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Wiener Morgenzeitung · 1920-08-19 · Heft 566 (19.8.1920) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 566 (19.8.1920)
Date
1920-08-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Leite 2 Wien. Donnerstag Wiener Morgsnzcitung 19. August 1920 9Tfc 566 Im—-—-——■- - - ------—E—-—-———-—• Austreibung jüdischer Arbeiter und Arbeiterinnen. Seit mehr als einem Jahre befindet sich, in der Vifgelafsenen Militärbaracke im 12. Bezirk, Hohenbergstraße, ein jüdisches Urbeiterhsim, wWes. ständig zirka Kundert jüdische Arbeiter und Lehrlinge, auch arbeitende Mädchen, beherbergt und VoiN - amerikanisch-jüdischen Hilfskomitee unterstützt wird. Dem Kommandanten der Meidlinger Trainkaserne, Oberstleutnant Maschek. war dieses jüdische Arbeiterheim ein Dorn im Auge und er beschloß, die Juden auszutreiben. Er ließ dem Arbeiterheim gerichtlich kündigen. Als Vorwand diente die Angabe, daß diese Wohnbaracke zu Lagerhauszwecken nnentbehrlich sei. Abgeordneter Stricker sprach wiederholt beim Herrn Staatssekretär für HeßMeM Dr. Deutsch vor und bat ihn, diese schwer arbeitenden, dürftig lebenden jüdischen Proletarier vor den ewigen Schikanen zu schützen. Herr Dr. Deutsch sagte diese Unterstützung zu und man ließ die Arbeiter einige Monate in Ruhe. Bemerkt sei, daß der Kommandant der Barachtz, Ritt- Meister Graser, den Arbeitern erklärte, daß ihnen ein Unrecht geschehe und er die Hetze gegen sie entschieden mißbillige. Vor zwei Wochen aber ließ Oberstleutnant Maschek der Heimleitung ankündigen, daß sie am Montag den 16. d. M. delogiert würde. Vergebens protestierte Abgeordneter Stricker beim Staatssekretär gegen diesen Gewaltakt. 60 Arbeiter. und Arbeiterinnen sind Montag von Soldaten auf die Straße gesetzt worden. Man hat arbeitende Menschen obdachlos gemacht, um totes Inventar, für welches in Österreich wahrlich ein Lagerraum zu finden gewesen wäre, einzustellen. Staatssekretär Dr. Deutsch ist Sozialdemokrat. Die Verwaltung der Staatswehr rühmt sich ihrer Arbeiterfreundlichkeit. Wie konnte und durste die antisemitische < Gewalttat zugelassen werden? Wir fragen, ob es in der heutigen Zeit möglich gewesen wäre, christliche Arbeiter so zu behandeln? Entweder ist diese antisemitische Handlung mit Zustimmung der sozialdemokratischen Mandatare erfolgt oder aber sie waren nicht gewillt, den Antisemiten in den Arm zu fallen. Das wird sie über nicht hindern, bei den kommenden Wahlen jüdische Stimmen zu fordern und zu erzählen, daß sie wohl gegen jüdische Preistreiber und Kettenhändler Vorgehen, jjüdische Arbeiter aber als Brüder schützen werden. Der empörende Vorfall in Meidling beweist, wie ehrlich diese Versprechungen gemeint sind. Ditz schwächliche Haltung einiger sozialdemokratischer Führer in der Flüchtlingsfrage hat so ermutigend gewirkt, daß man jetzt auch Nicht davor zurückschreckt, an jüdischen Arbeitern sein Mütchen zu kühlen. Politische^undschM. Eine Rede 8es Abgeordneter» Straucher it» der rumänischen Kammer. Der Vorsitzende entzieht ihm das Wort. Wie dem „llj Kelet" Nus Bukarest ber'chtei!witd, hat die offene Sprache, deren sich Abgeordneter De. Stra ucher in seiner am 29. Juli gehaltene« Kammerrede bedient hat, unter den an eine solche taufrechte Haltung eine) Juden bisher nicht gewöhnten Mmänischen Parlamentsmitglieder eine förmliche Vervstttung hekdorgerufen. Als Dr. Stra ucher alle die jUugesetzstchkeiten und Ungerechtiglei'en aas'älM. welche b&n den rumänischen Verwaltungsbehörden an den Juden begangen worden sind, entzog ihm der Vorsitzende bas