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Wiener Morgenzeitung · 1920-08-15 · Heft 562 (15.8.1920) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 562 (15.8.1920)
Date
1920-08-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Wie». Sonntag Wiener Morgeuzeitnng -so ist der Friede, den sie diktiert haben, zum Ausgangs- Punkt neuer Kriege geworden und hat Brände erzeugt, Zn denen die letzten Schlacken europäischer Gesittung zu berglasen drohen. Das Grundgebot jüdischer Ethik: „Du sollst nicht töten", ist von der europäischen Menschheit gebrochen worden. Sie hat das Schwert gezogen und ist Iglt seinem Sklaven geworden. ■? Unter den Budapester Renegaten. Von Arnolds Fraeearoli. A. Fraxcaroli vom „Corrrerr della Sera" lott tvä r^nd &sr Proleta'.i:rdi?tatur in Ungarn und hat seine Erlebnisse während dieser Zeit m einem Buche: „Ungheria bolssvica". welches vor wenigen Tagen in Sfcut erschiene« ist, Uredergelegt. Diesem Buchentnehmen wir —A Ab-" - Kapitel über die Fahnenflucht der reichen j: ungarischen. Juden. jr ■ Mr sprachen von alten, längstvergangenen Zeiten, wvn anderen Ländern, um nicht immer vom.Bolschewismus zu sprechen, in dem wir so tief drinnen waren, Haß wir nicht 'immer davon sprechen, mochten. - Mer Irotzdem zitterte der Bolschewismus unausgesetzt durch die Konversation, so sehr man sich auch dagegensträubte. Plötzlich nahm die junge Dame, die neben Mt saß, das Wort:! — Wissen 'Sie. was die sonderbarste And am ßoenigsten erwartete Begleiterscheinung des Bolschewismus ist? Daß die Bevölkerung von Budapest immer Lrtstlicher wird. > Wie denn?? Auf merkwürdige und doch' ganz einfache Art: Dbe Juden treten zu Hunderten über und werden Christen. Nur so, von einem Augenblick zum anderen, Hurch plötzliche Erleuchtung. Im Amtsraum des Ober-, -Rabbiners sammeln sich die Juden aus allen Geftllschafts- Nassen — zum größten Teil Bürgerliche — in Massen kn. die gekommen sind, um ihren Austritt anzumelden jiütb zu fordern, daß ihre Namen aus den jüdischett Matrikelbüchern gestrichen werden. Und jeden Morgen tzibt es in den katholischen Kirchen, besonders in jenen, jln welchen die Erweckung der Neugierde des Publikums Dichter vermieden werden kann, beim Taufbecken einen förmlichen Andrang ungeduldiger Juden, die im Zeichen rrijtt getauft werden wollen. Hat Sie noch. niemand ien, sein Taufpate Zu sein? .. . > -- Nein. - f —i Seien Sie. unbesorgt. Sie werden schon kommen, iken Sie nur: Ein wirklicher Taufpate, mit popujläxei* Namen, der direkt aus.. Italien tzimmt. Gibt M etwas Eleganteres? s - — Gestatten Sie einmal. Oeshalb dieser Aus- «LuK christlichen EiftrZ?- --- V! —* Einmal, weil --- bas werde« Sie doch zw ^ebe» bas Christentum «irre ideale Religion' ist, Alber — nun passen Sie aufs —> es gibt noch einen puderen Hauptgrund. Heute glaubt die Masse überhaupt «nicht daran, daß der Bolschewismus von länger Dauer lein werde. Im Gegenteil. Es ist die allgemeine Uelsrtzeugnng, daß seine Lebensdauer nurnoch kurz bemessen Lei« kann. In Budapest sind von den zwei Millionen «Einwohnern 400.000 Juden und viele dieser Juden ßürchten, daß, wenn der Bolschewismus fällt, das Volk tan den Juden Rache nehmen werde für die Leiden, die es dom Bolschewismus zu erdulden hatte. Deshalb werden sie Christen —. aus Vorsicht. Sie begreifen doch.