Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 569 (22.8.1920)
- Date
- 1920-08-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Sonntag Heftige Kampfe an der Strypa. Stanislau, 21. August. (Ukr, Pressedienst.) Auf Ler ganzen ukrainischen Front sind heftige Kämpfe um Kien Fluß Strypa entbrannt. Die Bolschewiken hoben unter Ansammlung großer Truppenkonotingente einen Generalangriff längs der Eisenbahnlinie Ezortkow—Buczacz—Stanislau eröffnet. Die Lage der Roten Armee. * London, 21. August. (Funkspruch.) Nach den letzten Meldungen aus Warschau sind die nördlich von der Weichsel befindlichen Abteilungen der Roten Armee in größerer Gefahr, abgeschnitten zu werden, als Warschau. Die russische Reiterei habe die Weichsel südlich von Thorn überschritten und sei gegen Westen vorgei-rungen. Der Vormarsch der Polen richte sich einerseits! gegen Vrest-Litowsk, andererseits gegen Danzig. Oestrich und nordöstlich von Warschau sei der Feind auf $0 bis 80 Meilen Zurückgeworfen worden. Die Vertreter Frankreichs und Englands , wieder in Warschau. / Paris, 21. August. (Tel.-Komp.) Die diplomatischen Vertreter Frankreichs und Englands befinden sich wieder in Warschau. Die Gesandtschaft befindet sich! jedoch noch in Posen, wo auch das Personal und die Archive bis auf weiteres verbleiben. Die Vertreter selbst ^wünschen jedoch, in ständiger Fühlungnahme mit der polnischen Regierung zu bleiben. . Die polnische Regierung. Rotterdam, 21. August. (Tel.-Komp.) Infolge sdes Sieges steht die gegenwärtige polnische Regierung 'Pilsudski-Witos-D afzynfki wieder - fester da. Man erwartet die Rückkehr der ausländi-! scheu Vertreter, die nach Posen gegangen Baren, nach, zWarschau. Die gegenwärtige politische Lage hat auch idie Aktion des Konservativen D m o w s k i, der von 'Posen aus versuchen wollte, die Regierung zu stürzen, -sehr geschwächt. _ Wiener Morgenzeitrmg Wählerversammlung. Heute, Sonntag de» 22 d. 221., um 10 Ahr vormittags findet in der Vorderb r ü h l im Hotel zu den Zwei Raben eine Wählerversammlung statt, in der Abq. Robert Stricker und Gemeinderat Doktor Leopold P l a s ch K e s referieren werden Klofae über die Gefahren der linkssozialistischen Agitation. Prag, 21. August. Dem „Ceske Slovo" zufolge erstattete gestrru Klo fa e im PertraüensmänuerkJlleqium von Grvß-Prag ein Referat, in dem er die schwierige iifternat'onale SUuation auseinandersetzte. Nediizer erklärte, das allgemeine Sinken der Staatsautorität und die fortgesetzte Agitation der sogenannten. Linkssoziallsten bedrohen heute nicht nur den Staat und seine demokratischen Einrichtungen, sondern diskreditieren sogar auch den Sozialismus. . . Die tschechisch-rumanifch-fugoslawischs Allianz Du??.rest, 21. August. (Damian.) Zu Ehren Doktor Be ne sch' fand im Ministerium des Aeußern .ein Bankett statt, bei welchem Take I o n e s c u.eine Rede hielt, worin er auf die Arbeit der tschecho-slowakifchen Politiker hiuw'es und die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Rumänien und Tschecho-Slowakien hervorhob. In seiner Erwiderung erklärte Dr. Benesch, daß seine Mission in Belgrad vollen Erfolg hatte und er nach Bukarest gekommen sei, um eine tschechisch-rumänischjugoslawisthe Allianz zu schließen, die den Frieden und die Ordnung in Mitteleuropa sichern soll. Friedensdemonstration der Olmützer Arbeiterschaft. Olmütz, 21. August. (Tel. der „Wr. Morgenztg.")