Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 565 (18.8.1920)
- Date
- 1920-08-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sew r Dien, Mittwoch Wiener Morge«zett»«g (*• -—-—1»* * - 1 ' - - ~ ~~; ~ Bericht der Kliener Delegierten iibcr die Londoner zionistische Jahreskonferenz. Der Gesamteindruck. — Das Emigrationsproblem. — Die Kolonisationsfrage. — Die Kulturarbeit. — Der äußere Rahmen der Tagung. In einer Massenversammlung erstatteten die Wiener Delegierten der Londoner zionistischen Jahreskonfecenz ihren mit Spannung erwarteten Bericht über den Verlaus und die Ergebnisse der Verhandlungen. 'Der Obmann des zionistischen Landeskomitees, Abgeordneter Stricker, entwarf ein Bild des Gesamteindruckes, den er von der dreiwöchigen Konferenz empfangen hatte. Er führte aus: Die ganze zionistische Oeffentlichkert hat dieser ersten Konferenz der Zionisten nach der erfreulchen Botschaft von San Remo die größten Erwartungen entgegengebracht, ja, in gewissen Kreisen wurde förmlich ein Wunder erwartet. Diese Hoffnungen waren nicht berechtigt. Die Beratungen fanden ja unter ganz anderen Umständen statt, wie die früheren zionistischen Zusammenkünfte. Man stand einer neuen Situation und neuen Aufgaben gegenüber, ohne für ihre Bewältigung entsprechend geschult zu sein, Inden letzten 25 Jahren konzentrierte sich unsere gesamte Arbeit darauf, das Ziel anzustreben. Jetzt aber heißen die Probleme:- Massenkolonisation und Aufbau eines Gemeinwesens. Alle unser Tätigkeit, die sich auf diese Probleme bezog, war bisnun Theorie und Arbeiten in die Lust. Deshalb müssen die Ergebnisse der Londoner Beratungen enttäuschen. Ich glaube aber, daß diese Enttäuschung eine g u t e L e h r e ist. Das jüdische Palästina wird nach meiner Ueberzeugung nid# auf Grund von Plänen aufgebaut werden, die auf dem Papier stehen, sondern die Errichtung des jüdischen Gemein- Wesens muß eine Aufgabe des ganzen jüdischen Volkes sein und die Palästina-Arbeit wird einen elementaren Charakter tragen. Die Tagung war von allen Teilen der Erde sehr zahlreich beschickt, aber die Delegierten haben sich nicht so zusammengefunden, wie es wünschenswert gewesen wäre. Die Konferenz war nicht gut organisiert und die nötige Arbeitsteilung war nicht gut vorbereitet. London war keine geeignete Stadt für diese wichtige Zusammenkunft. Die Größe der Stadt erdrückte sozusagen die Konferenz und es fehlte das jüdische Milieu. Künftige Konferenzen werden nur dort zusammentreten können, wo jüdische Massen siedeln. Indessen darf man das verunglückte Arrangement nicht etwa auf mangelnden guten Willen unserer Leitung zurückführen. Die sieben Jahre dex Isolierung sind eben auch an unserem Zentralapparat nicht spurlos vorübergegangen. Die zionistischen Massen haben in diesen Jahren sowie alle anderen Völker unter der Diktatur gelebt. Aber ich beeile mich, hinzuzufügen, unter der Diktatur verantwortungsvoller bewährter Gesinnungsgenossen, die ihre Arbeit besser geleistet haben, als wir es je hätten erträumen dürfen. ES wird eine der wichtigsten Aufgaben der jetzt gewählten neuen Leitung sein, den zionistischen Zentralapparat aus einem diplomatisch-politischen Instrument in ein Volksinstrument umzuwandeln. Für nicht begründet halte ich die Klage vieler Zionisten, daß wichtige Fragen auf der Londoner Konferenz ungelöst blieben. Es ist ausgeschlossen, daß diese erste Beratung nach siebenjähriger Zerreißung der zionistischen Weltorganisation die großen Probleme lösenkonnte, zumal diese Konferenz unmittelbar nach dem Beschluß von San Remo tagte. Dazu sind Spezialkonserenzen berufener Fachleute nötig. Wichtig für die Ergebnisse der Tagung war der Umstand, daß zum ersten Male