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Wiener Morgenzeitung · 1920-08-18 · Heft 565 (18.8.1920) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 565 (18.8.1920)
Date
1920-08-18
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Men. Mittwoch ‘y ■ ■ ■■■< ■' > - r 1- ^--- Wiener Morgsuzeiiuug 18. Beginn der Verhandlungen. /nt. ms Politische Rundschau. Wie Ungar» die Ittdenfragü lösen will. Vo« «vserem Budapester Avrrefpondenten. l- Soweit der nervcnspannende Kantpf zwischen H o r t h y Und Friedrich Um die Herrschaft in Ungarn Raum für daß Interesse der Oefsentlichkeit übrigläßt, wird er von der Judenfvage utit> ihren LöjungStnöglkch.kciteu in Anspruch gejnpmmen. Mit Ausnahme einiger längst veralteter AssimilattonSfÜhrex, bereu Hirn so sehr verknöchert ist, baß sie für neue Konzeptionen, die sich in ihr altgewohntes politisches Schema Wht einstigen lassen, nicht mehr aufnHmsfähig sind, und laußer einer Anzahl jüdischer Gcschäftspolitiker und Geschäfts-, jZournalisten, die durch die Zugaben einer Judenftage sich in ihrer so bequemen Materiellen Existenz bedroht fühlen, gibt wohl in Ungarn keinen vernünftigen Müschen mehr, der Mgnön würde, baß di« Inden frage in Ungarn ein« Lebenslage .nicht Mt für die Juden, sondern für Ungarn selbst geworben ist. Außer diesen erwähnten, mNr psychopathisch zu erjMrendeü Msnahnten gibt es aber in'Ungarn auch kaüm ijernanden, der nicht von der Ueberzengnng durchdrungen wäre, daß, je länger die Judenfrage in Ungarn ungelöst bleibt, desto titzfer der Verfall werden muß, dem Ungarn seit dem großen Zusammenbruch prcisgegeben ist. r, ES ist daher sehr betgreiflich, daß die allgemeine Nervosität, in welche Ungarn wegen der Judenfrage versetzt ist, dazu geführt hat, daß der Antrag des Abgeordneten Ladislaus ^Nubav ax y, der in d^r „Wiener Movgenzeitung". bereits .veröffentlicht war, und in seinem Wesen aüf die völlige Ent- Khschütttg der Juden hinausläust, von einer erdrückenden Majorkdurch Erheben Vvtt den Sitzen al- Grundlage für die parlamentarische Behandlung angenommen wurde. Wohl sind jtzttva zwanzig Abgeordnete, Unter ihnen auch. T n b r a s s h und Tppon yi, bei der Mstimmung sitzen geblieben, aber beide ^beeilten sich, in Reben, Zeitungsartikeln und Interviews jeden Zweifel darüber zu zerstreuen, baß auch sie sich bereits zu j£tnaK Auffassung „emporgeschwungen" haben, di« wohl in der Lösung der Juden frage die radikalen Mittel des Budavary der Weißen Terroristen nicht gutheiht, aber auf der Suche Lösungsmöglichkeiten von denselben Voraussetzungen auSltzeht, wie diejenige, der Anhänger der „Jndividualaktion".!! Mo ist «in AEl beS Maßen Anbrajsy in der „Uj Magyar Dzemle" („Neue ungarische. Rundschau") von der Mrundtheje auSgegangen, baß die Assimilation der Juden mit jben Ungarn Mißglückt sei, und baß. daher die „Juden, als schk mit dem ungarischen Volke nicht ganz.und vollkommen assimiliertes fremde- Element" anzusehen, und danach zu Sejhandeln seien. Graf Anbrassy spricht sich gegen die brutale Dorm der Lösung der Judenfrage aus, .und glaubt dies dadurch verhindern zu können, baß die gcurze Angelegenheit 'blhvch die Gesetzgebung geregelt wird ... . Der Vater des Grast« Julius Ändrassy war der Schöpfer. deS Gesetzes über, die Jubenemanzipation, und fein Dohn tritt Heute, für den Numerus clausuS gegen die Juden, für die gesetzliche Behänd-: Lang der Juden als „fremdes Element^ ein. DaS sind zwei historische Daten, die deutlicher reden alS eine ganze historische Bibliothek, und nichts spricht eindringlicher für die Auffassung der JÜbischnativnalen, als diese Feststellung. >' Der Antrag Dubavarys hat natürlich auch' andere erfinderische Geister, nicht ruhen lassen. So ist von llerikal- «nttsemitischer; Veite gleichfalls. in der Nationalversammlung der Vorschlag aufgetaucht,.die Juden zurDaufe und nachher zur