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Wiener Morgenzeitung · 1920-08-12 · Heft 559 (12.8.1920) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 559 (12.8.1920)
Date
1920-08-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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I Seite 2* Wen, Donnerstags L--> » ---- - keutige Erklärung der Prager Regierung, ihre Neutralitäi mit allen Mitteln zu schützen. Von Oesterreich ist eine solche mutige Stellungnahme, die kaum Wirkungsilos verpuffen würde, bisher nicht erfolgt. Das mag! seinen Grund in der tiefen Zerklüftung unserer inneren! .Politik haben, die zum Teil von den mit Rußland sympathisierenden Sozialdemokratenznm anderen Teil aber von den scharfmacherischen bürgerlichen Parteien kontrolliert wird. In der Verwilderung unseres öffentlichen Lebens scheint die Erkenntnis noch nicht zu reifen, daß Oesterreich nur leben kann, wenn es Frieden halt und alle Bindungen auswärtiger Natur unbedingt ablehnt. Was aber nicht gutzuheitzen ist, das ist die Art, irr * der diese — wie wir nochmals betonen wollen, notwendigen — Besprechungen geführt werden. Herr > Dr. Nenner hat in Prag, wohin er angeblich als Prä- sident der Konsumvereinsverbände fuhr, mit Doktor Benesch verhandelt. Uebermorgen trifft er mit seinem tschechischen Amtskollegen in Gloggnitz zusammen, dann folgen Besprechungen irr Belgrad und. schließlich eine neue Entrevue des Wiener und Prager Ministers. In welchen Bahnen sich diese Konferenzen bewegen, was ihr Inhalt . ist und ob feste Abmachungen getroffen werden, darüber erhält die Oeffentlichkeit nur Communiquees nach Goluchowskischem oder Berchtoldschern Muster. Dazwischen aber erfährt man von Assentierungen großen Stils in der Tschecho-Slowakei und von einem/gemeinsamen Schritt der Tschechen und Jugoflawen in Budapest, der einer scharfen Warnung vor einer Mobilmachung gleichkommt. Was soll diese Geheimniskrämerei einer Bevölkerung gegenüber, deren Nervenkraft durch Not, Paßschikanen und Streikepidemien aufgezehrt ist und die der Pildung politischer Legenden keinen Widerstand leisten kann? Noch weniger Wert aber besitzt diese Methode der verschimmelten Vorkriegsdiplomatie der Entente gegenüber, die über Zuckerbrot und Peitsche verfügt und von diesen Mitteln im verschwiegenen Kämmerlein leichter und lieber Gebrauch . macht als vor den Augen einer bis in die letzten Einzelheiten informierte Oeffentlichkeit, über deren Stimmung sich auch die Mächtigen von Paris nicht so seichten "Herzens hinwegsetzen könnten. Die aus dieser Fehltaktik resultierende Pression ist auch prompt eingetreten. Die Reparationskommission erinnert Oesterreich an feine Verpflichtungen... Die polnisch-russische Friedeusfrage. Der in Oesterreich durchgeführte Streik der Telephon- und Telegrapenangestellten hat seine üble Wirkung auch darin gezeigt, daß es unmöglich war, den großen und tatsächlich weltbewegenden Ereignissen im Osten ^u folgen. Der Kampf zwischen den Armeen Rußlands und dem noch schlagkräftigen Rest der polnischen Macht idauert fort, zugleich aber haben im Schoße der Entente 'die nicht minder bedeutungsvollen Kämpfe begonnen, die sich über die Frage der Vermittlung entspannen haben. Frankreich tritt für eine militärische Hilfeleistung an Polen ein und will von keinen direkten Verhandlungen mit Rußland wissen. England hält jedoch an seiner ursprünglichen Meinung fest, es sei die friedliche Intervention anzustreben. Sehr wichtig ist es, daß Lloyd George in seiner gestern im Londoner Unterhaus gehaltenen Rede eine offene Mißbilligung des polnischen Angriffes