die Vertreter der förmlich über Nacht entstandenen gewaltigen zionistischen Organisation in Amerika auf ihr erschienen. Sie haben moralisch am Kongreß einen großen Faktor gebildet und haben sich nicht etwa diese Rolle angemaßt. Das Gewicht ihrer Stimmen ist darin begründet, daß dieser Teil der Judenheit berufen ist. die Hauptlasten des Aufbaues zu tragen. Mitunter mußte man den Eindruck gewinnen, daß hier beinahe Der- Handlungen von „Macht zu Macht" gepflogen wurden. Ich kann nur zur Charakterisierung des amerikanischen Zionismus ein Wort wiederholen, das Weizmann sagte: „Die amerikanischen Zionisten stehen programmatisch oitf den Standpunkt, auf welchem die deutsche»! Zionisten vor etwa 15 Jahren standen." Tie amerikanischen Zionisten fassen das Palästina-Werk allzusehr als mechanische Arbeit auf. Im persönlichen Verkehr mit den einzelnen Amerikanern konnte ich mich jedoch überzeugen, daß dies leicht zu ändern wäre. 96 Prozent der amerikanischen Juden sind ja Oftjuden und ihre Assimilation an den Amerikanismus ist nur ganz änßerlich vom Schneider und Friseur hergestellt. Daraus folgt die wichtige Lehre, daß wir es versäumt haben, den Kontakt mit Amerika zu pflegen. Wir haben es nichtver standen, überden Ozean hinüberz u d e nk e n und müssen das Versäumte nachholen. Zwei Hauptaufgaben oblagen der Tagung: Die Bildung der neuen Leitung und die Parole für die künftige Albert. Die Leitungsfrage wurde nicht befriedigend gelöst. Wir müssen bis zum nächsten Kongreß ein Stückchen Diktatur noch mit uns schleppen. Man mußte in der Leitungsfrage auf Amerika Rücksicht nehmen. Brand eis, der neue Ehrenpräsident, ist die wertvollste Persönlichkeit der amerikanischen Juden und gewiß einer per bedeutendsten Menschen Amerikas überhaupt. Er verwaltet dort daß überaus gewichtige Amt eines obersten Richters. Ich bin berühmten Männern gegenüber sehr kritisch, aber die Persönlichkeit dieses Mannes hat mich nicht enttäuscht. Ich habe den Eindruck, daß er jede Stunde bereit ist. sein Amt als oberster Richter niederzulegen, um dem ZionirmuS mit seines ganzen Kraft zu dienen. Die amerikanische Opposition gegen Ussischkin konnten wir nicht unterstützen. Sie halten ihn für die Arbeit in Palästina nicht geeignet. Wir kennen Ussischkins Feßler, aber auch seine großen Vorzüge. Von allen Seiten wird er respektiert und ist vom Vertrauen säst aller palästinensischen Gruppen getragen. DaS haben die Aeußerungen aller palästinensischen Delegierten erwiesen. Ein weiterer Kampfpunkt mit den Amerikanern war die Kultur f r a g e. Sie sind dagegen, daß Palästina zu einem kulturellen jüdischen Zentrum wird. Da mußten sie natürlich auf unseren scharfen Widerstand fto?;on. Sie wissen, daß als wichtigste Parole für die künftige zionistische Arbeit die Aufbringung des 25-M i l l t o n e n-P fund-FondS ausgegeben wurde. Es fragt sich, wer die Beiträge für diesen Fonds zunächst zu leisten hat. Wir haben die Ansicht vertreten und sind mit ihr Lurchgedrungen, daß jetzt vor allem die organisierten?»i o n i st e n ibre Pllicht zu erfüllen baben. Wir halten es nicht für richtig, daß man von Nichtzionisten dieses Geld fordert. Solange wir nicht selbst untere Pflicht ganz erfüllt haben, muß uns das moralische Recht abgesprochen werden, von Nichtzioni st en a u ch nureinen Kreuzer zu verfangen. Wer in diesem Augenblick nicht das Aeußerfte leistet, ist keinZioni st. Es sind zunächst keine „Geulah-Wochen" zu veranstalten, sondern jeder Zionist hat zu geben, was man ihm nach Maßgabe seiner Kräfte vor schreibt. Dr. Eg,n Zweig, der Obmann des SubkomiieeZ für Emi-'ritionSfragen auf der Londoner Konferenz, erstattet e'.ueir ausführlichen Blicht über den Siqnd