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Wiener Morgenzeitung · 1920-09-12 · Heft 590 (12.9.1920) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 590 (12.9.1920)
Date
1920-09-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Xr. 590 ' Wien. Sonntag Die tschechischen Eisenbahner für den Boykott Polens. Prag, 11. September. „Tribuna" meldet, baß der Vorstand der tschechischen Eisenbahnerunion beschloss« habe, den vollständigen Boykott Polens zn proklamieren und auf die Eisenbahnerorganifationen der Nachbarstaaten einzuwlrken, daß sie sich ehestens diesem Boykott anschließen mögen. Heute findet eine gemeinsame Sitzung der tschechischen Eisenbahnerunion und des deutschen Verbandes der Eisenbahner statt, um Len Aufruf zum Boykott endgültig zu redigieren. Inland. tzauptansschuß. Für Freitag den 17. d. M. hat Präsident S r i tz den HauvtauSschuß rmberufen, auf Lesse« Tagesordnung doS in Karlsbad zwischen Deutsch äüerreich ünd der Tschecko-Slowakei abgeschlossene Zusatzübereinkommen zum Brünn er Vertrag, die Behandlung der Lehrerschaft, steht. Der Hauplimsschuß »itb sich Le» weiteren mit der Festsetzung des Termins für den Wieder» Zusammentritt der Nationrlversamm» l» « j. deren erste Sitzung am 21. d. M. staitfindrn soll, der Daner der Tagung und den Arbeiten, die noch von der scheibenden Nat'onalversamirilrms erledigt werden sollen, de-' fasse». Bo» der Hanpt««hlbehLrde. I« der dritte« Sitznng am st. d. M. hat die Hauptwahlbehärde an» Anlaß rmcr Anfrage über die Zurechnung der Reststimmen i» -weiten Ermittlungsverfahren fest-esteüt. daß die Neststimmen ei»er Pertn «ach dem Wortlame der eirchchlagigen Bestimmungen der Wahlordnung iK 18. Zahl 1, rmd 8 38», dritter Absatz) und nach der auS den parlameniarischcrl Verhandlungen über die Wahlord*ung untweideut'g sich ergebenden Absicht, des Gesetzes nur deriekvn» Dorier -«gevechuet, nicht aber euch einer andere» Partei zugewendet werden können. Der Streik *t* Ge«e!»kr«nch»KeLsen Meder- -fterrttchs oerschode«. Das Zentral-Landr»Hreikk»mitee der Genlemdeantzestellten Wien-LeotzerSdorf teilt mit: Der Streiktermin vom 11. d. M. wurde biß aus weiteres a u f g r h o b e n, da d«§ La»deskreikko«et»e nochmals v«f»ch« will, Moutag d,e I»Krue«tio» der 8a»LeSmed fitolMfan a»Mufen. Oh» Hsi«ißVH» >»» M»h»<tz-GOf»»s»«««. Die Staatskorrespondeuz meldet: Der österreichischen Sektion der Reparationskommission wurde von der Reparationskommission in Paris die Genehmigung ihrer Anträge, betreffend Kreditgewährung.für die im Ginne des Uederrinkommens zwischen der österreichischen Regierung und Sowjetrußland zu bewirkende Heimbeförderung der österreichischen Kriegsgefangenen, offiziell bekanntgegeben. Nachdem sich die österreichische Regierung dazu verpflichtet h«t, die mit dem Kriede«sdertr«s von Saint- Gennain nicht übereinstimmenden Punkte dieses. lieberemkommens nicht durchzuführen, erscheint diese Angelegenheit nunmehr definitiv geregelt. Die österreichische Sektion ist andererseits auch darüber in Kenntns gesetzt worden, daß sich die Heimbeförderung ohne Schwierigkeiten vollzieht. 