Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 599 (24.9.1920)
- Date
- 1920-09-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kasimir Perier, dW die Dreykuß-Sofgen nur sieben Monate lang den Glanz' der Präsidentschaft gönnten, fallt auch Deschanel, det Mgnu dtzs Kompronrisses, in die-politische Krankheit Er ist persönlich der Milde und Verträglichkeit Zugeneigt. Grmjd genug in dem Frankreich von heute, ihn für. geistesschwach zu erklären, was.übrigens auch dem Präsidehten Wilson widerfahren ist. Außerordentlich^ mysteriös ist ,dp .Geschichte der'^ .Urntsführüng'. DeschanelK. Die poi.itlscheil Zeitlärlste verdichteten sich vorihm Zu ewigen Konflikten mit '.'.dem . annexions- und kriegslustigen Gerrewlstäb und der Sturz aus denn Fenster eines Eisenbahnwaggöns, den man als die Ursache.einer geistigen Depression Deschanels ausgab, geschah gerade in -einem der kritischesten Momente der Verwicklungen mit Deutschland, das Deschanel nicht so rauh angesaßt iuifjcit wollte. (Lk erliegt genau so wie Perier der Militärkaste,' die seit dem Sturz Clemenceaus Frankreich und die ganze Welt terrorisiert..' ^hr. gefügiges Werkzerlg, der ehemalige Sozialist Millerand, wird nun Präsident der Republik. Damit leykt die Politik Frankreichs nun auch offiziell in die Bahn des nationalistischen - Red änchegesch reis zurück uicd Poincarees System wird von neuem a ufgenommcn. Millerand, der Sohn eines Landadvokaten, hat oft von dem großen Moment geträumt, der ihn an die Lenkung des Maatsschiffes beruft. Sein Sozialismus war stets von-her Sorte. desfranzösischen Kleinbürgertums, das denkt, .als man nicht.von Deutsch-k' des Bn^gerLums^ deren Horizont' vielleicht .ebensosehr wie der des alldeutschen Klüngels in Hannover oder* Stendal von der Potsdamer Wachtparade begrenzt war. Wr stärkstes Interesse konzentrierte sich auf Wilhelm den Zweiten, dessen Reden in diesen Kreisen die, gleiche, nur anders gefärbte Sensation wie in Deutschland erweckterr. Was sonst geschah, trat an aktueller Wirkung zurück. Die, Faschoda-Krise. in der- Frankreich auf das rauhe Gebot Londons die Flagge streichen-müßte, wurde durch Millerand beigelegt. Die Wnzerkrise - der Tärasconesen, - die in eine Militärrevolte anslief, schlichtete Millerand ohne Blutvergießen. Alle Kratt zum: Kampf für Elsaß! das war seine. Parole-ebensogut wie die Poincarees. Zlls Kriegsminister belebte, er die napoleonischen Erinnerungen, führte die nächtlichen Fackelzüge der Garnisonen ein. verstärkte die Fremdenlegionen und schritt an den Ausbau des Artillerie« syftems, wobei auf sein Drängen Rußland .gleichen Schritt in der Verdichtung des strategischen Eisenbahn« netzes halten mußte. Millerand, der plötzlich vom theoretischen Blanquiften.zum Abgott des an Klimbim und Paraden sich berauschenden Spießers wurde, zog durch sein Wirken natürlich die Aufmerksamkeit des ihnl gleichgesinnten Wilhelm des Zweiten an, der ihn oft den widerborstigen deutschen Sozialisten als Muster empfahl. Als Ministerpräsident hat er das Werk Elemenceaus fortgesetzt. Rache an Deutschland! Rache für die Untaten der deutschen Generäle! Rache für Belgien! Diese Politik des Gewaltwahnsinns, die Frankreich ebenso schwere Wunden geschlagen, führte er auch Rußland gegenüber konsequent durch. Cr ist eigentlich die stärkste Stütze des Militarismus geworden, dem heute Europa fast wehrlos ausgeliefert ist; ihm dankt die Welt die Umwandlung Osteuropas, in ein einziges blutiges Schlachtfeld; seine Methode hat den Orient, entzündet und in Deutsch« land den hirnverbrannten Nationalbolschewismus erzeugt; .Er. stützt das Horthy-Negime und ist der Schutz- Herr aller imperialistischen Glücksritter geworden, die nur, auf, Säbel und Kanonen schwören. Wenn Millerand so oft nicht erreichen konnte, was er wollte, so war daran wahrlich nicht er schuld, sondern die Mäßigung Englands, das dem Völkerbund znstrebt und den Frieden wieder aufrichten will. Millerand als Ministerpräsident ist eine Gefahr gewesen. Wird er als Präsident der Republik andere Wege wandeln? Er ist eine zu starke Persönlichkeit, als daß man von ihm nur repräsentative Tätigkeit erwarten dürfte. Uber doch sieht der- Präsident des Staates die Entwicklung und ihre Gesetze in einem anderen Licht al^ der dem Parlament und dem Parteigetriebe nur. zu leickü verfallende Politiker, der mit den- Zufättlgkeiwn von Abstimmungen rechnen muh. Millerand ist in der l-MN /Ul 'kJ I I . Budapest, 23. September. