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Wiener Morgenzeitung · 1920-09-10 · Heft 588 (10.9.1920) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 588 (10.9.1920)
Date
1920-09-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seile * Wien. Freilast Wiener MorgenzertrrnK Fuchtel siebe und daß nunmehr die gesamte cmtisemitische Welt von Ungarn das Aufdämmern einer neuen glücklichen Welt erwarte. Nur nebenbei sei bemerkt, daß einer der nächsten Redner seinen Zuhörern auch in concreto diese von den Erwachenden Ungarn herbeizufübrende glückliche Zeit — ein Antisemit würde sogen: mit orientalischer Phantasie ansmalte, indem er unter anderem darauf hmwies. daß, wenn bald die große Zeit der Abrechnung kommen werde tmb die ungarischen Juden mit -Sack und Pack ruS dem Lande werden ziehen müssen, -ie stiebenden Juden ihr gesamtes Vermögen werden" zurücklassen müssen. Welchem Hnligan läuft hier nicht das Wasser im Mnnd zusammen?! Welcher Pogrom- Hetzer, von den Millionen-Panamisten Friedrich und. Szcnrecsanyr über Pater Zadrawecz bis hinunter zum ausgehungerten Gemeindeschreiber fühlt da nicht ein an« genehmes Jucken in der Hand, wenn er an die in Anssicht gestellte reiche Naubbente denkt. Wir glauben es daher dem Verbandsdirektor 'Geza Mady aufs Wort, wenn er in seinem Tätigkeitsbericht, feststellt. daß unter solchen Umständen die Verbandsmitglieder kaum zurückznbalten sind, um zur gewinnbringenden Tat zu schreiten und sich endlich zu einem befreienden, erlösenden Werk aufzuraffen. Aus diesem Tätigkeitsbericht gebt jedoch noch etwas hervor, das die vollste Aufmerksamkeit nicht nur Ungarns, sondern auch des Auslandes verdient. Da ist zunächst die Mitteilung, daß die Erwachenden Ungarn ihr Netz bereits über das ganze Land ausgeworfen haben, daß sie schon heute über 198 vollkommen organisierte öokalgruppen verfügen und daß die Organisierung weiterer 200 Gruppen für die nächste Zeit bevorsteht. Ebensogut ist der Nachrichtendienst des Verbandes organisiert, der selbstverständlich die territorialen bandesgrenzen nicht respektiert. Seinem Wesen nach ist der Verband der Erwachenden Ungarn ein Geheimbund, dessen ordentliches Mitglied nur derjenige Ungar werden kann, der den Eid leistet, sich mit seinem Leben für die Erreichung der Ziele und die Durchführung der Aufgaben des Verbandes einsetzen zu wollen. Anläßlich der Fahnenweihe der Vrachialformation der akademischen Jugend in Budapest prägte Seine Hoheit der Reichsverweser Horthy das Wort, daß an dem kranken Körper Ungarns noch einschneidende .Operationen vorgenommen werden müssen,, soll der Staatskörper gesunden. Er, Horthy, in höchsteigener Person, '" betrachtet sich als der oberste, Operateur, gewissermaßen als der Primarius der politisch-chirurgischen Zentralstelle im christlichen Ungarn. Viel Buttst schon bisher durch diese overativen Eingriffe geflossen. Denn Horthy hat sich als Operateur durchaus nicht durch irgendwelche Sentimentalitäten leiten lassen. Auch diä Erwachenden Ungarn arbeiten wie die Chirurgen der allerältesten Schule. Auch sie wollen das kranke Ungarn nach eigener Methode operieren und wie sie behaupten, deshalb, weil sich die am Ruder stehenden christlichen Parteien zu schwach und zu wenig radikal zeigten/-Mgn weiß, daß diese Drohung gegen den „zu schwachen" Horthy gerichtet ist. Auf dem Operationstisch liegt in schwerer Narkose ein schwerkrankes Land. Die Operateure stehen bereits im Streit miteinander, sie können über das Ausmaß der Amputation nicht einig werden und jeden Moment mit ihren Messern gegeneinander losstürzen. Vielleicht kommt dann an Stelle der Operateure ein besonnener Internist, der die blutrünstigen Chirurgen zum Teufel jagt und den kranken Staat aus der Narkose rüttelt. Das ist noch die einzige Hoffnung all der Verfolgten und Bedrückten im Lande des obersten Operateurs Horthy. Die Metakarbeiterbewegung in Italien. Mailand, 9. September (Tel.