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Wiener Morgenzeitung · 1920-09-21 · Heft 597 (21.9.1920) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 597 (21.9.1920)
Date
1920-09-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Sette 4 Ävien, Dlrnskag keschen Italien und Jugoslawien fortgesetzt werden. hoffe, daß die Besprechungen von Erfolg gekrönt und ^ie endgültigen Grenzen für Jugoslawien nicht unzünftig sein werden. Bezüglich Fiumes sagte der Nimster, daß die Negierung Jugoslawiens die von ünem Abenteurer verkiindete Unabhängigkeit der Stadt nicht anerkennen werde und daß an die zuständigen Stellen bereits ein Protest abgesendot wurde. Sodann besprach Trumbic die aus den Friedens- Verträgen sich ergebenden Wirtschaftsfragen, insbesondere die Frage der Kriegsentschädigungssumme und Ingollawiens Anteil bei der Austeilung der österreichisch- »vgarischen Handelsflotte. Hierauf wurde der Friedens-Vertrag mit Oesterreich angenommen. Der Kampf in der tschechische» soZialdewokratischerr Partei. ^Srügi 20. September. Dem „Ceske Slovo" zufolge hat der Verband der Legionäre die Einladung des „Nüds Praoo", zwei Vertreterin den Betriebsrat dieses Blattes zu entsenden, abgelehnt. Prag, 20. September. Die »Abendzeitung" meldet: Don der offiziellen sozialdemokratischen Partei wurde heute ein Aufruf an die Arbeiterschaft unterzeichnet von den Abgeordneten N e m e c und I o h a n i s, affichiert, worin die Arbeiterschaft vor der Dritten Internationale gewarnt wird. Prag, 20. September. „Ruds Pravo" führt eine lange Reihe von sozialdemokratischen Organisationen an» die sich für die Abhaltung des Parteitages noch im September erklären. Beschuldigungen gegen den» Abgeordneten Tobler. Prag, 20. September. (Privat.) Prager Blätter veröffentlichen einen Angriff auf den magyarischen Abgeordneten des tschecho-slowakischen Abgeordnetenhauses Kvloman Tobler» weil er in den letzten Tagen m Wien weilte und wiederholt in Gesellschaft von Agenten der ungarischen Gesandtschaft gesehen wurde. Auch wurde Tobler in der ungarischen Gesandtschaft gesehen, wo er Quittungen auf höhere Beträge zur Auszahlung vorletzte. Nach mehrtägigem Aufenthalt in Wien begab sich Tobler nach Budapest» wo er seine Mysteriösen Zusammenkünfte und Konferenzen sortsetzt. Eine Erklärung Karolhis. Prag, 20. September. Michael K a r o l y i veröffentlicht im »Rud6 Praoo" eine Erklärung, in der er dagegen Stellung nimmt, daß man feinen.Namen mit innerpolitischen Differenzen des sich echo-slowakischen Staates in Verbindung bringt, der ihm dank des Wohlwollens des Ministers Dr. Benesch nun schon ein Jahr lang das Asylrecht gewährt. Mit Dr. Smeral erklärte Karolyi, abgesehen von Begegnungen im Jahre 1917, die den. Zweck hatten, dem Einfluß Tiszas entgegenzutreten, erst jetzt wieder gesprochen zu haben, als gegen Karolyi ein Attentat verübt werden sollte. Karolyi hofft, daß man von zuständiger Seite die tschecho-slowakische Oeffentlichkeit entsprechend aufklären werde. , Das abgewendete Verhängnis. Eine chMdlschr Ioni-Klpnr-Geschichte von Chajim Bloch. Es war am Neujahrsfest des Jahres 6519 (1759). Der Baalschem sah im Geiste, daß der Satan eine schreckliche Anklage gegen die Juden vorbeceite, in der Absicht, daß man ihnen den Talmud wegnehme. Er verbrach' ' daher die „zehn Bußtage" in großer Andacht, er sprach nicht, er aß nicht, und man konnte aus seinen groß« r Augen die Traurigkeit lesen, die sein Inneres erfüll''. Als am Vorabend des Versöhnungstages die 2ei?b wie alljährlich' zu ihm gekommen waren, um einen Segen von ihm zu erhalten, segnete er sie nicht. Er sa. ce. dm Glorie Gottes meide ihn wegen seiner Traurigkeit und er vermöge nicht den Segen mit Andacht zu verrichten. Die Ursache seiner Traurigkeit verriet er niemandem, man fragte ihn