auf Rußland ausgesprochen hat. Damit grifft er zugleich die Pariser Politik, deren Opfer Polen -geworden ist. Die Sache steht nun so, daß die Alliierten derzeit dem besiegten Polen nur ihre guten Dienste anbieten. Für den Fall des Scheiterns ded Minsker ^Verhandlungen jedoch versprechen sie, Polen mit Waffen Und Munition beizustehen. Die Moskauer Dritte Internationale hat einen Aufruf an die Proletarier aller Länder zu solidarischem Handeln gegenüber Polen erlassen, welcher eine sehr kräftige Sprache führt. -In dem Aufruf heißt es: Für Sowjetrußland ist die Selbstbestimmung des polnischen Volkes ein heiliges, unantastbares Recht. Solange aber in Polen die Clique von kapitalistischen Abenteurern und Grundbesitzern herrscht, die das Land in ein verbrecherisches Kriegsabenteuer hineingehetzt haben, solange die Kapitalisten der Entente Polen mit Waffen versorgen, befindet sich Rußland im Verteidigungskrieg. Wenn Svwjetrußland den polnischen Weißgardisten heute eine Atempause gewährt, wenn Sowjetrußland ihnen die Möglichkeit gibt, ihr geschlagenes Heer wieder aufzurichten und mit Hilfe der Entente auszurüsten, so wird es morgen wieder gezwungen sein. Hunderttausende seiner besten Söhne für einen neuen Verteidigungskampf an die Front zu schicken. Die Aufgabe der Proletarier aller Länder besteht darin, daß sie mit allen Kräften verhindern, daß die Negierungen Englands, Frankreichs, Italiens und Amerikas den polnischen Weißgardisten irgendwelche Hilfe leisten. , Dieser Aufruf läßt es als.fraglich erscheinen, ob -Sowjetruhland jene Zusagen einzuhalten beabsichtigt, s welche die bolschewikischen Unterhändler Käme new jund Krassin in London gemacht haben, die zugesagt haben, daß Rußland auch seinerseits unter gewissen Umständen die Truppenbestände zu verringern und den .Vormarsch einzustellen bereit sei. Auch läßt die Sprache dieses Aufrufes schließen, daß man in Moskau nicht vhneweilers bereit ist, sich zu einem Programm der . Nichteinmischung in die innerpolitischen Angelegenheiten Polens zu bekennen. , Wiener Morgerrzeitnng' 12. August 1920 9fc559\ - Weltkrieg oder Triede? Die Moskauer Waffen- . stillstandsbedmgrmgen. Paris, 11. August. (Wolfs.) Die gestern abends während. der Sitzung des Unterhauses Lloyd George von Kamenew übermittelten Waffenstillstandsbedrngungen der Sowjetregierung an Polen lauten nach dem „Daily Herald" wie folgt: Die polnische Armee darf in Zukunft ein Jahreskontigent von 60.000 Mann nicht übersteigen. Der polnische Generalstab sowie sämtliche Offiziere und alle Verwaltungsbeamten dürfen zusammen höchstens 10.000 Mann stark sein. Die polnische Armee wird sofort nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrages demobilisiert. Alle Waffen und die Munition, die für die Armee nicht erforderlich sind, lverden an Sowjetrußland und die Ukraine ausgeliefert. Die Waffen- und Munitionsindustrie wird sofort stillgelegt und weder Waffen noch Kriegsmaterial dürfen aus dem Ausland in Polen eingeführt werden. Die Eisenbahn Wolkowijsk—-Bialystok—-Grajewo wird Rußland zum Zwecke des Handelsaustausches von und nach dem Baltischen Meer zur Verfügung gestellt. Die Familien aller kriegsverwundeten oder gefallenen Soldaten erhalten vorn Staate Land. Gleichzeitig mit der Demobilisation des polnischen Heeres ziehen sich die russischen und ukrainischen Truppen aus Polen zurück. Die W affen stillstan d sv ertrag s l in i e wird die sein, die in der Note von Lord Curzon am 20. Juli angegeben wurde. Die polnische Armee' zieht sich 50 Werst von dieser Linie zurück. Die endgültige Grenze des zukünftigen unabhängigen polnischen Staates wird ungefähr dieselbe sein, die in der gleichen Note festgesetzt worden ist, doch soll Polen im Osten neues Gebiet erhalten, besonders' in der Gegend von Bialystok und Cholm. Die polnische Abordnung noch nicht in Minsk. Warschau» 11.August.