Vermischung durch Ehen mit Urch.risten zu zwingen. Wer bas nicht tut, bleibt eben ein — „fremdes Element" und wäre danach, zu behandeln. Interessant ist, baß dies« „Anregung" in der Nationalversammlung als schlechter Witz aufgefaßt wurde und Anlaß zu wenig geistreichen Zwischenrufen bot. Der Antragsteller sowohl als auch die Zwischenrufer haben dabei bloß übersehen, daß auch dieser Lösungsversuch nichts Neues ist, denn einerseits haben die Taufen in den Kreisen der reichen Juden schon bisher Dimensionen angenommen, durch welche sich die erbgesessene, Noch weichgevlievene Gentry in ihrer problematischen „Rassenveinheit" "vebroht fühlt, und auch in den Mittelschichten hat t& K*t dem Inkrafttreten der Wekerleschen Ehe- und Kirchentzefetze Mischehen genutz gegeben, die aber, zum größten Teil «her zur Entzweiung als zur Vereinigung von Familien geführt haben. Im übrigen soll hier auch die politisch-historische Pikanterie festgestellt werden, baß der gewesene kommunistische DolkSkommissär Peter Ago stv n kurz« Zeit vor dem Zusammenbruch, obzwar er zeitlebens als Liberaler galt, «in sogenanntes wissenschaftliches Buch schrieb über die Judenftage) Ln welchem er als einziges denkbares Lösungsmittel für die „die ganze Welt bedrückende Judenftage" bi« Zwangstaufe proklamierte. Das alles sind nur Kostproben. Das große geistige Menü füll der Welt erst^ausgetischt werden^ wenn die ungarische Regierung sich wirklich entschließen sollte, die Judenftage, sei «s in Form des Antrages Budavary oder eine- Initiativantrages auf die' Tagesordnung der ungarischen Nationalversammlung zu setzen. ES ist leider wenig Hoffnung vorhanden, baff dieser Augenblick ein geeinigtes, politisch reifes Judentum vorfmden werbe. Noch immer begeht das Organ der neologen Ässimt- Iftttten, „Egyenlöseg", den geradezu > kindischen Selbstbetrug Und den Betrug an seinen Lesern, indem es nach wie vor erklärt: Ts gibtkeine Judenftage,.es gib t nur einen A n t i s e m i t i s m u S i n N n $ a t n! Und als in der ersten' Sitzung des neugcwählten Knltttsvorstandrs der zionistische KultuSvorstcher Dr. Osztern eine recht vorsichtig gefaßt« Resüluttön zur Begrüßung der Beschlüsse von San Remo beantragte, wurde er durch die Clique G. Ehrlich-Paul San dar, die unverbesserliche AssimiiaiionSgreise, „aus patriotischen Bedenken" in.dergestimmt.. Budapest, 17., Angust. Heute begann vor dem Standgericht des Bndapester Gerichtshofes die Brrhandlung gegen die zivilen Teilnehmer an d ' blutigen Ausschreitungen vor dem Cafe Klub. An ge klagt sind: der 19jührige Ladislaus Jlly, wegen Diebstahls und Veruntreuung vorbestraft, der 19jährige Hilfsbeämte im 5i llltusmini ftcrmm Alexander Fekete, der 19jnhrige Diurnist im Knltusministerium Ladislaus Feketc, der 19jährige Friseurgehilfe Michael Schwicker, der 17jährige Monteur Alexander Im ui re. der 18jährige HaMdlungsgehilfe Alexander K ö r m e n d i, der Zlijährige Gastwirt Karl Tökös. der 16jährige Handelsschüler Karl B an e k und der Währige Wäschercib-csitzer Gustav M e u z e r. Gegen den flüchtigen. Franz Jllek, Rechrr. cheur der „Erwacheuden llnyarn", sowie gegen den Rechercheur Karl Kolter find Haftbefehle erlassen worden. Bor Beginn der Verhandlung wendet sich Angeklagter Baues, der in nächster Nähe der Iournnlifteutribünc sitzt, um, und droht allen Zeitungen, wenn sie sich unterstehen sollten, seinen Namen zu nennen. , . . Die Angeklagten Menzer und TököS erklären sich für nichtschuldig. Angeklagter Menzer beschuldigt den Tökös, de» Vorschlag gemacht zu haben, das Kasfeehans Klub anzu. greisen. Tökös sagt aus, iMenzer habe mit anderen Angeklagten verabredet, ihn fälschlich zu beschuldigen. J'lly erklärt, daß er nichtschuldig sei. Er sei im Kaffeehaus Klub gewesen und habe gehört, dah dort Minister Venesch über seine. Belgrader Reife. Belgrad, 16.- August. (Laibacher Korr.