Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 587 (9.9.1920)
- Date
- 1920-09-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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- Riga 3× ep/1000826
- Budapest 1× ep/1002374
- Minsk 1× ep/1000754
- Ukraine 1× ep/1001131
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Minsk—Riga. F. B 11 *, 6- September. .. 'Dke' Friedensverh'andlungen zwischen Polen- und Kowsetrußland sollen programmgemäß heute beginnen, kach Len letzten-polnischen Meldungen ist es jedoch vieder zweifelhaft geworden, ob nicht-der Zusammentritt rer beiderseitigen Delegationen eine neuerliche Verzögerung-erfahren soll. In Warschau eingelangtel Noten der Sow-jetregierung wissen von Schwierigkeiten zu melden, velche die lettische Regierung der bolschewikischen Absrdnung macht, und diese Mitteilung-wird ans polnischer Seite, als. ein neuerlicher Versuch Tschitscherins angesehey, die Verhandlungen zu verschleppen. Es--wäre tief bedauerlich,- wenn 'die Bemühungen, STaS neue Blutpergießen in Europas Osten zu beenden, .'cheitern sollten/ ohne daß es.zur Eröffnung sachlicher Verhandlungen käme, deren Aussichten vor Tagen noch ruf polnischer Regierungsseite so optimistisch beurteilt wurden. Das Einverständnis, welches der polnische Vorschlag aus bolschewikischer Seite fand, die ergebnislosen Verhandlungen von Minsk nach Riga zu verlegen, bedeutete einen nicht unbeträchtlichen Fortschritt-aus dem steilen Wege zu einem Frieden im Osten. Ter Vorschlag, in Minsk zu verhandeln, war von den Russen in einem Augenblick ergangen, als sich der Sieg an die rote Fahne-zu heften schien und die Rote Armee^in unaushalt. am scheinendem Anmarsch drobend bis gegen Warschau heranrückte. Die Nähe von Minsk zur Front bot den Russen manchen Vorteil, den sie, die sich schon als Sieger insahen und den Frieden diktieren zu können vermeinten, nach jeder Richtung auszunützen gedachten. Nun. nachdem sich dasi Kriegsglück gewendet hat, haben die Russen den Vorschlag, in Riga zu verhandeln, angenommen und auch damit dokumentiert, daß sie mit sich reden lassen Dollen. Die Voraussetzungen, unter denen die Ursprung, lichen Bedingungen der Bolschewiken gestellt wurden, bestehen nicht mehr, die Russen haben empfindlickje Niederlagen erlitten und die geänderte Situation ans dem Kriegskbeater spiegelt sich in der Bereitwilligkeit ihres Verzichtes auf die ursprünglichen- Forderungen, soweit sie einen Eingriff in die Souveränität Polens bedeuteten. Zwei Punkte in den Verhandlungen werden es sein, welche besondere Schwierigkeiten bereiten dürften. Tie Russen haben die von der Entente vorgeschlagene ethnographische Grenze, die sogenannte Curzön-Linie, akzeptiert, Polen aber wird sich schwerlich bereitsinden. in diese Formel zu willigen, da man ans polnischer Seite geltend macht, daß das polnische Element über diese Grenze binansreicht. daß strategisch wichtige Punkte jenseits dieser Linie liegen', und Pllsudski hat sich auch aus politischen Gesichtspunkten dagegen, ausgesprochen daß bie polnischen Truppen an'den von Lord Eurzou bezeichnctm Marken Halt machen, weil eine solche Waffen stillstand'sabmachnn'g die.unausgesprochene-Erklärung /ent*, hielte, haß.sich Polen mit der Curzon-Lime als künftiger Landesgrenze ziifriedengebe, und außerdem hat man in Moskau die Absicht deutlich werden lassen, auch die Sowjetukraine als beteiligten Faktor den Verhandlungen bestuzirhen. während man in Polen an den Abmachungen mit Petljura festhält und von einer bolschewikischen. Ukraine nichts wissen will. ffin besonders heikler Punkt.in den künftigen Vor- /Handlungen wird, Wohl die Forderung der Russen nach Freigabe des Korridors von, Grajewo werden.. Sowjetrutzland möchte diese