Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 566 (19.8.1920)
- Date
- 1920-08-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang Rüstet zu den Wahlen! —7. W i e u, 19. August. Am 17. Oktober, dem Tag der Wahlen zur National. Versammlung. tritt an das jüdische Volk in -Oesterreich oiÄer die Aufgabe heran, seinen politischen Willen klar und unzweideutig zu manifestieren. Der jüdische Teil der Wählerschaft dieses Staates ist an dem Wohl und Gedeihen der Allgemeinheit ebenso interessiert wie der deutsche oder andersnationale.' Die Form aber itnb die Stellüng nähme zum Staat selbst sind bei imB 'ganz rnderß geartet. Wir haben . kein Machtstreben und kennen die Rolle, die uns unsere Stellung als Minorität sM^ift.. Wir erstrebest keine Stelle in der Negierung und die sTätigkeit, anderer Parteien, die in' der Beteisigung i»n den Wahlen nichts weiter sehen als einen der v.ielen köege zur rücksichtslosen Durchsetzung ihres Programms und zur. Zuriickdrängung der andersgesinnten Teile ihrer «igenen Nation, ist unö fremd, llyfer Wählen ist ein Oelenntnis zu unserem Volke, ein Ausdrilll der Entschlossenheit, i'.n Rahmett und im friedlichen Zusammenleben nttt der arpercrt Bevölkerung unser Recht auf Vertretung in den öffentlichen Körperschaften und auf freie,-ungehemmte Mitarbeit an der Entwicklung des Staates, der mch unsere Heimat ist, zu fordern. . Die allgemeine wirtschaftliche Lage der Juden in Oesterreich hat sich in der letzten Zeit außerordentlich perichlechtert. Dies ist einerseits eine Folge der »tnflctreu ttnb verwirrten Verhältnisse Oesterreichs, onbererfeitS »her eine durch den fortschreitenden Judenhaß bedingte Erscheinung.^ In allen jüdischen Kreise»! herrscht ein-'Ge-., ^dWch'^r^-Är-t de^rerkiionären Propaganda, die. ihren' ersten. Angriffspunkt )ei hen Juden-sucht, vielfach bis zu Panikstimmung vertgrkt wird..Dazu wächst das Elend..-das-unter der jüdischen Bevölkerung krasse Formen angenommen bat und sie sticht nur materiell, sondern and) phvsisch belastet. Trotz rller dieser Erscheinungen aber ist gerade während der setzten Legislaturperiode der Nationalversammlung ein zrgßes Stück nationaler -Konsolidierungsarbeit und wlÜrschen Fortschrittes geleistet worden. Die ärgsten §Xäesse des Judenhasses und das Auswachsen der Not üs zur Katastrophe konnten verhindert werden dank dem Bßjtötifcc einer öffentlich anerkannten und durch das Rändot des Volkes legitimierten Vertretung. Das »ffene und freie Bekenntnis zum nationalen Judentum mH hie kräftige Anmeldung seiner Ansprüche war die noralische Basis, auf der die jüdischen Sprecher in allen llertretungskörpern für die jüdische Bevölkerung wirken sonnten. Ihr entschiedenes und bestimmtes treten jjat nirgends seine Wirkung verfehlt und dem jüdischen Namen Achtung geworben. Unsere nichtjüdische Umgebung kennt heute, unsere Ansprüche: und wenn es ge« iungen ist," zu Volk und Behörden ein erträgliches Ver« Mtnis herzustellen und die korrekte Beachtung der Gesetze zu sichern, so ist das nur den nationalen Vertretern *>68 Judentums zu danken, die.' entgegen den früheren k?.otabeln und Repräsentanten, in jüdischen Fragen nur ^a§ jüdische Interesse kennen und. Kompromisse ablehnen. iöi denen die Würde des Judentums ein Handelsobjekt bildet, Wo immer jüdische Personen, jüdische Familien sich beeinträchtigt fühlen, tragen sie ihr Leid und ihre Sorge w den vom ganzen jüdischen Volke Wiens gewählten ^nnktionären- Sie wissen, daß ihnen hier Rat und Eat vird. und täglich sehen wir geradezu rührende Beweise -ieses Vertrauens, das nur leider oft die Kraft der »im Hilfe angerufenen Männer übersteigt. Dieses Vertrauen, dieser schöne und stolze Dank des Volkes soll sich jetzt politisch manifestieren. Es soll der Oeffentlichkeit gezeigt verden. daß die jüdische Wählerschaft auf der gleichen Linie geblieben ist. auf der sie im Februar des vergangenen Jahres zur Wahl schritt und den Abgeordneten Stricker durch