Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 593 (17.9.1920)
- Date
- 1920-09-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2979076-2979416-2979671--05256-2991089- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wie», Freitag Wiener MorgenzelLuns /(. DepteMver I92V" .■eetir* wirklich gilt- Airsschreibimg gelangt. Denn es ist sehr fraglich, ob sich ein Staatsanwalt finöeit wird, der es untek den heutigen Verhältnissen wagen wird, die Anklage gegen Stephan Friedrich zu vertreten. Andererfeits. befindet sich Horthy heute in der Zwangslage, zur Festigung seiner durchaus nicht sicheren Position mit seinem Erzfeind Friedrich einfür allemal fertig werden zu müssen, und es ist nur zu begreiflich, daß er .die Gelegenheit ergreift und dies auf „legalem Wege" besorgen und auf solche Weise die Friedrich-Gruppe ihres Führers und politischen Beschützers berauben möchte. . Der Ausgang dieses Kampfes zwischen diesen zwei 'einander / persönlich befehdenden Exponenten des christlichen Kurses in Ungarn kann, nicht mit Sicherheit vorausgesagt werden. Sicher ist nur, daß Stephan Friedrich eine harte Hutz ist,'daß hinter ihm die große Masse der Existenzlosen und Abenteurer und vor allem die „Erwachenden Ungarn" stehen. Diese Elemente, die nichts zu verlieren und nur ■ zu gewinnen haben, folgen ihrem Führer von Abenteuer zu Abenteuer und sind entschlossen, zu verhindern, daß Friedrich vor Gericht gestellt werde, und bereit, ihm mit allen, auch den unerlaubten Mitteln, zur neuen Macht, eventuell auch zur Militärdiktatur zu verhelfen. Heute zittert in Ungarn jeder vor der Weiterentwicklung des Tisza-Proz^sses und des Kampfes zwischen Friedrich und Horthy, dessen.Kosten ja schließlich wieder Tausende von Arbeitern und Juden werden bezahlen müssen. Während Horthy nach außenhin den Tisza-Prozeß -als Beweis für die angebliche Wiederherstellung der. Rechtsordnung in Ungarn mißbraucht, benützt er ihn im Innern zur Beseitigung Friedrichs, dem er seine politische Existenz verdankt, der jedoch jetzt seine, Horthys, Kreise stört und nicht zügeben will, daß 'Horthy als gekrönter König von Ungarn seine Abenteurerkarriere beschließe. Solist der Tisza-Prozeß einerseits der Ausdruck des Kampfes zwischen Horthy und Friedrich, andererseits zwischen der Horthy-Partei und her Habsburger-Partei. V Der „Numerus clausus“ im Budapester Parlament. c. ' Int ungarischen Parlament hat man gestern über dEtt Numerus clausus an den Hochschulen beraten. D'ie Debatte ist überaus interessant und charakteristisch für den Geist des heutigen Ungarn, der gegenwärtig seine Mittelalterlichsten Blüten treibt. Der gegen Juden gerichtete „Numerus clausus" erscheint, der ungarischen Reaktion als —- „balle! Rechtsgleichheit".; Schließlich debütierte der pa^entchristttche Bischof Prochaszka: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan". D'ie' Juden Habens Ungarn zur Blüte gebracht/nun find: sre eine Gefahr. Düs Ungartum ist nämlich bei freiem Wettbewerb zum Untergang verurteilt, daher muß Ungarns Wirtschaft und Kultur (die Literatur ist ganzvärjudet) durch Zwangsmaßnahmen geschützt werden. Ein vernichtenderes Urteil über das ungarische Volk konnte der verbissenste Gegner Ungarns nicht fällen! Die Juden sollen sich', empfiehlt Herr Pwchaszka, assimilieren, gleichzeitig müßten sie aber — jüdischnational werden. Wie macht man das? ' Aber wenn diese Debatte den 'Juden Ungarns nicht die- Augen öffnet, dann ist bei ihnen wirklich Hopsen und Malz verloren. r Budapest, '16., September., Mng. Tel.-Korr.-Bur.') Die N-tionalverlammluna SdJte bie Debatte über den Gesetzentwurf, betreffend, den N n m erus c lau s u s yrr den Hochschulen fort. 