Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1920-08-08 · Heft 555 (8.8.1920) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 555 (8.8.1920)
Date
1920-08-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2979076-2979416-2979633--04906-2990701
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

f : 5t.. Ö35 CH< C <ts; b. viuguji xdZü b .■ ■■■■,.’ >'.■*» | Der Völkerbundgedanke. Der. Bolschewismus besteht gegenwärtig seine Ktraft-t HröLe gegen die Entente, welche sich-als unfähig-erwiesen hat, wenn, schon nicht einen dauernden Frieden, so doch wenigstens einimZü stand in Europa herzustellen, welcher diesem schwergeprüften Kontinent irgendeine Lebensmöglichkeit gäbe. Heute ist die Entente tr': Pinem so vollständigen Fiasko angelangt> daß für Europa «in neuer^Weltbrand droht, welcher noch größere Verwüstung anvichten wird als der imperialistische des Weltkrieges. Die Weltrevolntivn ist auf dem Marsch, so bezeichnet der Bolschewismus das, was uns droht; in Wirklichkeit aber bedroht Europa ein neuer Kampf jalfet gegen alle, welcher es zu endgültigem Ruin bringeli wird. Es ist Wahnsinndaß es möglich sein sollte, burcks die Gewaltherrschaft einer Klasse das Hell der Menschen' zwangsweise zu erringen.' Die zur Gewalt gewordene Klassenmachtob bürgerlich öder proletarisch, Yb weiß- oder rottervoristisch, kann nur immer wieder Unrecht erzeugen und nie einen Zustand höheren Rechtes schaffen. Welcher Widersinn liegt darin.-durch-prole-» Mischen Militarismus eine Ordnung schaffen zu wollen, die auf dem Rechte aller basieren, soll, durch Klassenmacht,, die sich gegen andere Klassenmacht wendet, einen Wirsgleich züerzielen, aus dem sich ein. Menschheitsxecht aufbauen soll! . ... Die Konferenz in Spa hat deutlich gezeigt, wie weit Europa von internationalem Denken entferntist. ßjn der für jedes Land so wichtigen Kohlenfrage wurde rmmer nur ein National-egoistischer Standpunkt vertreten, Deutschland fühlte sich durch die Bestimmung, baß eS der Entente'die Kohle zum Inlandspreis liefern Muß, übervorteilt, während, die Franzosen ' darüber «rnpört waren, daß. sie die deutsche Kohle weit über hem eigenen Gestehungspreis bezahlen müssen. Diese Gegensätze haben sich auch die Vertreter des Proletariats hüben und drüben zu eigen ge in acht, ein Beweis mehr, baß es heute überaus leicht ist, die Länder. nationalistisch.- kapitalistisch ebenso wie nationalistisch - antiiapttalistisch zu verhetzen. Ein Ausgleich der derschiehenen nätonalen Interessen kann tatsächlich ^rst daun tzrfylgen, wenn die Völker inieLttütibnäl empfinden" und wenn sie die Möglichkeit'haben, dieses inter- und übernationale Mchtsempfindeu zu pflegen an einer Stätte,. hie dafür ausersehen ist. Diese aber ist der Völkeribund. ' , ' - NUn wird dieser Völkerbund von links und rechts herfpottet. Der Bolschewismus behauptet, daß der AölkerbundgedüNke eine Ausgeburt der bürgerlichen Ubsdlogte sei und daß von der Niederwerfung des Kapitalismus, welche durch die. Weltrevolntivn erfolgen Duß, eine Völkerverständigung gänzlich ausgeschlossen Est. Gesetzt nun, es käme nach' der Njederwerfullg Polens,, welche in wenigen Tagen beendet sein dürfte, wirklich tzstm EntscheibungskaMpf zwischen dem imperialistischen Ententekapitatismuß und dem Bolschewismus, so würde haraus lediglich der Ruin Mitteleuropas entstehen, ohne daß der Sozialismus verwirklicht werden würde. Dieser läßt sich' nicht durch die Vernichtung jeder Produktion Ünd ruinöse Verwüstung verwirklichen, sondern nur in piner lebe ns- und arbeitsfähigen Welt, welche aus seelischen Kräften heraus sich eine neue Wirtschaftsordnung gestaltet. Gerade der Völkerbundgedanke, welchen die Anim und Trötzki ablehnen, weil sie in ihrer starrem Doktrin keinen Raum für zwischenstaatliche Rechtsformen , Und Rechtsnormen haben, birgt den Keim dieser seelischen