nach Deutschland führende Bahnlinie zu freier,Verfügung bekommen und man empfindet in Moskau, daß es eine Lebenßsrqge für; die. Sowjetmacht, bedeutet,.. aus dem Stacheldrahtzaun. herauszukommen, .den die Ententepolitik um seine Grenzen gezogen 'Hat. Das Gefüge der bolschewikischen Ordnung weist starke Sprünge auf und die Not, der Mangel an Jndustneerzeugnissen sowie das Derkehrselend bilden eine stärkere Bedrohung von Lenins.Regime, als es die bisherige in Paris eingeschlagene Rnsiland-PolM war. Sowsetrußland bedarf eines Warenaustausches oder einer Wareneinfuhr von auswärts ebensosehr wie das tägliche Brot. Die polnisch-deutschen Beziehungen sind jedoch nicht gerade dazu angetan, um in dieser Frage Polen zu besonderem Entgegenkommen zu veranlassen, und die Politik von Paris, deren Neurasthenie durch die stets wache Hetze der, deutschen Nationalisten immer frische Nahrung erhält, wird hier auch ihr Wörtchen mftreden wollen. Auf alle Fälle gibt es der Differenzen genug.' die in . Riga bereinigt werden' sollen. Daß es zu einem Frieden kommen und die Mordwaffen endgültig in Europa zum ältesten Eisen geworfen werden, das liegt nicht bloß im Interesse der schwergeprüften Volker der europäischen Ostgebiete, sondern auch im Interesse von Gesamteuropa. Die Menschheit ist des KtWes müde und der Weg zu wahrer Zivilisation wird erst dann frei sein, wenn die brutale Gewalt für alle Zeiten begraben sein wird, . ' . Nicht zuletzt find die jüdischen Massen des'Ostens die unschuldigen Opfer des blutigen Würgens und der .durch die Kriegsfurie entfesselten Instinkte einer ungehemmten Bestialität. Schon wieder dringt das Jammern einer gepeinigten Menschheit an das von so viel Greueln abgestumpfte Gehör der Welt,, in Ostgalizi.en haben die uniformierten Petljura-Huliganö neue Pögrome veranstaltet, jüdisches Blut vergossen. Mädchen geschändet und jüdische Habe geplündert und auch äus Polen selbst kommen Hiobspost.en von Uebergriffen militärischer Organe. Rur der Friede kann Polen die innere KonjoU&ierwtß bringen, deren es bedarf, wenn" es seine Die Sinnfeiner holen zu einem Schlag ans. London,.8. September. kTel.-^omp.) »D aily M a i l" will wissen, daß die Sinnfeiner für den 25. d. M., den Tag, an dem in England der Bergarbe terstreik beginnen dürfte, A nr u he « v orbereiten. Sie wollen »dabei in größerem Ausmaße von der nengebttdeten Wehrmacht Gebrauch machen. Keine Sinnesänderung Lloyd Georges. L o n d o 8. September. (Wolfs.) Das Retttersche Bureau erfährt, daß Llohd George keineswegs angoboten habe, den Bürgermeister von E o r k freiznlaffen, wen» die Mordtaten der Sinnfeinev in Irland aufhären. Llor?d George habe seine Haltung in bezug auf den Bürgermeister von Cork nicht geändert. . . , Gewaltsame Enteignung des Großgrundbesitzes in Palermo Lugano, 8. September. (Tel-Komp.) Laut „Corriere della Sera" find die Landarbeiter derProvinz'P alermozurgerv a ltiamen Enteignung fast des gesamten Groß-, g r u n d b e s i tz e s geschritten. Die Güter des Exministers S a 1 a n d r a wurden von ^bewaffneten Bauern besetzt. Die KohlenschwieriFkertSN Deutschlands. Berlin, 8. September. (Wolfs.) Die ' deutsche Friedensdelcgalion in Paris hat der Friedenskonferenz eine Note überreicht, in der die deutsche Regierung die verbündeten- Regierungen nachdrücklich daraus aufmerksam macht, daß »hr'die Erfüllung der von ihr einge. gnngenen K'o h l e n l i e f e r n n g s v e r p f l i ch t u n. ft e n unm oglich g emacht wird, wenn die Kohlrnproduktion', die. ihr zur Zeit der Verhandlungen von Spa zur Verfügsing! stand-, eine Einschränkung erfährt. Diese, Voraussetzung sei durch.die immer ernster werdende , L a g.e i p. Q h, e x sch l e s i e n cingetretcn« Die äugenblicklichen ^Vorgänge iu Oberschlesien Haben.bewirkt, daß, die - K o hl e upvod irk tion er sch t eck e rb g esunkcn; ist und daß von dem Deutschland belassenen Anteil an der' ob^rschlestschenHohlenfördersing nur noch verschwindende! Mengen nach Deutschland gelangen. Ein Ersatz, .dieser i Fehlmenge durch eine we i-t-e-re KÄr?