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Der Auswärtige Ausschuß der Natioimlversiimullilng hielt heute nachmittags in Anwesenheit zahlreicher Mitglieder der Nationalversammlung eine Sitzung ab, in der Ministerpräsident Graf Paul Tele kr, der gegenwärtig auch das Portefeuille des Ministers des Aeußern innehat, eine Rede hielt, worin er in Besprechung sämtlicher Fragen der auswärtigen Politik erklärte: Augenblicklich befindet sich Ungarn in einer schlimmeren Lage als seine Verbündeten während des Krieges. Das Land bedarf jetzt in erster Reihe der Stärkung. Grundlage jeder guten Außenpolitik ist eine gute innere Politik. Irr der auswärtigen Politik müssen wir mit den Tatsachen rechnen nnd dürfe» nicht Ideen nachjagcn, die mit einem Risiko verbunden sind. Wir müssen trachten, das und verbliebene Land zu kräftigen, damit wir wieder zu Macht und Ansehen gelangen können. Nur der Starke findet Verbündete. Die Aufgabe der Berührung mit den beimchb«rrteu Ländcrn ließ sich nur schwer schon aus dem Grunde in die Wege leiten, weil die den uns entrissenen Brüdern gegenüber ausgeübte Bedrückung nicht aüfhören will. Heute sind wir aber bexcits so weit, daß cs uns durch VeriylttlWK ^espngv« isst mft den benachbarten Staaten. enre^gewDWrruhrmrg asiszuwehmen, iir erster Lipie aus wirLschäftnchem'Gebiet. 's ° Was die Großmächte^und die allgemeine außenpolitische Orientierung betrifft, so ist heule in Mittel« europa unzweiselhaft Frankreich die führende Machte Französischcrseits wurden, wie bekannt, gewisse Schritte unternommen, ans die wir zuvorkommend antwortet«». Frankreich hat uns auch seither in zahlreichen Faller unterstützt, so in der Frage der Aufnahme der Beziehungen mit den benachbarten Staaten, in der Frage der Kohlenversorgung, in der Donaukommission usw. Die österreichische Frage interessiert uns von mehreren Gesichtspunkten aus. Es interessiert uns Wien als Zentrum der bolschewikischen Agitation, andererseits interessiert uns aber auch die Gemeinsamkeit ans dem Gebiete der Liquidierung früherer Auge, legmheitem Unser ganzes Bestreben ist darauf gerichtet, mit Oesterreich in ein friedliches, verständnisvolles Verhältnis zu gelangen, obwohl dies ziemlich erschwert wird durch den Umstand, daß zwischen der gegenwärtigen österreichischen Regierung und der ungarischen Regierung eine Verschiedenheit der Weltanschauung vorhanden ist. Was Weftungarrr bettifft, so hofft der Ministerprasi. derlt, daß es in diesem Punkte gelingen werde, eine fnied. liche Verständigung mit Oesterreich herbeizuführen. . Schließlich teilte der Ministerpräsident mit, daß er das.SortefenUe eines .Ministers des Aeußern demnächst ,deW Grafen Wimerich E s a k-y.überlassen..-werde, ..der binnen kurzem mit der OIgamsiernng der auswärtige« Veriretungen beginnen werde. Kämmer der Beauftragte einer nationalistisch.erregten Mehrheit gewesen. Als Präsident steht er an her Spitze der französischen Nation, die ja neben Schreiern auch Männer wie Anatole France, Henry Barbusse und Romain Rolland besitzt. Nicht alle Franzosen wünschen die Verbrennung der Welt und die Verewigung des Krieges. Wird die Stimme der Vernunft den neuen Präsidenten erreichen? Die Mordlust der Säbelraßler bedroht den Wohlstand auch Frankreichs, hält seine Jugend seit nun schon sechs Jahren im Feld und legt eine Atmosphäre der Roheit über das Vaterland der Kultur. Hoffentlich wird Millerand von der hohen Stelle, an die ihn