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Wiener Morgenzeitung · 1920-09-09 · Heft 587 (9.9.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 587 (9.9.1920)
Date
1920-09-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Als sich das Kriegsglück zugunsten der Polen gewendet hatte,, beeilten sich die den Polen befreundeten Machte der Entente, die polnische Regierung zu ermahnen, ihrßm Siegesrausch jene Mäßigung aufzuerlegen, die zur Herbeiführung des Friedens und durch den Frieden zur Wtzderherstellung der Ruhe und Ordnung im Innern unerläßlich ist. Soweit verläßliche Berichte vorliegen, scheint die polnische Regierung den wohlgemeinten Freundesryt in ihrer äußeren Politik befolgen zu wollen. ' >v.vberfte-von dem Gedanken geleitet sein mag, daß auch das' Kriegsglück nicht frei von Launen sei imd daß von Zitzg und Niederlage erst dann endgültig gesprochen werden könne,: tvenn der Friedensvertrag unterfertigt und die,'letzte Kanone verstummt ist. In der inneren Politik " aber Hat sich in Posen vom Beginn des siegreichen Gegenstotzes gegen die Rote, Armee ein solch maßloser Chauvinismus durchgesetzt, daß, wenn nicht auch hier von Frtznndesseite rechtzeitig eingegriffen-wird, die Gefahr besaht, dotz die nationalen Minderheiten und in erster Reihe die Juden in Polen unerbittlich der Vernichtung preisgegeben sind. Diese unsere Befürchtung stützen wir - nicht etwa auf Berichte und Meldungen von polenfeindsicher Seite,, sondernauf Feststellungen von - verantwortungsvoller jüdischer Stelle, . die -während allder Kämpfe, welche das'junge Polenseit, seinem Bestand durchzufechten hatte, mit Aufopferung Md Hingabe für die.polnische -.Sache -eingetreL^M ugd .alles aufgehoten bat^ - urn Me VMändigung -zwischen Hu. PglMi.-mK., sWf^io/Svr^Maltend,^.aß/stß:se!bst/dix gestrenge MM? zönsur -Mszssren. konnten,. unhwieviel -Jämmex,- wieviel Trostlosigkeit seufzt uns aus ihnen entgegen! . . ' Das - Mitglied desjüdischnsttionalen Landtagsklubs, 'Hartglas, berichtet über seine Reise in seinen.Wahlkreis in der Zeit vom 22. bis 26. August unter anderem, folgendes: In Minsk-Mazowieck sind die.Geschäfte wegen der Plünderungen, die jetzt dort auf der Tagesordnung sind, zum ' größten Teile geschlossen. Diese Plünderungen haben den Charakter von Exzessen.'' Viele Juden sind, alsdie polnischen Flieger die Stadt mit Bomben bewarfen, in die Wälder geflüchtete Ueber ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt geworden. Sehr traurig ist der Eindruck, den man beim Eintritt in die Stadt Siedlce mnpfängt. Auch hiex sind nahezu, sämtliche Geschäfte aus Angst vor den wiederholten Plünderungen und Mordtaten geschlossen. In Siedlce haben die Exzesie gegen Juden seit Wochen schon keine llnterln-i'chuug erfahren, trotzdem die polnischen Behörden noch vor Einzug der Roten in einer Kundmachung die Bevölkerung ermahnten, die Jnsultierung der Juden zu unterlassen. Vor Abzug der Polen erließ die Militärbehörde einen Befehl, wonach die gesamte Bevölkerung im Alter von 17 bis 40 Jahren die Stadt zu räumen habe. Eine Anzahl Juden hat nun aus Furcht, von ihrer Familie abgeschnitten zu werden, dem Befehl keine, Folge geleistet und sich in den Kellern verborgen gehalten. Während der Bolschewikenherrschaft in Siedlce haben die Arbeiterorganisationen, zu denen' Polen und Juden gehören, ihre Sympathien mit dem Bolchewismus zum Ausdruck gebracht. Als nun das polnische Militär wieder in Siedlce einzog, begann ein entsetzlicher Pogrom gegen die Juden in der Stadt und in den umliegenden Dörfern und Wäldern, wohin