^Bur.) Minister d-es Arußern, Dr. Ben esch, ciit$ei:iesich Bericht- ■ erslattern gegenüber, der Hauptzweck der iugoslawifchtschecho-slowakischen Konvention sei die Sicherung der Durchführung der Friede nsverträg e. Der FriedLnsvertrag von Saint-Germain sei nicht gefährdet, weil Oesterreich keine Ge fuhr mehr v or stelle. Deutschland brauche 10 Jahre, zur Erholung. Währenddessen müssen sich die Kl-einstaat'Ln Zentraleurovas einrichten. Die Konvention trachte in etster - Linie hie DürWitirüng des .Frledensvertrages von Trianon -zu sichern. Dieser Friedensvertrag bezeichne die M a g ti a r e n a l S .e i n o r i c n t ä l i s ch e s, Phan ta stis che s. extensives Bolk, das sich nicht leicht mit der geschaffenen Lage znfriedengeben werde. Wir müssen, sagte der Minister, sichere Grenzen schaf>'r, um die Magyaren von der DauerhafLigkeit des jetzigen Standes zu überzeugen. Im Innern müssen wir viele Probleme lösen. Unsere Völker müfsen da? Sicherheitsgefühl bekonunen.' Unser Bund ist nicht nur eine Frage unserer beiden Völker, er stellt eine europäische Frage dar. Auf eine Anfrage erwiderte her Minister, daß über die Frage dLs BalkangleichgrwichteS nicht verhandelt wurde. In dem russisch.-polnischen Konflikt steh'-.- die Tschecho-Slolvakei seit Beginn auf dein.Standpunkt v ö l li g e r Neutralität, in der Ileberzen-' gung, daß die Tschecho-Slowaken in die inneren russischen Fragen sich nicht einmischen können. UeLrigens würde bei den Russen keine Intervention Erfolg haben. Der Minister wisse nichts davon, daß die Entente bei den Tschechen und Iugoslaincn um Hilfe für die Polen angesucht hätte. Die einzig richtige Taktik, sagt er, ist die der Nentralit ät, die wir verteidigen müssen, auch wenn die Rufseil oder die Magyaren über unsere Territorien ziehen wollten. Die Reise nach) Bukarest h a b e de n se l b e n Z w e ck. Es werden alle politischen Fragen, hauptsächlich' die die Magyaren und Russen betreffenden, dnrchbevaten werden, lieber die Zusammenkunft des Ministerpräsidenten Tusar mit dem italienischen Außenminister, Grasen Sforza, erklärte der Minister auf eine Anfrage, daß Ministe.Präsident Tusar als Rekonvaleszent auf Erholung -war, während Graf Sforza in Rom weilte, so daß eine Zufanlmenk unft ausgeschlossen war. Auf der Reise uach Belgrad sei der Minister mit dem Ministerpräsidenten zusainmengetroffen und habe sich überzeugt, daß all e Nachrichten in dieser Richtung glatt erfunden syien. Die NandstaaLenkonferettz in Riga. Aus Riga wird dem Ufraiuifdjcit Pressedienst berichtet: Die Konferenz der sogenannten Randstaaten in Riga, die im Namen Lettlands vom Ministerpräsidenten Ulmanis eröffnet wurde, hat sestgestellt, vaß der „Union der baltischen Staaten" folgende Staaten angehören: Polen, Litauen, Lettland. Estland, Finnland, Werßrnßtand, Ukraine und Rumänien. Anch die Beziehungen zwischen Finnland und Schweden, beziehungsweift Norwegen, beruhen auf der Rigaer Konvention. Die Zdouferenz begann mit der Beratung eines militärischen Deftnsivübereinkomttiens der der „Union" angeschlossenrik Randstaoten, doch wurden di« Berhaiidlnugen über biefen Gegenstand für geheim erklärt. eine Versammlung gegen die nationale Armee und gegen die Erwachenden Ungarn stattfinde. Als Ungar habe er. sich berechtigt gefühlt, eine solche Versammlung auSeinanderzujagen. Der Präsident stellt fest, daß Jlly sich in der Rolle eines V e r t r a u c n s m a n n e s des P r o n n n> detachementS gefallen habe, obwohl, wie sich jetzt heransgestellt habe, er kein einziges Mitglied des Detachements kenne und die Uniform widerrechtlich getragen habe. I l l y erklärt, Jllek habe mit seinem Revolver auf den Kopf Varsanyis losgeschlagen, worauf ein Schuß losgegangen und Varsaupi zusammeugtfalleu sei. Er (Illh) habe überhaupt nicht geschossen. Bei der Rauferei seien alle mit kurzen Stöcken mit