!Die deutsche und die tschechische Arbeiterschaft veranstaltete nach Einstellung der Arbeit einen Demonjstrationszug über den Oberring vor das Rathaus zugunsten der Neutralität im russisch-polnischen Kriege. -Dom Balkon des Rathauses sprachen ' deutsche und tschechische Redner und protestierten dagegen, daß das Proletariat jemals wieder in einen Krieg hineingezogen werde. Die Kundgebung verlief in aller Ruhe. * Einrücken t f Prag, 21. August. Die „Abendzeitung" meldet aus Reichem?' -btrg: Gestern abends fand hier eine stark besuchte Versammlung!der asientpflichligen Reichenberger statt, an der einige deutsche iAbgrordnete leilnahmen. Abgeordneter Lehnert, sagte, er könne nicht raten, dre Assentierungen zu sabotieren, weil seitens der deutschen Parteien kein einheitliches Vorgehen beschlossen wurde. Abgeordneter K r e i b i ch gab die Parole auS: -E r n i ü cken! Die Proletaricr würden den Gebrauch der lWaffr lernen und den Grundstock der künftigen Roten Armee 'bilden. Neue Kohlenlager entdeckt. v' London, 21. August. (Reuter.) „Daily Mail" ^meldet aus Malm ö, daß in Spitzbergen neue Kohlen- -sager entdeckt wurden. Ein Mordplan gegen Karolhi. Prag, 21. August. Zu der Meldung des „Praov Lidu" über einen M o r d p l a n gegen den Grasen Michael Ka rvly i erfährt die „Bohemia^, daß jrn Zusammenhang mit dieser Affäre Hauptmann Hornyak und Ingenieur Czernin Sonntag verhaftet und nach Prag gebracht, jedoch alsbald wieder sreigelaffeu worden sind. * Oberstleutnant Tambor freigefprochen. Budapest. 21. August. (Ung. Tel.--Korr.-Bur.) Das Divifiousgerich t hat heute gegen den Gen e r a l st a b soberstleutnant Eugen Tombor das Urteil gefällt. Tombor wurde von der Anklage des Aufruhrs und des Hochverrates mangels eines Tatbestandes freigesprochen. In der Begründung des Urteils wird hcrvvrgehoben, daß Dombor unter dem Eindruck der Vixfchen . Note den Gedanken der Proletarierdi ktatur btof;"als Drohung gegenüber der Entente betachtete. Nach den übereinstimmenden Zeugenaussagen habe Tombor aus reinstem Patriotismus gehandelt. Die Proletarierdiktatur sei wohl als Aufruhr zu betrachten. Tombor habe.jedoch nichts getan, um sie herbeizuführen yder u>n sie zu unterstützen. Der Umstand allein,? daß er im Dienste verblieb, bedeute noch nicht Aufruhr. , pmd Kürze der Szenen aber ist außergewöhnlich, und stoenn Fingermann auch nicht immer das Innerste seiner 'Personen fasten kann, so ist doch die Art, wie er das iUeußere malt, nicht leicht zu erreichen. Ob er uns nun jeinen bärtigen Juden mit klopfendem Herzen und einem . Fälschen Paß zeigt, der dem Gendarmen einen Tausendirubelschin in die Hand drückt, während er die Bahn- Station verläßt' ob er durch die schneebedeckten Gasten, jvn grauen Häusern vorbei, über arge, gefährliche Wiege schleicht, ob er uns in den rauchigen Lärm geschwätziger Kaffees bringt oder in die vielsprachige Gesellschaft ^veibertoller Offiziere; ob er uns willkommene Funken ides Humors jüdischer Spieler gibt - oder uns zornige (Spekulanten zeigt, die wegen iher gemeinsamen Verluste streiten: ob er den Krämer zeichnet, der zum Militär ^genommen wurde und Himmel und Erde' iü Bewegung Hetzen will, um zu beweisen, daß er für die Front nicht laugt, oder den geriebenen Geschäftsmann, der einem .Freunde, der reich zu sein scheint, ein Darlehen deshalb -vbschlägt, weil er in dem kalten Zimmer Schweißtropfen auf dessen Stirn gesehen hat FrNgerMaNn zeichnet mit wenigen Strichen eine Reihe unvergeßlicher Bilder. Auch die revolutionäre Episode ist dramatisch ausgezeichnet. MS echter Künstler unterstreicht Fingermann nie. Der Weser muß selbst die mit seiner Ironie gezeichnete Sshnftucht der österreichischen Offiziere und Beamten nach den jDerrlichkeiten Wiens begreifen, wo das Leben eine Kette Won Lustbarkeiten ist und wo über Nacht Millionen gemacht werden. Der Künstler versagt es sich auch, das Pathos oder den Humor in der Freude der jüdischen Soldaten vor Augen zu bringen, wenn sie in einer jkleinen Zeitung den Titel lesen: „Friedensunterhandlungen mit Rußland". Sie laufen aber