- — Natürlich. : * i** Au zweit machten wir dann einen Ründgang ) das Judenviertel. Eine Stadt in der Stadt, mit besonderer Eigenart, mit Männer- und Frauentypen, Denen man in den übrigen Straßen von Budapest nicht begegnet, jl Es ist derselbe eigenartige Charakter aller jüdischen Stadtviertel: Hier genau so wie in Deutschland, wie pi den wenigen italienischen ProvinzstädtHn, die noch fein Ghetto haben, und ebenso im Orient. Es scheint Hast, daß selbst die ausgehende Sonne nur mühselig in Liese Gassen, in diese Häuser gelangt. Alles hat hier solch einen eingesperrten Duft.! Geschäfte im Halbdunkel, Gewölbe mit schmalen, seinen Türchen, in deren Innerem ein blasses Gesicht;<mf die Kunden wartet. Staubige Firmenschilder — |i» hebräischer, ungarischer und deutscher Sprache — Surft Namen von durchaus jüdischer Marke. Kinder in «abgerissenen Kleidern spielen aus der Gasse. Gasthäuser, deren Auslagefenstern ein bis zwei Teller mit Speisen -stehen, von denen man nicht weiß, was sie barstellen. Mn Straßenverkäufer, der aus einem Karren allerlei -Tand seilbietet. Finstere Gejchäftslokal«, in denen die ^verschiedensten Sachen gekauft und verkauft werben. Greise mit wundervollen Gesichtsausdrücken und jLharakterzügen. Ihre Augen, ihre Gesichtsfalten» ihre iNase. das lange wetße Haar, alles erinnert an die -Gestalten des Alten Testaments. Untereinander sprechen |fc immer in einer halbvassigen deutschen Sprache. I Diese der Tradition ergebenen Juden bilden die 'Masse, dis sich nicht ändert Und einheitlich lebt. -Auch pnwr ihnen gibt es viele Wohlhabende, oder die Reichen ^verschmelzest sich auch in Pest mit der übrigen Bürgen schaft, oft mit umgesormtsn Namen, damit Mn nicht 'sosort ihren Ursprung erratewenn sie ihre Bi Marterl Ägeben. H M it bas Amt des Oberrabbiners? 15. August 1920 Nr. Stz2 6n neu« Türstenfeld. Raubversuche der ungarischen Horthy-Armee. Die Erfolge von Fürstenfeld lasten den neumagyarischen Militarismus nicht schlafen. Die Offiziere Horthys, die mit der ehrenvollen Aufgabe betraut zu sein scheinen, um jeden Preis und mit allen Mitteln eine neue schlagbereite Armee „für alle Eventualitäten^ auf die Beine zu bringen, legen sich mit allem Eifer inS Zeug. Die Nachrichten über fortgesetzte Werbungen in Wien, welche von Offizieren aüs Zülaegersze g betrieben we^en, wollen nicht verstummen. Aber damit ist die Tätigkeit der Werber nicht erschöpft. Man geht vielmehr darauf aus, die fehlenden Materialbestände des lingärischen Heeres, über dessen wahre Stärke die Angaben schwanken, Me jedoch heute jedenfalls viel beträchtlicher ist. als es der Friedensvertrag Ungarn zugesteht, auf alle Weise zu ergänzen. Dabei scheut man auch vor verbrecherischen Mitteln nicht zurück. Während die Waffenraubgeschichte Von Fürstenfeld noch ihrer Klärung harrt, können wir von einem analogen Fall berichten, der als Illustration des gefährlichen Treibens dienen mag, das sich an den Grenzen Oesterreichs entwickelt. Die ungarische, Armee braucht dringend Flugzeuge. Wohl ist' in Steina mang er. das im übrigen voll von Militär ist und wo ganz nach dem alten österreichischen Reglement exerziert, scharf geschossen und — gestraft wird — wer ein politisches Wort laut werden läßt, wird ins Loch gesteckt, und zwar sind sechs Monate die mindeste Strafe — ein militärisches Flug z e ü gkommando, aber die Bestände bedürfen offenbar einer Ergänzung. Das ungarische Kommando organisiert daher einen systematischen Dienst, um österreichische Piloten zum Diebstahl österreichischer Flugzeuge aus dem Depot von Wiener-Neustadt zu verleite«, und schickt Soldaten nach Wiener-Neustadt hinüber, welche das Geschäft abschließen sollen: Auf ordnungsgemäß ausgestellten militärischen Die nst - zetteln, welche Unterschrift und Stampiglie des Flugzeugkommandos Steinamanger tragen, wird für „hinübergeflogene Flugzeuge" die Zahlung von 20.000 Kronen