Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 579 (1.9.1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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bÄte 2t Wien. Mittwoch U . . I — 7>. ■ .. r—,-iT-t Ii - T.-.I teilten itt die bürgerlichen Parlamente als richtiger kaktik anerkannt. Mt Berufung darauf richtet Lenin unter dem datum vom 15. August ein Schreiben an die östeveichifche kommunistische Partei, worin er dieser den ^bedingten Auftrag gibt, an <k>en Wahlen zur östeveichischcn Nationalversanlmlung teilzunehmen. In diesem schreiben heißt es unter anderem, man möge sich nicht »aran kehren, daß die österreichischen Sozialdemokraten, »iese Derräterdes Sozialismus rrnd ihre gleich!« pesinnten Scheidemänner, Noskes, Thomas und Gompe^'s Schadenfreude über die Differenz zwischen dem Beschluß xr österreichischen Sozialdemokraten und der kommunistischen Internationale empfinden werden. Das schreiben beschimpft heftig das Lakaientum des Herrn Kenner und erklärt schließlich, der Betrug der Arbeiter rurch die Bourgeoisie könne zunächst nur von der Tribüne >es Parlamentes herab wirksam entlarvt werden. Die „Rote Fahne" bemerkt zu diesem Schreiben, >aß technische Schwierigkeiten den Hauptgrund für die Kichtbeteiligung an den kommenden Wahlen gebildet jaben, doch werde sich die Reichskonferenz der komnuuistischen Partei «och mit dev Frage der Wahlbeteiligung befassen. Dis „Arbeiter-Zeitung" veröffentlicht einen Anfmf des Vorstandes der kürzlich gegründeten Arbeitszemeins ch a ftrevolutionärer Sozialdemokraten, )er sich heftig dagegen wendet, daß das von ihr gegründete Blatt „Der Arbeiterrat" von dessen Herausgebern Rothe und Benisch eigenmächtig und als privates Geschäftsunternehmen geführt werde. Die Arbeitsgemeinschaft lehne daher jede Verantwortung für Den „Arbeiterrat" ab und erkläre als ihr neues Zentrabprgan den „Revolutionären Sozialdemokraten". Dazu bemerkt die „Arbeiter-Zeitung" noch, daß das Blatt .,Der Arbeiterrat" mit dem Reichsvollzugsausschuß der Aröeiterräte garnichts zu tun habe. Auch das zweite hier genannte Blatt sei kein sozialdemokratisches Parteiorgan. Die „Arbeiter-Zeitung" spricht fernerhin ihr Bedauern aus, daß jetzt am Beginn des Wahlkamvfes; Sonderorganisationen gegründet werden. Wie der Herr Fischer sich die Option vorstellt. Von einem Gesinnungsgenossen, dessen Name uns bekannt und dessen Person uns völlig vertrauenswürdig ist. erhalten wir Mitteilung über einen Vorfall, der geradezu unglaublich ist und zeigt, wie die untergeordneten Organe ihre Pflicht bei der Entgegennahme der Optionserklärung auffassen. Im magistratischen Bezirksamt Innere Stadt, Abteilung 60, erschien ein nach der Bukowina zuständiger, in Wien ansäßiger Mediziner, um die Optionserklärung für die österreichische Staatsbürgerschaft abzugeben. Ter nntshandelnde Beamte Fischer forderte ihm die nötigen Belege ab. darunter deutsche Schulzeugnisse. Der „Petent" übergab sämtliche Belege, auch die Zeugnisse. Darauf erklärte Fischer: „Ja, Sie müssen aber noch Nachweisen, dost Sie den Anforderungen der Optionserklärung bezüglich der Rasse entsprechen." Auf die Frage, wie diese Nachweise zu erbringen wären, antwortete Fischer: „Sie müssen die Schulzeugnisse Ihr es Vaters und Großvaters vorweisen, damit festgestellt.wird, daß auch diese deutsche Schulen besucht haben." Auf den Einwund, daß der Vater ein alter Mann fei. der nicht in Wien wohne, der Großvater schon vor Jahren gestorben sei, es daher nicht recht möglich sei, die Schulzeugnisse beider zu