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Wiener Morgenzeitung · 1920-08-12 · Heft 559 (12.8.1920) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 559 (12.8.1920)
Date
1920-08-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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L Nr. 55S Wien. Donn»s1a<5 fl**----:-'-—-;-—-----1- Die englischen Arbeiter drohen! mit dem Generalstreik. . A m st e r d a m, 11. August. Bevor Lloyd George sich ins Parlament begab» empfing er zusammen mit Donar Law und dem Arbeits- Minister eine Anzahl Deputationen von Arbeiterführern, darunter den Präfidenten des Vergarbeiterbundes, den Leiter der parlamentarischen Arbeitßpartei Oberst Wedgwood und andere. Die Abordnungen machten Lloyd George von den vorgestern abends angenommenen, gegen ei nenKrieg mitRutzlandgeriöbtetrn Protestentschlietzungen Mitteilung» in denen mit einem General st re i t als äußerstem Mittel gedroht wird. Paris, 11. August. Nach Londoner Meldungen nahm die gestern im Parlament abgehaltene Konferenz der L a b o u r P a r t y, der T r a d e U n i 0 ti und der A rbeiterpartei eine Entschließung an, in der es heißt, die Konferenz habe die Ueberzeugung, daß gegenwärtig ein Krieg zwischen den alliierten Regierungen und Sowjetrußland vorbereitet werden Sie erkläre, daß ein Krieg für die Menschheit unerträglich sein würde, und richte daher an die Regierung die Warnung, daß all e Mittel, über welche die organisierte Arbeiterschaft verfüge, angewendet werden würden, um diesen Krieg zu bekämpfen. Alle Organisationen Englands sollten sich bereithalten, um an emer Nationalkonferenz in London teilzunehmen. Sie würden dort Instruktionen erhalten, um auf Weisung der Nationalkonferenz hin die Arbeitseinstellung durchführen zu können. . Paris, 11. August. Die U n a b h ä n g i g e n L i b eralen hielten abends in London eine Versammlung ab, worin beschlossen wurde, gegen, jede Intervention Englands im russisch-polnischen Konflikt, fei es durch Blockade, sei es durch Truppen- oder Mimitionssendungen zu protestieren und die Regierung aufzufordern, für die Wiederherstellung eines allgemeinen. Friedens zu wirken.. Auch die französischen Arbeiter gegen die Intervention. |' . Paris. 11. August. Die ständige Kommission der sozialistischen Partei veröffentlicht in der „Humanitee" seinen Aufruf an die Arbeiter, worin das französische ^Proletariat aufgeforderi wird, sich dem.Vorgehen der Labvur Party anzuschließen. Anzeichen der Anarchie in Polen. Warschau, 10. August. (Privat.) „Kurjer Polski" .schreibt: In der letzten Sitzung des Verteidigungsrates wurde Über Verwendung des Landmarschalls eint Pofener Deputation mit Bischof Adamski an der Spitze empfangen-, welche starke Veränderungen in der Zivil- und Militärverwaltung der ehemals preußischen Webiete forderte.. Der Verteidigungsrat beschloß, über diese Forderungen zur Tagesordnung überzugehen. Im;!3ufantmettfjattg mit diesem Vorfall war gestern das Derücht verbreitet, daß Roman D iN o w s k i beabsichtige, -eine separate „Regierung" in Posen zu schaffen.- Es wurden sogar Ministerkandidaten genannt und in diese Kombinationen fremde Staaten einbezogen, genau so — schreibt „Kurjer Polski" — wie in den guten alten .Alten der .Schlachts-Anarchie. Große Vorräte in Bialystok von den Bolschewisten erbeutet. Warschau, 10. August. (Privat.) Wie „Rzeczpofpvilita" meldet, sind beim Rückzug der Polen von den riesigen Warenvorräten, die sich in Bialystok befanden, bloß die Warenlager der Fabrikanten Hesbak und Trilling weggeführt worden. Alse übrigen Warenvorräte, deren Wert etwa drei Milliarden betragen dürfte, könnten nicht weggeschafft werden, da es au Transporten ttteln und Pferden fehlte. In Bialystok ist auA Zeitungspapier im Werte von mehreren Millionen Mark lzurückgeblieben. Eine offizielle magyarische Abordnung in Warschau. Warschau. 