Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 597 (21.9.1920)
- Date
- 1920-09-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2979416-2979675--05291-2991128- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
«eite 2 Die«, Dienstag d «--- --—■ fengeti/ CS ist nicht unmöglich, daß diese Zustände noch Jlfte Steigerung erfahren können. Kenner der Verhält- Me sagen für den kommenden Winter eine gewaltige Hungerkatastrophe in Rußland voraus. Das fruchtbare Gebiet der „schwarzen Erde" ist Heuer von ungewöhnsicher Dürre heimgesucht worden und die Bauern, die disher, vielleicht als einzige Klasse, genügend satt zu essen hatten, werden selbst vom Mangel bedroht.! Die Bolschewiken haben es nach Balfours kennzeichnendem Wort gut verstanden, die Reichen arm zu machen. Me Armen reicher zu machen, ist ihnen nicht gelungen. Man mutz im Interesse von hundert Millionen Menschen/ M Interesse der so nötigen Rückkehr Europas zu normalen Verhältnissen wünschen, daß sich die Abkehr Kußlands von dem grandiosesten, aber unfruchtbaren versuch einer sozialen Umwälzung, die auf die Dauer lucht aufzuhälten sein wird, in einer Weise vollziehe, jvelche die finsteren Mächte der Brutalität nicht noch mehr rns Tageslicht lockt. Die Erde des Ostens hat schon genügend Qual und Leid gesehen, genügend .jüdisches Und anderes Blut getrunken. An den Mächten des Westens.wird es sein, das ihrige zu tun, daß das Wort der Siegermäßigung, bisher eine hohle Phrase, Rußland gegenüber im Interesse seiner Völker und im Interesse der Ruhe Europas endlich Wirklichkeit werde. DirGeschlchteeinerKandidatur Wir haben gestern unter demselben Titel berichtet, wie Gemeinderat Dr. Schwarz-Hiller dazu gekommen rst, von der „Bürgerlichen Arbeitspartei", der Verenigung der Arbeitspartei (ehemalige Friedmann- Gruppe) und der Demokratischen Partei (Ofner- Schwarz-Hiller-Gruppe) als Listensührer in der Leopoldstadt und gleichzeitig als Führer der Reich ZM nymistiert zu werden. Die Gruppe der Demokraten hat beantragt, Dr. Schwarz-Hiller die Liftenführung im Dahtkre.s Leopoldstadt-Brigittenau zu überlassen und Dr. Ofner an die Spitze der Reichsliste, welcher nach hem Gesetze die Reststimmen aller Bezirke zugezählt- Werden/ zu sehen. Der Vorschlag wurde angenommen. Da erschien Dr. Schwarz-Hiller bei der Gruppe der Nrbeitsparteiler und erklärte, den von seiner eigenen Druppe gestellten Antrag nicht, annehmen zu können. Der Kampf gegen die Iüdischnationalen in der Leopoldstadt-Brigittenau sei aussichtslos und er wolle ihn nur dann führen, wenn ihm anderswo ein Mandat gesichert we.de. Er stellte das Verlangen, die Herren von der Gruppe der Arbeitsvartel mögen Dr. Ofner beseitigen und ihn, D'r. Schwarz-Hiller, auch an die 'Spitze der Neststimmenliste sehen. 'Darauf erklärten die Arbeihs-- parteiler, sie hatten keine Lust, diese wenig angenehme Arbeit des Absägens Dr. Ofners zu besorgen. Doktor Schwarz-Hiller möge gefälligst selbst die Entfernung seines Freundes Ofner besorgen. Dr. Schwarz-Hiller, als Mann, welcher nur auf absolut'sicher gehen'will, Mußte sich auch zu dem unbequemen direkten Weg entschließen. Er berief eine Sitzung der demokratischen Gruppe ein, erklärte dort gleichfalls, daß die Leopold-- städter Kandidatur gegen die Iüdifchnationalen aussichtslos sei, daß er das Opjer dieses vergeblichen Kampfes nur dann bringen' könnte, wenn er an der Spitze der Reichsliste „verankert" würde. Wolle ihm auf diese Weise nicht ein Mandat sichern, ea.ia ntüj]e er ganz zurücktreten. Rach langer, erregter Debatte der im letzten Moment überrumpelten Herren Demokraten erhob sich Dr. Ofner und sagte, daß-er Ü-Esichts der durch Dr. Schwarz-Hilter geschaffenen Zwangslage und um ( die Partei vor einer Blamage zu bewahren, wenn'.auch schweren Herzens, dem Dk. Schwarz-Hiller. den Platz räume und hiemit endgültig aus dem politischen Leben, an dem er mit