auch nicht, denn man wußte, es müßte etwas Großes vorgegangen sein. Als der Baalschenam Abend in der Synagoge erschien, redete er rührende Worte zur Menge und rnahnte üe zur Buße und Umkehr. Er, sprach: „Es handelt sich um euer Leben, um das Leben des jüdischen Lotkes," und den Kopf in die heilige Lade legend, schrie er: „Juden, man will uns die „mündliche Lehre" wegnehmen, wie werden wir unter den Nationen weiter :ms pikiitcn können?" Lange, lange harrte er in tiefem Weinen und erst nach einigen Stunden gab er Befehl, mit dein Kol-Nidre-Gebet zu beginnen. Nach Beendigu.ng Lei- AbendgotLesdienstes fiel er ihn Ohnmacht und als ec zum Bewußtsein gebracht wurde, sprach er: „Es üeht schlecht, die Anklage verstärkt sich", und er besahst duß-man mit dem Morgengottesdienst gleich bei Tagesanbruch beginnen solle. Er ermahnte auch den Vorbeter, möglichst schnell vorzubeten. Als es zu „Neilah" kam, da die Sonne sich zu'neigen begann, sprach der Baalschem wiever mahnende Worte an seine Leute und sie waren in inbrünstigem Gebete vereint und weinten aus Herzenstiefen. Der Baalschem legte den Kopf auf das Oebetpult und weinte mit. f Dann begann er das „Neilah"°Gehet. Als er zur Melle „Oeffrw die Tore des Himmels" kam, machte er Marüae BLwLLiMlleL^ daß Jtn Leuten vor Schrecken , SDIcner Morgr»zenmng Mitteilungen aus dem Publikum. RBLLANTEN. Perlen, Gold, Silber,Platin u.Uhren kauft und verkauft 776 ETTER Rotentuimstr. 23, Marlahilfaratr.98 WM- Neu eröffnet! 'WF Ä. Borensteins Herrenmodehaus 6i3 mn? II., Stefaniestrasse 10. Anzfige nach Mass und fertig sowie alle Herrenmode* und'Wäscheartikel in tadelloser Ausführung.. Oesinnungsgenossen eventuell auch gegen Teilzahlungen Der Prozetz geisen die gewesenen ungarischen Volkskommiffäre. Budapest, 20. September. (Ung. .Tel.-Korr.-Bu-r.) In der heutigen Verhandlung des Prozesses gegen die ehemaligen ungarischen V-olksbeauftvagten erklärte Angeklagter Hanbrich, er habe sich nicht einmal mit Parteipolitik, geschweige denn mit WeltpolM befaßt. Auf die Frage des Staatsanwalts, ob er es bedaure, daß er sich mit Beia Kun verbündet habe, antwortete Hcmlbrich, er wolle hierauf nicht antworten, denn wie immer seine Anwort sei, so könnte sie der Gerichtshof ernst nehmen oder nicht. Angeklagter Poganhj erklärte, daß sein Name ohne seine Zustimmung unter die Standrechtserklärung gesetzt wurde. Er habe.gegen diese Verordnung protestiert. Lsgeshericht.' Jüdische Hilfe für das jüdische Kind. (Erster Tätigkeitsbericht der Wiener „Zentralstelle für Versorgung jüdischer Kinder im Ausland*.) Der erste Jahresbericht der Krnderhrlfssektion der „Sozialen Hilfsgemeinschaft Anitta Müller'" liegt uns vor. Das schmucke Büchlein, mit zarten Federzeichnungen geziert, die einergriffrnev- Künstler schuf und die deu Krndenwt sind der.Kindersehnsuchtnoch Licht. und Liebe gelten, ist-.ein. Dokuunent wahrhaft jüdischer Nächstenliebe und sein Inhalt für jedermann eine Genugtuung, der die jüpische Solidarität erstrebt. Vor allem^a-er ist dieser Jahresbericht sin bleibendes Denkmal. für chie bewundernswerte Tatkraft und geniale Organisationsgabe der' Frau Anitta Müller, welcher der Löwenanteil an dem Wiener jüdischen Kinderhstfswerk gebührt. Es genügt diese eine Ziffer hieher'zu setzen: Fast 7(/00 j üdische Kinder wurden innerhalb eines Jahres zu jüdischen Familien ins Ausland gebracht und dank der rührenden Fürsorge ihrer Gastgeber nicht nur durch ausgezeichnete Ernährung.wieder«, hergestellt, sondern auch größtenteils bekleidet, so daß diese das Herz bebte. Er bog sich zu Boden, sein Kopf berührte fast die Beine und die Töne seiner Stimme waren die eines geschlachteten Tieres. So ging es etwa zwei Stunden. Dann setzte er das „Neilah"-Gebet in unbeschreiblicher Eile fort. Als seine Anhänger am Abend zum Mahl