Sonntag und Montag der private Telephonverkehr eingestellt. Seit heute mittags besteht hier ' abolntes Alkoholvcrbot, das sehr streng aingehalten wird. Verdächtige Ausländer in einem Kloster. Pretzburg, 9. Oktober. (Tschechv-slov. Presrbnr.) Gestern abends wurde hier eine Polizerrazzia veranstalte', in deren Verlaus auch da§ K l o st e r der Barmherzigen Brüder durch» sucht wurde, wo 110 verdächtige Ausländer abaeiaßt wurden. Diese Person«« wurden sofort auS dem Geb et der tschrcho-stowakrschen Repubük ausgewresen und die Ausweisung unv-nügl'tb dwebackilhit. „La Rondine.“ (Oper in drei Akten von Giacomo Puccini. Text von U. M. Willner und H. Rdichert. Deutsche Erstaufführung in der Bolksoper am 9. Oktober.) Zur Herbstzeit ist ..La Rondine", die Schwalbe, aus dem südlichen Bereiche der Opevnkomposition zu uns gekommen. Sie kündet eine neue Epoche des Jtalianismup der Oper an, eipgeleitet durch ein für Wien wichtig gewordenes- Gastspiel italienischer Särrger im Vorjahre, aus dem sich mannigfache Wechselbeziehungen musikalischer Art zwischen Oesterreich unb £JoIien entspannen; fortgesetzt durch die demnächst zu erwartende Premiere des Puecinischen Triptychons -an der Staatsoper. Sie hat ihren Flug auch von Men aus begonnen, wo Puccini iu schönen Friedenszeiten das seltsame Gelüste empfand, ein Buch österreichischer Operettenlibrettisten zu vertonen, und ist schon iu Monte Carlo, Paris und London mit jener begreiflichen Neugierde ausgenommen worden, die man eiper Neuschöpfung des erfolgreichsten und berühmtesten aller lebenden Opernkomponisten zu zollen geneigt ist. Puccini, ein warmer Verehrer der Wiener Operette, mochte sich von der Kombuiatdon seines Opsrnstils mit dem unwiderstÄhlichen Zauber des Wiener Walzers besonderen Erfolg versprechen. Das Beispiel des »Rvsenkavalier" konnte dqbei als Entschuldigung dienen. Denn eine Entschuldigung ist notwendig, wo ein Schaffender die kühle Berechnung des finanziellen Ergebnisses zur Prämisse seiner Arbeit nimmt. Aper Richard Strauß oder vielmehr Hugo Hofmannschm darf hier nicht zum Vergleich herangezogen werden. Denn jenes Buch gab zu der gewünschten Walzergelegenheit auch ein Stück Wien, ein fein gezeichnetes historisches Genrebild, das di« Untermalung im leichten Aquarellton der Walzer- Melodik mit innerer Notwendigkeit forderte. Was aber haben JMß. .Herren Willner und Reichert als V'cner Wesenheit emp. Wiener Morgenzettung SECHS Bausteine für das Dritte jüdische Reich spendeten in drei Wochen am** ei*« die 000 Juden von . das sind 120,000 Kronen!!! i ■ ■ Hättet Ihr 280.000 Juden ebenso feurc PJflehfi erfüllt, soi hatte der J&idiscfoe NatienaRfosuis für seine dringenden SLb cfi Bl C8 & in Palästina bereits weit über 3000 Bausteine oder 60 ifililiiosien Ein Baustein für das Dritte jüdische Reich kostet 20.000 Kronen Spenden nimmt der Jüdische Natlonalfends, Wien, II., Zirkusgasse 83, entgegen?63ä Jüdische Flüchtlinge in Konstanza. Konstonza, 9. Oktober. (D.urmm.) Hier sind viele Juden, d'e wegen der, Pogrome und dcr.Plünderungen durch Banden Petljmas aus der Ukraine geflüchtet waren, ein gell offcn. Sie sind im Begriffe, nach A m e r i k a auSzuwauvem. Die vierfache Anklage aepe« einen Mdische« Necalrtsuv in Polerr. Barsch au, 7. Oktober. (Jewish Torr., Bur.) Der Redakteur der jüdisch-soz'alistischeu Zeitschrift „Lebensfragen" wurde an einem Tage untre vierfache Anklage gestellt. Die „Lebensfragen" wurden kürzlich von den wegen Veröffentlichung gew'fser mi.rtävssch r/Geheimnisse und angeblicher Berhetzung eines Teiles der Bevölkerung gegen den anderen eingestellt. . Für den Abdruck eines Art'.kels,. „Huliganische Aufrufe^wurde der Redakteur §u einem M onat Kerkers, i für einen' zweitey Artikel „Es lebe die zaristische Nagaika im freien Polen" zu z w ei Monate u, für einen, dritten' Ärtckel „Heule beginnt die große Offensive" zu 100. Mark Geldstrafe verurteilt. Von der vierten Anklage wurde er freiste s p r v ch c u. . Großes Elend der jüdischen