Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 599 (24.9.1920)
- Date
- 1920-09-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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'«tit» 2 > V ■ . ..... — Wien, Freik- SBieitcr Morgenzeitnng '24. September 1920' i^murn i Är. ffl Die QagNe des Wischen üolkes inpolen Wahrend sich diese Szenen am Bahnhof.absprellen, ist eine andere Abteilung des P r o n a y-Detochements in dre Kanzleiräume des Hilfskomitees eingeörungen und hat dort sämtliche Schränke und Tischladen ausbrechen lassen. Der herbeigeeilte Sohn des Lebowitfch wurde mit vorgehaltenem Revolver empfangen. Inzwischen kam die am Bahnhof „amtierende" Abteilung Mit dem blutiggeschlogenen alten Lebowitfch, den Doktor Kami!) Sipos selbst an einem Strick führte, in die 'Kanzlei. Als Dr. Sipos hier dm Vater Lebowitsch ins Gesicht schlug, warf sich der junge Lebowitsch auf Dr. Sipos und versetzte ihm eine Ohrfeige. Nun fiel die ganze Bande über den jungen Mann her und miß» handelte ihn in geradezu bestialischer Weise, bin in» zivischon verständigter Advokat legte sich schließlich ins Drittel und verhinderte, daß Lebowitsch in das Haupt« quartier des Pronay-Detachements, die. Hadik-Kaserne, verschleppt werde. Er wurde der Stadthauptmannschaft etnac?icjert. Rabbiner Friedman u wurde, nachdem ihm l-,ie Hälfte feines Bartes förmlich herausgerissen .worden war, in Freiheit gesetzt Volitische^undschau. Die thrakischen Inden und Griechenland. Konstant'lnopel, 18. September. (Jewish Corr. Bur.) Rabbi B e n a r o a h, der Chachambaschi von Adrianopel, überbrachte aus Anlaß der Einnahme Adrianopsls durch die Griechen der griechischen Regierung eine Deklaration der thrakischen Judenschaft. Befragt üLer das Verhältnis der griechischen Regierung zur thrakischen Judienschaft, erklärte Rabbi Benaroah einem Korrespondenten gegen« über, er habe an allen maßgebenden Regierungsstellen die Versicherung erhalten, daß die Regierung die Juden als äußerst wertvolles und schätzbares Element be« trachtet. Die Juden werden im Genüsse aller bürger« lichen Rechte stehen und werden in jeder Hinsicht zufrieden sein. Als der König die Synagoge in Adnanopel besuchte, sagte er beim Verlassen des Tempels: „Meine Laten den Juden gegenüber werden angenehmer und ke« deutungsvoller sein, als ich es in Worten ausdrücken kann." NnMt8tSbeschk>erde« im Tisza-Prozetz. Aus B u d a p e st wird uns berichtet: Dis Verteidiger der im Tisza-Prozeß verurteilten Angeklagten haben innerhalb der gesetzlichen Frist gegen die vom Drvistonsgericht gefällten Urteile die Nrchtigkeitsbeschwerds etngebracht. Politisch interessant ist die Beschwerde des Dr. Tibor Levay für den zum Tode verurteilten Stephan D o b ü, da in derselben eine Anspielung auf die Rolle des Stephan Friedrich in dieser grausigen Wäre enthalten ist. Dr. Levay führt unter anderem aus, daß das Gericht einen gedungenen Mord angenommen hat, ohne daß vorher feftgestellt worden wäre, ob überhaupt jemand die Mörder zur Ausführung der Mordtat gedungen habe und wer dieser Ausdinger der Mörder eigentlich sei, da der gedungene Mord naturgemäß zur Voraussetzung hat, daß die als gedungene Mörder Verurteilten von irgendjemandem den Mordlohn erhalten hüben. Demnach hätte das Gericht vor allem durch Namhaftmachung desjenigen, der den acht Verurteilten diesen Lohn gegeben haben soll, unzweifelhaft fsstftellen müssen. Ei« Angriff ans Gabriel Agron wegen seiner Stellungnahme gegen den Namenui datum*. Bekanntlich hat der der demokratischen Partei angehörende Abgeordnete Gabriel Ugrori bei der Verhandlung des Gesetzes über den Numerus clausus gegen dieses sudenfemdliche Gesetz Stellung genommen und gestimmt. Die Erwachenden Ungarn