Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 599 (24.9.1920)
- Date
- 1920-09-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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, Wiener MorgenzriL»»- 24, September 1920 Rr. 699 Wien, Frettast DOO Mann. Sie mußten ihre Uniformen ausziLhen vnd erhielten nur Notdürftige Vekteidmlg, dann wurden sie nachj Jablvna transportiert und in Baracken gelegt, m fie auf der Erde schlafen mußten. Nirige Tage lang blieben sie ohne Essen und Trinken, keiner wurde zu ihnen zugelasfen. Es brach Typhus LuS und andere Epidemien. Rings um die Baracken wurden Fässer mit Petroleum gestellt, so daß die Internierten befürchteten, verbrannt zu werden. Erst nach energischer Intervention der . jüdischen Abgeordneten wurde für die Verpflegung der Internierten Sorge getragen. Sie befinden sich noch heute in Iablona. Allgemein wird behauptet, der Befehl zu dieser grundlosen Internierung der Mischen Soldaten sei von dem General Haller und dem französischen General Weygand unterzeichnet. (Wir haben den Vorfall bereits gemeldet.) * All dies sind, wie gesagt, nur wenige Tatsachen, die ersten, die zu sammeln und einwandfrei festzustellen den jüdischen Abgeordneten unter unerhörten Mühen bisher gelungen ist. Von den mehr an der Front gelegenen Städten werden furchtbare Nachrichten gemeldet, besonders von Malystok, doch war noch einwandfreies Material nicht zu erlangen. Die Stimmung der Juden im Lande ist furchtbar, in den Bahnen fahren keine Juden mehr, in den Städten der Provinz tragen sie sich seit Wochen nicht mehr auf die Straßen. Die polnische Presse rast geradezu in ihrer Hetze gegen die Juden, ds« sie samt und sonders als bolschewikisch bezeichnet. Einzig und allein das Organ der P- P. S., der „Robotpik", wendet sich gegen diese Hetze. Zu gleicher Zeit aber fitzt der Führer der P, P. S-, Daszynski, als Bizeministerpräsident in. der Regierung und tut nichts, um die militärischen Exzesse zu verhindern. Kurzum, das polnische Judentum fühlt sich' völlig wogelfrei und preis gegeben; ein furchtbarer Terror wütet sie und die öffentliche Meinung Westeuropas und Amerikas schweigt und von'nirgendwo ist Hilst zu erwarten. ___ Inland. Horthh-Magharlfches in Me«. Den Mitteilungen der „Arbeiter-iZ e:tung", daß die jauchige Jnwratenhetze der „gutgesinnten Deutschöfterreicher" in der antisemitisch-reaktionären Presse eine mit ungarischen Regierungsgeldern bezahlte Horthy-Prop Uganda darstelle, ist die Wiener ungarische Gesandtschaft mit einem entschiedenen Dementi entgegengetreben. Die „Arbeiterzeitung" hat hierauf erklärt, daß sie ihre Mitteilungen' vollends aufrechthaste, und veröffentlicht in ihrer gestrigen Nummer di« Faksimiles der bezüglichen Dokumente, die nunmehr^von der ungarischen Gesandtschaft wiederum als Fälschungen bezeichnet werden. Man wird im allgemein«: angesichts der bekannten Ho rthy-magy arischen Praktiken nicht recht geneigt sein, Dementis aus dieser Quelle besonders ernstzunehmen. Die Methode, 'die ein auf stete Sensationen ausgehendes' SpätaVendblatt empfiehlt, den Graphologen Schermann zu Rate zu ziehen, wird sich wohl kaum empfehlen, denn die Frage nach Echtheit oder Unechtheit jener Dokumente ist keine, dis allein die beteiligter: Blätter angeht, sondern in erster Reihe die Regierung, welche sich endlich darum kümmern sollte, daß die magyarische Hetzpropaganda in Wien ihr Hauptquartier aufschlagen will. Die Uebergrisse