de) Emigrationswesens auf G'-und der in London gefaßten Beschlüsse. Wir erhielten in London die Zuftchrrungen, daß die bisherigen AuSwa.nd-rungshenimnnsen t a t s ä ch l ich weggefallen sind. Wir hatten also nicht notwendig, besonders Forderungen bezüglich der Einwanderung stellen. Der Avparat ist jetzt folgrrrdermaßcn organisiert: In Palästina wird die Einwanderungszentrale auSgebaut. mit welcher die Lande-spalästina-Ae m ter in direkter Verbindung stehen. Einige dieser La'chesäm!er er'al'en besondere», Vorrang, darunter namentlich auch Wien- Es hat sich gezeigt, daß bUfd Aemter einheitlich organisiert und daß alle zionistischen Richtungen auf ihre Amtsbürdrn Einfluß zu nehmen berechtigt sein müssen. De bisher vorge»»omn.L. en allgemeinen Re istrierungen der Auiuran.e.ungSlustigeu habe» sich nicht als zweckmäßig erwiesen. Registriert werden für die nächsten Jahr: nur folgende besonders nötige EinwandarnngSelemente: Vor ehiEete jüdische Landarbeiter (C alnzim) Bau Han d wer ke r und in beschränktem Maße Mitglieder der jüdischen Miliz. Die Palästina-Akuter werden ferne: die Möglichkeit haben, fstr nkltz'ichr Elemente Darlehen zu vermitteln. E§ gela ig'.e auch dir These zur Annahme, daß Finanzinstitute für di" L r q n i d a t i o n des Vermögens der Auswanderer zu gründen sind. Selbstverständlich wurden a'ch gewisse politische Maßnahmen besprochen, die nötig sind. Insbesondere die. daß kein Jude, ybar Landrsbehörde an der Auswanderung gehindert werden darf. Der Referent teilte zu»n Schluß mit, daß die Dur chwande'rung yon Palästina - Enngranlen durch Wier in der ketten Zeit monatlich von 250 auf 1300 Emigranten gestiegen ist. Adolf Böhm aw über K o l v >: i s a t i o ns p r y b l e m. Ein detaillierter Aufbquplan ließ sich schon deshalb auf der Jahreskonferenz nicht anfstellen/' weil wir noch' nicht wissen, über welch« Rech e die zionistische Organisation verfügen wird nnd wie groß ihre Geldmittel sei« werden. Ec lag der Tagung ein Referat Stmo ttf unh Sonr.es vor, nach welchem innerhalb von zweiJqhren mit ein?»!' Kapital von acht Millionen Pfund hundertlausend Jude.: in produktive Stellungen nach Palästina zu bringen wären. U sfisch kin hat auch ein detail- 18. August 1920 Är. 565 liertes Projekt aus Palästina mitgebracht. haS aber viel früher hätte zur Verfügung stehen müssen. Er kommt zu dem Resultate, daß im ersten Jahre.mit einem: Aufwand von 4 Millionen Pfund 30.000 produktive EinMriderer ins Land geschasst werden könnten. Schwere Kämpfe spielten sich in der Frage der Bodenpolitik ab. Die Linke verlangte, daß nur der Natioualfvnds Boden kaufen darf und daß der Bodenankauf durch Private zu verbieten sei,.Diesen Antrag hätte die englische Regierung schon aus 'demokratischen Gründen nicht annehmen können, denn darnach wären Christen und Mohammedaner in der Lage, in Palästina Boden zu ertverben, Juden ater nicht. Ich trat daher gegen diesen Antrag auf,, tev auch ab gelebnt wurde. Bedauerlicherweise fiel' aber auch der Antrag durch, der dahin ging, daß kein Jude den von ihm erworbenen Boden entgegen dem rraiionalen Interesse verwenden dtirse. daß dieser alsä vor allem unbedingt von jüdischen Arbeitern bebaut werden müsse. Die Amerikaner, mit Ausnahme der Poale-Züin und auch fei; polnischen Delegierten stimmten dagegen. Wir konnten nur den Antrag durchbringen, dag dir Kreditinstitute in erster Linie nur jenen Privateigentümern an Gkurrd und Boden zur Verfügung stehen dürfen, welche sich den Prinzipien der nationalen Kolonisation unterwerfen. Sehr wichtig ist auch der Beschluß, daß mit Nationalvermögen eine -große zusammenhängende Fläche für neue Kolonisation zu erwerben ist. Der Nationalfonds wird den einzelnen jüdischen