al^n Fasern seines Herzens hänge,' aus scheide.' - Wir berichteten weiters, daß sich inzwischen Doktor Schwarz-Hiller ritit der Arbeitspartei zerschlagen hat vnd seine Kandidatur daher nicht ausgestellt wurde. Wir sind nunmehr auf Grund von Mitteilungen bereiligl^r Parteifunktionäre in der Lage, auch die Geschichte dieses Streites zu erzählen. Nach monatelangen Verhandlungen zwischen der Demokratischen Partei und der - Arbeitspartei, welche von Dr. Schwarz-Hiller geleitet wurden, wurde die Vereinigung beider Gruppen und die Aufstellung einer gemein;aut?tt Kandidatenliste für die Nationalversammlung Oefdj-, ü?n. Es wurde ferner festgesetzt, daß alle Kandidaten einen Revers zu unterzeichnen haben, in welchem sie sich verpflichten, immer für die Aufrech t e rh altu n g der jetzigen b ürgerl rchen Gesellschaftsordnung einzutreten und den Sozialismus in jeder Form stets zu bekam p fen. Nachdem dieser Pakt angenommen und nach der oben geschiloerdn Opferung Dr. Ofners die Doppelkandidatur Dr. Schwarz-Hillcrs rrreinbart worden war, erschien Dr. Schwarz-Hiller bei den Herren von der Arbeite Partei und verlangte Geld für seine Wahlagitation. Die Herren weigerten sich, den Wunsch Doktor Schroarz-Hilters zu erfüllen, da dies nicht vereinbart .worden war. .Hierauf erklärte Dr. Schwarz-Hiller, er fei ein durch seine politische Tätigkeit finanziell ruinierter Mann, man müsse ihm die Wahl bezahlen, sonst könne rr nicht kandidieren. Darauf wurde ihm erwidert,.daß man seitens der Arbeitspartei nicht so sehr auf sein. Mittun gnftehe, weil er seit jeher Schaukelpolitik betrieben habe. .Er, der jetzt deursch tue, wie sein Freund Öftrer. habe bei den letzten Guiwinderatswahlew ' EteuMruug M der lüdii 'Wiener Morgenzetturrg Die englischen Reformen in Aegypten. London 20. September. (Funkspruch.) Dis „Times" erfahre» aus Kairo, daß .&ie gesetzgebende Versammlung mit 44 gegen 3 Stimmen Lord Milners Reformvörschläge angenommen habe; die Ägyptische Selbständigkeit sei dadurch praktisch gegeben Zionistische Konferenz in Amerika. Rew-Nork, *18. September. (Jewish Korr. Bur.) Auf einer Exekutivsitzung der amerikanischen Zionistischen Organisation würde beschlossen, die Konferenz der amerikanischen Zionisten für.den Monat November einzuberufen. Der Ort und genaue Zeitpunkt sollen gleich nach den Präsidentenwahlen festgesetzt werdend Diese Konferenz wird für die zionistische Bewegung in Amerika von großer Bedeutung sein. Wie vorauszusehen ist, wird bei der Konferenz eine starke und differenzierte Opposition zu Worte kommen. * Die Nachricht von der bevorstehenden Zionistischen Konferenz in Amerika wird im gegebenen Augenblick dem größten^Interesse begegnen. Das Verhalten der amerikanischen Zionisten auf der Londoner Konferenz begegnet 'in amerikanisch-zionistischen Kreisen und der jüdischen Presse einer wachsenden Kritik und es ist zu erwarten, daß der Kongreß der amerikanischen Zionisten für die kulturelle Gegenwartsarbeit im Zionismus und für die momentan drängenden Aufgaben in Palästina, die unverzüglich in Angriff genommen und entsprechend finanziell fundiert sein müssen, das richtige Verständnis aufbringen wird. . Liste kandidieren wollen. Auch müsse er erst Nachweisen, daß er sich durch seine politische Tätigkeit zugrunde gerichtet habe.. So mußte Dr. Schwarz-Hiller ohne Geld abziehen. Als es nachher zur Unterfertigung des R-o-rses kam, erklärte Dr. Schwarz-Hiller, er könne wohl mündlich versprechen, daß er immer streng bürgerlich handeln und den Sozialismus aufs heftigste bekämpfen werde, aber schriftlich könne er nichts bestätigen. Er sei ein anständiger Mensch und man müsse ihm aufs-Wott glauben. Darauf erklärten die Herren unter neuerlichem Hinweis auf seine politischen Schwenkungen, daß sie sich mit einer mündlichen Erklärung seinerseits nicht begnügen könnten, sondern unbedingt schriftliche Festlegung verlangen. S-o