Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 580 (2.9.1920)
- Date
- 1920-09-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 580 Mm. Donnerstag Telegramme. Die jüdische Maffenarrsivan-eruug aus Polen. Pari», 1. September. (Funkspruch.) Nach Meldungen aus Danzig find von den über 10.000 polnisch-jüdischen Auswanderern, die in der letzten Zert in Danzig eintrafen, die meisten bereits nach Amerika abgereist. Nach dem „Kurier PolSkt" beabsichtigt über eine Biertelmillion Juden ans Polen nach Nordamerika a u S z u w a n d e r n. wohin sie von Verwandten ringeladeu wurde». Wegen Mangels an Schiffsraum dürfte die Beförderung über zwei Jahre dauern. Antisemitismus in Polen. Switom, Li. August. (Jewish Cvrr. Bur.) Die polnische Presse hat ihre antisemitische Hetze gegen die Inden wieder ausgenommen rchd beschuldigt die Juden angeblicher bolschewikischer Betätigung. Sogar der Premierminister Witos erklärte in einer öffentsichen Rede, es sei erwiesen worden, daß in vielen wieder> eroberten Städten jüdische Abteilungen die Bolschewiken mit Waffen unterstützt hätten?/Eine gegenüber der jüdischen Press.' mit aller Strenge gehandhabte Zensur macht es ihr unmöglich, die Wahrheit über die letzten Exzesse der Oesfentlichk^it bekannizugeben. Es unterliegt keinem Zweisiel, daß schwere antisemitische Ausbrüche sich ereigne«. Jüdische Abordnungen und Sejmdepütierte werdet: nicht müde, unaufhörlich beim Vizeminister D a s z y n s L i Vorstellungen zu machen. Die Armee Wränget von den Rottruppen bedrängt. London, 1. September. (Wolfs.) Die „Times* meldet aus Konstantinopel, es seien Anzeichen dafür vorhanden, daß General Wränget sich in der Krrm aus dre Defensive b cs ch r ä u k e. Nach demselben Blatte wäre die Räumung von Jekaterinodar und Noworossijsk eine von Wrangel ongeordnete Finte. Mosknn, 1. September. (Funkspruch.) „Definit" meldet, daß die auländischcn Nachrichten über das Kubangebiet, Odeffa und Baku frei erfunden find. Die Sowjets sind Herren in Kuban. Weder Odessa noch Jekaterinodar noch Noworossijsk sind vom Feinde bedroht. Auch in Baku sind die Sowjets völlig Herren derLage.DreÄserberdschamche Sowjetarmee ist stark und verläßlich, es besteht nrcht die geringste Gefahr. Die Lage der Juden unter Wrangel. Koustautmopel, 31. August. (Jewish Eorr. Bur.) Es treffen hier überaus beunruhigende Nachrichten über die Lage der Juden in der Krim unter General W r en g et ein. Eine neue antrscmitisch e Hetze, die sowohl von unverentworllichen Elementen als auch von vffizietten Personen und Behörden, ja von den offiziellen Eommumques des Generals Arangel selbst betrieben wird, bedroht die dort lebenden Juden täglich in ihrer Existenz. Viele zittern um ihr nacktes Leben. Aus zuverlässiger Quelle wird berichtet, daß sie jeder Bewegungsfreiheit benommen, sind, und Zwischen gewissen Rayons sei den Juden jeglicher Verkehr überhaupt. verboten^ (Inzwischen wird Herr Wränget nicht müde, seine demokratische und judenfreundlich-' Gesinnung zu beteuern.) Die Inden in Tiflis vor der Austreibung. Kanstarttmopel, 31. August. (Jewish Corr. Bur.) Das spanische Konsulat in Tiflis verständigte das hiesige Großrabbinat, daß zirka 150 jüdische Familien, in der genanntem Stadt in der größten Not leben. Da sie in Basch k ale geboren und somit türkische Untertanen sind, droht ihnen die grusinische Negieruirg. mit Austreibung, weil einer Verordnung zusdlge alle Ausl ändar das Land verlassen müssen. Polen und Litauen. Warschau, 31. August. (Privat.) „Kutjer poranny" schreibt: Die Litauer haben den Südteil des Gouvernenrents S u w a l k r, welchen die Entente Polen zugesprochen hat, vollständig besetzt. Es heißt, daß die polnisch« Regierung