garantiert und den Insassen zugesichert, Laß sie wederverhaftet noch über die Grenze gbgeschafft werden. Dem Soldaten, der mit.der Aufgabe betraut Wird, wird eingeschärst, auf den Dienstzettel besonders achtzuhaben und ihn im Falle der Gefahr einer Festnahme lieber zu verschlucken als' ihn aus den Händen zu geben. * Auch die ungarische Behörde in Wien weiß von diesem Treiben. Das Treiben des Horthy-Militärs an. Oesterreichs Grenze wächst sich zu einer Gefahr aus, die . immer größer wird. Es wäre hoch ün der Zeit, daß hier einmal ein klares Wort gesprochen würde! t>; In der Nähe der Syhnagoae sprechen wir zwei kleine Mädchen an, die zur Schule gehen: „Wißt ihr wohin dir Juden gehen, um Christen zu werden?" Das eine Mädchen verschwindet in einem dunklen Haustor. Mir scheint es, ich höre es lachen. Das andere Kind mit gewelltem Haar, schlauen Auge« und tintigen Fingern, antwortet lächelnd: ij - — Hollv-uttza. 1 : 1' * 1 Und dann fragt sie, indem sie die Augenbrauen, neugierig zusammenzieht: — Wollen Sie auch übertreten? * 1 Da sind wir beim Hause des Oberrabbiners ift der Hollv-mtcza'. Ein hathg-öffnetes Tor, hebräische Aufschrift, graue Vorhalle, ein« finstere, kleine Treppe. Menschen kommen die Stiege herunter. Schatten im Halbschatten. — Besser ist's, am Dienstag zu gehen, da find weniger Menschen. Ich Hab' auch schon mit dem Pfarrer gesprochen . <. Lmst du mit ihm abgemacht, was zu -ahlen ist? . Ich bringe ihm ein Stück Leinwand urw ein bißchen Mehl. . . Zch' nmß nur nojch. eine« TäUfpaWU ausfindig Machen. . V' Eine kleine Gruppe kommt am Treppengeländer an uns vorüber. NE Kandidaten des Christentums. Sie kommen, um von Moses und den Propheten Abschied zu nehmen. Sie betrachten Uns mit Maliziöser Neugierde, wie die nackten Mäuner vor der Musterungskommission einander betrachten: „Ach', auch ihr gehet von dannen?" An der Türe des Rabiners hangt eine Tafelt „Patteienverkehr von 9 bis 12." Ohne ein Wort sprechen zu müssen, weist der Türsteher auf ein kleines Empfangszimmer, in dem schon anders warten. Er wußte es schon selbst,. daß auch wir übertreten wollen, Wir treten «in. Männer, Frauen, zwei Damen mit Hüten, ein sehr elegantes, parfümiertes Fräulein. Tuscheln, Neugierde, geflüsterte Bemerkungen auf Misere Kosten, Lächeln der Solidarität. Sie stehen da angestellt, um den Austritt aus der Religion Israels zu erreichen, wie man sich bei der Fahrkartenausgabe am Bahnhof anstellen muß. - - V. Wir bemühen uns. Unsere ganz speziellen Absichten ktarzumachen, und es gelang uns auch, sofort in das Zimmer des Rabbiners zu gelangen. Glänzendes Parkett, saubere Möbel, viele Bilder an den Wänden, Photographien früherer Rabbiner, hebräische Legenden. Der Oberrabbiner Dr. Heveft mit weicher Ausdrucks- Weise und der andere Rabbiner Dr. Großmann (mager, in schwarzem Gewand, mit großen Augengläsern und schwarzem Käppchen) verhandeln gerade mit zwei Juden, die zum Christentum übertreten möchten. Nach einigen Worten stellen beide Rabbiner fest, daß nichts 'zu machen sei, und notieren den Austritt. Die zwei Juden entfernen sich. Dann kommen 1 die übrigen, die draußen warten, der Reihe nach. Will ein Jude seine Religion wechseln mtb seinen Namen aus dem Namensvörzeichnis der Religionsgemeinde auslöschen lassen, so hat er sich beim Rabbiner zu melden. Er wird einvernommen und aufgefordert, den schwerwiegenden Schritt, ehe er ihn unternimmt, reiflich zu überlegen. Jener bleibt natürlich bet seinem Entschluß: er habe die Sache bereits gründlich durchdacht, bevor er sich gemeldet hatte. Ev erhält für alle Fälle noch zwei Wvch,'n Bebenkzeiti