erschienen, trafen 'sie ihren Meister in außergewöhnlich freudiger Stimmung. Sie fragten Hy: „Meister, was hört man von der schrecklichen Anklage, von der-ihr sprächet?" Und er erzählte ihnen: „Als ich das stille „NeiIah"-AchtMngebet anfing, ging ich in die höheren Welten ein.' Als ich das Gebet laut wiederholte, war ich bald in den höchsten Sphären angelangt und so kam er in den Himmel, von wo ans die Gebete der Menschen vor den Schöpfer gebracht werden. Ich fand dort eine große Anzahl Gebete, die fünfzig Jahre alt waren und erst heute in diesen Himmel gelängten: wir haben sie durch die Innigkeit und den Ernst, mit welchem wir heute zu Gott beteten, zum Aufstieg gebracht. Ich fragte sie: „Weshalb bliebet ihr so lange unten?" Und sie antworteten: „Wir waren beauftragt, unten zu warten, bis ihr uns hinaufbrrngen werdet." Nun sc -tt» int ■’? stmen: ..Wrnn es so ist, dann kommt mit mir." Und sie gingen mit mir und ich wandelte mit ihnen von einem Gemach in das zweite, immer höher, bis ich das „große Tor" erreichte, vori dem man. wie es mir von meinem großen Meister überliefert ist. ohne Hemmung vor den Thron des Weltenschöpfers gelangt, und das so groß ist wie die ganze Welt., Wohl 'dem Wesen, das hiehergelangt. Plötzlich erschien eiti Engel, sperrte dos Tor ab und legte darauf ein großes Schloß. Ich wandte mich hin und her, vielleicht, dachte ich, fände ich doch eine kleine Oeffmmg, daß ich vor den Schöpfer der Welt gelangen könnte. Die Anklage fand offene Ohren, der Satan hatte schier Oberhand gewonnen. Da gab es kein Worten, kein Zaudern. Ich begob mich zu meinem Meister im Himmel — ich habe euch schon vor längerer Zeit gesagt, daß jeder Mensch im Hjmmel einen Mejster - hat — und schrie: „Meister!- Das jüdische Volk befindet sich in großer Gefahr und man sperrt mir den Weg ab. so daß ich den Schöpfer der Welt nicht zu bitten vermag, das Verhängnis ab'-'wcnd . Hilf, Meister!" Und der i Meister hatte Mitleid, mit Mir, er geleitete mid) zum. 21. September 1VM Nr. 597 Erholungsaktion gl eichzeitig eine Beklek dungSaktion wurde. Im Jahre 1918 hat der Jüdische N at i o n a l r a i für Deutschösterre'ich ein soziales Organisationscnnt in Wien geschaffen und mit der Fürsorgeaktion zur Bekämpfung des jüdischen Massenelends Frau Anitta Müller betraut. Aach langwierigen emsigen Erhebungen in den jüdischen Mirssenquartieren der Wiener Judenviertel veranstaltete Anitta Müller zunächst eine Reihe von Lichtblldervorträgen, um die Aufmerksamkeit auf die Not, der jüdischen Elendleute und insbesondere ihrer Kinder zu lenken. Diese Bilder sahen gang anders Es als die antisemitischen Fabelbilder vorn «KriegSgewinner- und Pkusmachervolk". Alsbald wurde die Verbindung mit den Juden der Schweiz hergestellt, sodann mit den Juden Hollands, Dänemarks, des Küstenlandes unb der Tsche cho-Slowa kei, wobei insbesondere der Mener Oibecra-biri-er'Dr. C Hajes eine überaus fruchtbare Werbetätigkeit entfaltete. Die Zentralstelle der „Schweizerischen Hilfsaktion für notleiden de jüdische Auslandskinder" allein hat innerhalb eines' Jahres 1545 jüdische Kinder gastfreundlich bei sich ausgenommen. Geradezu überwältigend waren die Leistungen der h o l lä n d i s ch e n Juden für baä jüdische Kind, wie in dem lesenswerten Tätigkeitsbericht ausführlich geschildert wird.' Aber Ech der Bericht über die Anteilnahme der Judenhest. tu den anderen genannnten Ländern ist erhebend. ■ . Warme Worte dos Dankes findet der Jahresbericht für die Wiener Behörden, insbesondere für Herrn Vizebürgermeister Max Winter, der in. Wahrheit ein Freund der Kinder ist, die österreichischen Sisenbahnbehü rdx n, < den Polizeipräsidenten Herrn Hofrat Hans Schober unfeine Beamten. Auch der Polizei, der Stadtschutzwache und der Chaluzim ist gedacht, der Börse für landwirtschaftliche