(Funkspruch.) Volks- Kommissär Tschitscherin hat Kamenew in London mitgeteilt, daß dtepoln 1 sche Abordnung noch nicht eingetroffen sei, er daher Parlamentäre zur Erkundigung an die polnische Front entsendet und außerdem mit Funkspruch die polnische Regierung verständigt habe, daß die Parlamentäre, die die polnische Abordnung nach Minsk geleiten sollen, auf dsr S t r a tz e v o n Siedlee warten. Warschau, 11. August. (Funkspruch.) Minister des Auswärtigen S a p i e h a hat .dem Volkskommissar Tschitscherin mitgeteilt, daß noch keine Antwort auf den Funkspruch der polnischen Regierung vom 5. August eingelangt sei, daß jedoch russische Parlameniäre bei den polnischen Vorposten sich nach der Ankunst der polnischen Abordnung erkundigt hätten. Die polnische Regierung habe daher Parlamentäre entsendet, um das Nähere wegen Entsendung der Friedensabordnung zu besprechen. London, 10. August. (Funkspruch.) Der Bericht über die Zusammenkunft vonHythe besagt, daß mit den Maßnahmen der Verbündeten bis zum Abschluß der MinSker Verhandlungen zugewartet werden soll. Anterdeffen seien die Verbündete« bemüht, alles aufzubieteu, um einen neuen Krieg zn vermeiden. Nach „Daily NewS" find für die Minsker Konferenz folgende Vorschläge gemacht worden: 1. Sofortige Veröffentlichung der russischen Friedensbedingungen. 2. Die Konferenz soll sich über die Grundfragen des Waffenstillstandes ehestens einigen. 3. Innerhalb 24 Stunden soll womSgllch der Waffenstillstand so weit in Kraft trete«, daß die Feindseligkeiten eingestellt werden. 4. Aebev die Konferenz soll ein vollständiges Protokoll veröffentlicht werden. Der russische Bormarsch. Mlawa gefalle«. — Der Kampf «m Warschau. Berlin, 11. August. (Telegramm der „Wiener Morgenzeitung".) Die ruffischen Kavalleriepatrouille«, , die von Chortcllen und PraSnisch nach Westen borge-- drungen sind, haben die Bahnlinie Warschau— Mlawa überschritten. Mlawa und Tvganolp sind in ihrem Besitz. Die polnischen Truppen, die zwischen Ostrolenka und südlich Ostrowo noch operieren, sind vom Rückzug nach Warschau so gut wie ab geschnitten. Die Russen stehen nördlich von Warschau etwa einen Tagesmarsch entfernt. Vor Warschau wird von de« Pole» fieberhaft an der Instandsetzung der Befestigungswcrke gearbeitet.^ Da die meisten Forts seinerzeit von den deutschen Truppen gesprengt wurden, beabsichtigt die polnische Heeresleitung, eine Linie von Feldbefestigungen ungefähr 15 Kilometer vor Warschau anzulegeü. Weiter üblich haben die Rüsten Wladimir-Wolynsk erreicht und dringen auch in Ostgälizien neuerdings vor. Im Gebiet von Tarnopol wurden die Polen au die Quelle der Strypa geworfen. Moskau, 10. August. (Funkspruch.) Front, rericht vom 9. August: Prasnytsch und O st rolle nka wurde» besetzt, Gefangene, Maschinengewehre und ein Munitionslager emgebracht. Unsere Vortruppen stehen 25 Werst südwestlich von Ostrolenka. Der Narew wurde überschritten, Rozan, Brok und Malskin wurden eingenommen. Richtung Siedlte und Lukowiee der feindliche Widerstand gebrochen, Pekterowo, 15'Werst westlich des Bug, wurde besetzt. Um W l o d a w a wird gekämpft. Südlich der Bahnlinie Kowel—Cholm ist der Bug überschritten worden. Bei Brody hartnäckiger Kampf mit bedeutenden feindlichen Kräften. Im Krim-Abschnitt wurde im Gebiet von Cherson das rechte Dnjeprufer erreicht und