nahmen wegen dieser Haltung des noch immer in großem Ansehen stehenden alten Politikers in der Weise an ihm Rache, daß eine Bande dieser Volksbeglücker letzten Freitag nachts die Fenster der Villa Ugrons, während die Familie ahnungslos bei Tische saß, mit faustgroßen Steinen zertrümmerte. Die Steingeschosse haben im Zimmer der Villa wertvolle Gegenstände zerschlagen und es hat wenig gefehlt, daß Frau Ugron an der Schläfe getroffen worden wäre. Der Angriff trug alle Zeichen eines organisierten UeberfülleS. Abgeordneter Ugron meldet im Parlament die Verletzung seines Jmmunitätsrechtes cm. Die Kompromißanträge für die englischen Bergaeberter London, 23. September. (Reuter.) Lloyd George hat bst der gestrigen Konferenz mit oen Delegierten des Arbeiter- Treibundes vorgeschlagen, daß die Bergarbiter und Bergwerksbenher sich dahin einigen sollt;«, daß die Erhöhung dee Löhne von der Erzeugung abhängig gemacht wird. Er schlug vor, eine M-Mtesterzeugmng festgüsetzen und iede Ue-berpeoduktion besonder« zu entlohnen. Die Mindest- :r»engr>«g solle sich unter dem augenblicklichen Stande de« vegen, wodurch eine sofortige Lohnerhöhung gesichert wäre. Morde m Irland. London, 22. September. (Router.) „Daily ChroMcle" meldet aus Dublin: Kj« mit Gendarmen besetztes Automobil wurde bei Mlionm-Malbay (Grafschaft Cläre) angegriffen. 55ieG’-.’itbiunicn wurden 3 flötet, einer uerruimöet. Die 36 '4 li’iifn, das Auw'iwpil angegriffen hatten, sollen veryastet worden sein. Die Lage der Juden in Polen, welche auch bisher betrüblich genug war, hat seit dem Beginn des Krieges mit Rußland eine gewaltige Verschlimmerung erfahren. Das Anwachsen der Macht des Militarismus und der durch den Krieg aufgestachelte Chauvinismus, den die Presse in <Mwissenlofeftep Weise schütt, haben Folgen gezeitigt, die für die Juden geradezu katastrophal sind. Die polnische Regierung, welche öfters erklärt hat, daß sie die Exzesse bedauert und einen Ausgleich zwischen Polen und Juden anstrebt, hat die ernste Pflicht, unverzüglich mit aller Energie einzuschreiben, wenn nicht noch größeres Unheil ausbrechen soll. Eine ans Polen soeben in Wien ein getroffene angesehene und absolut zuverläßliche Persönlichkeit macht uns über die gegenwärtige Lage der Juden in Polen die folgenden Mitteilungen: Die Lage der Juden ist seit der Errichtung des polnischen Staates eine derartige, daß man meinen sollte, eine Verschlechterung sei gar nicht mehr möglich. Trotzdem haben die letzten drei Monate eine solche Steigerung des jüdischen Elends gebracht, daß man sie nicht für.möglich halten sollte. Eine ununterbrochene Reihe von Schikanen, furchtbaren Exzessen und Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung charakterisiert diese Zeit. Der latente Pogrottr ist in einen akuten ü^ergegangen und mit allen Mitteln wird ein fürchterlicher Vernichtungskamps gegen die wehrlose jüdische Bevölkerung geführt. Das Material ist noch nicht gesammelt. Viele Städte sind noch militärisch verwaltet und Zivilpersonen können nicht hingelangen, außer den polnischen Journalisten der antisemitischen Zeitungen. Jedoch ist es bereits den jüdischen Führern in Polen gelungen, einen kleinen Teil des Materials zu sammeln; man kann schon jetzt behaupten, daß,.was sich in diesen letzten Wochen dort abgespielt hat, seine Analogie nur in den fürchterlichsten Berichten der jüdischen Martyriologie findet. Roch sind die jüdischen Politiker in Polen nicht in der Lage, ihr Material zu veröffentlichen. Die Zeitungen stehen unter militärischer Zensurim Lande herrscht militärischer Terror. .Ohne die Möglichkeit, das ganze Material zu publizieren, schweigen die jüdischen Führer, um nicht durch einige kleine Fakta, das ungeheuer'große Leid zu