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Wiener Morgenzeitung · 1920-09-21 · Heft 597 (21.9.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 597 (21.9.1920)
Date
1920-09-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die Krise in Italien, die durch die Besetzung der großen Betriebe durch die Arbeiterschaft.entstanden ist und die man schon vor der Beilegung glaubte, hat wieder in ein akutes Stadium zu treten gedroht. Der Konflikt ist durch die. ablehnende Haltung der Unternehmer beträchtlich verschärft worden, die nichts davon wissen wollten, daß die Fabriken der weitgehenden gewerkschaftlichen. Kontrolle unterstellt werden, welche die Arbeiter fordern. Diese haben ihren Forderungen eine ultimative Form-gegeben und eine völlige Besetzung aller Fabriken Italiens vollziehen wollen, falls ihrer Forderung nicht stattgegeben würde.- Die italienische Regierung hat bisher in dem Konflikt zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern eine, kluge Mäßigung gezeigt, sie war mit Erfolg'bemüht, Blutvergießen zu vermeiden, und es ist dank Giolittis Haltung zu hoffen/die Frage auf dem Wege der.Verhandlungen zwischen beiden %ttneu einer gutsichen Schlichtung Zuzuführen. Die Fabrikanten, die im Kriege/immense 'Kapitalien in ihre Taschen fließen ließen ürrd.. denepgegenwärtig : die Konjupktur nicht MüM M^da M -im Kriege ürmatürltchsi ängewckchsenF Eisenindustrie sich infolge des mangelnden Bedürfnisses an. ihren Erzeugnissen und der Schwierigkeit der Kohlen- und HoWdffbeschaffung auf schmälere Kost gesetzt zu werden beginnt, haben sich bis zum letzten Augenblick ge« lyeigeft, sich von der Arbeiterschaft in die Karten schanen zu lassen.' Die Möglichkeit war nähegerückt, daß von Moskau faszinierte Heißsporne die Massen zu folgenschweren Torheiten verleiten, obgleich die Führer einsichtsvoll genug sind, die Aussichtslosigkeit einer Filiale Moskaus in Italien vollauf zu begreifen. Aber das Beispiel von Mailand und Neapel beweist, wie sehr die Moskauer Orientierung noch immer m den Kopfep des Proletariats spukt, die freilich durch, die mangelnde, soziale Einsicht der Besitzenden und die Engherzigkeit der Großmächtepolitik stets neue Impulse «rhäft. In den-Kreisen der deutschen „Unabhängigen", denen ihre eigenen Emissäre, aus Rußland zurückgekehrt, die Barth. Dittmann und andere, denen niemand den Vorwurf des mangelnden Radikalismus machen kann, über die wahren Verhältnisse Sowjetrußlands die Augen geöffnet haben,. will trotzdem bie Agitation für den Anschluß an die Dritte Internationale nicht aufhören und auch in der Tschecho-Slowakei sind neue Vorstöße der radikalen Richtung zu bemerken. Es scheint, daß die Bolschewiken Rußlands rühriger denn je an der Arbeit sind, um in den Ländern Westeuropas für ihre Idee zu werben, und fast macht es den Eindruck, daß sie es in dem Empfinden tun, daß sich ihre eigene Herrschaft auf andere Weise nicht lange wird halten können. Man hat bisher die Schauernachrichten, welche die westeuropäische Presse über Rußland verbreitet hat, mit großer Vorsicht ausgenommen, aber die Berichte radikaler Sozialisten, die sich auf eigene Anschauung stützen, bestätigen vieles, was man bisher für tendenziöse Uebertreibung hielt. Lenin selbst hat am 9. April dieses Jahres auf denr Kongreß der russischen Gewerkschaften erklärt: „Wir existieren seit zwei Jahren, und welches sind mm die Folgen? Sie laufen gegenwärtig auf einen großen,Notstand der Arbeiterklasse hinaus. Die Diktatur des'Proletariats hat hat Proletariat einer zweijährigen Hungersnot ausgeliefert. Dieses steht ziffernmäßig fest. In..den! Jahren 1918 und 1919 haben die Industriearberter nur. 7 Pud (1 Pud ist gleich 1.6.38 Kilogramm) Brot für jede Person bekommen." Und die „Jswestija" vom 5. Mai 1920 melden: „Wegen! Hungers und Teuerung verläßt die Bevölkerung immer mehr Petrograd. Lärmende Mengen stehen vor. dem Bureau, das die Ausreiseerlaubnisse erteilt. Der schlechte Stand der Transportmittel erschwert die Ausreisen. ,;. . Etwa 1500 Personen verlassen täglich die Stadt. Maßregeln werden getroffen. um Petrograd die nützliche Bevölkerung, büü-iolslrüft gualij'.