-Komp.) In der Bewegung der Metallarbeiter wird von seiten der Regierung und der Industriellen mit allen Kräften versucht, einen Ausgleich herbeizuführen. Freilich verlangen die Industriellen, die sich gestern in Mailand versammelt hatten, vor allem die Aufhebung der Besetzung der Fabriken, eine Vedinaung, auf welche die Arbeiter nicht ein geh en wollen. Für den 10. d. M. ist die Leitung des sozialistischen Partei- und des Gewerkschaftsbundcs zu einer gemeinsamen Besprechung und Beschlußfassung nach Mailand berufen worden und auch die gesamte parlamentarische Gruppe der sozialistrscheu Partei wird dort zufammentreten. Durch Einführung von Fab riks röten, welche die Verwaltung der Betriebe zu kontrollieren hätten, will der Arbeitsminifter L a b r i o l a die Arbeiter auf den Weg der Gesetzlichkeit zurücksühren. _ Polen — Litauen. Memel, 9. September. (Tel.-Komp^) Wie das Litauische Bureau meldet, hat Litauen das Ultimatum Polens a b g e l e h n t, sich jedoch bereit erklärt, den Vormarsch an der ethnographischen Grenze einzustellen. Die litauische Regierung hat am 5. d. M. die gesamte Mo b ili sieruu a auae- Mdnet. PoMische^MuNdschan. Das Programm des V'ölkerbirnÄrates. Die letzte Sitzuny de? Völkerbundraie?, die irr San Sebastian ftattsand, hatte ein Programm, dessen Gegenstände von grösster Bedeutung und Aktualität wa-en, nämlich: i. Wirticha'tliche .Maßnahmen', gegen Späten, die Krieg führen und hiedurch ihre Pslrch'en als Mstgsirder des Völkerbundes verletzenj- 8. Schaffung einer interna iona^en Sayiiät?örgani'Ltion; 3. Vorlage des Pco^el'es. betresfeUtzden ^internationalen Gerichtshof; 4. Prüfung der Vollmachten für den Zu lammen'ritt des Völkerbundes am 15. November; 5. Veran'wortlichleiten des Völkerbundes. Mit größter Spannung wird die erste von Wilson einLsrnsene Versammlung (i des Vö kerbunles ..tu G eft f yhti 15. Nckpemker ^ertpaWt. Lord Robert Cecil hat in 'einem Zirkular schreiben dir Völlerbundligen der Länder,'die bereits Mitgsi'der de? .Völkerbundes sind, aufge ordert, ihren Reg e irnlen nahe u'egen, detailliert«,' Vorschläge für diese Ve.sa'nnilung aus'uarlei.en, damit nicht nur Reden gehalten, sondern auch präzise Beschlüsse von Bebeu'ung ge'aßt werden. Ein Programmpunkt dirser Völle.'bundve-rmmmlung wird auch — eine Lebensfrage f ü r O e st e r r e i ch — die F age der Zulassung , der ehemaligen Feinde zum Völkerbund sein. Eine Kabinettskrise in der tfchecho-slowakischsn Republik. Das Hauptorgan der Nationalsozialisten „Ceske Slovo" veröffentlicht an leitender Stelle folgende Mitteilungen: Im Parlament, fand g"stern eine lnage Beratung der, tschechischen und deutschen Sozialisten unter Beteiligung der sozialdemokratischen Minister statt, die sich mit den Bedingungen für den Eintritt der deutschen Sozialisten in die gegenwärtige Regiernngskoalition befaßte. Wie es scheint erwarten die Sozialisten, daß die Regierungin ihrer gegenwärtigen Zusammensetzung vor der Nationalversammlung sich nicht mehr zeigen und das Parlament nicht eher ernbsrufen wird, als bis die neue Regierung gebildet ist. Die sozialistische Linke hat sich ursprünglich zu einem Generalsturm gerüstet, doch wurden die russischen Mißerfolgs zu ihrem Mißerfolg und des halb ist sie heute für ein Kompromoiß gestimmt. Dieses Kompromiß soll darin bestehen, daß die gegenwärtige Regierung zurücktritt und einer neuen Platz macht, die sozialistischer ist. Die Linke verlangt bedingungslos das ^Ausscheiden Tusars, Habrmans und Tomciseks. Ms künftiger Ministerpräsident wird der. frühere Arbeitsminister Hampel genannt. Die Rechtssozialisten sind mit Rücksicht auf ihre zahlenmäige, Minderheit zu persönlichen und sachlichen Opfern.bereit. Das größte sachlich. , Zugeständnis ist auch die Koalition mit den deutschen Sozialisten, Die beiden