ihr Votum bestimmte, in ihrem Namen von der - Tribüne des österreichischen Parlaments herab . zu den Vertretern der Umgebung zu sprechen. Die jüdischen Wähler haben damals den Wahlbezirk Nordost für das rufrechte, nationale, demokratische Judentum erobert; sie lyerdeir diesen Besitzstand festhalten; darüber, hinaus aber lverden sie durch ihre Abstimmung in den anderen Wahlkreisen für eine Verbreiterung der jüdischen Vertretung;u sorgen haben, der die immer stärker auftretende Pflicht sükommt, über der jüdischen Gleichberechtigung und; den Interessen jedes einzelnen jüdischen Bürgers zu wachen. Die russisch-polnischen friedens wrMunaen ♦ London, 18. August. (Funkspruch.) Der Minsker Berichterstatter des „Daily Herald" meldet, daß die polnische Friedensabordnung am 16. d. M. in Minsk e'mgetroffen ist. ' Führer' der russischen Abordnung sei D an rs ch'ew s k i, der dem Berichterstatter mitteilte. daß die Verhandlungen unter vollster Oeffentlichkeit stattfinden würdew. Rußland beabsichtigealle polnischen Entwände zu berücksichtigen, und werde , bei strenger Airlehnung an die Grundforderungen günstigen Abänderungen nicht ablehnend gegetnibersteheu. Rußland wünsche aufrichtig den Friede») und werde alles tim, mit die Verantwortung für das Scheitern der Verhandlungen zu vermeiden. Der Hauptgrnndfatz der »»»ssischen Politik beruhe auf voller Anerkennung des Eigenstaatstuins und der Unabhängigkeit Polens; jedes Eingreifen in innerpolitische Angelegenheiten werde vern»ieden »verden. Die wichtigsten Punkte seien die Sicherheiten gegen einen künftigen polnischen Angriff. Den schon bekannten Forderungen werden keine neuen hinzugesügt werden. Der Berichterstatter teilt mit,, daß der Friedens- Wunsch der russischen Bevölkerung stark und aufrichtig fei. Mvskau, 18. August. (Funkspruch.) . , . (Anfairg fehlt.) Nach der Rede Danischewskis wurden die Voll? wachten der Abordnungen ausgetauscht. D»e nächste Sitzung findetäm"18. Aügüst stat't7 ob»vohl die Polen sie für den 19. wüitschten. Danischetvski betonte in der Eröffnungsrede, daß Rußland einen baldigen Frieden wünsche und die U n ab häu g igk e i t P o len s ane r k e n n e. Sowjetrutzland beanspruche nichts vom ethnographischen Gebiet Polens, sondern werde ih»n im Gegenteil mehr Gebiet zulassen, als von der Entente borge« schlagen worden sei. Sicherheiten gegen einen neuen Angriff Polens seien jedoch unbediltgt erforderlich. Von einer polnischen Arbeiter- und Bauernregierung würden diese Sicherungen nicht verlangt »verden. Wien, l8. August. (Korr.-Bur.) Der Ukrainische Pressedienst meldet halbamtlich aus Tarnow: Die polnisch-russischen Verhandlungen über einen Waffenstill, stand, die gegenwärtig in Minsk geführt werden, be» treffen auch die Frönt der ukrainischen Ar»nee Pawlenko. da nach dem zwischen Polen und der Ukraine abgeschlossenen militärischen Bündnisvertrag der »ckrainische Frontabschnitt dem gemeinsamen militärischen Oberbefehl unterstM ist und den rechten Flügel der ganzen Front bildet. In politischer Beziehung hat sich die Ukraine bezüglich der Gestaltung ihres Verhältnisses zu Rußland vollkommen freie Hand behalten. Die Kümpfe um Warschau. Königsberg, 18. August. (Wolff.) Lagebericht: Die Eisenbahnlinie Deutsch-Sylau— Thor» überschreitend, haben bol f ch e n» i k is ch e Truppen Lessen und R e h d e n erreicht. Sndliü) von Bischof7,werder ist russische Kavallerie aufgetreten. Graudenz wird mit der Zivilbevölkerung beschleunigt armiert Der Bahnhof Wloelaweb liegt unter russischem Artilleriefeuer. Südwestlich von Eiechanow ist der E n t l a ft u n g s.ft o st des polnischen Nordflügels zum Stehen gebracht; Eiechanow ist in den Händen der Bolschewiken. An der Nordostfront von Modlin und der Ostfront von Warschau hatten starke bolschewikische An griffe an. Der G e g e n st o ß d e s po ln ischenZentrums aus der Linie Warfchan Iwangorod und der Flankenstoß nördlich des Oberlaufes des Mjeprz gewinnt an