2!eL«WWWMM>>>>W>>WW>>W>>W>>W>W>M>>>>>>WWWW>>>>>>>WWWWEi ' An» meinem Buche der Srluue ruuOeu. Vv, Mewdelr Mscher-Sfurt«. (An» dem lttdifchm üdertragen von L. G Ich wandere über einen Saumweg längs heß Waldes, einer großen, freien Wiese zu, wo am Ende der Niederung samtgrünes Gras hervorlugt, saftig junge Bäumchen grüßen, eines in das andere verzweigt, und frische, erst vom Tau gekämmte Blumenköpschen auf fettklebrigem Stengel nicken. Ein Frühmorgenlüsichen weht, bringt aus nah und ferne köstlchen Geruch und süße Lieder, die mir die Glieder lösen. Von selbst öffnet sich mein Mund, er singt Stellen aus dem Hohen Liede mit dem vorgeschriebenen Tonfall, mit der dazugehörigen Melodie, wie sie Bestach in der Schule gesungen wird. Lebhaft vorwärtsschreitend, singe ich, bleibe zuweilen stehen, um da und dort ein Blümchen zu pflücken und zu einem Strauß zu binden. Da erblicke ich in der Ferne etwas, das mich ein Faß zu sein dünkt. Ich komme näher, aus dem Faste wird ein Leib, bald sieht man auch die Beine! Ein Pferd liegt hingestreckt. Der Bauch ist wie eine Trommel angeschwollen, kaum daß es atmet. Ich stoße es mit meinein Stecken — es rührt sich nicht. Offenbar verreckt. Nein, es röchelt, es schlägt mit einem Fuße aus, hebt sich, streckt feinen langen, ausgetrocknetey Hals in die Höhe. Ein Paar verlaufener Augen starren mich an. - Aus diesen Augen spricht etwas, das mir ans Herz greift, und wie augeschmiedet bleibe ich stehen, ohne mich vom Fleck rühren zu Knuten. Ich blicke näher und erkenne das Pferd Reb Leib», des Wasserträgers. Wahrlich, jede» Geschöpf Gattes, das mit dem Tode ringt, dauert einen, um wie viel mehr das Pferd Reb Leib», das lange Jahre in unserer Stadt gearbeitet hat, um den Leuten da» Wasser da« Flusse zu bringen. Und sine sehe, sehr fchwae« Arbeit ist'». Die Wntagnil-wke ist ja mit dem Wasser nicht so freigiebig, melkt sich, wie man zu sagen pflegt, nicht so leicht: im Sommer Während der heißen Tage schwindet sie sogar ganz. Mühsam zog das arme Pferd ba.2 übervolle Faß aus dem Morast au; Ufer Wiener -Morgenzeitmrg '12. September I9Ä Nur bis zum 14. September liegen die Wählerlisten zur Einsicht auf. Die Parteileitung hat beschlossen, in allen in Betracht kommenden österreichischen Wahlkreisen, insbesondere aber in allen Wiener Wahlkreisen, die jüdischnationale Einheitsliste „Stricker und Genvffen* anfzuftellen. Nach >em neuen Wahlrechte werben alle in den verschiedenen Wahlkreisen abgegebenen Stimmen .einer Liste beim zweiten Skrntinium zusammengezahlt und KVnnen weitere Mandate dnrch diese Stimmen erlangt werden. Jeder jüdische Wühler, in welchem Bezirk er auch' wohnt, mutz sich unbedingt um sei« Wahlrecht kümmern nnd eS reklamieren, wenn sein Name nicht in der Hausliste, respektive Wühlerliste vorkommt. Der Verlust einer jüdischen Stimme kau« daher den Verlusteines jüdischen Mandats bedeuten! Reklamiert sofort Euer Wahlrecht selbst oder durch das Unterzeichnete Bureau! Die jüdifchnationale Hanptwahlleiturrg XI. Taborstraße 20a -■ : » Auskünfte und D u r ch f üh r u n g von ReklamationenHauptbur t au, II., T ab o rstraße 20a, von 9 bis 12 Uh r vormittags und 3 bis 5 Uhr nachmittags. Unser Reklamationsbureau für den XX.Bezirk ist: Karl Meißlstraße 5, Tür 1; für den IX. Bezirk: Liechtensteinstraße 11. Tür 13. Das zionistische Bureau, X..Favoriteustraße 13 0, erteilt Auskünfte in Staatsbürgerfchaftsangelegen heilen (Option) sowie Wahlangelegenheiten täglich von 3 bis 6 Uhr nachmittags. Für den VI. bis VIII. Bezirks Wahlreklamationen und Auskünfte in Staatsbürgerschaftsangelegenheiten, VI., Amerlingstraße 19, ftof, täglich oo». 9 bis 2 Uhr. * Die »isnistische Sektion Landstraße fordert ihre Mitglieder auf, Einsicht in die Wählerliste zu nehmen und ihre Freunde, die darin nicht enhalten sind, zur Reklamienmg des Wahlrechtes rechtzeitig zu veranlassen. * Die Wühlerliste 'für den XXI. QVjtfMrftcq! zur Einsichtnahme heute, Sonntag, den 12. d. M., von 9 bis 11 Uhr auf: XXI., Am Spitz 6, II. Stock. Achtung! Ruch erfolgter Optio« gen letzt jedermann das Wahlrecht! Alle jene, welche optieren wollen, mögen sich unverzüglich an baa Harrptbrrreau des Jüdischen Nationalrate-, II., Taborftraße 2V a, wenden.!