Umwertung in sich, welche durch die Schaffung höherer zwischenstaatlicher Entwicklungsformen zu einem wirklich internationalen Denken als der ersten Stufe jistnes wirklichen Sozialismus führen soll. Gevade in der Entente hat sich das Bedürfnis nach Entwicklung solcher höherer Awischenstaatlicher Kräfte «geltend gemacht und die von Wilson propagierte Rechtsihee des Völkerbundes hat vielleicht bei dem ersten eignis, welches auf friedliche Lösung strittiger Fragen v!hne Gewalt hinarbeitete. Lei der Konferenz in Spa, trotz.französischen Säbelrasselns, die zwischenstaatlichen Wusglerchsmöglichkeiten über die Politik der Gewalt wild der Auflehnung hüben und drüben die Oberhand gewinnen lassen. Freilich besteht dieser Völkerbund noch nicht. Von Amerika wurde der Gedanke im Stich gelassen', von der Entente schon-dadurch verzerrt, daß sie die'Besiegten ausschloß. Wenn daher Lloyd George in Verhandluntzen mir Rußland die Nichtachtung des Völkerbundes geklagt, so ist dies nur ein Spiel mit Worten, denn yine Völkermoral, eine internationale Ethik, kann nur Hann allgemeine Gültigkeit haben, wenn sie nicht von Egendeiner alliierten Staateygruppe, sondern von der Gesamtheit aller Kulturvölker als Gesetz verkündet wird. Rur so kann das Rechtsforum für die Geltung dieser Ethik, die Völkerbundinstitutivn, die Autorität haben, tzlle Störenfriede und Brandstifter, die Kriegshetzer und Nätionalegoisten dem Äbscheü und. der Verachtung der Mitteten Menschheit preiszugeben und den Frieden der Welt zu erhalten. Wenn jedoch eine so hohe Idee, wie it erst vor kurzem geschah, als das polnische Kriegs-, abenteuer von der heute den sogenannten Völkerbund' gilbenden Mächtegruppe geduldet und angestiftet wurde, züm Spielball der Machtpoliiik wird, dann ist es fein Wunder, daß diese Machtpositik bankrottiert und Hatz - eine andere Machtpolitik, die angeblich weltrevolutivnärstdlschewikische, durch den Sieg entsessttt, sich zuni Hkrrn der' Situation zu' machen sucht, einer Situation,, die lN'jedem Fau^ unhaltbar ist und Min und Vernichtung, strhrg und Terror auf allen Seiten mit sich bringt. \ _ Uor der €n Entspannung. London, 7. August. (Funkspruäh) Trotz der düsteren Läge wird aus diplomatischen Kreisen nutgeteilt, daß eine Entspannung eingetreten ist. Nach der Besprechung Kanienews mit Lloyd George wurde mitgeteUt, daß die Lage ausgesprochen leichter (distinctly easier) sei. Die Note Kamenews sei nicht völlig zufricdenstellend gewesen, die nachfolgende Besprechung hätte jedoch viele Schwierigkeiten aufgeklärt. „Daily Telegraph" teilt mit, daß Lloyd George in feiner Unterredung Kamenew aufmerksam gemacht habe, daß die Sowjetregierung eine ungeheure Verantwortung übernehme, datz^sie das ganze Festland und vielleicht noch mehr in ein Chaos stürzen und Polen zerstören und bolschewisieren würde. Wenn die Bekenntnisse zum Frieden und für das Volkswohl aufrichtig seren, wäre der Krieg undenkbar. Die kritische Lage Polens. Pa.iS, 7. August. (Havas.^ In Besprechung der Unterredung Lloyd Georges mit Kamenew und Krassin will „Petit Parisien" erfahren haben, daß Lloyd George von Kamenew die Versicherung verlangt habe, daß die russischen Truppen Warschau nicht betreten. Dem „Petit Journal" Zufolge hätten tzie bolschewikischen Delegierten Lloyd George versichert, daß die Ranbstaaten'an der Londoner Konferenz teilnehmen könnten, unter der Voraussetzung, daß Deutschland, gleichfalls vertreten sei. Der bevorstehenden Zusammenkunft Lloyd Georges und Millerands messen die Blätter übereinstimmend große Bedeutung-bei. Der . „Matin" meint, der Beschluß der dieser neuen Begegnung-. zugrunde liegende, zeige, daß der Traum Moskaus und Berlins Lloyd George zu überreden und F ran kr ei ch z u isolieren, nicht zur Wirklichkeit werden, würde.; Foch bei der Beratung. London, 7. August. (Funkspruch.) Bei