Flüchtlinge aus der Alrraine. Kisch'new, 7. Oktober. (Jewish Torr. Bur.) Die aus der Ukraine nach Rumänien flüchtenden Juden \ wenden sich vorzüglich nach Beßarabien. Die meisten ' bleiben in Kischinew obdachlos und in jämmerlichem Elend, da in Beßarabien und insbesondere in Kischinew ungeheurer WohnungsMangel herrscht..Es wurde! daher ein spezielles jüdisches Komitee gebildet, um vor dem herannahenden Winter die Unglücklichen in einzelnen : jüdischen Privathüusern einzuquartieren. funden? DaS Nachtlokal! Um dieses Nachtlokal, das leider kein Sperl und kein Gschwandner, sondern ein höchst schwunglos betriebenes Etablissement des zweiten Kaiserreiches m Paris geworden ist, dreht sich, nein. Weicht nun die Handlung, aus der man lernen kann, wie armselig die vielgerühmten Libretti Wiener Autoren ausfallen, wenn ihnen nicht ein Heer von Mitarbeitern An Gestalt von Komikern. Negiffeuren und sonstigen Komödianten zur Seite, sieht. Jenes Nachtlokal ist, wie wir im ersten Akt erfahren, die geheime Sehnsucht Madelaines, der Geliebten des reichen Rombaldo. Sie äußert sich darüber des längeren und breiteren zu der recht zweifelhaften Gesellschaft, die ihren Salon bevölkert, einen.Salon, dessen geistige Nüchternheit dem Schiebertum des Weiten Kaiserreiches entsprechen dürfte. Zur Belebung der dort herrschenden Langweile wird ein Dichter Prunrer eingeführt, der als zweite Mannsperson des Stückes »rach Operettenlogik zur Soubrette, in diesem Falle Madelainens Kammerzofe, LiebeSnergung empfinden muß. Ehe er aber dieser Pflicht genügen kann, macht er sich als Sänger eines selöstverfaßten Liedchens nützlich, in dem von einem Mädchen die Rede ist, das die Liebe eines Königs ausschlägt, um —? Der Gedankenflug des Dichters versagt bei der zweiten Strophe. Madelaine setzt als brillante Stegveifdichterm fort: llm sich der Liebe eines armen StudentchenS hinzugeben, dessen Kuß ihrmehr bedeutet als alle mit ^Reichtümern erkaufte Liebe. So ist Madelaines Charakter, und wir ahnen das Kommertde. Das Stubenmädchen erscheint: Roger, ein schüchterner Jüngling aus der Provinz, den diese im Liebesfach wohlbewanderte Gesellschaft sofort in die hohe Schule des Amüsements zu entsenden beschließt. Nach einer lebhaft geführten DiSkusiion, wo der erste Aberw in Paris am passendsten zu verbringen wäre, fällt ernstimmig die E:rtscheidung: Bullier. Man gibt cs ihm schriftlich. Nur dort ist die einzige und wahre Stätte Pariser Seligkeit. Daß er dort auch Vkadelaine und den Dichter' wir Dur S"'.b:'!'.-.nädchcn IQ Ofefobtt 1920 /6eBt»[ Tagesbericht. Die Tragödie des GemeindesekretsirG Hartmann. | Bor _ einiger «Zeit berichteten wir Übet das traurige Schicksal des GemeindefekretarA Hartmann von Ujseherto, der, ein 68 Jahrälter Mann, nach 47jährigem tweUeN Dienst^ bei der Dorfgemeinde Ujfeherto als Opfer des Weißell Terrors ein grauenhaftes End« riub. Nähere Daten waren damals über dtesen Falt nicht zu haben. Nun veröffentlicht das amerikanisch-ungar. Blatt „Elött^ die Zuschrift eines in Amerika lebende» Sohnes des hingemordeten Hartmann, i« ivelcher die ganze Tragödie eines in Ehre» ergrauten jüdischen öffentlichen Beamten sich entrollt. Der Brief, der das Datum 1. SeP-< tember 1920 trägt, lautet unter anderem: .vorgestern langte ein ganzes Paket Briefe a«S der Heimat über Munkacs au, in betten bk Ermordung unseres geliebten Bgtzers und noch andere ähnliche Dingff ausführlich beschrieben werden, so daß einen' das Graue» erfaßt, ivenn man diese Dinge, liest. Wie man itnS schreibt, f)ai mein verewigter Vater noch insoferue Glück gehabt, daß er,,wenn auch „gebutcher^ (fleischhauermäßig hingeschlachdet, immerhin unter Militäraufsicht im jüdischen Friedhof zur eivrgen Ruhe gebracht wurde. Aber wtcv'.ele verschwinden, ohne daß auch nur ein Hahn nach ihnen krähen würde. Dort drüben ist ja jetzt eine ganz'freie Welt, aber nur für das Militär.