zog Doktor Scharz-Hilkt ab und ist derzeit nicht Kandidat. Et, der durchaus „sicher" gehen will, ist diesmcl auf Leute gestoßen, die eben ihm gegenüber auch „sicher" gehen wollen. Y Wahrlich, ein netter Mandatsschacher, in welchen Herr Dr. Dr. Schwarz-Hiller die jüdische Wählerschaft, seine Partei und seinen „Freund" Dr. Ofner hineinziehen wollte. Als radikale Sozialpolitiker und noch radikalere Demokraten sind Dr. Ofner und seine Freunds immer ausgetreten, haben sich daher der intensivsten Förderung seitens der Sozialdemokratie und besonders der „Arbeiter-Zeitung" zu erfreuen gehabt. Und nun hat Dr. Schwarz-Hiller, derselbe Mann, den Dr. Öftrer noch vor kurzem als Streber und Verräter am demokratischen Gedanken aus der Partei hat entfernen lassen, nun hat Dr. Schwarz-Hiller cs dahin gebracht, daß Osyer und seine Leute ihm wieder getreulich folgen und unter seiner Führung demütig in dir Hände des „konservativen - Bürgertums" einen Eid vblegen, fromm und streng bürgerlich zu sein und die verfluchten Sozi, den Sozialismus, den sie früher - im Parwititel hatten, immer und aus vollstem Herzen zu bekämpfen. Dabei wird auch noch Dr. Ofner, der alte Führer, der so unvorsichtig war, dem Dr. Schwarz-Hiller zu verzeihen,^ auf Kommando abgeschlachiet. Alles, weil der wirklich talentierte Dr. Schwarz-Hiller sein Wahlgeld und sein Mandatsicher" haben Willi Daß Dr. Schwarz-Hiller nichts „Schriftliches"! aus der Hand geben will, ist zu verstehen. Bewegungs- , frei heit in der Gesinnung geht ihm über alles Und eine Unterschrift in fremden Händen ist unangenehm. Es ist aber auch zü verstehen, Latz die Arbeitspartei die Unterschrift durchaus haben will. Ihr graut davür, von D'r. Schwarz-Hiller, dem radikalen Sozialpolitiker von ehebein, 'dem Häüsburger-Fveünd von vorgestern, dem IÜdischnaiionalen von gestern, dem alldeutschen Aröeitsparteiler und konservativen Bürger von heute und dem „Wer weiß es?" von morgen, so behandelt zu werden wie die Demokraten. Sie fürchtet. Laß im-Verlaufe des Wahlkampses die Diskussion über die politische Vielseitigkeit ihres „Reichslistensühvers" unangenehm wirken könnte. Die jüdische Wählerschaft muß sich mit Grausen von diesem Sumpf abwenden. .In der Stunde der höchsten Ge'ahr, da alle Kraft angewendet werden muß, um die Existenz der jüdischen Gesellschaft zu retten, pM man sie dazu verleiten, ihre kostbaren Stimmen für frivole Kandidaturen zu verzetteln und das jüdische Mandat, v i e l l e i ch t d cr S e i n z i g e, zu opsern. Dyktor Schwarz-Hiller hat die Leopoldstädter Kandidatur gegen die Iüdischnationalen selbst als völlig aussichtslos bezeichnet. Eine von ihm irregesübrte Wählerschaft könnte höchstens die Schuld ans sich laden, jüdische Mandate 1 21. September 1920 Nr. 597 - -v ' —<-—. wahrhaft tragische Schuld! Aber Dr. Schwarz-Hiller trägt solche Verantwortung leicht. Er will sein „sicheres"' Wahlgeld und' sein „sicheres" Mandat! Daher opfert er nicht nur seinen geliebten Freund Dr. Ofner, dessen' politischen Ruf, das Programm seiner Partei; auch' das Judentum muß daran glauben, wenn er mir.' „sicher" geht.__ / Politifche^undschau. Masarhk über die Zrrden in Ungarn. Aus Budapest wird uns geschrieben: Anläßlich einer Hausdurchsuchung beschlagnahmte die -hiesige .Polizei sehr viel Agita.tiouZmüterial über die tschechoslowakische Propaganda in Ungarn vor dem Kriege und während des Krieges. Das interessanteste..,Stück des Revisionsergebnifses ist wohl eine Nummer'-der: in Budapest erschienenen slowakischen polnischen.. Zeitschrift „Nasa Zastawa" aus dem Jahre 1911, autz welcher hervorgeht, daß Professor M a s a r h I am 23. Februar 1911 in Budapest über die Notwendigkeit der Schaffung eines tschecho-slowgkischen'Staate^ - in einem vertraulichen Kreise einen Propagandavörtrag gehalten hat. Der Vortrag, der die Zukunft der eM zelnen Nationen zum Gegenstand hatte, weist