das Votum des Kongresses ruft, dies sehen und das Seine tun, um Frankreich rrrid Europa zu retten. Diese Hoffnung darf man anssprechen. Aber nicht mehr als Hoffnung. _ Am 17. September veröffentlichte das Organ der Christlichnationalen Vereinigung „U j N e m z e d e k" eine. Notiz, laut welcher die Direktoren des Hilfskomitees der israelitischen Flüchtlinge in Budapest Isidor Lebowitsch und Rubin Rappaport von der Polizei verhaftet worden seien, weil sie Juden mit-gefälschten Pässen nach Rumänien befördert, -Material über den Weißen Terror mit rumänischer Hilfe zu Agitationszwecken ins Ausland geschmuggelt und jüdischen Militärpflichtigen zur Flucht über' die Landesgrenze verholfen hätten. Das genannte Hilfskomitee sei eine Niederlassung des von Frankfurt a. M. dirigierten „Zentralbureaus der zionistischen Misrachi-Föderation", welches in Großwardein, Temesvar, Neuhäusel, Kasch au und Oed e'ubürg Filialen besitze. Es sei auch der Verdacht begründet, daß die Organisation des Lebowitsch auch bolschewikische Propaganda getrieben habe... In. dieser von der Ungarischen Preßzentrale ausgegebenen gruseligen „Räubersgeschichte" bringt nun „Beesr m.agyar Ujsag" einiges Licht, indem es feststüllt, - daß hinter der ganzen antisemitisch ausgemachten Geschichte sich nichts anderes als eine neue Schandtat des P r o n a y-Detachements verbirgt. Der- Tatbestand ist der folgende: Tn-3 Bndapester jüdische Flüchtlmgskoiruwe. . an bejjen Spitze Leopold Lebowilich und Rubin Ravvavort stehen, war im Begriffe, mit Bewilligung der maßgebenden ungarischen und rumänischen Behörden jüdische Flüchtlinge aus den ehemals ungarischen, nunmehr , zu Rumänien, gehörenden Gebieten zu r e p ä t r ii e x e n. Der Zug, der die Repatriierten in ihre Heimat bringen sollte, stand am 16. September vollbesetzt bereit. An den Zug war auch der Salonwagen der rumänischen Mission angeschlossen, in welchem der Chef der Mission, Oberst Popescu, mit seinenr Gefolge die Reise nach ' Rumänien mitmachen wollte. Um 7 Uhr abends setzte sich der Zug in Bewegung, als plötzlich die Prouay- Leute hervorbrachen und den Zugsführer unter der Drohung, ihn zu erschießen, zwangen, den.Zug zum Stehen zu bringen. Hierauf suchten die Offiziere den Zug ab, holte» aus demselben den als Begleitperson Mitreisenden Leopold Lebowiffch herunter und fesseltenihn unter den f u r ch t b a r st e n Mißhandlung e n. Der arme 62jährige Lebowitsch wurde von der Bande mit Knütteln und Offizierspeitschen blutig g es ch l a- , g e n. Genau so wie Lebowitsch erging es auch.dem Sekretär des Hilfskomitees, Rubin Rappaport, einem pensionierten-Hauptmann. Außerdem wurden das Maschinenschreibfräulein Vöska Weiß und der Rabbiner aus .Hatneg, Friedmann, auswaggouiert, für verhaftet erklärt und in schauderhafter Weise verprügelt. : Durch das plötzliche Anhalten des Zuges und das.* Wehklagen der Mißhandelten wurden die im Salonwagen sitzenden Offiziere der rumänischen Mission auf die Vorgänge im Zuge aufmerksam, vor: denen einer an einen der-Pronay-Helden die Frage richtete, weshalb oll dies geschehen sei. Der Pronay-Offizier wies die höfliche Frage in brutaler Weise zurück uno der Führer der P r o n a y-Abteilung, der sich Doktor' Kamill Sipos nannte, beschimpfte einen rumänischen Offizier und bedrohte ihn mit dem Revolver, weil er den Lebowitsch legitimieren wollte, indem er den ungarischen Offizieren bekanntgab, daß Lebowitsch sowohl von ungarischer als ckklch von rumänischer Seite in behördlichem Aufträge handle, indem er die mit legalen Reisepässen versehenen Flüchtlinge auf ihrer Heimreise be. gleite. Die runlänischen Offiziere ließe:; hierauf den Salonwagcrr sofort abkoppeln und erstatteten an ihre, Negierung telegraphisch die. Meldungvon den: Vorfälle Wie verlautet, hat die rumänische Regierung' energische Schritte unternommen, um für die brutwe. Beleidigung ihrer Amtsargone von der ungori'-.l-err Neqtetima Genugtuung zn verschaffe»