von Litauen die Räumung dieses Gebietes forvekn und, wenn diese Forderung rrrcht erfüllt wird, der militärischen Leitung 'freie Hand lassen wird, um die Erfüllung dieser Forderung zu erzwingen. Es sind jedoch — sagt „Kursiv poranny" weiter — deutliche Anzeichen dafür vorhanden, daß Litauen, enttäuscht durch die Eroberungsabsichten und das politische System der Bolschewiken, dem Gedanken einer Annäherung an Polen immer freundlicher gegenüberstehe. In dieser Hinsicht sollen, auch bereltö diplomatische Fäden angeknüpft worden sein. Die Konferenz der nordischen Staaten. Kopenhagen, 31. August. (Fuukspruch.) Die Konferenz der Ministerpräsidenten und der Minister der auswarti'gen Angelegenheiten der drei nordischen Staaten, die über Einladung der dänischen Regierurrg hier getagt hat, beschäftigte sich mit einer Reihe von archerrpolitv scheu Fragen, so mit der Wiederaufnahme der Handelsbeziehungen mit Rußland, den Schuldforderungen an dws«S Land und an die Länder der ehemaligen üsterreichifch-ungarischen Monarchie, der mter- -nattonaLn Organisation der Lustverkehrswege und dem Jntt^Lan^avischen Komitee unterbreiteten Wiener Morgen?,eit,rngsi' Jüdische Wühler und Wählerinnen! Reklamiert euer Wahlrecht! Am Wahltag kann nur wählen, wer in die Liste eingetragen ist! Wer also nicht nachschaut und sich nicht vergewissert, ob er eingetragen ist, gefährhet sein Wahlrecht! Einsicht an jedem Wochentag von 3 Uhr nachmittags bis 7 Uhr abends, an Sonntagen und am Feiertag von 8 Uhr früh bis 12 Uhr mittags. /. In jedem Hause muß bereits jetzt ein Verzeichnis der Wähler dieses Hauses angeschlagen sein, iw? welchem steht, wo die Wählerliste sür dieses Haus aufliegt. Dorthin muß man gehen, um Einsicht zu nehmen, ob man in die Wählerliste eingetragen ist. In dieser Hauswählerliste sind die Wählen des Hauses, nicht mit Namen verzeichnet. Wohl aber ist ersichtlich, wie-' viel männliche und weibliche Wähler in jeder Wohnung vorhanden- und eingetragen sind. m ' ' Wahlberechtigt sind alle dentschösierrcichischen männlichen und weiblichen Staatsbürger, die vor dem 1. I ä n n e r 1920 zwanzig Jahre alt geworden sind. Wer erst am i. Jänner 1900 oder später geboren ist, ist kein Wähler. Staatsbürger ist: I. Wer in einer Gemeinde der Republik Deutschösterreich heimatberechtigt (zuständig) ist. II. Derjenige, der nach dem Umsturz die Staatsbürgerschastserklärung abgegeben hat. Auch die Frauen und Kinder derer, die eine solche Staatsbürgerschaftserklärung abgegeben haben, sind wahlberechtigt. Ferner diejenigen Personen, die nach Deutsch-Westungarn zuständig sind, denn gemäß dem Friedensvertrag gehört Heutsch-Westmrgarrr zu Deutschösterreich. Als in Deütschösterreich heimatberechtigt kommen sür diese Wahlen auch diejenigen Personen in Betracht, die nach Deutschböhmen. Deutschmähren (einschließlich Brünn, Iglau und Olmütz) sowie dem deutschen Teil Schlesiens zuständig sind. Um eingetragen zu werden, muß man das Alter von zwanzig Jahren (am 1. Jänner 1920), die deutschösterreichische Staatsbürgerschaft und den Wiener Wohnort Nachweisen. Also braucht man: Meldezettel, Geburtsschein, Heimatschein, eventuell Staatsbürgerschaftserklärung, Reisepaß oder ein altes Arbeits- oder Dienstbotenbuch, wenn man nichts anderes hat, ein Militärzertisikat usw.; kurz die Dokumente, in denen Alter und Staatsbürgerschaft amtlich angegeben erscheinen. Verheiratete Frauen müssen auch den Trauungsschein bringen. .Die Reklamation muß nicht persönlich geschehen. Auch diejenigen können reklamieren, die erst jetzt nach Wien gekommen sind. Auskünfte und Durchführung von Reklamationen H a up t b u r e a u. II., Tabor st r aß e 20s, von 9 bis 12 Uhr vormittags und 3 