Bode«. Kümpfe bei Nowo-Minsk, nördlich von Zelschow »nd bei Lukow. An der Südfront örtliche Kampfhandlungen. Polnischer Frontbericht. Posen, 18. August. (Funkspruch.) Frontbericht vom 17. August: An der Nordfront sinh feindliche Reiterabteilungen, die bei Wloclaw die Weichsel . überschreiten wollten, auf entschiedenen Widerstand der i BesatziM de.r. F,ejt»mq gestoßen. Der Feind nah irr viele Häuser, wurden stärk bc*; hierauf die Stadt unter Feuer: Kathedrale und der Bischofspalast schädigt. Die schwache Besetzung Pommerns benützend, dringt!' der Feind auf diesern Gebiet gegen Norden vor. Unser Gegenangriff im Abschnitt Modlin (Nowo- Georgiewsk),' geführt von General Sikorski, begegnete!' hartnäckigem feindlichen Widerstand. Es wurde sestge-' 'tellt. ' daß die bolschelvikischen Jnfanteriemassew dnrch den Terror der Kmmmmisten znM Käntpfe gez»vunger» »verden. Ungeachtet dessen ent-" »vickelt sich unser Gegenangriff g ü n st i g. S e r o z k »vin'de erobert. In den letzten Tagen »vn»-den 20si0 Gefangene. et»va 100 Maschinengewehre »md'viel Fuhrwerk eingebracht. Die feindlickM Angriffe auf die Vertei'di-' gungsstellen der Hauptstadt blieben weiter erfolglosere' Abteilungen der litauisch-weißrussischen Division zer-.' sprengten bei Radzimin das 183. und 186. Sowjetregi--.- ntent und erbeuteten sieben Maschinengewehre und einen: Munitionslvagen. Abteilungen der 10. Division, eroberten: vier Kanonen, acht Maschineitgelvehre, und brachten eine * bedeutende Zahl von Gefangenen ein. \ Im Zusannnenhang - mit de»n Angriff unserer Ar»ned! auf der Hauptfront ist. gestern.unser rechter Mgel anr Warschauer Brückenkopf z n m A n g r i f f, übergegangen. Mit Unterstützung von Tanks wurde gegen mittags Dembewielki genmnmen und bis Nowo- Minsk vorgestoßen. Der Feind weicht auf der ganzen -Linie bis?^m Bug sin voller Auflösung, unsere Abtei-: lungen treiben ihn mit außerordentlicher Kraft vor sich! her. Die Division des Generals Konarzewski zersprengte gänzlich die 171. und zum Teil die 8. Bolschewiken^ brigade, eroberte sieben Geschütze, 100 Maschinengewehre,: bedeutende Munitionsßorräte, einige bundert Wagen und'; brachten Tausende von Gefangenen ein. Die tapferen pornmerschen und Gebirgsregimenter nahmen zu Mittag - Lukotv ein. Der Femd ist in schnellem Rückzug Richtung Siedlce, große Beute zurücklassend. Im: Südabschnitte haben, uusere Truppen der 68. Feindesdivision eine völlige Niederlage beigebracht. Infolge des'- schnellen Vorrückens unserer Abteilungen bis zum Oug wrirde dern Feinde der Rückzug abgeschnitten. Unsere Beute beträgt 26 Maschinengewehre »rnd 700 Gefangene,: darunter den Brigadekommandanten, viele Offiziere und > die Regimentskanzlei solvie viele Wagen und Munition.- Unter mehreren hundert Gefangenen befinden sich der; Kommandant der 2. Brigade und der Divisionskom- ■ Mandant. An der Südfront zwischen Bug u n d > Lemberg Kämpfe mit den Vorhuten der ersten. Division. Moskauer Frontbericht. Moskau, 18. August. (Fmrkspruch.) Frontbericht vom 17. August: Der Feind »mternahm vorgestern eineu Gegenangriff, wobei er bis zur Stadk Eiechanow. vordrang. Gestern lvnrde Ciechan-w> »vieder von unseren Tuppen genommen, »vobei 1200 Gefangene und 72 Geschütze eingebracht wurden^ Kämpfe nordöstlich von No»vo-Georgiewsk. Westlich von Wladimir- Wolysk »vurden G r n b e s z o w und mehrere Ort-: schäften südlich genornmen. In» Gebiet von Tarnopok. erreichten »vir Z b o row. Im Schwarzen Meer und mrt;; Dnjepr keine Aenderuug. S 'S Die erste Vollversammlung Völkerbundes. Genf, 17. August. (Schweizerische Depeschen- Agentur.) Der ÄtaatSrat wurde offiziell benachrichtigt, daß der Dölkerbnndrat gemäß dem Ansuchen deS Präsidenten Wilson beschloffe« hat, die erste Vollversammlung des DölkerB bundes am 18. November l I.. \l ühr vormittags,in Genf zu eröffne». Die5ko«fercnz wird mehrere Woche« dauern und im Reformationsfaale sowie in den anlirgeude» kleineren Sale« abgehatten werde«.