Wort, j Stk auch er begann feine Rede damit, daß er Abgeordneter von Czernow iß namens der Bukowina Jüdeuschast das Wort ergreife. Viele Men seien bereits in diesem Parlament von Vertretern her Mehrheit sowohl wie der Minorität gehalten worden, vber über dieRechteberJuden haben sie sich M pUSgeschwiegett. Rumänien war bisher die SliesmUtter. ^rer Juden. Wird sich dieser Zustand nicht ändern. *d toec&e auch das Land darunter schwer zu leiden haben, iweil dir Lage sich naturgemäß im allgemeinen verschlechtern müsse. Bei dem heutigen Stünde der internationalen Beziehungen sei ein solcher Zü- -stand nicht länger haltbar. Vach den menschlichen Errungenschaften der französischen Revolution und nach Een blutigen Lehren des Weltkrieges dürfe es hinsichtlich ^er Rechte keinen Unterschied mehr geben zwischen Menschen und Menschen oder zwischen einer Ration Md der änderen. In Rumänien seien solche UnterschLi- LrMgen, leider, noch nicht verschwunden. Die Juden- -schaft der Bukowina und der übrigen angeschlossenen Deutete ist bereit, gemeinsam mit den anderen an trer Entwicklung und dem Gedeihen des Lantus mitzuarbeiten. Ich meinerseits werde Meine Pflicht ge- Neulich erfüllen und jeden Antrag unterstützen. der Hem Fortschritt und der Wie^'ausbautätigkeit nür.stig ist. Dr. Str aucher wendet sich der Nechtslü ge der rumänischen Juden zu. Durch bis bisher getroffenen Maßnahmen habe nur rin Teil der Juden des alten Königreiches die rumänische Staatsbürgerschaft erlangt, während große jüdische Massen noch immer von dtt Staatsbürgerschaft ausgeschlossen seien. Dr. Straucher fordert, daß diesen Mängeln Ui der Ratifikation des Gesetzes über die Zuständig» keit in u&t Wetstz abgeholfen werde, daß durch das -Gesetz sämtliche rumänischen Juden ejt Jjfoc in den Staatsverband als Staatsbürger' ausgenommen werden, wie dies, der Lr.iedensvex.tcaZ ausdrücklich, vor- Die Ausweisung der englischen Arbeiterdelegierten aus Paris. P a.r i s, 18. August. (Tel.-Komv.) Die Deleirrten des englischen Aktionskomitees erielten, als sie sich auf der Ar-eitSbörse befanden, vou der französischen Regierung die Weisung. Frankreich sofort zu verlassen. Am S Uhr 10 Minuten reiste die Delegation von Paris ah. Eine französische Protestresolution. P ct v i s, 18. August. (Tel. - Komp.) Das AktionskvnnteedeSsranzVfischenGrwerkschaftsbrmdes sprach sich einstimmig für einen internationalen Aktionsausschuß aus. Iouhanx wurde das Mandat für das internationale Bureau übertragen. Das Komitee nahm dann einstimmig eine'Resolution an, die folgende Punkte enthalt: 1. Protest gegen die A u S w e i f n n g d e r englischen Delegation, die grundlos und willkürlich erfolgts. 24 Protest gegen die französische Politik gegenÜberSowietrnstland. 3. Protest gegen die Politik Frankreichs gegenüber General Wrangel. 4. Zustimmung zum Rechte der Völker, sich nach eigenem Belieben eine Regierung zu bilden. 5 Aufforderung an die französischen Arbeiter, all ir Bemühen darauf zu richten, noch mehr als bisher gsgen einen Krirz zu arbeiten. schreibt. Glciche'.liz müsse den Juden di: vol le kulturelle und politische Autonomie eingeräl-mt werden, ohne welche eine ehrliche Emanzipation nicht gedacht Werden könne. Dieses Gesetz müsse die Magna Eharta Rumäniens werden, die jedem gleiche. Rechte und gleiche Pflichten sichert. Im weiteren Verlaufe seiner Rede fordert Dr. Straucher die Errichtung einer eig eiten jüdischen S ektio n im Kultusmin isterium, in welchem die Mischen Angelegenheiten von SSrant'.et jüdischer Nation erledigt werben, denn so wohlwollend der rumänische