Bleienden versehen gewesen. Angeklagter Ladislnus Feketc gibt zu, an den Ausschreitungen teilgenommen zu haben. Von der E r ui o r d u n g V e r e b e l y s habe er erst am anderen Tage erfahren. Jllek habe auf dem Wege zum Cafe Klub einem Freiwilligen gesagt, er werde ibm seinen Revolver nach dem Sturm übergebrn, dainit man keine Waffe bei ihm finde. Er habe gesehen, daß Illn dein Varsauvi ins Gesicht schlug. In diesem Augenblick babe er auch gesehen, daß au8 der Richtung, wo Illek neben Illy stand, ein Schuß firl und Varsanpi znsammeustürztr. Der Täter könne demgemäß nicht Jllv, sondern cs müsse Jllek gewesen seinr Ter Präsident hält dem Angeklagten seine in der Untersuchung abgegebene Aussage vor. ttt -der er Illy beschnldiat und der Ranre Illcks gar nicht erwähnt wird. Die Verhandlung wird hierans aus morgen vertagt. Die Wirjschaiiökomiuission uiihntu-eitctc der Konferenz den. Entwarf des tvirtichnstlirheu U.-bereinkoinmens, weiches bezüglich der gegeryeilig >n sincmzi.'lieil Beziehungen ein, gleicl)- ortigcs Vorgehen in der Frage des zrvischensiaatlichen GeldverfehrS (Clearing), die staatlichen Monopole, die Becciuheitlichung des Geldlvcj.'ns riud die Einzieh.nug der im Umlauf besiudlichen russischen- Banklmteu betrifft. , Ans den: Gebiete des Berlehrswrfens stehen Vorschläge zur Verrilrheitttchung des von Rußland übernommenen Eisenbahnnetzes-zur Berhandümg. In politischer Beziehnng soll die NationnlitätenpolitU einheitlich s y st e m i s i e r t werden, ^vnso die Rechtsprechung über'die den Konventiansstaaten Ungehörigen Ans» länder. <a * Englarrd will Frieden. London, lf>: August. 'Privat.^ Da? Unterhaus h.rr iich auf Vorschsag Bonar Lalvs bis zum 19». Oktobe''. vertagt. Bonar Law sagte zur Begründung seines Vorschlages unter anderem, Lloyd George habe in seinen Darlegungen über die Politik der Regierung in der russisch-polnischen Frage die Beschlüsse der KonferLnzeu von Spa und Hythe bekanntgegeben, die darin bestehen, daß gegen Rußland keine feindliche Handlung un ternontmen Voerden wird, sofern die. Unabhängigkeit Polen? nicht gefährdet wird'. England und Frankreich werden in die inneren Auge» legenheiten Rußlands nicht erugreisen, wenn dieses sich nicht in die inneren Fragen anderer Länder mycht. Gelangt die polnische Regierung zu FriedenLvereiubaruugen mit Rußland, welche Bestimmungen imnre.r sie enthalten mögen, so ist kein Grund zum Einschreiten. Nach der Rede Laws sprach Lloyd Georgs und führte aus, daß der Bö lkerb und nicht in Tätigkeit treten könne, weun nicht volle Ei Mi gk eit herrsche. In der rnssisch-polnischeu Frage, die eigentlich' im Völkerbunde zu besprechen gewesen wäre, seien nicht alle Alliierten derselben Meinung. .Rußland aber Hobe die Intervention de? Völkerbundes kategorisch abgelehnt. Die Mgieruug versuche es ernstlich, den Fri eden zu sichern. A .ch im O b e r h a u s e wurde die Vertagung beans tragt, wobei Lord Cur zon als Antragsteller über die russisch-polnische Frage sagt«: Wir haben keine Strei tkräste und kein Geld für diesen Krieg und die öffentliche Meinung Englands -und der ' anderen Länder wünscht einen möglichst gerechten Frieden. Zu diesem wurde auch der polnischen >Re gierung geratcn. j Russisch-tschechische Annäherung P»«ff. 18. August. (Kovr.-Bur) DaS „Prager Tagblatt" benchket, daß in den nächsten Tagen eme S o wj rtko m° miss i o n, an? Berlin kommend, in Prag eintreffrn wird' > Die Delegierten sollen wirtschaftliche Derbin d n n g e n in Miktelenropü ankniivfen. Der Preffrvertreter des rm'stschen Roten ÄreuzrS, G i l l e r s o n, der in ständiguu Kontakt mit der Moskarur Regierung fielt, hat vor e nigen Tagen m,t drm Präsidnilen M a s a r n k und dun Minister d»8 Aentzern Dr. B e n e f ch lange Konferenzen gepflogen und sich gestern nach Berlin degeben.

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