Produkte, welche ihre Säle unentgeltlich zur Verfügung stellte, der Direktion der slekdrischen Straßenbahnen und nicht zuletzt der in Be', tvacht kommenden ausländischen Gesandtschaften. Mit Recht stellt der Bericht fest: „Tausenden Kindern würde die Gesundheit zuvückgegeben, Kinder haben wieder lachen ■ gelernt und das Empfinden, Tausenden Jugend, Glück und Kinderfreude gegeben zu haben, wird allen Pflegesltern mehr bedeuten ^ls arme Worte des Dankes ihnen sagen können»^' Diese jüdische Kinderhilfsaktion ist kein abgeschlossenes Werk. Möge die jüdische Oeffentlichkeit in aller Welt dafür sorgen, daß sie nur ein Anfang ist, und als Anerkennung^ für diejenigen, welche unter Anitta Müllers. Leitung aufopfernd diese Aktion durchsührten, dafür sorgen, daß sie sich in diesem Jahve verdopple. Denn es gibt noch eine große- Zahl jüdischer Kinder, die auf jüdische Hilfe angewiesen sind, und die gerettet werden müssen. Seltsames Vorgehen eines PolizeijünftLionäLS. In der Alferstraße erging sich gestern ein , Herr, der sich in Gesellschaft einer Dame befand, in ebenso, rohen als lauten Beschimpfungenauf das „jüdische Gesindel" und dergleichen. Von einem Freunde unseres Blattes,-der zufällig vorsiberging, zur Rede gestellt und um Nennung des Namens ersucht, überfiel der Nadäumacher diesen mit einem genagelten Stock und verabreichte ihm unter fortwährenden Beschimpfüngen, wie „Jndenbengel" usw,, mehrere wuchtige Hiebe ins Gesicht. Ein Wachmann war in der belebten und verkehrsreichen gesperrten Tor. aber auch seine Versuche, dieses zu öffnen, waren vergebens. Da sprach, er mit weinender Stimme: „Ich vermag dir nun nicht zu helfen" und machte sich daran, sich von mir abzrüvenden. Ich begann nun laut zu schreien: „So willst du uns in der Stunde der äußersten Not verlassen? So lehrst du wich?" Meine Worte blieben nicht ohne Wirkung, denn er antwortete: „Weiht du, Israel, wir werden zum Messias gehen, vielleicht gelingt.es ihm, etwas auszurichten." Als wir zum Messias kamen,, ließ er mich nicht zu Worte kommen, sondern packte mich beim Arm und sagte: „Schreien und Weinen, däs. dulde ich nicht. Da hast du ein Zeichen und man wird das Tor/ öffnen." Und es war so. Als ich d^m Engel sias Zeichen übergab, öffnete er ohne jeden Argwohn das Tor und ich erschien mit all den angehäuften Gebeten vor dem Herrn. Da ging ein freudiges Rauschen durch alle' Regionen und die guten Engel sangen in heiterer Fröhlichkeit, daß es mir bange war, von dort fortzugehen: die bösen Engel verkrochen sich aber bald in ihre Verstecke sind dre> Anklage ward aufgehoben. Doch hatte der Satan bewirkt, daß die Gebete verspätet vor den Herrn kamen und es blieb ein kleiner Makel." Es dauerte nicht lange und die Frankisten verleumdeten den Talmud und die anderen heiligen Bücher bei den weltlichen und geistlichen Behörden und sie setzten es im BlMöe mit dem Bischof Dembowski durch, daß alle hebräischen Bücher verbrannt werden sollten. Dies verursachte eine große Aufregung in allen polnischen und podolischen Gemeinden. Der Bischof von Kamenetz« Podolsk ging voran, er kaufte bet seinem Wirtshauspächter eine ganze Talmudausgabe und bereitete, ihr aus offenem Markt einen Scheiterhaufen. Er hatte bereits eigenhändig sieben Trattate ins Feuer geworfen, als etunter epileptischen Anfällen hinstürzte und die ange> sammelte große Menge in entsetzlichem Schrecken auseinanderlief. Der Talmud war gerettet, das Weinen dez Baalschem am vorhergegangenen Jom-Kipur war nich! erfolglos, ein vom Lemberger Bischof ausgeschriebener Disput, an dem auch der Baalschem teilnahm, endeti mit dem Siege des Talmuds, da der Bischof in Lmnberg schon gehört hatte, wie es seinem Amtsbruder i« Komeuetz-Podolsk. ergangen war. .. J

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