die Juden geflüchtet waren. Die Mörder hoben ihre Opfer bis zur Unkenntlichkeit dersiümmelt. Auch alle anderen entsetzlichen Begleitumstände der Judenpogrome haben nicht gefehlt. Und all dieses Furchtbare wurde den Juden zugefügt, weil die lügnerische Hetzpresse ungestraft die Verleumdung verbreiten durste. Laß in Siedlce 300 Juden sich zu einer bewaff- - neten kommunistischen Legion gegen Polen organisiert hätten. Diese Lüge, die amtlich schon als Lüge erkannt wurde, hat zahllose Menschen, in den Kerker gebracht, hat zu Mord und Plünderung geführt und droht, der Stimulus für Ausschreitungen und Exzesse gegen Juden auch in anderen Teilen Polens zu werden. Es ist dos eine jener Legendenbildungen, die dann als unumstößlichr Geschichtsquelle in dc.8, Bewußtsein eines Volkes überzugehen vermag und kn den Herzen der Volksmassen einen Haß Wurzel schlagen läßt, der nicht mehr leicht auszurotten ist. Die französischen Sozialisten und die Dritte internationale. Geheimsitzimg über die neuen Bedingungen Moskaus. Paris, 8. September. Wie die Blatter Mitteilen, hat der ständige Vermaltungs-j arrsschutz der sozialistischen Partei sich in einer bis Mitternacht wahrenden G e h e i m. s i tz u n g mit dem Berichte Frossards über die Annahme der n e u e tt Bedingung e W beschäftigt, die die Sowjets für den Eintritt in die Dritte International^ aufgestellt habm. Es wurde beschlossen, die ganze französische sozialistische Partei Über die Frage des Beitrittes zur Dritten Fnternationale entscheiden zn lassen. Me Lage am Kriegsschauplatz. Eine Moskauer DarsteKuna Christiaüia, 8. September. (Meldung „Rosta", Wien.) Aus Moskau wird vom 7. September gemeldet: „Jswestija" schreibt: Zehn Tage sind seit den starken polnischen Angriffen verflossen. Durch die Eroberung Brest- Litowsk hat sich die polnische Front wieder in zwei Teile zersplittert, die von dem sumpfigen Gebiet des Pripset getrennt werden .Nach einer Reihe von Kämpfen im Gebiet von Sykal und an den Usern des Bug ist es der Roten Armee gelungen, westlich von Grnbieszow günstige und Stellungen einMnehmcn^ vmMerch^Wy, dep Polem nordwestlich von Grübieszow einen empfindlichen Schlag zu versetzen. Etwas südlicher haben wir durch konsequenten Druck die Polen aus den Städten Krystinopol und Belz verdrängt «nd die allgemeine Richtung Tomaszow gewählt. In G a l r z i e n dauern die Kämpfe mit wechselndem Erfolg 45 Werst östlich von Lemberg an. Südlicher bis an die Flußufer des Dnjestr wird der Feind nach Westen gedrängt. Im allgemeinen haben die galizischen Kämpfe die Polen viele Verluste gekostet. Wir setzen cs ständig fort, Raum zu gewinnen. Im nördlichen Abschnitt der polnischen Front haben die Kämpfe keine ernste Entwicklung erfahren. Der Feind verteidigt die Wege zu Bjelostok und Bjelsk und will Brest-Litowsk als Stutzpunkt behalten. Die Zusammenstöße verlausen mit wechselndem Erfolg. Keine Seite stellt bedeutende Kräfte m den Kampf, ohne bestimmt große strategische Aufgaben vor sich zu haben. Es ist vielmehr Vorbereitung und Rekognoszierung, was an der westlichen Front jetzt vorgeht. Heftige Kämpfe in Ostgalizien. Zwischen Chodorow tmfo Rohatyn. t Warschau, 8. September. (Poln. Tel.-Ag.)' Front*? bericht vom. 7.'d. M". Abteilungen unserer Kavallerie haben das weitere Vorgehen litauischer Truppensiegreich! gewehre, 8 Feldküchen ust§. 