anderen Koalitionsparteien wurden von diesen Plänen offiziell nicht verständigt, so daß die Leitung der Sozialdemokratie die Koalition scheinbar vor fertige" Tatsachen stellen will. In der Agrarpartei herrschen zwei Strömungen vertreten durch die Minister Svehla und Stanek. welch letzterer sich eben erst öffentlich zu seinem Lieblingsplane, einem Bürgerblock, bekannt hat. Beide sind zur Ansicht gelangt, daß es möglich, beziehungsweise notwendig ist. die Regierung und die Koalition mit, den Deutschen zu bilden, indem Svehla eine ,Koalition mit den deutschen Sozialdemokraten und Stanek eine solche mit den deutschen Agrariern zuläßt. Die nationalsozialistische Partei wird auf den Bedingungen bestehen, unter denen sie seinerzeit in die Negierungskoalition eingetreten ist. Wir wissen nicht, bemerkt das Blatt, ob all diese Bedingungen für die deutschen Genossen annehmbar sind, und möchten, mit Rücksicht auf ihre bisherige Politik, teilweise daran zweifeln. Antisemitische Verbrüderungsversuche. Die antisemitische Hetze der reaktionären Londoner „Morning Post" weckt unter den deutschnationalen Hetzern freudiges Echo. Das geht so weit, daß sogar die bisher betriebene wütende England-Hetze zurückgestellt und eine Anbiederung an die Reaktion in England versucht w'rd. Vor einigen Tagen veröffentlichte die „Deutsche Tageszeitung" einen offenen Brief an Churchill, dessen Verfasser der ans dem Baltikum bekannte und steckbrieflich verfolgte Major Bischofs ist. Da bei vielen Leuten, so meint die „Frankfurter Zeitung", die Ansicht besteht, daß man einen Engländer der Höflichkeit halber unter allen Umstanden als „Lotd" anzureden habe, so geht die Adresse an „Lord Winston Churchill" und der Brief beginnt mit einem pomphaften „Mylord!". Herr Bischofs,beschwert sich darüber, daß die Engländer sein Baltiknm-Unternehmen. mit dem er doch den Bolschewismus umbringen wollte, nicht begünstigt haben. Er behandelt den „Mylord Cbnrckill" dabei ganz als Bruder-Antisemiten, hält es auch für einen feinen Schachzug, dessen Landsmann Lord Norihcliffe als „Herrn Stern aus Frankfurt" zu bezeichnen. Auch in Eiland, prophezeit er, werde der „jüdisch-boischewikische Klüngel" Herr im Lande N-rdrn. „Sie wissen selbst", so wird Mylord. Churchill angelet, wie es gemacht wird, sind die Machthaber in Moskau sind nicht ungeschickter äls Herr Stern aus Frankfurt; sind sie. doch ' ' e Stamwesgenossdn." Der Zweck dieses offenen Briefes ist mithin, in England Neigung für ein. Bündnis mit Deutschland zur Bekämpfung des Bolschewismus zu erzeugen. „Die Hilfe mutz von außen kommen, und das wird ohne Deutschland nickt möalick sein." 10. Bcptmbet 1920 ' Nr. 588 Millrrands Besuch in der Schweiz. Aus Paris wird berichtet: Millerand, von dem es seinerzeit hieß, daß er sich nicht auff Schweizer Boden begeben wolle, wird nunmehr doch nach der Zusammenkitnft in Arx-les-Vains ebenso wie Giolitti und Lloyd George dem Schweizer Bundespräsidenten in Lausanne einen .Besuch abstatten. Es wird sich dabei nicht alleip mp einen Akt der Höflichkeit handeln, die Beaeauuna wird vor allem einen wirtschaftlichen und polltrschen Charakter tragen. Weiters soll die Ileberwachung der bolschewikischen Bewegung und die Haltung Borarlderas und Tirols mit den Schmelzer Behörden besprechest werden. Die Verträge von 1815 und 1869 haben Frankreich zwei Verpflichtungen anferlegt: Die Militär nche Neutralisation Savoyens und die Einrichtung einer neutralen Zone im Departement Hochsavohen. Der Artikel 4$5 des Versailler Vertrages zibt nun Franko reich das Recht, sich von dieser Verpflichtung zu befreien, indem es sich in dieser Frage mit der Schweiz verständigt. Wiederaufnahme &<•* holländisch - belgischer? Unterhandlungen. Der Brüsseler Korrespondent des Anrfte'^amer „Telegraaf" ber'ch'et. daß der belgisch': Min-sterprkisiderit H"1 Unterhandlungen rwi'chen Hat fand und Beg-"n vieler «'»'zunehmen ge'-enke. foSa'b bn? französisch-belgisch? MllUärabkommeir ' en ^listig'- gerollt sei. Der Kar es onle.nt 'ügt fjttnu, daß de la Cro'x bm. di'stn Un'erl-an langen gerne dir Ja ervention F.'