der morgigen Zusammenkunft werden auch die Marschälle Wilson und Foch anwesend sein. Um im Falle einer ungenügenden russischen Antwort die Entschüsse der Sachlage entsprechend zu fassen. Die Seebefehl sh aber der Verbündeten im Schwarzen Meere sind jedoch bereits angewiesen worden, im. entsprechenden Augenblick Wrangel zu unterstützen. Dev polnische KronLberrcht. s Warschau, 7. August. (Funkspruch.) Frontbericht vom 6. August: Der Feind greift weiter hartnäckig O st r o l e n k a an. Unsere Infanterie, Reiterei und unsere Freiwilligen haben nicht nur die Angriffe zurückgeworfen, sondern auch in Gegenangriffen 300 Gefangene und mehrere Maschinengewehre eingebracht. In diesen Kämpfen haben sich unsere Matrosen besonders hervorgetan. Zwischen Ostrolenka und dem Vug behalten unsere Abteilungen Fühlung .mit dein Au die Stelle der Machtpolitik muß durch die wirkliche ehrliche Erfassung des Völkerbundgebankens die Rechtspolitik treten» Dazu muß ein wirklicher Völkerbund mit Deutschland und Rußland geschaffen'werden. Nur so, wenn die Völker die Möglichkeit haben, international zu denken und zu leben, wird das übernationale Ideal der Menschheit, das Sozialismus heißt und heute vom Klassenmachthungerherabgewürdigt ist, verwirklicht werden. Der Völkerbundgedanke,, ein uralter jüdischer Gedanke, wird wohl auch dem Judentum erst die sichere Erhaltung seiner eigenheimatlichen Existenz geben, welche ihm weder imperialistische noch proletarische Machtpolitik und ihre Nutzung gewährleisten können. Für die ganze Menschheit aber, vor allem für das kranke Europa, ist der Völkerbundgedanke, durch den sich ddr Ausgleich aller Klassen- und Völkerideale vollziehen muß, der Grundstein seiner Genesung.' Darum muß er verwirklicht werden! ' Die zionistische Darteivertretung beim Holmfchen Ministerpräsidenten. Lem.be. g, 6. August. (Del. der „Wiener Morgenzeitung".) Am 4. d. M. erschien beim Ministerpräsidenten Witos, welcher jetzt in. Lemberg weilt, eine Deputation der Zionistischen Partei Ostgaliziens, bestehend aus dem Vizepräsidenten der Exekutive Schreiber, Redakteur Frostig und Dr. Oreust ein. Die Deputation schilderte dem Ministerpräsidenten die gegenwärtige schwierige Lage der jüdischen Bevölkerung in Ostgalizien, wie insbesondere auf die letzten J'udenexzesse in Svkolvwka, Zotkiew, Dobr k a und anderen vstgalizischcn Städten hin und verlangte energische Intervention der Regierung, damit die erwähnten Vorfälle streng untersucht und.geahndet sowie einer Wiederholung in Lukunit vorgebeugt werde. Ferner führte die Deputation Klage darüber, daß Unterbehörbeir m den Provirrzstädten OftgalizienS Zionisten internieren, und die ztonistische $8««» wegung unter d r n cke n. Endlich schildert« die De-; putation die bedauerlichen A u s n a h m s v e r f ü g u ng«n und Pexationen, unter denen die jüdische Feinde und gruppieren sich für neue 'Kampfhandlunge» um. Bei M a l k i n i a wurden starke feindliche Ab teilungen, die sich unseren Linien näherten, verjagt Oestlich S o k v l o w dauert der Kampf gegen de» Feind, der den Bug überschritten hat, fort. Im Gebiet von Pratülin am Bug wurde der Feind endgültig au! das andere Ufer geworfen, bei Mekra wurden einig« Dutzend Gefangene und zwei Maschinengewehre einge> bracht. Im Gebiet von Brest haben heftige Angriff« des Feindes zur terltoeisen Räuinung dop Ti.raspol geführt, ein glänzender Gegenangrifj unserer Gebirgstruppen warf den Feind nach hartem Kampf auf das Ostufer des Bug, wobei 200 Gefangen« und mehrere Maschinengewehre, eine Batterie und biel, Train eingebracht wurden. Südlich Brest Ruhe. An> griffe auf den Brückenkopf von Slawatycze wurden abgewiesen. Während der Kämpfe im Gebiet von Brodr; wurde der Feind auf Radziwillow zurückgeworfen, viel« Gefangene und zahlreiche Beute, darunter die Standart« der Zweiten bolschewikischen