verkleinern. Die jüdische Presse schweigt notgedrungen. Dafür aber hetzt die polnische Presse die öffentliche Meinung umsomehr aus. Um die Ereignisse der letzten Wochen zu verstehen, mutz man die Entwicklung der polnisch-jüdischen Beziehungen in den letzten Monaten kennen. Gleich 'Nach der Rückkehr des polnischen Ministerpräsident.;« Grabski von der Konferenz von Spa wurde von ihm eine Kommission zur Herbeiführung einer Verständigung zwischen Polen und Juden einberufen. Vertreter aller Richtungen des Sejm und aller jüdischen Parteien wurden hinzugezvgen; den Vorsitz führte Gtübsn selbst. Man zweifelte in jüdischen Kreiset! fofSLt, ob diese Konferenz einen Erfolg haben werde. Die ersten baiben Sitzungen der Kommission verliefen mit heftigen Diskussionen über die Judenfrage und scharfen Angriffen der polnischen'Vertreter gegen die Juden wegen ihrer angeblichen Msyslität. Während die Kommission tagte, umstellten Röltzet Und Militär eines Tages bas jüdische Viertel in Warschau und machten Hausdurchsuchungen nach Deserteuren, man schleppte Männer von 50 bis 60 Jahren sowie Kinder von 12 bis 13 Jahren fort, hielt sie einige StiltüreN, manche einige Tage, fest und entließ sie dann. Viele blieben in Haft. Die Hausdurchsuchungen wurden eine tägliche Erscheinung. Die jüdischen Vertreter in der Verständigungskommission erhoben heftigen Protest; die Regierung versprach, auch in den christlichen Quartieren Hausdurchsuchungen vor-- zunehmen. Das galt bereits als ein Erfolg. Die dritte Sitzung der Kommission bewies mehr Neigung zur Verständigung. Die jüdische Presse faßte Hoffnungen. Die polnische. Presse jedoch verschwieg, wie schon vorher, die Sitzung und erwähnte die ganze DerstärckigungSaktion mit keinem Wort. Eine Ausnahme bildete nur das Organ der Sozialdemokraten, der „Robotnik". Die Hausdurchsuchungen nahmen einen furchtbaren Charakter in den jüdischen Vierteln an. Schließlich versprach die Regierung, Milderungen eintreten zu lassen, auch auf die Presse, die fortwährend gegen die Juden hetzte, mäßigend einzuwirlen, einen Aufruf zugunsten der Juden zu erlassen usw. Es geschah nichts von allem. Die polnische Presse begann nunmehr die Kommission heftig anzugreifen. In den Straßen ginget wie bisher fort, man schnitt Juden die V'ärte ab, warf sie aus den Wohlumgeu heraus und so fort. Einige Fälle zur Illustration: Am Koweler Bahnhof in Warschau, wo Juden sich seit Wochen nicht mchr blicken lassen, steht ein europäisch gekleideter junger Mann von jüdischem Aussehen. Einige Soldaten lanf-'n hinzu, fass?» ihn an und schreien: „Jude, wo ist teilt Bart? Hast du ihn verloren, oder gar geschmuggelt?" und schneiden ihm seine Backe e u t z w e i. In der Kaserne eines Vorortes von Warschau steheii einige Soldaten in der .Küche, darunter ein jüdischer; ein Korporal kommt herein und sagt: „Kinder, taucht den Juden ein." Die Soldaten nehmen den Juden und werfen ihn in den kochenden Kessel. Die. militärische Behörde Unterdrückte die -Tatsache, der jüdische Soldat würbe nachts geheim begraben. Die Arbeiter streiken, die technische Nvthilse betreibt, die Straßenbahn. Auf einer Station muß ein Wagen repariert werden. Die Reparatur ist zu Ende und deri Wagen ist voll besetzt und soll gerade abgehen, da betreten «ein Student und ein Gymnasiast mit einem r Korporal und einem Soldaten den Wagen. Der Kor-- poral und der Soldat postieren sich an den beiden Eingängen, während der Student und der Schüler die Juden mit Stöcken und Fußtritten aus dem Wagen Herausstoßen, auch Frauen und Kinder. Bier französische Offiziere stehen daLer und schauen zu, das Publikum lacht. .Dies nur zur Illustration der Stimmung in Warschau. Indessen beginnt der bolschewikische Vormarsch und von