Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 552 (5.8.1920)
- Date
- 1920-08-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4< Wien, Donnerstag Wiener Morgenzeitung n5 August 1920 9srmK geh't, bann ist er kein Bürger und' Litt Patriot , , « (5EEm geordneter Klein: Die neue Koalition Frjsömann-Kunschak!) Die neue Koalition Benedikt-Segur spricht vom Bolschewismus, weil Steuern gezahlt werden sollen. Ohne Steuern kann' lein Staat existieren undeS wird der Tag kommen, wo die Bevölkerung.Ihnen mit ihrer demagogischen Politik heimleuchten wird. (Beifall links.) Entweder sind Sie Bürger, dann geben Sie dem Staate, was des Staates ist, oder Sie sind keine Bürger, dann werden wir Sie als schlechte Patrioten behandeln. Sagen Sie uns, wie die Stadt verwaltet werden soll, ohne daß die Bürger Steuern zahlen. Redner appelliert in letzter Stunde an die Gegenpartei, diese gehässige Politik gegen die Steuergesehe aufzugeben und dem Staate zu geben,. was des Staates ist, und der Stadt, was der Stadt ist. (Lebhafter Beifall links.) Abgeordneter Nagler weist für den abwesenden Abgeordneten Segur die Verdächtigung des Bestandes einer innigen Verbindung desselben mit der jüdjschliberalen Presse zurück. Auf den Zuruf: Wer sitzt mit dem Friedmann /int Ständerat? erklärt Abgeordneter Nagler: Zwischen uns und Friedmann ist keine Verbindung. Ich.bitte, keinen Dreh! Abgeordneter-C H vi ft o p h: Ihr habt jetzt den Juden, den Mgeordneten Friedmann, als Hausjuden! Zwischenrufe:- Der. Führer Lueger hat viele jüdische Freunde gehabt! Der Friedmann wiegt alle' Juden, aus! Abgeordneter Nagler: Parteimäßig geht uns der Friedmann nichts au. (Zwischenruf: Lesen Sie den Semi- Gotha, da steht Ihre halbe Partei drin.) Eine Erklärung der Christlichsozialeu: Abgeordneter Nagler verliest hierauf eine Erklärung seiner Partei, in welcher die Vorlage als antisozial bezeichnet und die Rückverweisnng an die Gemeinde Wien verlangt wird. Die Christlichsozialen und Deutschnationalen verlassen den,Saal. - Nachdem der Berichterstatter sich gegen die Rückverweisung ausgesprochen^ wird über den Antrag, Nagler, rbgestimmt, der gegen die Stimmen der Christlichsozialen und Deutschnatwnalen abgelehnt wird, worauf die Angehörigen dieser beiden Parteien den S a al verlassen- Abgeordneter Richter: Der Auszug der Christlichsozialen und ihrer deutschnatwnalen Schützenhilfe ist als Manöver zu bewerten, von dem Wunsche diktiert, das ziemlich stark ramponierte Ansehen der christlichsozialeu Partei wieder einigermaßen auszusrischen. (Zwischenrufe: Sehr richtig!) Tatsache ist, daß schon lange vor dem Kriege Provinz gemeinden Umlagen von zwei- bis fünf-, ja bis achthundert Prozent bewilligt wurden, und nun soll an den durch die Vorlagen einzuführenden Steuern ans einmal die Welt zugrunde gehen? - * -! Berichterstatter Abgeordneter E m m erling entkräftet den Borwurf, daß bter Vorlagen nicht entsprechend begründet wurden, mit dem Hinweis darauf, daß die. Motive, nämlich den Abgang von über 1200 Millionen .Kronen, zu decken, der ganzen Bevölkerung bekannt seien. Er stellt weiters fest, daß die Gegenpartei keine konkreten Gegen- oder Abänderungsvorschläge embrachte, erinnert an die seinerzeitige Taktik der christlichsozialen Streikbrecher, würdigt die Verdienste des Finanzreferenien der Gemeinde Wien und vermerkt schließlich : Wir verlassen uns bei den kommenden Wahlen auf die breiten Massen der Bevölkerung,, die ganz gut wissen, daß das, was (vir machen, dem Volke zwar