viel Munition erbeutet. Warschau, 10. August. (Funkfpruch.) Front- Lericht vom 9. August: Feindliche Reiterei ist au bc* Bahnlinie nach Mlawa uud besetzte vorübergehend Ciechanow. Zwischen Bug und Närew ist die Lage unverändert. Oestlich Siedlee planmäßige Umgruppierung. Nördlich Brody im Abschnitt Stanislawski greift der Feind in westlicher Richtung an. Unsere Abteilungen im Abschnitt Brody »ahme« nach der Besetzung dieser Stadt Radziwillow ein, wobei sie eine Batterie und vier Maschinengewehre erbeuteten. Warschau, 10. August. Die Kämpfe bei Ciechanow dauern weiter an. Die Besatzung von Lava weist alle Angriff des Feindes erfolgreich ab. Zwischen Raren, und Bug haben sich hartnäckige Kämpfe entwickelt, in derren der Feind ungeachtet seiner blutigen Verluste unsere Front nicht durchbrechen konnte. Westlich von Wengrvw dauern die Kämpfe an. Oestlich und südlich hm Sied lce finden weitere Umgruppierungen unserer Abteilungen statt, jedoch ohne Fühlung mit dem Feinde. Moskau, 11. August. (Funkspruch.) Frontbericht vom 10. August: Richtung Nowo-Georgiewsk erreichten wir nach hartnäckigem Kampfe Ortschaften östlich von Makow. Auf beiden Ufern des Bug entwickelt sich trotz heftigen feindlichen Widerstandes unsere Offensive nach Westen. Ortschaften 20' Werst westlich vom Bug wurden besetzt. Am 9. August wurde Bjela genommen. Um W l o d a w a wird noch gekämpft. Im Bezirk K o n S k ist der Bug Lei der Eisenbahnbrücke überschritten, der Vormarsch auf dem linkenUfer wird fortgesetzt. Nordwestlich von Brody warfen wir durch überraschenden Augriff die Polen bis Radziechow zurück. Am Sereth wird um die Stadt B u c z a c z gekämpft. Im Krimabschnitt für uns günstige Kämpfe au der ganzen Front. Warschau unter Feuer? Zürich, 11. August. (Telegramm der „Wiener Morgenzeitung".) Nach einer Meldung der „Daily Mail" sollen die Rottruppe« bereits die Forts von Warschau bombardieren. Paris, 10. August. (Funkspruch.) Nach Meldungen aus Warschau steht der Angriff aus die Stadt unmittelbar bevor. Die Russe« M** sehr große Truppen, mengen zusammen. Wrangel soll helfen. Paris, 11. August. (Funkspruch.) Falls die Verhandlungen in Minsk nicht Linnen einer Woche zum Waffenstillstand geführt haben, wird General Wrangel, der bisher nur von der französischen Negierung unter- . stützt wurde^ auch von England unterstützt werden. Polen wird von den verbündeten Regierungen materielle und moralische Unterstützung erhalten. Sollte der polnische Korridor von den Russen besetzt werden, so wird beti Kriegsmaterialtransport über die Tschccho Slowakei erfolgen. Wilson hilft? Paris, 10. August. (Funkspruch.) „Echo de Paris" meldet aus Washington, daß Präsident Wilson die! Einberufung eines außerordentlichen Kongresses beabsichtige, uin von diesem die vollen Kriegsvollmachten zmn Eingreifen in den polnisch-russischen Krieg zu erhalten. Ein Aufruf Pilsudskis. Warschau, 11. August. (Funkspruch.) StaatSches P i ff u b % l i hat an die. Bevölkerung Polens einen Aufruf erlassen, worin er sie zum Widerstand gegen die Bolschewiken auffordert und an die geschichtliche« Jahre Polens, an 1773, 1830 und 1863 und an den Widerstand Frankreichs unter Gambctta im Jahre 1871 erinnert. Keine Sowjetregie^lmg in Warschau. Posen, 10. August. (Funkspruch.) Die Meldungen über den Sturz der Regierung und Einsetzung einer Svwjetregierung in Warschau sind unwahr. Di« polnische Negierung bleibt so lange in Warschau, bis sie tatsächlich bedroht ist. Alle Einwohner Warschaus bereiten sich zur Per leidig urig der Hauptstadt vor.

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