-auk* i^ichs geseben hätte, dnch hü Millerand der Unecht, haß eine Lösung der Meumngsperschiedenfesien durch die in Betracht kommenden Länder allein vorzuziehen sei. _ s Griechisch-rumänische Heiratspoltti > Aus Genf* wird berichtet: In Schweizer griechischen Kreisen wird folgende Nachricht kolportiert: Um den scharfen inneren Gegensätzen in Griechenland die Spitze zu nehmen, sucht Denizelos den König Konstantin zU bewegen, zugunsten des in der Schweiz befindlichen Kronprinzen Georg abzüöanken. ..Krost" prinz Georg soll sich mit der Tochter des rümäU^'chen Königshauses Elisabeth vermählen, zu welchem Zwecke Venizelos dieser Tage nach Bukarest reist. Inter-. essant ist, daß auch der Prinzregent von Serbien auf die Hand der rumäischen Prinzessin aspiriert und deshalb in den nächsten Tagen in Begleitung des Ministerpräsidenten Vesnic gleichfalls nach Bukarest reisen soll; Aus den beiderseitigen Heiratsplänen werden hier die ' weitestgehenden miteinander in schroffem Gegensatz stehenden Schlüsse gezogen. Von der Poale-Zion. Die Spaltung in der Poale-Zion ist erfolgt und der rechte Flügel hat sich zu einer selbständigen Partei konstituiert. Das europäische Sekretariat zerfällt in zwei Abteilungen: London (Ben Gurion, Kaplansky) und Wien (Locker, Rubaschow, Zar). In allen Angelegenheiten der Palästina-Arbeit (mit Ausnahme der Auswanderungsfragen), ferner des Palästina-Arbeiterfonds und der internationalen Beziehungen ist das Londoner Bureau (vorläufige Adresse Copfederation Poale Zion. 27 «Sandys Now Bishopsgate. London E. 1) kompetent. Alle Zuschriften in Angelegenheiten der Organisation, Propaganda, Finanzen sowie der Auswanderung nach Palästina sind an das Wiener Bureau zu richten. Vorläufige Adresse: Bureau Poale-Zion, M. Singer, Wien, 2. Bezirk, Mumbgasse 2, Tür 26. Die Organisation hat einen Aufruf erlassen, dem wir die folgenden Stellen entnehmen: % Die Auseinandersetzungen auf der Konferenz und die Verhandlungen zwischen den Delegationen und Frak«. tionen haben bewiesen, daß bei der gegenwärtigen Lage die Weltkonferenz in einer Reihe grundlegender Fragen — wie betreffs der Internationale und der Beteiligung an der zionistischen Weltorganisation — nicht frei bc*. schließen kann. ' Die Gefertigten haben selbständig die Arbeiten der Weltkonferenz zu Ende geführt und die ausführenden Organe des Weltverbandes Poale-Zion eingesetzt. Diejenigen, die es äbgelehnt haben, einen Ausweg durch parteigenössische Verhandlungen zu suchen, tragen die Verantwortung für die Spaltung der- Weltbewegung. Seit dem Bestand der Poale-Zion-Vewegnng mußten wir nicht einmal sehen, wie einzelne Zweige unseres lebenden Baumes verdorrten. Parteien, die sich„Zionisten-So-ailisten", „JüdischeSozialisten", nannten und die auf unseren Idealen basierten, blieben bei ihrem Namen und bei ihrer organisierten Form und verloren nach und nach ihren revolutionären poale-zionistischon JnlM. Dieser ZerstörungSprozetz ist nunmehr auch in unsere orgaisisierten Reihen eingedrungen. Zuerst nimmt er die Förch der U n t ä t i g k e i t in bezug auf den Aufbau des jüdischen Arbeitszentrums in Palästina an.. Große Parteien in den Ländern der größten Answandenrngsnct sind unfähig, etwas Reales für die Organisiernng der Arbeiterwanderung nach Palästina, für' die Erziehung! sozialistischer Arbeiterpioniere zu tun und haben vollständig den lebenden Kontakt mit der palästinensischen Wirklichkeit verloren. Diese Tendenz kam zunächst in der Gegnerschaft zum Zionistenkongreß zum Ausdruck, bald aelaugte sie bis zur G l e i ch g ü l t i g k e i> zum

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