arge Lasten auferlegt, aber der. einzige Ausweg aus dem Wirrsal ist, das.uns der Krieg und-die'Kriegsfolgen' gebraut haben. ' Es wird hierauf in die Spezialdebatte eingegangen, bei welcher außer dem Referenten niemand das Wort nimmt. Alle Gesetze werden angenommen. Nächste Sitzung: Heute, um 11 Uhr vormittags. Telegramme. Gehsimfttzung des Völkevbrrndrates. San Sebastian, 4. August. (Havas.) Der Völkerbundrac hielt gestern nachmittags eine geheime Sitzung' ab, iu deren Verlauf Drummond den Bericht über die Heimschaffung der Kriegsgefangenen verlas. Sodann wurde in Anwesenheit eines polnischen Ministers die Lage Polens geprüft, die infolge des Auftauchens des« Typhus in diesem Lande bedrohlich ist. Bourgeois teilte hierauf die Ergebnisse der Arbeiten des internationalen Komitees der juristischen Sachverständigen für die Errichtung eines internationalen Gerichtshofes mit. Ern Negerkonsreß. Amsterdam, 4. August. Wie die ,.T i m e §* aus New« Dork nnldrn, ist dort der Kongreß zur Besprechung der Lage der schwarzen Rasse eröffnet worden. Der ersten Sitzung haben etwa 20.000 Neger bei gewohnt, 'v Die Kämpfe in Kleirrafisn. London, 4. August. (Reuter.) Der griechische Heeresbericht meldet, daß bei Demirdji in Kleinasien ein 24s1ündiger Verzweiflungskampf ausgefvchten wurde. Ein vorgeschobenes B at a i 11 o n wurde von einer starken kemalistischen Streitmacht angegriffen. Die Griechen mußten sich schließlich zurückziehen. Die Mannschaften der Maschinengewehrabteilungcn, die den Rückzug decken mußten, blieben alle tot auf dem Platze. Unruhen am unteren Euphrat. Paris, 4. August. (Wolff.) Nach einem amtlichen englischen Bericht haben die U n r u h e n a m u n t e r e n E u p h r a t Ugch kein Ende gefunden. Verschiedentlich sind wieder britische Posten angegriffen worden. Die Division von D i w a n i a hat sich nach Hamali zurückziehen muffen. Eine von H i l l a vorgegangene Kolonne wurde von Eingeborenen angegriffen, woraus sich die Kolonne mit 60 Verwundeten nach Hilla zurückziehen mußte. Ein russisch-zapauisches Aeberemkommen. Moskau, .3. August. Der Kommandant der japanischen Expeditionsarmee, General Tagaznagi, und der Vertreter der russischen Republik im fernen Osten haben am 28. Juli ein Uebereinkommen unterzeichnet und Noten gewechselt, welche die Richtlinien der beiderseitigen Politik festsehen. In kürzester Zeit soll der Abzug der japanischen Truppen aus dem Gebiet der russischon Republik erfolgen. Andererseits hat die russische Delegation erklärt, daß europäisches Sowjetmilitär in das Gebiet im fernen Osten nicht einmarschieren werde. Ferner garantiert: die russische Delegation für die persönliche und rechtliche Sicherheit der japanischen Untertanen im fernen Osten. Verurteilte Kommunisten in Amerika. Washington, 4. August. (Funkspruch.) Der sozialistische Millionär William Lloyd und 19 andere Mitglieder der kommunistischen Partei sind vom Gerichtshof in Chicago der Verschwörung gegen die Regierung schuldig befunden und . außer zu einer hohen Geldstrafe .zu einem bis fünf Jahren Srafanstalt verurteilt worden. Achtung auf Rußlands Kroujmoeleu. London, 4. August. (Funkspruch.) Ein Teil der russischen Kronjuwelen soll durch bolschewikische Agenten nach England gebracht worden sein.'Alle Edelsteinhändler wurden daraus aufmerksam gemacht, damit die Kriegskasse der Sowjets nicht durch englisches Geld gefüllt werde. . Russisch-litauische Verhandlungen. den Bedarf des eigenen Landes an Kohle bei wertem! nicht decken