Reiterbrigade, eingebracht Im Gebiet von Mikulince hat der Feind trotz der Der»' luste der letzten Tage den Angriff auf die Gruppe des Obersten Januczajtis von neuem begonnen. In diesem - Abschnitt dauert der Kampf um den Sereth an. Bis. her wurden 350 Gefangene und 42 Maschinengewehr« eingebracht. Im Abschnitt der ukrainischen Truppen dauert der Kampf an. Kopenhagen, 7. August. Nach einem Telegramm aus Warschau meldet der polnische Heeresbericht vom '7d. M.: An der Serethlinie keine Veränderung. In der Gegend von Brody verläuft unsere Gegenaktion günstig. An der mittleren Front griff der Feind auf der Linie Koden-^-Kowel—Luck ohne Erfolg an. Bei Wiznaw zersprengten wir zwei bolschewikische Regimenter, machten 500 Gefangene und erbeuteten mehrere Geschütze. Die gegen die Stadt Lomscha. gerichteten Angriffe wurden zürückgewiesen. Für Wrangel bestimmte Flugzeuge beschlagnahmt. Moskau, 7. August. (Funkspruch.) Auf den französischen Schiffen, die die russischen Kriegsgefangenen nach Odessa brachten, sind 28 Flugboote mit voller Ausrüstung, bestimmt für General Wrangel, vorgefunden worden. Die Flugboote wurden als .Bannware - erklärt und.dürfen den Hafen nicht verlassen. Die Trade-Anion gegen die Polenhilfe. London. 7.- August. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Robert Williams sandte den deutschem Transportarbeitern das folgende Telegramm: Unsere besten Glückwünsche den Dockarbeitern von Danzig zu Ihrer Weigerung, Kriegsmaterial für die reaktionären Polen auszuladen. Wir bedauern, daß englische Soldiateiu als Streikbrecher verwendet werden. Die engr lisch« trade-unionistische Bewegung beschloß zur unmittelbaren Aktion zu greifen, um die Sendung vow Waffen an die Feinde Rußlands zu verhindern. - Bevölkerung im Lande zu leiden hat, wie ArbeitSpreffung, Krügel, Bahn- und Straßenrazzien und der«, gleichen. ... 1 ' ’ ' Witos, welcher die DePutatiM in Anwesenheit des Generaldelegaten Dr. Galeeki empfing, erklärte i» seiner Antwort, daß die neue demokratische Regierung die Ausschreitungen gegen die Juden verurteile, daß> sie allen Staatsbürgern ohne Unterschied der Sfcom* fession und Nationalität die gleiche Behandlung zuteil* werden lasse und daß die Schuldigen verfolgt werben sollen ohne Rücksicht darauf, welcher Nation sie angehören. Die neue Regierung werde die Beratungen über eine polnisch-jüdische Verständigung, welche von der früheren Regierung begonnen wurden, weiierführen. Freilich könne die Regierung die Verhältnissein ' dem gegenwärtig so schweren Moment nicht mit einem Schlage ändern. Schließlich ersuchte der Ministerpräsident, ihm über die von der Deputation, erwähnten Exzesse schriftliche Detailberichte vorzulegen, damit die Untersuchung geführt werde. Auch Doktor Galeck'i bat um genaue Berichterstattung über jede» einzelnen Fall von Ausschreitungen gegen die Juden und fügte hinzu, es bestehe bei den Behörden nichts die Absicht, die zionistische Bewegung zu verfolge^.! . -- ■ 4 Die Zweite Internationale für ei« soziMstt»' , sches Palästina. * Genf, 6. August. Die Resolution über die Rechte« der Völker stellt fest, daß immer noch, z a h l r e i d)ei Völker unterdrückt oder bedroht werden. Der! Kongreß protestiert gegen die gegen die Sowjetrepublik ge: ich'.eten Angrisse; seiner gegen die Besetzung litauischen, Gebietes durch Polen und gegen die Unterdrückung dert autonomen Behörden Litauens durch die russischest Besatzungstruppen. Schließlich wird die Aufmerksamkeit aller Nationen auf die Lage Polens gelenkt, dessen, Existenz bedroht ist und dessen Unabhängigkeit^ traditionell eine der grundlegenden Forderungen de-kv Prinzips der Internatisnale. bedeute. Die Jnteruationale ist der Meinung, daß ein gerechter Friede die Unabhängigkeit Polens zu garantieren habe; gleich* <v.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.