<■■■>■« wm—wn—————<w ROHEM ZIGARETTENPAPIERE ZSGABETtENHÜLSEM STe Gt>enti*effew seihst dl« höchsten Erwartungen, des Rouchees.. DDBI iHM«aeaM«*ae<' Telegramme. Kamenew nach Rußland abgereift, London, 11. September. (Funkspruch.) Kamrmw ist hrast nach Rußland abgerrist. ['f“* Der Bürgermeister von Cork lebt noch . London, 11. September. (Reiner.) Der Bericht über da» Befinden des Bürgermeisters von Cork besagt, daß er seht erschöpft sei, jedoch volle Geisiesklarbeit bewahre. Die englischen Grubenarbeiter. V London, 11. September. (Tel.-Komp.^ Der Gewerkschaftskongreß ist beendet worden, ohne daß em Versuch unternommen wurde, die Kluft zwischen der Regierung und den Grubenarbeitern m überbrücken. Man ist allgemein der Ansicht, daß Lre Unrerbtindlungen noch vor dem 25. September, dem Zectpuntt Tür dre Proklamiezung des Streiks, in irgendeiner Form wrroer am-, genommen werden dürsten. Der polnische Frontbericht. - Warschau, 11. September. (Polnische Telegraphen^ Agentur.) Kriegsbericht vom 10. September: Im Gebiet von Suwalki haben unsere Abteilungen wieder Krasnopol und Siejny besetzt. Weiter südlich beiderfestige Erkundungstätigkeit und Patrouillengefechte. Zwischen Kamionka-Strumilowa und Busk gelang es dem Feinde, nach hartnäckigem Kampfe den Bug zu überschreiten. Der Feind griff, Busk vom Westen und gleichzeitig den Brückenkopf vom Osten an. Dank der heldenmütigen Abwehr von Abteilungen des 19. Infanterieregiments, welche bis zur Ankunft von Hilfst truppen dem Angriff des Feindes standhielten, wurde deser zum raschen Rückzug gezwungen. Oestlich von Knihynicze besetzten unsere Abteilungen nach hart-' näckigem Kampf die Stadt R o h a t y n und erreichtes dadurch die vor einigen Tagen verlassene Abwehrlinie an der Gnila Lipa. Längs des Dnjestr Ruhe. - Moskauer Frontbericht. Moskau) 11. September. (Funkspruch.) Front-! bericht vom 10. September (teilweise verstümmelt) ch Längs des Bug AufklärungStätigkest. In den Kämpfen^ bei Busk wurden zahlreche Gefangene eingebracht und!^ zwei Geschütze erbeutet. Im Gebiet von Rohatyn^-! hartnäckige Kämpfe mit wechselndem Erfolg, Krim-j abschnitt besetzten wir nach Kampf mehrere Ortschaften^ 30 bis 35 Werst südlich von Orjechow. . Wrangel hat Zulanf. Paris, 11. September. (Havas.) Die „Times" melden auA. Konstantinoprl: Wrangel, der mct 8>W0 Mann die Kuba«^ Erpedilion angcveten baUe. ist mit 20.000 Mann zurückgekehrt^ Du neugewonnenen Mannschaften sind Kosaken. des Flusses, um es dann noch den Berg hinaufzuschleppen. Gekeucht, geschwitzt hat es, sich in die Breite und Länge gestreckt, dabei die ganze Gesundheit einsetzend. Aber nicht dies allein bewegt mich, daß ich hier ein Geschöpf Gottes zugrundegehen sehe, und daß mich bittere Empfindungen überkommen ob der eigenartigen Gerechtigkeit, die auf Erden herrscht, daß dieses Tier nach so vielen Jahren treuen Dienstes hingestreckt liegen muß auf freiem Felde, erbarmungslos den Hunden vorgeworfen, die einen Leichnam gewittert hatten und wohl deshalb aus der Stadt hieherkamen, in der Hoffnung, einen besseren Bissen zu erhaschen, einen fetteren Knochen... Noch eine andere Empfindung überkommt mich, ich siihle einen Mich im Herzen und bleibe erschüttert stehen. Hingestreckt liegt das Pferd, kaum daß es noch röchelt. Die Hunde schleichen