sofort, um den Frieden zu feiern! Das ist ein Zug wirklicher jüdischer Psychologie. Inwieweit das Bild als Ganzes in richtiger Proportion zur Wirklichkeit des polnisch-jüdischen Lebend während .des Krieges jteht .oder, wie weit der Autox pon. gerechter Entrüstung fortgerissen wurde — das jeremianische Motto des Buches gibt den Schlüssel. zu seiner Stimmung — ist für mich schwer zu entscheiden. Der Sturm des Krieges hat die allgemeine Kenntnis der europäischen. Verhältnisse verringert wie in den Zeiten der Finsternis. Aber selbst in dem Bilde unseres österreichischen Jeremias ist die Finsternis nicht ganz undurchdringlich. Durch die ganze schauderhafte Welt des Ekels dringt heimlich, wie eine edle, schöne Weise an einem zauberisch, heiligen Sabbat, das Zwischenspiel von Braue, dem. armen Mädchen, das lieber die letzten Kräfte bei der. Fabrikarbeit, ausgibt, als sich in den Abgrund ziehen , zu lasten. Die Literatur hat wenig ' Szenen, die rührender wären als BraneS Seelenbewegtheit, da ein ehrlicher Handwerker um ihre Hand anhält. Ueberaus ergreifend ist auch, das Bild vom Glück ihrer armen Ein-Stuben-Häuslichkeit mit den triefenden Wänden, dem einzigen Bett und der Nähmaschine, dem Gelegenheitskaus für drei Rubel monatlich. „Das Leben ist schön" — sagt der kleine Schneidergehilfe —- ,,Bran« und mir ist es. noch nie so gut gegangen!" Und da sehen wir, was der Antor uns durch den Kontrast lehren will: Das ist das einzige Glück, dys einzig wahrhafte,, das unter all diesen egoistischen und gierigen Menschen aufblübt, selbst wenn wir den Moment einrechnen, wo der alte Pächter Sabbatlieder singt und der junge jüdische Offizier, der als Gast dort weilt, fühlt, daß diese einfache, uralte Zeremonie eine kleine Friedensinsek mitten im Wahnsinn der Völker und ihrer Kriege ist. Dieselbe Lehre gibt die gleichsam, ironische Episode, mit welcher die Geschichte endet. Die armen alten Cbassidim sitzen in der Passah-Nacht beim Seher und während ihr reicher, gebrochener Bruder, dessen vergötterte Frau in den Abgrund gestürzt ist, wie ein irrender Geist auf die Feierkerzen, die Festgeräte und Becher starrt, rufen die bettelarmen, weißbärtigen Al^en mit heißer Inbrunst: „Uebers Jahr in Jeruscholajim!" . 22- August 1920 Rr.560 Verhaftung eines Vndapester IournaÜsteu. Budapest, 21. August. (Ung. Tel.-Korr.-Bur,) Die Staatsanwaltschaft hat gegen den Journalisten Zoltan Franyo, der Chefredakteur des Blattes „Vörös Lovogo" (Rote Fahne) war, einen Haftbefehl erlasten.. Die Anklage gegen Franyo lautet auf Aufreizung und' Erpressung. ■.-«*.?! Auflösung der Militarpottzei in der Tschechoslowakei. Prag, 21. August. (Tel.-Komp.) Wie der Brünner „Ropnost" erfährt, wird Ende August nt der tschecho-slowakischen RepMlk die Militarpolizei aufgelöst werde». Sie würde nur fit Prag, Brünn und Preßburg bis Ende September ausrechterh alten werden. Pcrfisch.ruffische KLmpfe. , London, 20. August. Die „Times" melden auS Teheran: Kavallerie und Infanterie der nordpec fische« Truppen haben eine rote Truvpenabttilung an der Straße Kaswin-'Rescht geschlagen. 40 Gefangene wurden gemacht und 6 Maschinengewehre erbeutet. Nordwestlich von Kubin machten Kosaken 35 Grsangrne und erbeuteten 3 Maschinengewehre. Keine Besetzung Frankfurts. Berlin, 21. August. An Berliner amtlichen Stelle» ist nach Blättermeldungen von Vorbereitungen oder Abstchten, bi* auf eine Besetzung Frankfurts oder anderer Teile des besetzten Gebietes schließen lasten, nichts bekannt. Frankfurt. 