beschaffen, daß es sich int übrigen nicht um eine Optionserklärung des Vaters und des Großvaters, sondern um die eigene Optionserklärung handle, erwiderte Fischer, er müsse diese Zeugnisse haben, sonst könne er die Op t.io ns erklär ring nicht zur Kenntnis.nehmen, und wies den Petenten ab. Dieser unglaubliche Vorgang beweist, welchen Schikanen man bei' der Ausübung des Optionsrechtes durch die Fischer ausgesetzt ist. Fischer und die, welche ihm diese Idee der Ahnenprobe eingegeben haben, seien darauf aufmerksam gemacht, daß es Mittel , und Wege gibt, ihnen diese Mätzchen abzngewöhnen. Sie mögen sich rechtzeitig um vernünftige Auslegungen Umsehen! Politische^Rundschatt. Wiederaufleben der nationalistischen Bewegung in der Türkei. Aus London wird dem ,,V. T." berichtet: Der Korrespondent Reuters im britischen Hauptquartier in Kleinasien meldet, daß Mustafa Kemal nicht daran denke, die Unterzeichnung des Friedensvertrages anzuerkennen. Die Mehrheit von Kemals Truppen wurde im Süden gegen Artus k und Kar ah iss ar zusammengezogen, vermutlich 25.000 Mann. Der Verlust von Karahissar würde für Kemal den Todesstoß bedeuten. Es ist möglich, daß daraufhin ein Guerillakrieg fortgesetzt würde. Inzwischen säubern die Griechen das Land. Eine Havas- Meldung aus Konstautinopel berichtet von einem Wiederaufleben der natinalistischen Bewegung. Mehrere Offiziere Kemals seien in dem kleinen Hafen Berlin am Schwären Meer gelandet. Wiener Morgenzerrung Anruhen in Mesopotamien. London, 31. August. (Wolff.) Das Kriegsamt gibt über die Lage in Mesopotamien bekannt: Die Stämme im Gebiete von Ramadi uird Faliujal nehmen jetzt endgültig eine feindselige Haltung'ein. Aus Samarra Aminen Berichte über wachsende Untuhen. Die eingebornett Stämme halten noch immer die Städte BakuÜa und Scheraban besetzt. Die Lage im Gebiete von Mn niefik zwisch en Tigris und Euphrat wird immer bedenklicher. Die Lage um Samarra gibt ebenfalls Anlaß zur Besorgnis. Hillah wurde wiederum durch eine Streitmacht Von 1500 Mann angegriffen. Die Angreifer wurden durch heftiges Artilleriefeuer zurückgeschlagen. Paris, 31. August. (Havas.) Die Lage in Mesopotamien, w>o der heilige Krie'g energisch gepredigt wird, hat sich verschlechtert. . Ein Sieg der türkischen Nationalisten. Rom, 31. August. (Funkspruch.) Nach Meldungen aus Konstautinopel haben die Nationalisten die Griechen bei Alakeir geschlagen und zum Rückzug gezwungen. Eine neue russische Note in London überreicht. London, 30. August. (Reuter.) Kamenew hat der englischen Regierung eine neue Note der Sowjetregierung überreicht. In gewisser B'ziehung stellt diese Note ein russisches Gegenultimvtum zur Note Balfours dar und enthält folgende Forde-» rungen: 1. Veröffentlichung» aller englischen Bedingungen und Forderungen für einen endgültigen Frieden mit Rußlands 2. Aufforderung an die englische Regierung, auf Polen einen Druck für einen annehmbaren Frieden mit den Sowjets auszuüben. In der Note wird ferner gesagt, daß sich in den letzten Tagen die militärische Lage Rnß ands gebessert habe, uttd daß die Sowjets nicht nur imstande seien, Polen zu vernichten, sondern auch die Angriffe an anderen Teilen der Front zu beginnen,' um einen sofortigen Frieden durch Waffengewalt zu erzwingen. Das Endergebnis der serbischen Gemewderatswählen. Belgrad» 31. August. (Privat.) Das Gesamtergebnis der serbischen Gemeindkratswahlm lst iolgendes: die Mchrbett erlangten dre Radikalen m 594, die Demokraten in 574, die Ncutralen in 150, die Landwirtevartn in 68, die