'i- \. Mg. Schandl (Regierungspartei) erklärter steh>e auf der Grundlage voller „Rechtsgleichheit", indem, er eine Aufteilung des Kontingents der Hörerschaft auf die einzelnen Konfessionen, beziehungsfveise Nationalitäten fordere. Es liege auch im I n te r e s s e des Judentums, wenn gewisse zerstörende Kräfte eliminiert werden. Er berufe sich auf eine Eingabe der Zionistischen Organisation an die Retzieruug'der Bolkskornmissäre, worin die Zionisten die Judenschaft als eine besondere Nationalität zur Geltung bringen wollten. (Ein Bekenntnis zu einer ^besonderen Nationalität" ist in Ungarn Hochverrat!) [: Mbg- .Bischof'Ottokar Pxvchaszka -betont. Mn müsse der zurückgedrängteu ungarischen Mittelklasse wieder auf die Beine helfen. ./Die Arbeit der Reorganisation werde auf der ganzen Linie vorgenommen werden. Die Gewalttätigkeiten her Jugend wolle er nicht in Schutz nehmen, er könne sie jedoch' verstehen.- Der Gedanke des Numerus'clausus sei dem Lande nicht neu; er sei auch», schon zur Zeit des Liberalismus erwogen worden. Der Numerus clausus solle der ungarischen Mittelklasse das Brot sicherstellen und gleichzeitig die Handhabe zu einer Selektion bieten. Diese soll nach pa triv ti scheit Gesichtsp u n k> Len" durchgeführt werden. Seit dem Jahre 1.867. fährt Redner sodann fort, haben die ungarische Volks' .Wirtschaft und der ungarische H a n d e l «einenl Uroßen Flufschwung genommen. Dieser ist aber Nicht Iton dem Ungartum, sondern von dem Judentum geschaffen 'worden. Die ungarische Intelligenz!neigt infolge ihrer Erziehung mehr der Bure-aukratie zu. | Die Juden haben durch ihre Intelligenz, Ihren Fleiß und ihre Lebenszähigke.it die netre ungarische Generation zurückgedrängt. Wir leugnen auch nicht,-baß die Juden den ungarischen Handel geschaffen haben. Das ungarische Volk war nie antisemitisch, wÄl seine Kaufleute Juden waren. EinenAutisemitis« L iM Kfk.. i m u ng g t if.chm. Vü LLL«. Aus Palästina. Erweiterung von Straßen in Jerusalem. Jerusalem, 12. September. (Jewish Corr. Bur.) Auf der letzten Sitzung des Jerusalemer Gemeinderates wurde die Erweiterung der engen Stdaßen der Stadt beschlossen. Zunächst sollen fünf Hauptstraßen' erweitert und ausaepflastert werden. Die Kosten für diese Arbeiten,, bei denen etwa 200 Arbeiter ein Jahr hindurch beschäftigt sein würden, werden auf 10.000 Pfund Sterling veranschlagt. Die Negierung hat beschlossen, für diese Arbeiten einen Teil des erforderlichen Kapitals zu beschaffen. Warnung feor überstürzter Einwanderung nach Palästina. Komm», 1.1 September. (Jewish Corr. Bur.) Die Zionistische Organisation in Litauen erhielt ein Telegtamfn aus London, demzufolge die seit einigen Monaten vor sich gehende wahllose Emigration nach Palästina tunlichst' hintanzuhalten sei.. Die Paßvisa sollen bloß denjenigen Austvanderern erteilt werden, welche über genügende Mittel verfügen, um ein Jahr aus Eigenem leben zu können. Offizielle Anerkennung der zionistischen Hymne. Jerusalem, 13. September. (Jewish Eorr. Vur.) Ende August ist an alle Behörden und Regierungsstellen ein Zirkular folgenden Inhalts ergangen: „Der High Commissioner hat angeordnet: 1. Das Singen oder Spielen der „Hatikwah" bleibt rein jüdischen Versammlungen im Rahmen jüdischer Institutionen Vorbehalten. 2. Die Courtoisie erfordert, daß Beamte und Offiziere bei Inlonierung der „Hatikwah" zusammen mit allen anderen vom Auditorium sich von ihren Plätzen erheben." Verbesserung des Verkehrswesens in Palästina. Jaffa, 13. September. (Jewish Corr. Bur.) Zwischen Jaffa und Petach Tikwah tvurde ein Autobusverkehr eingerichtet. Die Reise dauert eine halbe Stunde und kostet 20 Piaster. Wie verlautet, soll der Bau der Beer Scheba— Jerusalem-Eisenbahn fortgesetzt werden. Cs heißt auch, daß die Züge von Jaffa und Beer Scheba täglich abgehen werden, was zur Entwicklung dieses Distrikts viel beitragen wird. Reife Dr. Weizmanns nach Palästina. London, 15. September. (Jewish Corr. Bur.) Die