- Diese stehlen., mördens töten, machen das. Leben unsichsr und weiß Gott,- was alles sie aristetten und' es gibt keinen, d-er s'e daran hindern, würde. Dort drüben gibt es jetzt keinen Gott und kein Gesetz. Der zivile Beamtyrapparat und die Kriegsgerichte stehen alle unter dem Oberkommando der Räuberbanden, des' Horthy. Und nun geh' - und klage bei jemandem! Wenn heute in Ungarn sich jemand den Rücken kratzt oder nicht gewillt ist, seine Frau und seine Schwester den Soldaten z» . überlassen, der gilt schon^als Bolschewik und dem kann selbst der Herrgott nicht mehr helfen. Da jedoch mÄn Vater niernals ein Jucken im Rücken verspürt hat, daer als religiöser Jude jeden Morgen, bevor er in den Tempel ging, ein Tauchbad nahm, sein ganzes Vermögen aus siebzehn Kindern bestand, von denen nenn; hier in Amerika leben und acht zu Hause hungern, sq war er von jedem Bauern und von jedem Adelige» geliebt und geachtet, trotzdem der 68jährige alte Hart* mannbacsi nicht zur Herrenklasse gehörte.! 'A_\ Nahezu 45 Jahre hat er gearbeitet und gervbvte^ ■ttö armer Mamr in der Gemeinde, deren Sekretär er. war..' .solchen Menschen zu behaupten, daß. er Kommunist gewesen fei, wäre die größte Lüge, dis' selbst in der Hölle nicht gegläubt würde. So schief, es am besten und zweckmäßigsten, .zu einer Finte M greifen, was müch wirklich geschehen ist und die' leider sehr gut gelang. , - U- Es war am 3. Juli, an einem iSamstagmittaA als. mein Vater aus' der Synagoge heimkehrte mÄ von zwei Gendarmen erwartet wurde, die ihn mir schmeichechaften Worten empfingen: Bitte erst zst Mittag zu essen und dann uns freundlichst zur StaatS-j anwaltschafr zu begleiten. Wir bedauern es. sehr, Herr« Hartmans stören zu müssen, aber Sie beliehen ja wissen, höherer Beseht ttsw. usw." Mein seliger Batev^ verwahrte sich natürlich gegen ein solches Dorgeher^' und antwortete: „Sie wissen ja gut, wer ich bin. 'Jchj' werde dis Abend nicht durchgehen. Heute ist Sabbats und am Sabbat gehe ich nicht ins Amt und fahre rnchE im Wagen." i Dis Gendarmen ließen nicht locker, er mußte mit. ihnen gehen. Unsere Mutter und meine Geschwister; sinden wird, darüber läßt uns der Schluß des Aktes mit börtj immerhin anmutigen Spielduett jrnes ungleichen PaareÄ nicht im Zweifel. Lisette eilt in Madeiainens besten Kleide«^ mit ihrem Prunrer dorthin, Madelaine folgt ihnen rn Grisettentracht, nicht ohne die Gewissensfrage an das Publikum,' zu stellen: «Ach, wenn ich'S doch nur wüßt', ob noch emmcüj die Lie—beech heiß mich küßt!" wozu der Vorhang Ja und^ Amen sagt. , s Bei Bullier herrscht aber auch kein besonderes Ammw,! wenngleich Roger natürlich auf seine Rechnung kommt^' Madelaine nähert sich ihm und besteht darauf, lediglich Bier' zu konsumievein, weil sie das an die schonen schlechteren Zei-' ten erinnert, Champagner hingegen offenbar alle Tage fürs' sie zu haben ist». Nichtsdestowenrger gerät monc in Walzers' stimmung und Liebesergietzungen von Puccinischem Zuschnitts Folgt die Storung durch Lisette, Prunrer und den älteren Galan, dem Madelaine in Ansehung ihrer neuen Eroberung»' die Freundschaft auffagt, um mit einem LiebeSduett, das in einem gemeinsamen hohrn „B" ausAingt, einem glücklicheren dritten Mt entgegenzugehen. Hier wird die Un Wahrscheinlichkeit Trumpf. Auf einem* Landsitz sind die beiden Liebenden glücklich vereint, schwelgen^ in Erinnerungen an den nicht weit zurückliegenden zweitens Akt, bis das Geschick mit Traviata-Drlchungen in Gestalt Pruniers und Lisettens wieder eingr-eift. Man halt ihr vor, daß die Vergangenheit Madelarnes mit den Erwartungen, die Rogers Mutter in einem Schreiben von der Tugend der! neuen Schwiegertochter hegt, rricht recht übereinstimmen dürfte, und das genügt, um sie zu einem unter vielen Trane« geäußerten LiebeSverzicht zu bewegen. Die Pariser SchwaDo kehrt in ihr altes Heim zurück. Das ist alles. ° Fügen wir noch hinzu, daß die Einzecheiicn des LiaiogSs in würdigem Einklang mit den: Geistesflug des Szenariums ü-chen, so gilt für die Textwah! PuceiniS uwhl nur die

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