21. August. (Golfs.) Die auswärts und auch hier verbreiteten Gerüchte über eine bereits erfolgte Besetzung der Stadt Frankfurt oder einzelner Teile, über die Anhaltung von Zügen und die Belastung ausländischer Oisiziere sind völlig unbegründet. ___ Tagesbericht. Der Wienerwald in Gefahr. Das Treiben der Holzschleichhändler. Es ist der Landesregierung zur Kenntnis gelangt, daß in letzter Zeck die Zahl der Holzsammler im Wrenerwaldr, iusbckondcre in seiner weiteren Umgebung, in außerordemlichtm Maße zunimmt. So sollen Ncuwaldegg täglich gegen 10.000 Holzsammler pasüeren, unter denen sich . allem Anscheine, nach wieder die Schleichhändler in der Ueberzahl befinden und die namentlich im XVII. und XVM. Bezirk znm Teile vollkommen gesundes StLmmholz in langen Scheitern und größeren Splittern znm Verkaufe bringen. Dreses Holz rührt vielfach von 80 bis 40 Zentimeter starken Stämmen ans der weiteren Umgebung des Wienerwaldes her und wird ohne irgendeine Erlaubnis gebracht. .Es wurde, auch die Wahrnehmung gemacht, daß die Schleichhändler viel'äch die Nacht benützen, um das unrechtmäßig gewonnene Stammholz mit ‘ offenbar im Walde verborgenen Werkzeugen zu zerkleinern und sodann heremzubringen. Da bei einem weiteren Ueberhandnchmen dieser Mißstände die Gefahr einer ähnlichen Verwüstung des Wienerwaldes wie im Vorjahre zu befürchten steht, bat die Landesregierung zur Behebung dieser Mrßstände die strengsten Maßnahtüen getroffen. Sollten sich die Setroffenrn Maßnahmen jedoch als nicht ausreichend erweisen, so wird die gänzliche Absperrung desWiener'- waldesversügt werden. Dunkle BaluteugeschLfte. Ei« Betrug mit drei Millionen Schaden verhütet. Anfangs Mar d. I. hat daS Wiener Sicherheitsburean unter dem Verdachte des gewerbsmäßigen Schleichhandels mit Valuten und mit Salvarsan zwei Männer verhaftet, den 27jährigen Ludwig S z e l l, zu Ordrnburg geboren, und den angeblichen vr. mg. Karl Hacker, einen gebürtigen Budavester. Bei der damaligen Einvernahme behauptete Sz^si, Sekretär deS Konsulats der Republik Columbia in Budapest, Dr. Hacker, Kurier des nämlichen Konsulats, besten Titular ein Herr Szom« bvry sein sollte, zu sein. ' S.zrll und Hacker wurden damals dem LandeSgrricht ein* gesiefert, doch Uäter wieder in y r e i h «i t gesetzt. ßjDch vor feiner damaligen Verhaftung war Szell mtt dem Rechtsanwalt Dr. Alexander SzajovrcS auS Pancsova in ge* schäftlicher Verbindung gestanden. Dr. SzajovieS hatte ihm zwei MilkionenKronen anvertraut, di« Szell als' Kiirier nach Berlin bringen und mit denen er fremde Valutenkaufen sollte. Durch die Untersuchungshaft erlitt das Geschäft einen Aufschub und Dr. SzajvvieS hegte selbst gegen Szrll' Verdacht; als über der Mann wieder in Freiheit ging', wurde der Glaube an ihn wieder getestet und die geschäftlichen Beziehungen, wurden wieder ausgenommen. Szell vermochte den Pechtssogar, ihm außer den zwei Millionen noch K 950.000 anzuversiaurn, die er nach Berlin zu bringen sich «ebötigi machte- ' DaS Geld wurde in einen Handkoffer getan.' der gut zugeschnürt war. Die Schnüre waren mit den amtlichen Siegeln d e S k o l u m b i f ch e tt Konsulates versehen. Aber zwischen Stimmungen schwankend,' wurde Dr. SzajovicS wieder von Zweifeln erfüllt, und er beschloß,' mit dem Szrll nach Berlin zu reisen. Nach der Ankunft in Berlin» stiegen Szell und sein Begleiter in einem Hotel ab. Dr. Szaiovicsließ den Szell durch e n Privatdeiektivbuieau überwachen. Bald nach der Ankunft ergab sich eine Gelegenheit, in das Hotelzimmer des Szell zu gehen und nachzusehen, ob denn auch wjrklich itit; Diplomatenkoffer die drei Millionen Kronen seien. Erstaunlich leichtHkösten sich di« versiegelten Schnüre'vom Koffer; er ging auf und statt derMillionenwar — Zeitungs-. papier darin! Szell gestand nun den Betrug ein- Er suchte ober sein Vergehen auS Furcht vor der Verhaftung unter vielen Bitten dadurch gutzumachen, daß er dem Dr. SzajovicS sagte, daß leine Frau Olga S z eil geborene Geiger