10. August. (Privat.) Beim Stellvertreter des Ministerpräsidenten Daszh nski erschien eine offizielle Anordnung des-ungarischen Parlaments, mm der polnischen Nation namens ganz Ungarns den Musdruck der Freundschaft und die Versicherung. ihrer A'i'lfsL«reilschaft zu Überbringen..Die. ungarische Mglerung habe offiziell noch vor zwei Wochen der Konferenz in Spa ihre Hilfsbereitschaft für Polen , erklärt, dock» blieb dieses Anbot bis heute unbeantwortet. Ungarn könnte mehrere tausend. Leute, ferner größere!Mengen Munition und Waffen nach Polen senden. Litauen «nd Sowsetrußland. Warschau, 10. August. (Privat.) „Daily Telegraph" 'berichtet: Infolge des Ultimatums Litauens an die Mowjetregierang, welches die sofortige Abschaffung der revolutionären Komitees in Wilna und anderen Städten und die Uebergabe der Verwaltung dieser Städte an Litauen fordert, werde« jetzt in Riga,, wo am 6. August eine neuerliche Konferenz der Rändstaaten fiattfindet, Verhandlungen zwischen Joffe mb litauizMn Vertretern gepflogen. i . ' Wiener Morqenzeitung * i-,---- - - — Dstgalizien und die Gegynd von Lublin sollen geräumt werde«. Warfchou. 11'. August. (Havas.) Der nationale Verteidigungsrat hat in se ner gestrigen Sitzung sehr wichtige Maßnahmen über die Verteidigung der Hauptstadt ins Äuge gefaßt. General W « Y g a n d soll dazu ausersehen sein, von dem Rat der nationalen Verteidigung den> O b e r b e f-aü l über die polnischen Truppen-angeboren zu erhalten. Man glaubt, daß er annehmen wird, unter der Bedingung, daß Ostgakizien zeitweise geräumt werde und ebenso die Gegend von Lublin, um die verfügbaren Kräfte mit Rücksicht auf eine spätere große Offensive zentralisieren zu können.. Die polnischen leitenden Stellen scheinen ein solches Opfer nicht bringen zu wollen. General: Peygand soll die Entscheidung von der Antwort der Sowjetregierung auf die letzte Note abhängig gemacht haben. Warschau, '11. August. (Funkspruch.) Frontbericht ' vom 10. August: Der Kampf uni Eiechauow geht ohne Nuterlaß fort. Die Besatzung von M l a w a weist erfolgreich die fiindlchen Angriffe, zurück Zwischen Narew und Bug äußerst heftige Kämpfe, wobei der Feind sehr schwere Verluste erlitt, nachdem es ihm nicht gelang, unsere Front zu 'durchbrechen. Oestlich von Wengrow und südlich von Siehlce werden unsere Truppen planmäßig umgruppiert, ohne daß der Feind nachrückt. Oestlich von S o k a l hat unsere erste Infanteriedivision plötzlich die. 72. feindliche Brigade bei Swinjuchy angegriffen, acht Geschütze erbeutet und einige' hundert Gefangene eingebracht. Zwischen Sereth und Strypa kämpfen die polnischen und ukrainischen Truppen mit Erfolg. Amerika bleibt fern., Washington, 31. August. Das Staatsdepartement hat dem italienischen Botschafter eine Note überreicht als Antwort. aut die italienische Anfrage betreffs der Ansicht der amerikanischen Regierung über die polnische Frage. Da? Staatsdepartement antwortet, daß das amerikanische Volk die territoriale Integrität und Unabhängigkeit Polens äufrechtzi:eA)aÜM wünsche. Die Vereinigten Staaten wollen sich-aber-nicht an .einer Friedenskonferenz ganz Europa? in di-'ser Frage beteiligen. - Lenin an die englische Regierung. Zürich, 11. August. (Privat.) Die russische Mission in London veröffentlicht eine an die englische Regierung gerichtete No te L enins,:die eine sofortige Waffenruhe ab lehnt. Die Note lautet: „«Sobald Polen die Wafftnstillstandsbedingungen unterschreibt, die in der Hauptsache eine Herabsetzung seiner Streitkräfte vsrlangen, wird der Rückzug der Sowjettruppen auf die von^Obersten Rät .am 3. Dezember -1918 bestimmte. De mar^ka Lion slinie, hie neuerdings von Cupzvn in seiner an Tschitscherin gerichteten Note vom 2. Iunü-'bezeichnet ttii, vollzöge^. Gleichzeitig wird aber auch.