Reise Pr. Weizmanns nach Palästina ist für Ende September, in Aussicht genommen. Vor seiner Abreise wird Dr. Weizmann noch auf einer Massenversammlung in der Great Assembly Hall sprechen, die von der englischen zionistischen Federation veranstaltet wird. Inland. Haupt nicht'. (Aber bei den korrupten Politikern!) Nicht darin liegt der Fehler, daß die Juden aus dem Ghetto befreit worden sind, wir nehmen es den Juden auch nicht, übet, daß sie in Erkenntnis der großes Macht der Presse sich diese. Macht angeeignet haben. Wir.haben es auch gern gesehen, daß hervorragende jüdische Familien sich uns assimiliert haben; unser Antisemitismus liegt darin, daß die Juden nur einen integrierenden »Teil der Nation bilden, nicht hber das Uebergewicht erlangen dürfen. Die Juden ^dürfen es nicht aTseinen Akt des Hasses auffassen, wenn wir uns zur Wehr setzen. (Pogrome sind ein Wer? der christlich?» Pro'chasz*a-Liebe oder ein Akt der Selbstverteidigung!) Es darf dem Liberalismus zuliebe nicht geduldet werden, daß die Hälfte der Advokaten und die große Mehrheit der Aerzte Juden sind. Nicht nur die Mittelklasse wird zurückgedrstngt, sondern der Rassengenius geht dem Verderben entgegen. Die ungarische Literatur ist ganz verludet. Wir müssen unsere nationale Kultur verteidigen, wenn wir sie in Gefahr sehen. , Abg. Petö: Wir wollen Teil habe rder uegarischeu. Kultur f'eiu. Bischof.Prochaszka: Dann assimilieren Sie sich. , 1;; . ■ i Mg. Petö: Deswegen -nüs.sen wir noU nicht unseren Glauben verlassen! ' Bischof Prochaszka: Ich will hier keine Pvoselyten machen. Unter Assinnlierung versteh« ich eine Kooperation. Ich würde , jene ungarische Kultur verachten, die, wenn sie unterdrückt wird, nicht aufzischen würde. Der Liberalismus war seinerzeit sehr wertvoll und hat dem Lande große Dienste geleistet. Doch heute hat er seine Wirkungen bereits ausgegeben und es sind schädliche Nückwirkuihgen entstanden, unter anderen aucb die -es Sozialismus. Die Entwikklmrg des Judentums kann nur in -er Richtung des jüdif chnationalen Gedankens erfolgen. Sie h-t bereits begonnen. Wir dürfen kein Ba banque mit der Zukunft des Genius der ungarischen Rasse spielen. Diese muß sichergestcllt werden. Ungarn braucht einen gewissen Prozentsatz von Juden. Es war aber ein großer Fehler, daß man aut dem Wege über Obert, Ungarn eine. so große Masse von Juden einsickern! ließ. Redner schätze und ehre den Genius des jüdischen Volks,. müsse sich aber gegen ihn zur Wehre Hetzen« sofern er geeignet sei, dem ungarischen Genius zu. ^"baden Ader ihn zu unterdrücken. Mörmjscher Beifall.1 . ..Hüll—»»»'»»>1 '» Optionspflicht und StaatsbÜrgerfchal etftWnmg. Herr Dr. Ignaz Kurt Rosenfeld schreibt'' Ich hatte Gelegenheit, bei etlichen magistratist Bezirksämtern wegen Feststellung der herrschendes Praxis in der Optionsfrage mit den den Referenten zu konferieren. Wie voraussehbar wqA hat «me einheitliche Handhabung nicht durchgegriffeM und von der Intelligenz lind politischen Schulung deA Beamten ist die Auffassung abhängig, vb der jeweiligem Optionserklärung Berechtigung zuzusprechen ist und beä Belegen oder eidesstättigen Auskünften von Personen üBw1 derrtmrg zukommt. Ist diese Tatsache Eingeweihten nicht einmal Weh?' auffallend, weil ja unsere ganze administrative Leitung im Zeichewdes freien Ermessens, zu deutsch Willküm steht, muß auch uns die folgende Uninformiextheii tet Beamten überraschen. In manchen Bezirksämtern, so auch im ztveiÄw Gemtündebezirk, erklärte mir der Referent, daß auM Personen, welche die deutschösterreichische Staatßbürgerä schastserklarung abgegeben haben, der Optiionspflichi nicht enthoben sind. Auf meine Frage, woher ev diese sensationelle «Kenntnis schöpfe, die ->-och mit dem! Zwecke der Option und der, Staatsverträge im Widers jpruch stehe, weil die Staatsbürgerschastserklärungen ein Fait aeoompli,geschaffen haben, erklärte er nur.mit heimnisvvllem' Lächeln, nicht berechtigt zu. sein,, JMS» vnnnöse Erkenntnisquelle zu verraten., Aus diesen divergiereuhen Auskünften tzMb't M-E > Genüge, daß bis nun das Staatsamt des Innern'M unterlassen hat, den Unterinstanzen JnsPmkMnen übeA die Prinzipien bei der Anwendung der bekanNten/MM zugsanweisung zu erteilen, und sie ruhig dem GeschntE und dem politischen Kolorit der Beamten übeMßt.