>ungd er Inland sversö tgützg ist Nicht möglich.' Der deutschen Negierung ist durch die Vestimmmlgen des Friedensvertrages jede Möljlichkeit tzeuommen, ihrerseits für die Beseitigung der Gründe des Rückganges der vbdrschlesischen Steinkohlensördrrun^ Sorge zu trägen. Sie beehrt sich daher, an die verbündeten Negiernngen nochmals die dr-inatnve-'Bitte-z« ''richten,--'- '«siv'kLzüglich die m den deutschen Noten vom 21. und 25. August geforderten Maßnahmen zu ergreifen. Nach den gestern eingegangenrn telegraphischen Meldungensoll die Interalliierte Kommission die Kohlensendnng aus Oberschesien üb e r h a« Pt g e f p e r rt haben. Wie die deutsche Delegation in Spa dargelegt und dje dortige KRfferenz durch den Mund des Ministerprasideuten Llotzd George und dos'Präsidenten der Konferenz Della Eroix ausdrücklich anerkannt hat, ist die Ausführung-des Kohlcnabkommeüs vom 16. Juli 1920 abhängig von einer anskeichenden Beliefernug Deutschlands mit oberschlesischer Kohle. - Amerika für ÄowjetrutzlünS. Archtemmischung und Anerkennung gefordert. London, 8.' September. (Tel.-Komv) Die i m e s" erbaltcn von ihrem Korrespondenten aus Washington ein Telegramm, demzuftlge die Siimmung in Amercka gegenüber der Polen und Rußland e-munebmenden Hrltuna u m s ch l a g e. Bon dem KreUMrpe gegen du^Sowjeirea erung, dcn Sta^'s eftetär Eolby proklamiert hatte, sei unyends mehr eine Spur zu bemerken. Der PraudentschasiSkandidat H a r d i n g eUlarte in e ner Veffmnnümg. die Amerikaner könnten sich nicht >n die inneren Verhältnisse eines Landes einmnchen, wre schlecht seine Regierung auch^ sei.' Gleich;kitig drängt auch der Nationale Farmcrbund - seine Negierung darauf,. die russische. Sowjet-- regierung anzue'rkennen. staatlichen Aufgaben erfüllen soll, und nur im ruhigen, von keinem Kcrmpfeslärm gestörten Lauf her Dinge kann die Erkenntnis reisen, daß eine Politik der Versöhnitng und der friedlichen Auseinandersetzung mit den nichtpolnischen Völkern des Staates, unter denen kulturell die Jttden an erster Stelle stehen, allein imstande sein , wird, Polen auch den inneren, Frieden und die freudige,! Mitarbeit der andersnationalen Minderheiten zi! bringen, ' deren der zerrüttete Staat zu seinem Aufbau nicht ent-! raten kan^- ......... Potttische^rundscha«. Amerika und der Völkerbund. Einer Meldung des ^Deüegraäf" aus London.M folge hat laut Berichten «US Washingwn das Hauptqrarsier des Pepubfi anischeu Kandidaten Senator Harding eine Erklärung veröffentlicht, in der at^- einaudergesetzt wird, 'daß er dem Völkerbund nicht vollständig und endgültig verwerfe, sondern anerMue, daß der Bund vielleicht so eng verbunden mit dsm- Frieden in Europa sei, daß die .gute Arbeit das Bundes und seiner Bestimmungen, gegen die kein Einwqnd erhoben werden könne, aufrechterhalten bleiben'müfsenum den Frieden in Europa zu befestigen. Härdiüg vertraue darauf, daß man zu der Annahme des. Bundes gelangen werde, der jedoch sv zu ändern sei, daß alle Sorge, der Bund könne einen ungünstigen Einfluß auf amerikanische. Rechte und Interessen ausüben.' beseitigt werde. Die energische Verteidigung des Kölkerbundes durch den Demokraten Eox und die Tatsache, daß' Harding mindestens im Prinzip den Bund annehme, sowie andere Tatsachen geben zu der Erwartung Beronkassung, daß die Vereinigen Staaten nach den Präsidentschastswahlcn dem Völkerbund -beitveten würde ' Die Metallarbeiterbewegung ln