^erte .ffrbMr, zu Mallen, May M die Absicht wegen Die Offensiveder erwachenden Ungarn. Budapest, 20. September, (llng. Dek.-Korr.-Bur.) Die „Erwachenden Ungarn" veranstalteten gestern in Budapest «ine Vollversammlung. Präsident Szmrecfanyi erklärte, daß der Verein von der Regierung nicht nur keine Unterstützung, sondern bei dieser großes Mißtrauen gefunden habe. Der Verein werde imr Lande Mir solche Blätter dulden, die christlichen und nationalen Zielen dienen. Redner forderte die Errichtung einer Journalistenkammer. Diejenigen, die nicht Mitglieder dieser Kammer sind,, dürfen in der' Leitung der öffentlichen Meinung keine 3iolle spielen. . Der Verein, habe die Defensive cmfgegebrn und auf der. ganzen Linie, die Offensive ergriffen. Es. dürfen, betonte Redner, keine individuellen Aktionen unternommen werden, doch werden wir den, der sich üns entgegenstellt, vernichten. , . Die Debatte Aber dsn Kuwsrtzs v1s.u.suo. Budapest, 20. September. In her NationaldersamMlung wurde die Debatte über den Numerus clausus fortgesetzt. - Kultusminister Haller erklärte gegenüber dm. Vorwürfen, daß - seine Vorlage über den Numerus clausus die.Freiheitsrechte vernichte, in einem Lande dürfe niemanddas Recht haben, den nationalen Genius zu verfälschend Er forderte zu einer Aktion! behufs Unterstützung der, armen christlichen Universitatslhörer sowohl im Fnwie im Auslände «auf. -Der Wunsch, \itt den staatlichen Schulen ausschließlich gechoweM christliche rrnga« könüe * nur verwirklicht' werden, wenn die christliche ungarische I rr teil i g e n,js geschaffen werde. Abgeordneter Ruppert iRogiermMpariLl) ..'sagt, ~ hiü tut den Umwälzungen der letzten Jahre noch kränkende Volks-' feele su.che Sündenböcke und - -Habe >-s ol-che im:- LiberalLs-m u s u n d im In de nt umg e fu,nd e Den Liberalismus identifizier« -man aber mit dem Kap muS, wiewohl man hiebei in Widersprüche gerb. Met! Pgr«t; läge, betreffend. den Numerus clausus, vsrfallei-W den.->al!est!j.- Fchler der Ämgäri-schen-- WiviHafispolM, ,'tU'- -Mutzen von.deh^ freien Beschcvftvgurdgen abg-udrängsn, wÄ>urch sie; wiederuurH den wirtschaftlichen Berufszwetgen Augedrängt wechey.Ech lehne die Vorlage aib. . - - - - Abgeordneter Dela 2aner spricht -für -yoMg^tz Nach den' Pause spricht Mgeordn-eter Paul San-do-r^ der das Judentmn gegen den Mgeordneten - Erekr und.diH anderen Redner.in Schutz nimmt. Er ber-uft sieh-.grft dqs!! Zeugnis zcchlrcrcher autoritativer Gewährsmänner dafür-- wies! heldenhaft und p-atriotisch sich-die Juden sowohl 184S?49;,:alX3|r auch während des WMrlloges benommen »hättzrn. ----Er< unter-i! breitet sodann eine Entschließung, in der. der Latwesverteü>i-j! gungsminister aufgefovdert wird/. der i>^ÄonalversMnmlung!I binnen sechs Wochen einen. stMMchrn,- AMvßiD. - Morichit'-sj Verteilung der Gefangenen, Bevlvrmde'ten,: Jnval^en- und!! Ausgezeichneten i-n Hinsicht auf die Konfessoyen zü' unter*!! Lreiten. Redner führt schließlich.mehrere Beispiele.dafüp an..j wie patriotisch sich daSunKmschch. .Küöentum- - in - Wbteten benörnmen habe. Redner lehnt die-Vorlage gb.'7, - Die Iudettverfslgungen in Polen. K o m ti 0, 20. September. (Litauische Tel.