Beamtenstäb auch sein mag, die spezifisch jüdischen Verhältnisse und Forderungen vennt er nicht. Cu za: Staat im Staate! ' Buzdugan (gegen Cuza gewendet): Was willst du denn? . Deine Geschäftskommittetttett. llnd Lüden und dennoch möchtest du Jud^e fresse«! Dr. Stka ucher führt fort ährend Beweise dafür an, in welt^ Nachteiliger rechtlicher Lage sich die Juden in Rumänien befinden. In det Buk owina zum Beispiel ist die Zahl der Juden größer als die her Katholiken und Protestanten und sie besitzen für ihre inneren Angelegenheiten nicht die Unabhängigkeit wie diese. Warum ist das so? In den wri.eren Ausführungen besaßt sich Doktor Straucher mit der Lage der Beamten Und führt Be-- schwerde darüber, baß die Bukoivinaer jüdischen Beamten aus ihren Stellen entfernt wurden, und fotderk deren Wiedereinsetzung in ihre Aemter. Präsident Zanfireseu (den Redner Nutet» brechmd): Lassen wir das, Herr Dr. Straucher. Das sind kleinliche Dinge. Jar gü: Lassen Sie sich nicht beirren. Fahren Sie nur sott, Herr Kollega! Dr. Str aucher beschäftigt sich nun mit den Willkürakieu und Ungerechtigkeiten der Perwnlkungs- und Militärbehörden gegen die Juden in der Bukowina, in Beßarabien und Siebenbürgen und zählt einzelne, besonders krasse Fälle auf. Tbit Stimmung im Hause wird immer gereizter. Der Redner wird immer häufiger durch Zwischenrufe» an denen sich' auch der Vorsitzende beteiligt, gestört. Da jedoch Drs Straucher die begangenen, Mißbräuche der Amtsgewalt aufdeckt, entzieht ihm P r.ä s t» dent Zattfirescu das Wort und hindert ihn am Wetterreden. , Oesterreich und die Schweiz. Dia Schweiz hat zur 'Regelung . verschiedener finanzieller Fragen mit Oestrrreich Herrn >)r. Kurt Heinrich V tun net als besonderen Berater der Schweizer Gesandtschaft in Wien erUanNt, als deren Ver- ' treter in diesem Sinne bisher Herr Dr. P. C. Wievcmann gewirkt hat. Dr. Bruünör ist htretks in Wien eingetroffen. Seine Missen bezieht sich auf die durch den FriedinSberttag bedingten finattzietteü ÄUsötNaNderfetzüttgen zwischen Österreich und der Schweiz, wobei die Frage der Buchgüthaben üüd der Guthaben an ungksteinpelten Rown sdttens der SchMiz Ltnö gtöhs Rolle spiLlt. Auch dtö in der Schweiz plaeiektcn Kriegs^ anleihen und die Frage der Wirkung der Vermögens^ abgabe auf die . Schweizer Staatsbürger werden zur Regelung kommen. Dr. Brnesch in Wien. Wie in politischen Kreisen verlautet, soll die feit längerem angekündigte zweite Aussprache des tschechrschen AuMmmisters. Dr. Be ne sch. mit Dr. Renner bereits in den nächsten Tagen in W'en stattfinden. Doktor Be ne sch ist von Belgrad nach Bu-karest gereist, um auch die rumänische Regierung jür den Plan eine- NeutralitätSabkomMSUS zwischen den mitteb europuischen Kleinstaaten zu gewinnen. Telegramme. Die BrüsselerFinanzkonferenz. Paris, 17. August. (Havas.) Der ati«E meldet aus London: Der Sekretllr des Völkerbundes hat Deutschland, O e st e r r e L ch, U n g a r n und Bulgarien offiziell eingelad'en, Vertreter für die auf den 24. September angesetzte internationale Konferenz in Brüssel zrt bestimmen. Lo Un, 18. August. (Funkspruch.) Zur Meldung, betreffend die Einladung des Generalsekretärdes Völkerbundrates an Deutschland, Oesterreich, Ungarn und Bulgarien, am 24. September Abgesandte nach Brüssel zu entsenden, wird ergänzend mitgeteilt, daß jeder der Staaten drei Abgesandte entsenden könne und daß die Konferenz eine Finanzkonferenz sein werde, bei welcher jedoch keine Frage, die mit der deutschen Entschädigung zusammezrhänge, zur Besprechung gelangen werbe. Die Schlacht von Kattowitz. Kattowih, 15. August. (Tel.