bis 6 U h r nachmittags. Achtung! Gesinnungsgenossen und -genosfirmen, die in dev Taborstraße 1 bis 23, Obere Donau« fLratze 91 bis 111, SLephaniestraße (gerade Nummern), Lsopoldsgaffs 51, Tandelmarktgaste (gerade Nummern), Karmelitergasfe und -Platz, Krmnmdaumgaffe, Lilienbrunngasse, Gredlerftratze. Hammer-PurgstaUgaffe» Kleine mrd Große Spsrlgaffe und Schöllerhofgaffe wohnen, werden dringend ersucht, sich .heute oder an einem der folgenden Wochentage zwischen 6 und 7 Ahr abends im Verein Nordoft- II., Taborftraße 21 a, zwecks einer äußerst wichtigen Besprechung einfinden. Für die VI. Sektion Leopoldstadt: Zäkob Singer Moritz O e g e r Schrist'ührer. Obmann. Das belgisch-französische MiliErab kommen. Paris, 1,. September. (Wolsf.) Der „Matin" veröffentlicht eine Erklärung des belgischen Kricgsmmisters über bas zwischen Frankreich und Belgien geschlossene Militär- Übereinkommen. Danach sagte er, das Nebereinkonlnren sichere den beiden Ländern im Falle eines ihnen ausgezwungenen' Krieges gegenseitige, vollständige, militärische Unterstützung. Wie und Frankreich, ■ sagte der Minister, stehen heute am Rhein und können morgen schon angegriffen werden.^ Deshalb ist es notwendig, das; wir uns gerneinsarn verteidige,:. Oder sollen wir' bis ,zirm letzten Moment warten, um dann eine gemeinsame Verteidigung zu improvisieren'? Wir müssen viel, mehr schon heute unsere Verteidigung organisieren. Ganz Belgien wird dieses llebercin kommen einstimmig begrüßen. Es ist nrcht nur eine Garantie gegen einen küllstigen .Krieg, sondern auch für sonstige Abkommen mit Frankreich. Für die AnabhÄngigksit Aecchptens Paris. 1. Septwiber. (Wolff.'' Die Blatter* veröffentliche» eine Mitteilung der Pariser ägyptischen Verewigung, m der gesagt wird, die angebliche Autonomie Aegyptens sei nur e>ve Fortsetzung deS rvglischw Protektorats in versteckter Form. Die Vcnim'gmig hat einstimmig beschlossen, den Kampf sür die wahre und Miste -MMarrgiM " ' ^Septtmb'er 10HP Seite 3^ ' s Für die Freilassung des Bürgermeisters' t»w| Cork. Eine T»ve»dr»hu»o nn Lloyd George. Paris» 1. September. (Wolff.) Nach einer Meldung de- „Matin^ aus Gens gab am Donnerstag in Genf ein Man» eiv Telegramm an Lloyd George auf, worin ihm mit dem s o« f o r 1 i g e n T o d e g e d r o h t wird, wenn er nicht die / so. fottige FreilassungdeSBürgermeisiersdon Corkanord »e. Es gelang, den Mann, einen Bauführer aus dem Jura, zu verhaften, der erklärte. er habe in den Blättern von den Leiden des Bürgermeisters gelesen und deshalb Lloyd George Schrecken einjagen woÜeu, um die Freilassung des Bürgermeisters zu beschleunigen. Der Manu wurde in Hast gehalten. ■ . London, 1. September. (Reuter.) ^Der Zustand des Bürgermeisters von Cork ist äußerst ernst. Nur ein«» Blnttransfüsion könnte ihn retten. Die SteeiKlage in Dentschland Stuttgart, 1. September. (Wolfs.) Die Stteiklage wleßs gestern keine Veränderung auf. Die Versuche der Streikenden, die Eisenbahner auf ihre Seite zu bringen, blieben erfolglos. Anschläge gegen die Eisenbahnen an verschiedenen Orten deA Landes konnten noch rechtzeitig vereitelt werden, ebenso die Verbuche der Streikenden, die Reisenden beim Einttitt in die Bahnhöfe zu verhindern. . Uebrigens macht sich schon eine gewisse Streikmüdigkeit bemerkbar. Eine in Utm jabgehaltene Gcheimabstimimrng hat in sämtlichen Bettieben ei»»» große Mehrheit gegen den Streik ergeben. Arbeitslosentumtttte in Frankfurt. Frankfurt a. M., 1. September. (Wolfs.) Heute vornrittags hielten die hiesigen Arbeitslosen eine Versammlung ab, in deren Verlauf eine Deputation nach dem Rathaus gesandt wurde, um dort beim Magistrat wegen, der Forderungeu der Erwerbslosen erneut vorstÄlig zu