Kommunisten in S7, die Liberalen in 35, die Geeinten Radikalen und Dmlobmrn in 32, die Republikaner in 2 Gemeinden. ' tä'iix * -- Erschießung von Juden in Siedler und Brest- Litowsk. London, 27. August. (Jewish Corr. Bur.) Der Warschauer Korrespondent der „Morning Post" versucht, die Erschießung von Juden in Siedler und die neuen Exzesse in Brest-Litowsk zu verleugnen oder wenigstens in einem ganz harmlosen Lichte darzustellen. Er schreibt: „Ich habe eine Erklärung vom General Galica, derzufolge keine Exekutionen in Siedler vorgekommen sind, wenn auch Verhaftungen in großer Anzahl vorgenommen würden. Ich weiß ferner, daß der General, mit dem ich.zwei Stunden nach seiner Einrückung in die Stadt gesprochen habe, in. großer Verlegenheit war, was er mit seinen Gefangenen beginnen solle. Er hätte sie ohne Verzug erschießen lassen wollen, doch dies einzig aus dem Grunde unterlassen, weil es Inden waren." Was Brest-Litowsk betrifft, so behauptet dieser Korrespondent,, mit der ersten polnischen Abteilung in die Stadt einmarschiert zu fein; es seien gar keine Pogrome dort vorgekommen, es sei denn die schlechte Behandlung der Juden' durch „junge" militärische Abteilungen. Po^LLmagitation in Polen. Warschau, 3Ö. August. In Pommern herrscht ernste Pogromagitation. Die lokalen Behörden haben in vielen Städten Maueranschläge anbringen lassen, in denen die Juden der Spionage angeklagt werden. Der „Haschomer" eine Gefahr für die WentNche Ordnung. Lemberg» 30. August. (Jewish Corr. Bur.) Die polnischen Behörden in Lemberg haben den „Haschomer" (Jüdische Boy-Scouts-Organisation für Palästina) mit der Begründung verboten, weil diese Organisation ausschließlich aus Juden besteht, wodurch sie eine Gefahr für die öffentliche Ordnung bedeute. Der jüdische Sejmklub ist in dieser Angelegenheit bei der Regierng energisch vorstellig geworden. Wrangel im Kubangebiet geschlagen. 'London, 30. August. (Wolff.) Kamenew hat ein Telegramm erhalten, wonach die Landungstruvpen des G mrals Wrangel im Kubangebiet vo llständig vernichtet worden find. Die Noten Truppen hatten ihre Verbindungen abgeschnitten, sie umringt und vollkommen vernichtet. Die Regierung des Generals Wrangel sei nur noch Herr über die Krim. Moskau, 31. August. (Funkspruch.) Von dem in Südrußland weilenden Volkskommissär Trotzky ist nachstehender Bericht, über die Vernichtung der durch 1. September 1920 Ar. 57^ Wrangel im Kubangebiet gelauteten Truppen elttge-i langt: Am 26. August landeten Wrangelsche Truppen' bei dem Städtchen Nowomischna» Es entspann sich ein' heftiger Straßenkampf, wobeidas gesamte Kommando,: darunter vier GenSräle, gefangengenommen < wurdet Der größte Teil der Truppen wurde erschlagen, ein! kleiner Rest, etwa 1000 Mann, gefangengenommen. Einige wenige Versprengte konnten gegen Süden ent< fliehen. Die gesamte Artillerie, Panzerautos, Mcr-- schittengewehre und Munition wurden erbeutet. Assentierungen in Ostgalizien. Die W'stukrainische Presseagentur meldet: Wie biss aus Ostgalizien soeben in Wien eingetvofftznen Flucht^ ltnge einstimmig berichten, wurden in allen ostgaM-' schen Gemeinden amtliche Kundmachungen angeschlagen/ worin.sämtliche männlichen Landeseinwohner vom' 18/ bis zum 35. Lebensjahr ohne Unterschied der Nationalität aufgefordert werden, unverzüglich vor den nächstgelegenen Msentkommissionen zu erscheinen. Die Kundmachungen tragen Unterschriften von Bezirkshaupt- ‘ lebten und Assentiernngskommissären. Im Lande wimmelt es von besonderen berittenen Patrouillen, die alle angetroffenen