Horthh- Magyariens gegen Oesterreich sind Tatsache, gleichgültig, ob die von der „Arbeiter-Zeitung" veröffentlichten Stücke echt sind oder nicht. Die Dokumente über die aufwieglerische Tätigkeit in der Slowake:, die das „Pvavo Lidu" gebracht hat und wobei die gleichen Stellen und ■ Personen bezichtigt erscheinen, verstärken jedenfalls noch den ' Argwohn gegen das hiesige Bureau des Herrn Dr. Uratz, der in Erckäruugeu eine bekannt rasche Hand hat. Unsere Behörden sollten jedenfalls einer: Teil der Aus-' ulerksamkeit, die sie geplagten, armen' Juden zusyendet, tpelche niemandem etwas in den Weg legen und beständig gehetzt und schikaniert werden, den magyarischen Emissären zuwenden, die ungescheut zwischen Budapest und Wien hm- und herpendeln. Die Wiener liberale Presse und Horthy, Der Abenbbarde des Herrn Sieghardt im „8 Uhr-Blast" ließ gestern fortissinw sein Instrument erklingen, um Hvrthy Handlangerdienste zu leisten. In einem Artikel, dessen. Logik so naiv ist wie der andere tägliche Inhalt der Sieghardtschen Abendposaune, legt er sich für die Bubapester Brtyaren in die Bresche, und lobt deren Desperadopolitik über den grünen Klee. Man muß dieses Geschwätz gelesen haben, um zu ernressen, wie toenig politische Schulung dazu gehört, Um in der Wiener liberalen Presse Artikel zu schreiben. Daß die „Neue Freie Presse" bis zum „Neuen Wiener Journal" geschlossen den Horthy-Betyareu die Mauer macht, ist ja bei der Interessengemeinschaft dieser Blätter mit der ungarischen Pcopagäu da. kein Wunder. Täglich befleckt diese Presse die allen liberalen Traditionen von früher und sinkt immer ..tiefer ...» Das schlachte Gewisse» des Herrn Gpatz. Die in Diensten der ungarischen Gesandtschaft stehende Korrespondenz „Wiener Kurier" meldet: Seit gestern mittags befindet sich im ungarischen Gfi'andtschaftsgebäude in der Bankgasse ein größeres Polizeiausgebot, da inan im Zusainnicnhailg mit den Eillhnilnngen ' in der ..Arbeiter ^eitnna" Kinrdaebnngei: aegen die Gesandi- Millerand — Prilfident der französischen Republik. Versailles, 23. September. (Havas.) Mitterand ist mit 698 Stimmen zum Präsidenten der Republik gewählt worden. Irn ganzen waren 892 Klimmen abgegeben worden. Die absolute Mehrheit betrug demnach 447 Stimmen. Bor einer jugoslawischen Kabinettskrise. Paris, 23. September. (Havas.) Nach einer „Temps"-Meldung aus Agram hat die jngoslawische Regierung von der Skupschtina das Recht verlangt, Erlässe ohne die Zustimmung des Parlaments heranszugeben. Die Skupschtina hat dies jedoch abgelehnt, dadurch ist die Lage des Kabinetts schwierig geworden. Eine weitere Verschärfung der Lage ist durch den Rücktritt der slowenischen Regierung eingetreten. schaft befürchtet. Die Polizisten, die die Gesandtschaft gegen etwaige Demonstrationen schützen sollen, sind :'m Hofe des' Gebäudes konzentriert. Unterausschntz des VerfaffnngSansschuffes. Der Unterausschuß des Verfassungsausfchusfes hat in seiner gestrigen Sitzung die technische Lesung des Verfassungsentwurss fortgesetzt und zum Abschluß gebracht. Offen geblieben ist noch die Entscheibrmg über die Frage der Zuständigkeit in den Angelegenheiten des Schulwesens, des Wasserrechtes und Elestrizitätswesens, des' Gesundheitswesens. und der Gtaatsbürgerschast. Abgeordneter Dr. Seipel erhob unter Berufung auf die Parteienvereinbarunger: Einspruch gegen einen Mehrheitsbeschluß, mit dem der Artikel 14 a des Perfafsungsentwurses anfrechterhalten wurde. Das