in feinest Schlußfolgerungen eine frappante AehnlickMt mit, Wilsons vierzehn Punkten auf und. fordert die staats rechtliche Vereinigung der tschecho-slowakischen Nation. In seinen Schlußthesen findet sich auch an vierter Steljs ein Punkt über die Juden, der mit epigrammatischer Kürze lautet: 4. Juden. Zwischen den Slowaken waren Me Juden — Ungarn, unter den Tschechen wieder waren sie Deutsche. Heute nähern sie sich bereits hem Tschechen. Ein blinder Antisemitismus ist auch' von Seite der Tschechen nicht richtig. Haben wir gegen sie Emwände zu erheben, so sagen wir es ihnen mK Gesicht, Andererseits sollten wir von ihnen den Fleiß- und die Lebensklugheit lernen und annehmen. . - Rerrwahlen in Angarn im kommenden Frühjahr Aus informierten ungarischen politischen Kreisen wird gemeldet, daß die ungarische Regierung entschlossen sei, entgegen dem Wunsche einer bestimmten politischen Gruppe auf. Verlängerung der Mandatsdauer, die Nationalversammlung nach Erledigung des ihr übertragenen Arbeitspensums auf», zulösen und Neuwahlen auszuschreiben. Nach Erledigung mehrerer Verwaltungsgesetze wird die Nationalversammlung e»n neues Wahlgesetz beschließen. T^nn wird. rwH Oktober eine Volkszählung ftattfind-rn, welche auf' Grund eines vom Handelsmimster in kürzester Zeit einzubringenden Gesetzes über die Volkszählung vorgetzomruen werden wird. Für Jänner oder Februar nächsten Jahres fft t die Verhandlung des neuen Wahlgesetzes und der Frage der'Ra tifizierung d e s F r rede ns v e rtra geß sowie die Schaffung der noch fälligen Verfassungsgesetze in Aussicht genommen. Wird dieses Avbeitspro«. gramm eiingehaltrn werden können, so dürfte diese Iiationalversammlung im Laufe der Wintersession auch über die S t a a t Af o r m schlüssig werden. Unter allen Umstanden aber mvh bald die Bodenbesitzreform unter Dach gei bracht werden, von deren Umfang es alchängt, welche Äenbe, rungen die Parteigruppierung in Ungarn erfahrenwird. Dr. Benesch über dre kleine Entente. „Petit PartNeu" veröffentlicht einen Artikel beä tschechv^ slowakischen Ministers des Aeutzern Dr. Benesch, worin dieser mit Bezug auf die verfchredenen Auslassungen üver dw- Aeiue Entente erklärt, daß für ihn die Verhandlungen in Belgrad und Bukarest die Grundlage für den künfttgenwtrt-i schastlichen und politischen Wiederaufbau Mitteleuropas" bildeten. Dev Hauptgedanke, der ihn leite Und stets' leiten" werde, sei die unbedingte Notwendigkeit des Friedens- und' der Organisatton von Mitteleuropa. Sämtliche Unterredungen und Uebereinkommen feteu von der Politik der großen Entente inspiriert, die seit dein Waffenstillstand.: vom Jahre 1918 stlllschtveigend getrachtethabe, -die! Organisation, die Oesterreich-Ungarn dargestellt hatte, 'durck/. ein neües politisches System zu ersetzen, das den jungen' Staaten die Vorteil« des früheren Regimes ohne dessen '.Unzukömmlichkeiten sichern soll. Schließlich betont Dr. Benesch/ daß die kleine- Entente-eine freundschäftliche Politik gegen-' über Oesterreich und Ungarn beabsichtige. ' . Des Kampf itm die Fabriken in - Ans Rom wird berichtet: In der Besprechung, zu der Ministerpräsident Giolitti die Delegierten der Unternehmer und der Arbeiter nach Rom berufen hatte, richtete er an sie die Aufforderung, die Erörterung rw Geiste der Versöhnlichkeit zu fuhren, um zur Lösring cher Arbe'lterkr'lse zu gelangen. Bezüglich der Frage der von den Unternehmern a!8 notwendig angesehenen Entlassung von Arbeitern schlug Giolitti eine Ausgleichsformel vor, die anzunehmen die Unternehmer ablehnten. Sie erklärten jedoch, daß sie sich der Notwendigkeit fügen würden. Nach dieser Besprechung veröffentlichte der Minister- Präsident einen Erlaß, in dem folgendes angeordnet wird.: ES wird eine paritätische Konnnission gebildet, die' an'ö sechs vom Allgemeinen Jndustrieverband und aus sechs vom Allgemeinen Arbmk'rvl.'lbond ernannten Mit-!