Männer kurzerhand verhaften und den erwähnten Assentkommissionen zuführen. Pole» will in Rigverhandeln. Warschau, 31. August. (Fnnkspruch.) Minister des Auswärtigen, Sa Pie ha, hat dem Volkskommissar T s ch i t s ch e r i n mitgeteilt, die polnische Regierung schlage vor, Riga als Verhandlungsort anzunohmen, das für beide Teile vom Standpunkt der Verbindung und der Unterbringung vorteilhaft wäre. Die polnische Abordnung könnte sich sogleich nach Einlangen der russischen Zustimmung dahin begeben. Richtlinien der Alliierten für Polen. London, 31. August. (Funkspruch.) Die britischen Militärsachverständigen der Warschauer Sondermission werden sich mit dem britischen Botschafter in Berlin, . Lord A b e r n o n, nach London begeben, um der britischen Regierung Bericht zu erstatten. In den nächsten Tagen wird dann em Ministerrat die künftige Politik gegenüber Polen festsetzen und die Richtlinien, wie aus amtlichen Kreisen mitgeteilt wird, der polnischen Regierung als „Rat ihrer besten Freunde" mitteilen. Die englischen Bergarbeiter für den Streik London, 31. August. (Reuter.) Die Abstimmung der Bergleute ergab 606.782 Stimmen für und 238.365 Stimmen gegen den Streik. Der sterbende Bürgermeister von Cörtz. Londcn, 30. August. (Reuter.) Die Führer dtr Arbeiterpartei und der Gewerkschaften haben Lloyd George auf telegraphischem Wege aufgefordert, den Bürgermeister von Cork fteizulasfen. Verfolgung der amerikanischen Schiffahrtsgesellschaften. Wege» Beschränkung des Handels. New-Nork, 31. August. (Habas.) Die Anklagekämm er beschuldigt die Schiffahrtsgesellschaften sowie die Schiffsmakler der Ausführung von Machenschaften zur Beschränkung des Handels. Die Mehrzahl dsr transatlantischen Gesellschaften ist in diese Angelegenheiten verwickelt. Die Gesellschaften sind beschuldigt, ab 1 .Jänner 1917 den Handel in den Vereinigten Stagten und auch nach dem Ausland besonders in bezug auf Petroleum, Korn, Bauholz, Kohlen usw. gehemmt zu haben. Italienische; Regentschaft des Qnarnero. Fiume, 81. August. Ueber die Organisation öeS unabhängigen Staates Fiume unter dem Titel „Italienische Regentschaft des Quarnero" gibt die Agentur Havas folgende Auskunft: D'Annunzio veröffentlichte heute den Wortlaut der Verfassung des neuen Staates, wie sie durch die Stadt Fiume und die nach jahrhundertealter Ueberlieferung der venezianischen Inseln geschaffen wurde. Diese Verfassung wird auch auf die angrenzenden Städte angewendet werden können, die beizutreten wünschen. Der Rat besteht aus Vertretern aller Stände, er erläßt die wirtschaftichlen Gesetze sowie auch diejenigen der Arbeitsdisziplin. Die Veröffentlichung des Gesetzes rief unter der Bevölkerung große Begeisterung hervor. Artilleriekampf an der albanischen Grenze Belgrad, 30. August. (Jugoslaw. Preßbur.), „Politika" meldet aus Ues küb : Nach Ankunft der Verstär. kungen unternahmen die jugoslawischen Truppen heute einen allgemeinen Angriff auf die ganze albanische Front, Die furchtbare Wirkung der Artillerie brach den feindlichen Widerstand und ermöglichte den jugoslawischen Truppen die Einnahme der feindlichen Positionen bei Busterica und aller Positionen bei Karabu und Desat, die der Feind seit seinen letzten Angriffen besetzt hielt. Demission des spanischen Kabinetts. Madrid, 30. August. (Havas.) Die Regierung hol, dem König ihre Demission überreicht. Madrid» 81. August. (Havas.) Der König sprach Dato weiter sein Vertrauen aus. Dato wird heute abends 7 Uhr dem Monarchen das Kabinett in etwas veränderter Form vorstellen,