Hauptstück über den Versasfungs- und Berwaltungsgerichtshof hat zum größten Teil eine neue Fassung erhalten. Die Wahlen. Wer die Versöhnung von Volk zu Volk will, Wer die Wiederaufrichtnng der jüdische» Würde ersehnt, Wem die Errettung und Erlösung des jüdischen Volkes am Herzen liegt/ Wen der Verrat der Wiener jüdische« Asfimilanten an ihren östlichen Brüder« empört. Werdie mannhafte Bekämpfung der antisemitischen Reaktion und die Erringung der tatsächlichen Gleichberechtigung fordert, Der wirbt in ganz Oesterreich für die jüdisch nationale Lifte „Stricker u n d G e n o s s e n". Die Kandidatenliste der Jüdischnationalen. Die Jüdischnationale Partei hat beschlossen, in sämtlichen Wiener Wahlkreisen zu kandidieren. Die jüdischnationale Liste lautet: Abgeordneter Robert Stricker, Staatsbahnrat, Anitta Mülle r, Private, Adolf Böhm, Fabrikant, Gemeinderat Dr. L. P l a s ch f e $, Rechtsanwalt, * Erna Patak, Private, Karl Blum e, Obmann des Verbandes jüdischer HandelsangesteSter, Emannel Kaufmann, Baumeister, Gemeinderat Dr. Zakob Ehrlich, Rechtsanwalt. Dia gleiche Liste wurde auch als Reichsliste angemeldet. Die jüdilchnationale HauptWahlleitung befindet sich: II., Tabotftraße 20 a. Unser Auskunstsbureau für den XX. Bezirk ist: K a r 1 M e i tz l ft r a ß e 5, Tür 1; für den IX. Bezirk: Liechtensteinstrafte 11, Tür 13 Für den IV. bis V, Bezirk täglich von 9 bis 4' Uhr nachmittags, IV., Favoritenstraße 21, Telephon 53.426; von 4 bis 8 Ifhr abends, IV., Favoritenftraße 42, I. Stock (Max Strauß), Tel. 58.699. Für dieBezirke VI v i s VIII: Auskünfte in Wahlangelegenheiten, Vf, Amerlingstraße 19, Hofstiege täglich von .9 bis, 2 Uhr nachmittags. Das zionistische Bureau, X.,Favoritenstraß e j 3 0, erteilt Auskünfte m Wahla n g e l e g e n h e i t e n täglich von 3 bis 6 Uhr nachmittags. , Für die Bezirke XVI und XVII Anskünste täglich zwischen 2 und 4 Uhr nachmittags, XVI., Bnmnengasse 41. * Das Züdischnatiormle Wahlbnraan für das Viertel unter dem Wienermald (Vorort Wiener-Neustadt) befindet sich in M ö d l i n a. Enzersdorscrstraße 6 (Telephon Mödling 223/VI) uno 1 amtiert täglich von 10 bis 12 Uhr vormittags Uftd /Seite %» von 7 bis 8 Uhr abends. Anterurbane Gespräche z» jeder Tageszeit Telephon Mödling 209/ftü. — Kunstsstelle für die Bezirke W rn c r - R e u st ad tz und N e u n k r r ch e n Kanzlei Dr. Leopold B au e rl Wiener-Neustadt, Hau p t st r a ß e Z (Telephon 343), täglich von 3 bis 4 Uhr nachmittag« * . ‘ 'fj Das Jüdischnationale Wahlbureau für? das Viertel ober dem Maunisartsberg (Kultus^ gemeindesprengel Krems) befindet sich bei Karl R e Hahn, Krems, Telephon 40. * S a m s t a g d e n 25. d. M. uttr V-8 Uht findet im Re st a u r a n t G o l d st e i n, U., Zir ausgaffe 3, eine WLHletvepfammlung statt. Re-, fereiltest: Die Kandidaten Abgeordneter Ingenien-' Robert Stricker, Anitta Müller. Unsere erste Massenversammlung im Wähl-! Kampf. , ’ Die erste große Wählerversammlung, ivelche unsere Partei stt Bayers Lokalitäten inr Prater abhielt, wie-j einen Massenbesuch auf; viele Hunderte von Wählern, ivelche im überfüllten' Gaal« keinen Platz mehr fanden, drängten sich im Garisn-j raum, um wenigstens die markantesten Stellen dm» einzelnen Reden zu hören. Dieser Massenbesuch be^ weist, wie stark die volkstümliche ZugKaft' unserer Partei bei den jüdischen Massen Wiens ist und wie gerns sie unserem Rufe folgen; gerade bei dieser WÄhk müssen/ sich auch'^ie jüdischen Wähler