heran. Große, böse Fliegen, grünliche, mit einem Kupferglanz, umschwirren es wie die Plagegeister, setzen sich auf seinen abgewetzten Rücken, beißen, saugen das Blut, und eS kann nicht einmal den Schweif bewegen, um sie zu verjagen. Plötzlich aber rafft es alle Kräfte zusammen, reißt den Hals in die Höhe, wendet mir den Kopf zu, stößt einen röchelnden Seufzer aus. schaut mir ins Gesicht — beinahe mit Menschenaugen. Sein Seufzen trifft mich wie ein Donner, sein Blick verletzt mich wie ein Messer-jetzt weiß ich, warum. O weh! Das ist daS Seufzen, das Röcheln, der Blick meines eigenen Kindes, eines Knäbleins von zwei Jahren, als es mit dem Tode rang. Die Mutter hatte man von ibm entfernt, bannt sie nicht seine Leiden steht, sie hätte es wohl kaum ertragen. Ich kauerte am Bettlern des Kindes. Aus einem unruhigen, wirren Dahinöämmerrr erwachte es, röchelte, bewegte die Lipven, warf kein Köpfchen hin und her und starrte suchend hinauf. Als es mich, seinen Vater, betrübt und gebrochen dastehen sah, blickte es mich groß an. Aus diesem Blick sprach nicht die Seele eines Knäbleins. sondern eines ' Erwachsenen Seele, ein Geist, einer, ein unveränderlicher, der kein Mer kennt. Jeder, der wie ich Aehnliches zerrissenen Herzens erlebt bat, wird empfinden, was ich tiefbetrübter Vater ans den Al-ac-n meines Kindes gelesen habe: „O, Ewiger und Herr, wozu bin ich geboten, wenn ich so jung wieder sterben muß! Wozu so viel Wehl beim Kommen, wozu so viel Kummer und Jammer beim Verlassen dieser Welt? Wozu dieser ewige'Wirbel von Leben und Sterben! Jeder Mensch kommt' aus der Erde und kehrt zur Erde zurück. Wozu dieses Schaffen und Zerstören. Beleben und Begraben? Ach, Vater!"/ bat mich dieser Blick des Kindes, „o, Vater, es schmerzt, - es schmerzt!" . . . „Weh und ach ist dem Vater", weintj in mir-das Herz, „o, daß ich doch der Vater bin und dü^, das Kivd! So ergeht es uns, wie einst dem Bauern; beim Gutsherrn: Der Gutsherr hat mit ihnen getan,! was er nur wollte, hat sie gepeinigt, verkauft, diel Familien auseinandergerissen, der Vater war nicht Vatera die Mutter nicht Mutter, das Kind kerir Kind. "MeN spürt Gottes Gebot, tut, was er befiehlt .\ . ,.,/j Ach, dein Blick, dein Blick, armes Xunglücklichesj Pferd! Der gleiche Blick, derselbe Ausdruck, wie derj. meines Kindes, als es in den letzten Zügen lag, und" man kann nicht „l'hawdil" sagen.. Denn der Tod machtj gleich klein und groß. Mensch und.Tier. Gleich, ist! , des Lebens Beginn im Mutterleibe bei allen Geschöpfen- und gleich auch des Lebens Ende. „Denn das Los. der^ Menschen", sagt Koheleth, „ist wie das Los des Viehes,? ein Schicksal haben sie. Den gleichen Tod sterben fitz' beide, einen Geist haben sie alle." , n Das Pferd ließ mit heftigem Aufschlag den Kopf, zu-! rückfällen, ich bedeckte mit beiden Händen mein Gesicht. Weil ich den bitteren Tod nicht sehen wollte? Nein. Um den Reiz der Natur nicht zu schauen, die mir in dieses, schweren Minute vorkanr wie eine Frau, die schon, alt! und gebrechlich ist, und sich dennoch mit Schmuck be-! hängt, einherstolzt mit falschen Zähnen, weiß , mto leuchtend wie Perlen, und mit rotgefärbten Wangen. > Alles unecht und falsch! . ... Als ich mir die Hände vom Gesicht nahm, lag b«. reitS ein Aas vor mir. Die Hunde schärften ihre Zähne und kamen immer näher. Und just erschollen gleichzeitig jubelnde Lieder — Vogelfang aus dem Walde! . ... l Ich inache noch eine abwehrendo Gaste und', schnurstracks nach .Haute. /• •*!'•“ ■

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