°Ag.) Aus Polen fluchten Scharen von Juden über die litauische Grenze, um vor den polnischen Judenverfolgungen und einer rücksichtslosen Mobilisierung Schutz zu suchen. Die litauische Regierung wird dadurch in eine schwierige Lage gegenüber Polen versetzt. Der Jude wird verbrannt. London, 19. Septemiber. (Jetvish Corr. Bur.) Aus Warschau wird gemeldet: Die hier eintreffenden Flüchkliagc aus d-rn östlichen Randgebieten berichten, daß die Bolschewiken vor ihrem Rüäz-ugs aus Minsk mehrere Personen, darunter auch Juden, ermordet haben, weil sie angeblich polnische Spione waren. Die Bolschewiken losten die jüdische Gemeinde auf, verhafteten die Monistischen Führer und entführten si« nach Smolensk. Die BoVzrynsky» und Zachavewstagasse sind ganz abgebrannt. So wird der Jude einerseits in Polen als bolschewikenfreuMich und von den Bolschewiken als polenfre-umdlich verfolgt. . Millerand künftiger Präsident. Paris, 20. September. Die Agenee Havas ist in der Lage, mitznteilen, daß Ministerpräsident Millerand die Kandidatur für die Präsidentschaft der Republik an nimmt. Mangels an Arbeitskräften Männer im Mer von 19 bis 50 und Frauen im Alter von 15 bis 40 Jahren zurückzuhalten. Zur Bekämpfung des Flecktyphus braucht man 6000 Krankenpflegerinnen, und doch gewährt^ der Ausschuß der Gewerkschaften die Ausreisebewilligung an arbeiitslose Frauen." Die Bolschwiken heben mit besonderem Stolz ihre Leistungen auf kulturellem Gebiet hervor. Wie sehr aber das meiste bloß auf dem Papier steht, beweist ein Aufsatz Lunatscharskijs, des Volkskommissars für Unterricht, in dem gleichen offziellen Organ, in dem es heißt: „Die Schulräume werden rücksichtslos und ohne Erbarmen besetzt, hier durch Lazarette, dort durch Kasernen, ein andermal durch Militärschulen. Und mit derselben Härte mobilisiert man Lehrer, Schüler der oberen Klassen, und. Beamte des Komissaxiats . . . . Ich habe Schubladen voll von Briefen und Depeschen, j die bezeugen, daß in einer Reihe von Bezirken die ' Lebrer keine Nationen bekommen. Wir haben Fälle von Selüstnrord und von Irrsinn als Folgen des Hungers, i und es gab selbst Fälle, daß Schulletzrer dejertieren ., “ Die potrrrfch-litrmischen Verhandlungen. Warschau- 20. September. (W. P. B.) Am 17. d. M. fand ln Kalwarha die erste Sitzung der polnischen und litauischen Delegation statr. Die Sitzung war eine rei» formale. Tag^ darauf fand die erste weritorische Beratung statt. __ Die Verhandlungen in Riga. Warschau, 20. September- (W. P. G.) Aus Riga wird telegraphiert: Die erste Plenarsitzung der Friedensdelegation wird am Dienstag stattfiude«. Der Vorsitzende D o mb s kt hielt eine Konferenz mit dew Vorsitzenden dev^ russischen Delegation I o f f e ab. Italien für Oesterreichs Wuiq nähme in den Völkerbund. Berlin, 20. September. Das „Berliner Tagebl-tt"^ meldet ans Bafel: Telegramme des „Secolo" und - de»^ „Corrieire della Sera" aus Rom bestätigen, daß Italien drrri offiziellen Antrag an den Völkerbund gestellt habe, die 93e*j; dingungen für den Eintritt Deutschlands und Deutsch-^' österreichs in den Völkerbund festzusetzen und den beider^ Staaten bekanntzugeben. ' Ebenso trostlos lauten die Berichte bolschewikischer^ Blätter über die Verkehrsnot, den Mangel an dem zum^ Betriebe der Eisenbahnen nötigen Holz. Die Kohlen- und, Naphthaförderung ist in einer Weise gesunken, wie man,,, sie für unmöglich hielte, und die Produktivität auf dentz flachen Lande ist in gleicher Weise zurückgegangen. Dia bolschewikischen Führer sind nicht blind genug, um den^ Verfall Rußlands nicht zu bemerken. Aber sie betrachten^ diesen als einenotwendigerweise mit dem Umsturz zu-, sammenhängende Uebergangserscheiuung und Radek^ eines ihrer geistigen Oberhäupter, sagt wörtlich: „De« sozialistische Aufbau ist das Werk langer Jahre, wähee«'^ denen das Lebensniveau der Arbertermassen nicht höher! sondern tiefer sein wird als in den kapitalistische^' Ländern." v, Und weiter: „Die proletarische Revolution, geborers auS dem tiefsten Verfall des Kapitalismus, verstärk^- diesen Verfall notwendigerweise und vergrößert darunl in ihrer "ersten Periode die Leiden des Volke?. . Dia prrssMe Urbeiterklajse ist durch Me KM von Qual

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