-Komp.) Rach den letzten Meldungen herrscht in Küttowitz Ruhe, obgleich sich in der Bevölkerung noch starke Erregung zeigt. Französische Panzerautos durchfahren die Strcchen, starke Patrouillen sorgen für die Äufrechterhaltung der Ordnung. Der Hauptmann der Stcherheitswehr L i ft ist in der Nacht durch französisches Maschinengewehrfeuer getötet worden, lieber die Vorgänge des gestrigen Abends verlautet noch, daß die Menge gegen 9 Uhr abends die Wachö in der Härdenbergstraße stürmte und sich mit Karabinern bewaffnete. Die Zahl der Toten in Kattowitz wird mit 18, die der Verwundeten mit 70 angegeben. Die Mehrzahl der letzteren sind Sicherhettswehrleute. In der Nacht zum 18. August fanden in den ersten Morgenstunden heftige Kämpfe statt, die von der Friedrichstraße ihren Äusgüngsputtkt nahmen. Auch am Ring wurde lebhaft gekämpft und aus dem Dunkel der Nacht hörte man das Stöhnen und Aechzen der zahlreichen Verwundeten. . Bis Mitternacht wurden 37 Personen in das Kattowitzer Krankenhaus eingeliefert, unter ihnen 80 Schwervekletzta. Die Franzosen verhafteten noch in der Nacht die aus Kattowitzer Beamten und Arbeitern gebildete Kontrollkommission. Kattowitz, 18. August. (Wolfs.) Wie von zuständiger Stelle mitgeteilt wird, stellten sich die Vorgänge in Kattowitz folgendermaßen dar: Am Sonntag wurde in Gleiwitz ein frättzösischär Ttanspo^tzug äNLehalten. Dieser Vorgang hatte sich bereits mehrmals abgespielt; es war aber vorher Niemals zu größeren DenwnstrLtionen gekommen. Durch bas herausfordernde Benehmen der Begleitmannschaft griff eine starke Erregung unter der Bevölkörung Platz und es kam zu größeren ÄnsaMmlüNgett; ein Eingreifen der Behörden koünw. verhiübert werden. Es wurde von den Denionstranten nunmehr beschlössen, auch in Kattowitz am NoNtag in den siMteststreik einzniretän Und die Demonstrationen. Iptt? züseIen. Als diese Beschlüsse am. Montag aus geführt wurden, war bla Bevölkerung zuerst zwar stark erregt, aber noch ruhig. Da griffen voreilig urrd in keiner^ Weise durch die iimstäude veranlaßt, dis Franzosen mit allen verfügbaren Nkachtmitteln ein. Es kam zu außerordentlich blutigen .Kämpfen, bei denen neun Franzosen und zwanzig Deutsche getötet wurden. Unter anderem fiel der Aommandeue der Sicherheitswehr Major v. Kbeist. Am Dienstag verlangten daraufhin die Arbeiter die sosörtlge Entwaffnüng der Franzosen, die diese Forderung ablehnten. Ob die Entwaffnung, yeut^ boch stattgesunden hat, steht noch nicht fest. vWer Preußische Pressedienst meldet! An Verlusten in Mttöwitz find bisher gemeldet: 22 Zivilpersonen verwundet, ein Oberbeamter der Sicherheitspolizei tot, ein Unterbeamter verwundet. Heute vormittags herrschte kn Kattowitz Ruhe, doch IverdenEsur nachmittags weitere. Unruhen befürchtet. Steine Waffen^ und Ükruppeudttrchsuhr durch Ooerschlesien Bettin, 18-. August. (Körr.-Bur.) Die „Vossische Zeitung" meldet! Aus zuverlässiger Quelle erfahren wir, daß die deutsche Regierung seit Mehreren Tagen mit der interalliierten Kommission in Oppeln in Verhandlungen über die Währung det Neutralität im oberschlesischen Abstimmungsgebiet steht. Die interalliierie Kommission hat versichert, daß die Truppen der kriegführenden Möchte» die etwa die Grenze überschreiten sMtsn, entwaffnet und interniert würden, und daß sie auch jede Unterstützung der kriegführenden Mächte auS dem Abstimmungsgebiet heraus oder durch das Abstimmungsgebiet hindurch, zum Beispiel die Zufuhr Po» Munition, Rekrutierung usw.^ verhindern würde.

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