-die Stärke der Söwjettruppen ander Demarkationslinie herabgesetzt werden, vorausgesetzt, daß die Ententemächte, insbesondere Frankreich, sich verpflichten, da? Vorgehen gegen Sowjet ruß Land sofort emzustellen und gegen Sowjetrußland an keiner Stelle weiter vorzumarschieren, um auf die Sowjettruppen irgendeinen Druck auszuübeu, und ferner die Armes des Generals Wrangel zurückgezogen wird." Eine polnische Protestnote an den Völkerbund. Warschau, '10. August. (Privat.) Die polnische Regierung richtete eine Note an den Rat des Völkerbundes, in der sie erklärte, daß die Berschlep- P u n gs takii'k der Sowjetregierung eine Verständigung unmöglich mache. Die" polnische Regierung, werde trotz allem ihre Bemühungen, zu einem gerechten und ehrenvollen Frieden zu gelangen, fortsetzen. Gleichzeitig betont sie, daß die Verantwortung für weiteres Blutvergießen auf die Sowjetregierung falle. Eine Rebe Trotzkis in Bialystok. Warschau, 10. August. (Privat.) .Wie „Rzeczpospvlita" meldet, hat Trotzki auf einem Meeting in Bialystok eine Rede gehalten, in der er.unter anderem sagte: Wenn auch die Bolschewiken Warschau * nicht werden erobern können, wird in.den besetzten Gebieten doch! eine polnisch-kommunistische Regierung . errichtet werden mit Bialystok als Hauptstadt. Trotzki erklärte firner, die besetzten Gebiete seien gogen eine polnische Gegenoffensive gesichert. Wenn das ganze polnische Volk — schloß Trotzki — sehen wird, daß unter kommunistischer Ordnung bas Leben leichter und-besser ist, werden wir keinen Krieg mehr führen müssen. Das Volk wird selbst das Joch der bourgeoisen Regierung ab werfen. Das lettisch-russische Friedensabkommen. Aus Kopenhagen wird berichtet: Das lettischrussische Friedensabkommen bestimmt unter anderem, baß die von beiden Parteien beabsichtigte Volksabstimmung im Gebiete von D'riswa und Dünaburg nicht stattfinden soll. Dagegen soll die. Teilung der strittigen Zone nach einem gegenseitigen Uebereinkommen vorgenommen werden. Lettland erhält in Rußland Waldßonzesslonen. bas Jsttlanb gehörende Eigentum, Maschinen, Eisenbahnmafirial und Wertpapiere, die im Iahte 1915 »der später nach, Rußland gebracht wurden, warben an Lettland zur stckL« geben. Sowjetrußland ist 12.im* Seite 8 ' jedoch berechtigt, den Gegenwert eventuell in Gold zu entrichten. In spätestens zwei Monaten nach der Ratifizierung des Friedens, wird Rußland an Lettland einen" Vorschuß von 4 Millionen Rllbel in Gold zahlen. Zusammenschluß der englischen Arbeiterverbände. Nach einer Blättermeldung aus London ist diam 10. d. 2K: abgehaltene Sitzung der parlamentarischen Arbeiterpartei, des parlamentarischen Komitees oes Gewerkschaftskongresses und des Vollzugsausschusses der Arbeiterpartei zugleich die wichtigste aller jemals in England abgehaltenen Versammlungen der organisierten Arbeiterschaft gewesen. In den genannten Organisationen sind über sechs Millionen ^Arbeiter vertreten. 'Jwden Arbeiterkreisen wurde gestern abends erklärt, daß, wenn der Generalstreik beschlossen wird, dieser binnen weniger Stunden zur Tatsache werden kann. Die Tschecho-Slowakei neutral. Die vfsiz'öfi „C e s k o-s l o v e n U a 81 i t> u 6 1 i f d'* schreibt: Die Erklärung der jschecho-slowakischen Regierung üher die vollkommene Neutralität im gegenwärtigen russisch-polnischen Kriege wurde von der tschechischen Oeffintlichkelt zustimmend ausgenommen, .Wir hoffen, baß dieser Entschluß unseres Staates seine Pflicht auch im Ausland erfüllen wird, bas heißj. daß er eindringliches Dementi aller ausländischen Gerüchte sein wird, die über den Standpunkt der tschechoslowakischen Republik' ohne hie Tschecho-Slowakei