80 Wagen" Zämt'^WpannuW in unsere Hände fielen. Die Reitetarmee des Generals Budjenny wurde nach einem Kampfe bei Hrubieschow! gezwungen, sich in der Richtung' gegen Ustilug - und! Wladimir-Wolynsk zurückzuziehen. Die in diesem Gebiet kämpfenden Sowjettruppen haben schwere Verluste er-' litten. Nach Uebersehung des Bug zwischen Kmnionka! Struminowa und Bnsk haben unsere Abteilungen Ja-! blonowka besetzt und die dort konzentrierteil feindlichen' Kräfte zersprengt, wobei 100 Mann gefangengenommeni wurden. Bolschewikische Kolonnen, die Busk und Kräsno! angegriffen haben, wurden in^ heldenmütigem Gegen-! angriff zurückgewiesen. Zwischen Chodorow und Ro§Ltyn! sind schwere Kämpfe im Gange. Unsere Abteilungen,! welche sich vorübergehend an die Linie des Swirzboches! zurückzogen, sind zum Gegenangriff Lbergegangen. Längs des Dnjestr ist die Lage unverändert.' Die Konferenz in Cttx-les- Bains. MMermrd wiK (BlMiii Berlin, 8. September. (Tel.-Komp.) Nach Meldungen Berliner Blätter aus Paris und Rom scheint Millerand bei seiner Begegnung mit Giolitti in Aix-les-Bains vorzuhaben, Giolitti dafür zu gewinnen, daß Italien in Gens auf die Seite Frankreichs tritt und das von Frankreich befürwortete Shs/em der Entschädignngslristuug gutheiße, das bekanntlich darin besteht, daß die deutsche Entschädigung nicht endgültig festgesetzt, sondern vielmehr je nach der wirtschaftlichen Entwicklung Deutsch. landS höher geschraubt werden kann. Abgeordneter Hartglas berichtet Wohl, daß in Siedlce die Gefängnisse mit Juden überfüllt sind, daß aus den Wäldern die Einlieferung verstümmelter Judenleichen noch immer nicht ganz abgeschlossen ist, daß aber dank dem energischen Einschreiten des Stadtkommandanten die Krise ihren Höhepunkt überschritten habe und die Ruhe allmählich wiederkehre. In Siedlce ist wohl alles ruhig, aber die „R^espospolita", die „Dwa Grosze" und alle anderen, von den niedrigsten Volksinstinkten lebenden antisemitischen Schmutzblätter lassen die Gemüter nicht zur Ruhe kommen. Jede Zeihe dieser Schandpresse reizt zu Mord und Plünderung. In Wort und Bild heult es durch diesen im Sumpf wurzelnden Blätterwald: Mordet die Juden! Vernichtet sie! And die Juden dürfen und Slandrecht < - für alle tschechischen Grenzbezirke. Aus Prag wird gemeldet: Ein Ministerratsbeschluß »öntj 7. d. M. besagt: Da die schmugglerische Ausfuhr von Bedarfsgegenständen ms Ansland über die Grenze trotz aller Kontrolle' und Slrasverfügnngen. emen solchen Umiang angenommen hat,! daß die ordentlrche Versorgung der Bevölkerung bedroht ist, tritt? die Notwendigkeit ein, gemäß § 15 des Gesetzes vom 18.. Mcstz! 1920, Nr. 188 (Versvrgungsgesetz und Gesrtz Hir Verfolgung der schmugglerischeu Ausfuhr), und zufolge Beschlusses der Regierung für die in diesem Gesetz angeführten Verbrechen über schm Grenzbezirke, insoweit es nccht schon in per Slowakei und Karpaihenrußland geschehen ist, das S t a u d r e ch t z n v erhängen. können sich nicht erwehren. Der Selbstschutz mit den Waffen in der Hand gilt als Auflehnung und Hochverrat und wird mit dem Tode bestraft und der publizisüschen Selbstwehr steht der gestrenge Zensor mit gezücktend Rotstift entgegen. Hier liegt das Grundübel, und nur wenn die Regierung mit allem Ernst und ohne Zttreideutigkeit diesem Nebel an den Leib gehen wird, wird! man auch ihren Beteuerungen in Paris, London unh Washington, daß ihre Politik keine bewußt judenfeind^ liche sei, Glauben schenken können. Dann brauchte sitz sich nicht darauf zu berufen, daß ihre Organe die Po^ groms — allerdings immer zu spät — unterdrücken, dann wäre sie in der Lage, darauf zu verweisen, daß sie durch Vereitlung der verleumderischen PreßkampagÄ eine Kogromstimmung. nicht hatzs aufkorgmeg

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