^ --W w Um unangenehmen Zwischenfällen vürzübeugen^ Ä daher allen jenen Personen, welche die StaatsZ bürgerschaftserklärung abgegeben haben, dringend, anzltt raten, bei ihrem magistratischen Bezirksamt zu erschMeH und zu optieren zu versuchem -?MM Wenn die Abgabe der Opttonserklärung Lei.solDÄ Petenten in richtiger Rechtsauffassung für entbehrlich M halten wird, dann ist über diese Tatsache eine BestätU gung des Beamten zu verlangen, zu deren AusstellunT er verpflichtet ist, da nach bisherigen Erfahrungen leicht geschehen'könnte, daß auch dieser von behördlicher Schikane bis nun verschont gebliebene Teil unserer .Be^ völkerung in den Hexenkessel innerpolittscher Hetze jmi. ^anderen unschuldigen Opfern hineingezvgen würde.MM - Das Staatsamt des Innern wird gleichzeitig ftagt, ob ihm die UnorienkiertheiL seiner Beamten W'. könnt ist und es. noch immer keine Veranlassung Belehrungen zu erteilen, damit endlich wenigstens! eiw Rädchen unseres schon längst verbrauchten Verwaltung^ apparates. widerstandslos, und ohne Steubaufwirblung' lar^e.! f;: ' ■ ' ' ‘ Der Lkampf um die Berfaffuug K^., Die geftrigen.VerhaMungen haben keine Aeuderüng? der allgemeinen Lage gebracht. Man rechnet damit^ daß bis zur heute vormittags stattfindendey Sitzung des Hauptausschusses eine gewisse Klärung eingetretW sein wird, die es dem Hauptausschuß ermöglichen, wird's ein parlamentarisches Ak tionsProgramm für bi« nächsten Tage.aufstellen zu können« Die rechtliche Stellung WienS in ver^neu Berfaffüng. "" Der Stadtsenat beschäftigte sich gestern tritt der erwähnten Frage und der Referent Stadtrat Speise^ begründete in seinem Referat nachstehende Antrags Der Bürgermeister wird beauftragt, der Nationawev sammlnng und der Staatsregierung aus Anlaß der $e| ratung der Bundesverfassung nachstehende Wünsche, -et! Gemeinde Wien bekanntzugeben: 1. Die Möglichkeit der Bildung eines selbständigen Landes Wien durch übereinstimmenden Beschluß des Wiener Gemeinderates und des Landes Niederöfterreich soll vorgesehen werde 2. Wien beansprucht als Bundeshauptstadt eine selb ständige, unmittelbar vom Gememderat zu wählend! Vertretung im Bundesrat. Das Verhältnis der Anzah der von den einzelnen Ländern und von Wien p! wählenden Bundesratsmitglieder soll der Bevölkerung^ zahl entsprechen. 3.Men soll schon vor der im Punktes vorgesehenen Teilung des jetzigen Landes Niedere österreich einem Lande gleichgehalten werden, hinsichtlich^ a) der Teilnahme an Bundeseinnahmen und der Betz ' träge und Zuschüsse aus Bundesmitteln: b) der Gesetz' gebung hinsichtlich der Gemeinde- und Landesabgabez in Wien; c) der autonomen Beschlußfassung über seim Verfassung (Gemeindestatut); d) der vollziehende^ Gewalt in Angelegenheiten der Bundes- und.der Landes^ gesetzgebung, so zwar, daß der Bürgermeister der Stadij Wien die rechtliche Stellung eines Landeshauptmanns und der Wiener Stadttenat die rechtliche Stellung ein« Landesregierung erhält; e) der Gesetzgebung für Wien in allen Angelegenheiten, die schon bei der provisorischer^ Auseinandersetzung mit dem Lande als nicht gemeinsan^ bezeichnet werden. 4. Die allgemeine staatliche Verwalttwtz (Art. 97 a) in der Landeshauptstadt Wien soll nach dem im Abschnitt 5 des Verfassungögesetzes enthaltenen Grunds. .sähen durch das Wiener Gemeindestatut geregelt werden^ 'UZlk.j».WlkMLUM. M SWtzkZ.!Ä» MÄ.kLW