entscheiden tvol.en. Für unse.eu Staat genügt nicht die bloße .Erklärung der Neutralität; die Neutralität bedeutet sstr . unseren Staat auch gewisse Opfer, auch gewisse Bo rb e x e i t u ngen zu ihrer Durchführung. Es besteht allerdings große Hoffnung, daß sich die auswärtige Lage so heraus kristallisieren wird, d aß die Unparteilichkeit unserer Republik überhaupt nicht in Gefahrgeraten wird. Unsere östliche Slowakei, insbesondere Karpathorußland. kann sehrleicht ein äußerst exponierfis Gebiet werden. Wegen der ständigen Nachrichten über magyarische Vorbereitungen zum. Ein-' falle in Ka rpathorußland braucht man sich nicht aufzurSgen, aber vollwmmen unterschätzen darf man diese Nachrichten auch nicht- Die deutsche^ sozialdemokratische Partei versendet einen Aufruf, worin es heißt: Die Arbeiter und Arbeiterinnen der tschechö-sloivakischen Republik ohne Unterschied der Nationalität werden es Emals'zu-. geben können, rnag ftd) die Akgierung wenden, wie * sie will, daß auch nur ein'einziger tschecho-slowakischer Soldat sein Gewehr gegen Sowjetrußland erhebt. Wir machen die Regierung schon jetzt darauf aufmerksam, baß die klassenbewußte Arbeiterschaft auf der Hut ist. Die italienische Kammer über den Vertrag von . St. Germain. In der Diskussion der Außenpolitik erklärte der , Sozialist Ciccott,i, die Regierung hätte bei der Räumung von Valona zwar eine schlechte Presse, aber die Zustimmung der proletarischen Massen. Was ljZo len betreffe, so werde Rußland die Freiheit Polens sicherlich nicht zertreten, wenn Polen seine von Frankreich, gekauften Machthaber absetze und die Integrität und .. Unabhängigeit seiner Nachbarn achte. (Großer Beifalls Die Macht und die Siegestrunkenheit Frankreichs ' intrigiere heute gegen den. Frieden Europas, es wieder- ' hole die Politik Napoleons des Kleinen und denke daran, ä Truppen durch Deutschland nach Polen zu schicken. Das könne den Franzosen aber schlecht bekommen. Schon züngeln die lodernden Flammen der Revolution durch den ganzes Islam, von der Türkei biS zu den Ufern . des Ganges. Italien Müsse wählen zwischen den Besiegten und. den Siegern, zwischen den Unterdrückten und den Unterdrückern. Cicootti schloß, Italien müsse sich den Besiegten von heute zuwenden, die morgen für sich selbst und auch für Italien Wieververgeltung üben würden.^ Das Treiben der Pettjnra-Horden in Ostgalizien. Ostgalizien ist, wie uns eine soeben auS jener Gegend in Wien eingetroffene Persönlichkeit berichtet, gegenwärtig der Schauplatz ernster Exzesse der Petljura- Soldaten,. welchen jene Gebiete als AufmarschraUm dienen. Die Disziplin der . Petljura-Soldaten ist sehr locker und von allen Seiten kommen Nachrichten von Exzessen, zum Teil schwerster Art, welche die Soldaten begehen. Namentlich scheint der Bezirk Horodeucka arg hergenomrnen z« sein und die Nachrichten von ' Plünderungen und Raub häufen sich. Jüdischen Gutsy. besitzern in der Nähe von Horodenka.wurden von.Osfi-^' zieren Pferde mit Gewalt entführt und die,Leute selbst mißhandelt. Der Gutsbesitzer Eisenstein von Skropkow im gleichnamigen Bezirk wurde am iö.d. M. abends, als er mit seiner Familie bei Tische saß, von Petljura- Svldaien überstllen, welche nrit dem Revolver in dep Hand alles Geld und die Oeffnung der Kasse Verlangten. Hierauf wurde die ganze Familie in den Keller gesperrt und das ganze Haus ansgrraubt. In Lemberg herrscht große Panik, die Bevölkerung ist sehr beunruhigt. Die Stadt wird in Der- ' teidigungszustand gesetzt, Schützengräben und Drqhtverhaue werden errichtet, die Leute werden auf bc*. Straßen xusammengefangerr und zu Zwangßarbriren vef halten. Auch bei Ko 1 o m t (i und ,S tan i slail wrrdr ' Schützengräbe» errichter.

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