Italien. Der .Mailänder Korrespondent der „Neuen Zürcher Zeitung" wird von so ialiftischen Führern : aufmerksam gemachtdaß der Kampf vorläufig keine politischen Zwecke verfolge. Freilich scheine die Möglichkeit vorzuliegen, daß bei Unnachgiebigkeit der Arbeitgeber aus der Drohung mit politischen Zielen Tatsachen werden. Das Ausland habe aber winen Grund, hiebei an ein revolutionäres Schreckeusregiment zu denken. Weite bürgerliche Kreise seien auf ein sozialistisches Experiment gefaßt, das mit Ruhe durchgeführt werden würde. Die sozialistische Regierung würde auf gute Beziehungen zum Ausland halten. Die sogenannte Konzentrationsgruppe innerhalb der soffaldemokralisckcn Partei stehe auf dem Boden der Dritten Internationale, wobei es sich aber vorläufig-durchaus nicht um ein Parteischisma handle. — Die „Neue Zürcher Zeitung^meldet aus Mailand: Sonntag nachts wurden nach . Einbrechern fahndende Polizistenaus einer Fabrik in der Bia Earmagnola mit Gewehrftuer .empfangen. In dem folgenden minutenlang dauernden Feuergefecht wurde niemand verwundet oder getötet. Die B'sahung der Fabrik verfüge über viel W a s fen. Die Metallarbeiter seien, obwohl der Wochenlohn nicht ausgezahlt wurde, sehr zuversichtlich, dank der Solidarität ihrer Gmosseu. Die Entscheidung werde Ende der Woche erwartet. Schatzminister Meda lehnte das Gesuch der sozialistischen Abgeordneten, Geldmittel zur Auszahlung des Wochenlohnes an die M-allaMiE zu bewi ligenf ab. -— Die Metallarbeiter beschlossen, bis zum 10. d. M. zu warten rmd sodann, wenn keine Einigung erfolge, alle Fabriken in Italien zu besehen. Montag fehlte in der Stadt der elektrische Strom. Die Straßenbahnen verkehrten nicht. __ , Der „Temfis* zur Donau-Frage. Ein offiziöser Leitartikel deS „TempS" übet die Donau-Konferenz schlägt Budapest als S h der internationalen Kommission por. Wenn, man glaube, d^ß Ungarn gefährlich werden könne, so müsse man sich beeilen, dort den Sitz der internationalen Kontrolle einzurichten. Das Blatt verlangt weiters, ein Zusammengehen Englands und Frankreichs in der Donau-Frage, insbesondere betreffend die lbommission. Gestern habe die rumänische Delegation einen Gegenvorschlag überreicht. Man müsse hoffen, daß unbedingt an der internationalen .Kommission. festgehalten werde. Die'Kommission werde die einzelnen Staaten nicht belästigen, sondern nur die Oberaufsicht führen. D'e Staaten werden gemeinsam festgesetzte Polizeimaßnahmen selbst durchführen, ebenso Arbeiten im allgemeinen' Interesse veranlassen und Taxen einheben, deren Höhe wieder gemeinsam bestimmt würde. Die internationale Kommjjsion würde durch Kontrollorgane prüfen lassen, ob alles in Ordnung vor sich gehe. Eine besondere Unterkommissron sei für das Eiserne.Tor nötig, da daS Privilegium, das früher hier für Oesterreich-Ungarn b-- stand, aufgehoben worden ist. , Die Prager Nechtssozialisterr gegen die Dritte Internationale. Wie „Pravo Lidu" berichtet, hat die kürzlich stattgefundene Vertrauensmännerkonferenz der Prager R e ch t S s o z i a! i st e n sich gegen die Diktatur und den Terrorismus ausgesprochen und erklärt, daß sie die Notwendigkeft einör neuen kommrmistischen Partei nicht anerkenne, die Bedingungen der Dritten Internationale nicht als eine Basis erachte, auf der das Proletariat aller Länder sich zu einer gemeinsamen internationalen sozialistischen Aktion, einigen könnte, und entschlossen sei. die alte sozialdemokratische Partei und ihr Vorgehen gegen jeden zu verteidigen. Die Vorgänge in der slowakischen Sozial» demokratie. Aus Prag wird gemeldet: Am 19. September ' sollte "in Tür.St. Martin in der Slowakei eine Kow sereuz der Vertrauensmänner der slowakischen Sozial demokratie stattiinden. Die Konferenz wurde zwar ab«