Bane n r isgemachten Boden zu übergeben haken. Professor Arthur Freud hob zunächst hervor, daß schon deshalb die Jahres« konserenz dis entscheidende konkrete Arbeit nicht leisten konnte, weil damals noch nicht eimnal der türkische Fri-edensvettrag unterzeichnet war, der bis heute, nicht ratisiziert ist. Die englische Regierung war bis zum letzten Augenblick noch immer Okkupationsbehörde, allerdings als künftige MandatSträgerin. D«r Redner schilderte sodann die Rückwirkung der Konferenz auf die englische Oefferrtlichkett. Die gesamte englische Presse brachte an hervorragender Stelle fortlaufende Bericht über die zionistische Tagung. Bezeichnend ist. daß «in Mitglied der englischen Regierung, Sir Alfred Mond, einer wichtigen zionistischen Körperschaft offiziell beigctreten »st. Ein Beweis dafür, wie ernst das zionistische Problem in England ausgenommen wird, ist bas warme Eintreten der englisä n Arbeiterpartei für den zionistischen Gedanken. Wir sind den englischen Arbeitern zu großem Dank verpflichtet. Einen uüvergeßlichen Eindruck Machte das Auftreten her hervorragendsten englischen politischen Persönlichkeit aus dem riesigen Londoner Zioniftenmeeting, wie Lord Ba lfour, Sir Robert Ce eil und Oberst Wedgwood. Auf d«m Kontinent wäre eine solche Haltung proininenter Persönlichkeiten in der Judenfrage gar nicht denkbar. Keine Täuschung darf abek in der zionistische Partei darüber bestehen, daß u,»S Palästina von keiner Regierung gegeben werden kann. Trotz San 9kemo haben wir Palästina nicht, sondern wir haben nur endlich die Möglichkeit erhalten, Palästina mit jüdisch«'' Kraft zu erarbeiten. Zum Schluss« her Versammlung besprach Dr. Jsihor Mrr-ulies d«S Autturproblem. Es kam auf der Londoner Kon* forenz zu keinem Kulturkampf. Die Gegensätze toaiccii insbesondere infolge der Haltung der Amerikaner so schroff, daß nur die Abstlmmüllgsmaschine entscheiden konnte. Auch kam die Kulturangelegenheit leider erst sehr spät zur Sprache. In den Kominissionen aber wurde sehr fruchtbare Arbeit geleistet, wenn uns auch kein Programm und kein Plan vorlag. Es stellte sich heraus, daß auf dem Gebiete der Kulturarbeit in der' Galuth eilt Chaos herrscht und daß die Leitung die nötige Initiativ« vermissen ließ. Wir forderten daher hir Errichtung einer gesonderten Zentrale für die Kulturarbeit in den Galuth Ländern. Sie sock in einem östlichen Zentrum errichtet werde» und es ist wahrscheinlich, daß Wien der Sitz dieser Behörden sein wird. Das Lehrerwesen, die Errichtung eines großzügigen Schulbüchervcrlages, die pädagogische Ueber-' wachung des gesamten jüdischen Schulwesens durch berufene Inspektoren werden die Hauptagenden dieser neuen Kulturzentrale sein. Die hervorragenden Leistungen deö Wiener jüdischen Pädagogiums fanden allseitige Würdigung. Sehr erfreulich waren die Berichte über di« Kulturarbeit in Palästina selbst. Der Streit zwischen der Mirrachi u»»d den anderen Gruppen ist beige legt. Redner entwickelte dann die Thesen, er als Sprecher der Kulturkommission bezüglich der Shittumbclt im Plenum einbr achte u»»d die trotz der Opposition der Amerikaner zur Annahme gelangten. Er schloß damit,, daß die Kulturfrage nicht vernachlässigt werden dürfe, weil sonst die Gefahr einer englischen Assimilation in Palästina wachsen würhe und andererseits die Entstehung einer Kluft zwischen Palästina und der Galuth nicht zu verhindern wäre. Di« Versammlung nahm di« Referate, welche fast, dolle drei Stunden in Anspruch nahmen, mit dem größten Interesse entgegen. Alle empfanden die Be* deutung und den Ernst deS Augenblickes und daß jetzt jeder Zionist alle Kräfte anzuspa»»nen hat, um fcft AujorövrunWr der Gegenwart gerecht zu werden.