Dann kann der endgültige Austritt gemeldet werben. Manche kommen nach dem ersten Besuchs nicht wieder. Hat sie dis Reue erfaßt? Sind sie zurückaelrLten? Abgeveist? Der weiß es? Andere wieder kommen ein tzweitüS Mal und erklären entschlossen, daß sie' Wisien werden. Ich/frage den Rabbiner, womit diese Leuts ihren Entschluß'rechtfertigen. Da kommen wieder welche. Beobachten Sie sie und hören Sie. was sie sagen. Der andere Rabbiner fetzt die Einvernahme der Auswanderer der Religion fort, wie ein Beichtvater. Der eine erklärt, er trete aus innerer Ueberzeugung-aüs, das Christentum rufe ihn. Er ist Advokat. Der Beichtvater blickt ihm scharf in die Pupille. Ein anderer wieder gibt als Austrittsgrund „Familienverhältnisse^ an. Welche? Sie sind allgemeiner Natur, verschiedene Umstände in der Familie. Das elegante Fräulein/ mit erndringlichem Parfüm lispelt: Herzensangelegenheit. Sie tut es wegen ihrer bevorstehenden Eheschließung: Der Rabbiner sagte Mir dann, daß viele erklärt. hatten^ daß sie anstreten, weil sie ins Ausland gehen wollten. — Die Meisten treten.aber doch aus Furcht aüs. — Sagen wir lieber aüS persönlicher Vorsicht. Bei diesen Austritten, deren Welle seit drei bis vier Wochen fühlbar jst, sind die Männer in weitaus größerer Zahl vertreten als die Frauen. Früher, in normalen Zeiten, haben - jährlich etwa 850 Juden ihre Religion gewechfett und an die 70 Frauen sind, um sich mit Juden verheiraten ober aus sozialen Gründen zum Judentum übergetreten. Jetzt stehen unter denen, welche unsere Religion verlassen, an erster Stelle die Advokaten, dann kommen die Kaufleute, Bürger, Beamte. Häufig treten ganze Familten aus. , . i Einzelne Aüstretende gehen zu keiner anderen Religion über — bemerkte der Rabbiner. Im allgemeinen aber werden, sie alle Katholiken. In trASnöeiner Kirche — es gibt bereits spezielle Kirchen'für Juden — hören diese einen kurzen Kurs über pen christlichen Katechismus, bann werden sie getauft, ijel^n zur Messe und die Sachs ist erledigt. Mancher.'reiche Jude, der es besonders eilig hat, gibt der Kirche.einige tausend Kronen und ist auf kürzestem Wege Christ geworden. Das hat bald Schule gemacht und'heute gwt es für Ungeduldige schon feste Tarife. Taufe: Tausend Kronen. . * Wenn es aber zum Schlüsse doch' keinen Pogrqm gibt, wie schlecht wäre dann, das ganze Geschäft! Jüdische Wetthilfskonftreuz in Karlsbad. Schl«tzfitzu«g. Karlsbad', 13. August. (Jewish Corr. Bur.) Heute wurde die Welthilfskonferenz «ach einer feierlichen Anspräche Svkslows' Wb äm Reihe Ansprachen anderer.Delegierten, wie Ehrenpreis, Professor - Doktör Simonsen. Rvttenberg, Slivsberg, Salzmann (Kanada), Staatssekretär Rachmilewicz (Kvwno), Mozkin, geschlossen. Es wurde eine aus 29 Mitgliedern bestehende jüdische Welthrkfszentrale mit dem Sitze London und eine neungliedrige Exekutive gewählt. Vor dem Schlüsse där Konferenz Würde ein Hilssaufrus an alle an der Konferenz beteiligten Staaten sowie an die gesamte. Judenhert erlassest."Es wurde auch beschlossen, einen T r o st a u f r u f an die Judenschast der Ukraine zu richten.' Wie bereits gemeldet, hat das südafrikanische Judentum der jüdischen Wetthrlfskonssrenz in Karlsbad Wgraphisch mitgeteitt, daß in Südafrika 140.000 P f u n d (zirka 80 MUkivneÜ Krönest) für Kriegsopfer gesammelt wurden. Ferner Hatzen sich die 'südafrikanischen Juden bereit erklärt, eine größere Znhl von Kindsrst 'zu übernehmen und für Palästina vorzubsreften. Auch 1 Kanada hat sich bereit erklärt, t a u s e n d j ü d i s ch t KriegSwaisen zu übernehmen.

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