überall kommen Nachrichten von Pogromen der Polen Lei ihrem Rückzug. Die Regierung jedoch bemühte sich um die Herstellung des Burgfriedens und wirkte auf die Presse ein, die Hetze gegen die Inden einzustellen. Es wird für eine kurze Weile besser. Als das polnische Militär jedoch beinckhe vor Warschau ist, kommen neue Nachrichten von Schikanen und Exzessen. In Warschau beginnt die Einziehung der Zivilbevölkerung zu den Befestigungsarbeiten. Bei dieser Gelegenheit ereignen sich furchtbare Dinge. Einige Tatsachen: , An einem Freitag Ende Juli, bekannt als der „blutige Freitag", schleppte man zirka 20.000 Juden aus den Hausern und den Straßen, darunter 70- bis 80jährige Greise und 12jahrige Kinder, fort. Christen waren darunter vielleicht 1 Prozent. Man führte sie auf einen großen Platz im Vorort Segrza : und hielt sie dort fünf volle Tage, bis zum Mittwoch, k ohne Speise und Trank, ließ sie auf ° freiem Felde übernachten, - ohne jede Arbeitsleistung. Erst am Mittwoch begann man die Arbeit zu organisieren. Als der Kommandant kam, ließ er alle sich in Reihe und Glied postieren und rief: „Christen vor!" Es traten zirka 50 Christen vor, jeder derselben wurde Aeltester, der eine Kompagnie unter sich bekam. Die Juden sandten darauf einen Vertreter zum Kommandanten, der erklärte: „Herr Oberst, unglücklicherweise sind nur 50 Christen da, vielleicht würden Sie einige Juden als Aelwste bestimmen." Für diese Bemerkung versetzte ihm der Obepst zwei Ohrfeigen, trat ihm in. den Leib, warf ihn auf die Erbe, trat dreimal aus seinen Körper und ließ ihn liegen. .Später bekam er Reue und ernannte den Mißhandelten zum Nettestem Bei den Zwangsarbeiten waren zirka 90 Prozent der Eingezogenen Juden, viele starben durch die Mißhandlung, verschiedene wurden irrsinnig, viele krank. Beim Rückzug der Polen vor den Bolschewiken begann auch die alte Plage m Evakuierungen. Sa mutzten zum Beispiel in Rswvvodnv 2500 jüdische Familien in zwei Stunden die Stadt verlassen, in Postelntk wurde die ganze jüdische Bevölkerung binnen einer Stunde davongejagt. Den jüdischen Deputierten gelang es, bisher folgendes festzustellen: In Whyszbow internierte die Militärbehörde 300 Juden, darunter Frauen und Kinder. Die Männer hieß man sich nackt ausziehen, stellte sie zwischen zwei Reihen Soldaten und ließ sie Spießruten lausen. Die Soldaten hatten Stacheldrahtpeitschen. Die Unglücklichen, die ohnmächtig wurden, wurden durch Wasser wieder zum Bewußtsein gerufen und mußten wieder laufen. Dann wurdendie Opfer in die Kaserne geführt, mutzten tanzen und rufen: „Es lebe Polen, es krepiere der Rabbiner." Dann mußte jeder au einen Soldaten Herangehen und fragen, ob er ihm jemals etwas getan hpüe. Beschuldigte ihn der Soldat, so wurde er wieder geprügelt, auch die Frauen und Kinder wurden geschlagen. In Siedlce wurden fünf Juden erschossen^ mit der Behauptung, die Juden Hütten ein Freikorps für die Bolschewiken gebildet. Ebenso wurden in Bialy, Ostrow, Wlodawa und anderen Orten viele Juden erschlagen. In Ploek wurde-ein chassidischer Rabbi von den Polen beschuldigt, durch seine Bewegungen beim Beten den Bolschewiken Zeichen gegeben zu haben. Er wurde vom Feldgericht zum Tode verurteilt. (Bereits von uns gemeldet.) Bor der Erschießung verlangte er seine.. Gebetsmantel, er umhüllte sich, sprach einen Segensspruch, daß es ihm vergönnt sei. als jüdischer Märtyrer zu sterben, und wurde dann erschossen. Charakteristischer als alle diese Tatsachen jedoch ist der Fall von Jablona. Vor dem Beginn der polnischen Offensive gegen die polnischen Bolschewiken wurden.' in den meisten Frontregimentern sämtliche Juden ansges o ndert, darunter auch die Kriegs« freiwilligen, Offiziere und Aerzte, im ganzen zirko