werben. Die Deputation wurde auch empfangen. Während sie noch mit dem Magistrat verhandelte/ bildete sich ein Demonstratronszug der Exwerbslosen, der ebenfalls nach dem Rathaus zog und dort Einlaß begehrte. Dieser wurde ihnen' verweigert. Der vor dem Rathaus diensttuende Kommissär der Blauen Polizei, der die Menge beruhigen wollte, wurde überschrien, und Arej Menge versuchte von verschiedenen Seilen aus, m bas Rathaus einzudringen. Dies gelang ihr auch beim Tore in der Bethnrannstraßc, wo eirre große Zahl von Demonstranten in das Innere des Hauses eindrarrg. Der hier befindliche Posten' der Sicherheitswache wurde cmgegrifsirr und machte darauf von der Waffe Gebrauch. Nach' den bisherigen Feststellungen sind' fünf Personen schwer und zwei Person^ leicht verleb worden. , > Die Vorgänge in Kattowitz. . Kattswitz, 31. August. (Wolfs.) lieber den Massenmord, in Joje.fsthal wird von privater Seile berichtet: Wle zehn Opfer stammen aus dem Schlofhause von Mäczcikowitz, das von> den Polen am 20. August erstürmt tourde. Der Mord! ist jedenfalls am 23. Lluguft erfolgt. Von den aufgeftnrdenen! Leichen wurde bisher mir eine erkannt, und zwar als die des Schlafhausmeistcrs Los. Als einer der Täter wird! ein gewisser M j d o k genannt, der mit seinen Brüdern die. ganze Gegend ciufgewiegelt haben soll und sich nach! der Tat! flüchtete. Die Leichen, die aus den beiden Massengräbern zutage gefördert wurden, boten ein grauenerregendes Bild,. Nach dem Aussehen der Wunden zu schließen, waren die Schüsse aus rrächster Nähe abgegeben worden, während'' die Zahl der Schüsse zu der Vermutung zwingt, daß die Mörder ihre Opftr durch schlechtes Ziele,: absichtlich grausam genrärtett habeir. Die Leichen tvaren auch' der ganzen Oücr^ kleiber, des Schuhwerks usw. beraubt und wie Viehkabäver durcheiuandergeworfen. Die englischen Offiziere, 'die der Oefsnung eures Grobes beiwohnten, hielterr mit den Ausdrücken ihres Abscheus vor der unmenschlichen Brutalität der Mörder nicht zurück. In deutschen Kreisen ist die Entrüstung: ungeheuer. Man ist überzeugt, das; diese Atordtaten nicht die einzigen ihre« Art' sind und daß die „leisten von denen, die vor: den Polrrischen Truppen weggeschleppt,wurden, ein ähnliches Schicksal erlitten haben. Die oberschlefifchen Kohlentransporte freigegeben. Breslau, 31. August. Born 31'. Slugust an hat biointeralliierte Kommission die K o h l e n t ran s p ö r t e aus Oberschtesten, die sie tvegen des Streiks'' einzustellen' besohlen hatte, nach allen Ländern wieder freigegeben. Das Verbot war erfolgt, weil die interalliierte Konriuission befürchtete, bei Mitten^ längeren Airhalten c>es Streiks ihren Bedarf nicht Inehr genügend decken zu können, wenn von den Bestärrdrw Transporte, ins Ausland gehen würde,:. , s (Damit erscheint die (>ws«hv vorläufig beseitigt zu fein, daß Oesterreich auch noch um sei» Tageskontingent von 7000 Tonnen komme.) D'Annunzios Verfassungsentwurf. Fnrmc. t. S.'ptenrber. (Tel.^Kourp.) D'Anuuuzic» veröffentlicht den Wortlaut der Verfassung des neuen Staates Fiume, welche auch aus den Fürme benachbarten Inseln u: Geltung sein wird. Diese Verfassung kann.- alle sidben Jahre um geändert iverden oder sofort, falls.. Ue.Z ein Drittel derErnwohnerschafL verlangt. Ans denwkratischer Grundlage aufgebaut, garantiert sie allen Ern-' tvohnern Sprach- und Pressefreiheit, Bersanrmlungsrecht rurd Revisiousfreiheit. Die Verfassung sieht stsrnee' Minimallöhne vor. Unterstützung für Arbeiter üij* Krankheitsfällen und Ärbeitsversichsrvng. Weiters wirb» das direkte Wahlrecht eingeführt, die kommunale ArUve. itaaite festgesetzt, die Bildung eines natianalen Heere« vorgenommen und Lu; Handelsverkehr mit anderem-