dessen bewußt fein, daß! es um den vitalsten. Schntz der jüdischen Existenz geht, daß die Judenschaft Wiens und Oesterreichs ich der kommenden Nationalversammlung' mehr denn. M aufrechte jüdische. Sprecher, unerschrockene Wyhrer ihrer! Rechte.gegen die antisemitische Hochflut bedürfen ttstck» Darauf wies denn auch zunächst G'rmeinderat Dr. Plasch'kes hin, der, vom Vorsitzenden der Ver^ sammlung Herrn Grünberg herzlich begrüßt untz von den Zuhörern lebhaft akktamiert, als erster Redner das Wort ergriff. Dr. Plaschkes legte dar, daß die/ Wahlversprechungen der Christlichsozialen, sie würden'! nur gegen die Ostjuden Vorgehen, ein lächerlicheAl Manöver ist. Die Verfolgung der Ostjuden ist eine Verfolgung aller Juden, der nur ein bestimmtes Mänttzd^ chen umgehängt ist. Die Judenfrage ist immer und überall dieselbe untt geht alle Juden an. Und wenn nun eine öfters reichische Verwaltung, die soziakdernokratisch orientier» ist, einen Teil der Juden zu Menschen minderes Kategorie macht, so ist das eine Verleugnung de^ sozialdemokratischen Parteiprogramms, welche mit der auttsemittschen Strömung $ in der sozialdemokratischen ^Partei, an deren Spitze dem Landeshauptmann Sever steht, zusammenhängt. Wein entfernt, eine Niederlage der sozialdemokratischen Parteif zu wünschen, müssen wir Juden jedoch durch eigens selbstbewußte Vertreter in der NationalversammlunE die Sozialdemokratie daraus aufmerksam machen, was! ihre programmatische Pflicht ist. Wenn man uns aber sagt: Ihr müßt bürgerlich wählen, um weniger Eer> mögensabgabe zu zahlen, so antworten wir: Wir wissen^ daß keine Partei, nicht die Christlich sozialen v nd nichk! das, was sich bürgerlicher Freisinn nennt, die Bewohner Oesterreichs ohne Unterschied der Klasse vom! ihrer 'Pflicht, das ungeheure Defizit des Staates zm decken, entheben kann. j Wir wollen dem Gtaatr geben, was des Staates W.' Aber wir verlangen, daß uns die staatliche Autvrifäf! und Behörde das gibt, was unser Recht ist, das wir stets ungeschmälert sordem. Wir müssenj durch unsere Vertreter Schutz haben bei den Uewaltechi dieses Staates gegen die Versuche der inr Kriege übe« ihre Schnll» zufammengebvochemn Desperadoparteien>>l uns zum Sünbenbvck für alles Unglück zu machen^ Daß uns Gerechtigkeit widerfahre, dafür müssen uufcrö Vertreter einstehen. Daftir ist auch unser bisheriger^ Vertreter in der Nationalversammlung, Abgeordneter! Stricker, eingetreten, der unsere Rechte geschützt, alle Angriffe gegen uns abgewehrt und unser wahres, vo^ staatsbürgerlicher Treue?; erfülltes Festhalten an den Staatsinberessen dargelegt hat. Und es ist zu erwarten, daß Stricker der einzige bürgerliche Kandidat in dem Wahlkreis, der die meistens jüdischen Stimmen Hai» bleiben hüpfte, da der Mandats^ schacher der Schwarz-Hiller und Konsorten bald ein unrühmliches Ende nehmen dürfte. Gegen seinen pvli-< tischen Führer wird bas Mener Judentum am 47. Ovi tober seine Pflicht erfüllen. Hierauf führte Herr Nebenzahl in schlagkräftigen Darlegungen aus, daß die traurigen Zustände, die Pogrome im Osten, die wirtschaftliche und moralische Vernichtung in Ungarn, unter denen das Judentum sÄ sechs Jahren ununterhrochen zu lefden hat, nicht zmu mindesten eine Folge der ass imi lato risch eu Politik sind. Darauf müssen dis Juden die Lehre ziehen, daß sie nicht eine fremdnationale Politik betreiben dürfen, sondern daß sie nur durch Zusammenschluß der indischen Gesamtheit m UM mMtzt siA WeW tzje