könnte^. Er forderte zu energischem Auf« treten gegen den Weißen Terror in Ungarn aus. Ditz Arbeiter, die wohl in großer Mehrheit gegen die Räie^ diktatur gewesen seien, befanden sich' jetzt zu Hunderts tausenden in Internierungslagern und Gefängnisse«^ Von einem demokratischen System von PressemtU. Redefreiheit könne in Ungarn gar keine Rede sein.! Die Regierung wolle die Arbeitszeit auf 12 Stunden» verlängern und die Löhne abbauen. Als Mitglied der? ehemaligen Regierung Huszar müsse er die Internationale zum Kampf gegen den Weißen Terror aufrusen.s England für die Neutralität Mitteleuropas/ London, 4. August. (Reuter.) Bonar Law erklärte im Unterhaus, es liege nicht in der Politik der britv schen Regierung, die deutsche und die ungarische Regierung zur Mitwirkung an Feindseligkeiten gegen Rußland ernzuladen. TefKe« und Zips. > Prag» 4. August. (Tschecho-slow. Pceßbnr.) Im ständiges Ausschuß der Nationalversammlung erstattete heute Minister de-' Aeußern B e n e s ch ein umfangreiches Referat über die Entwicklung der Teschmer Frage. Bei der Abstimmung wurden mit 11 Stimmen gegen 4 Stimmen der tschechischen Volkspartei und der ischechisch-nationaldemokratischen Partei sowie, gegen 6 deutsche Stimmen zwei Resolutionen angmommen, von. denen die eine konstatiert, daß die Entscheidung der Botschaften konferenz bei der Lösung der Teschener Frage nicht die histori-schen Rechte des tschechischm Volkes gewahrt habe. In der zweiten Resolution wird verlangt, daß die tschecho-slowakische. Negierung dafür sotgt, daß die Bevölkerung der Zips und von Arva, die an Polen fällt, vor eventuellen polnischen Verfolgungen geschützt werde.; Drohender Eisenbahnerstreik itt der Tschechow Slowakei. j Prag, 4. August. Die „Tribuna" meldet:' Ditz Maschinenführer und Heizer der tschechischen Bahne«! , haben für den 10. August, 12 Uhr nachts,, den allgtz^ meinen Streik proklamiert, wenn bis dahry ihre Forderungen nicht erfüllt werden. ' Aebernahme derKarwiner Gemeindevertretung! durch die Tschechen. m Prag, 4. August. (Privat.) „Ceske Slovo* meldet aus Karmin: Heute hat die tschechische Verwaltung die Führung der Gemeindeangelegenheitey' übernommen. S'' Tagesbericht. Tragödien des Alltags. Ein tiefgehender ehelicher Zwist hat zwischen 8eotz 58jährigen Eisenbahnwächter Thomas Stollingetz und seiner (Gattin G-moveva geherrscht. Das Ehepaars das im Hause 2. Bezirk, Volksgartenstraße 25, wohnte^ stritt sehr oft und schließlich wurde der Scheidungsprozeß eingeleitet. Frau Stollinger war gestern nachmittags allein in der Wohnung mit ReinigungSarbeiten . be-i. schästigt, als der Mann heimkam. Er zog plötzlich einen! Revolver hervor und gab aus unmittelbarer Nähe zwei! Schüsse gegen seine Gattin ab. Sre trafenin beflj Herzgegend und die Frau brach zusammen. Gleich danach setzte Stollinger sich die Waffe an die r^httz Schläfe und drückte ab. Mit durchschossenem Schädels brach auch er zusammen. Häusleute eilten herber und bet-, ständigten die Rettungsgesellschaft, doch konnte der Jnfpektionsarzt bei Mann und Frau nur den Eintritt deS8 Todesfeststellen.? .5^ * .. " •» ' " VI-"-!» Kriegsgefangene als Sklaven verkauft? Eine Erklärung ven amtlicher Seite. Saut- Pariser Meldungen soll Fritjof Nansen vor' -cm Dölkerbundrat in San Sebastian erklärt haben, daß von den 200.000 in Turkestan interniert gewesenen Kriegsgefangenen 70.000 in ihre Heimat zurückbefördert wurden, die übrigen 130.000 aber seien entweder tot oder als Sklaven an d e n E m i r v o n B u ch a r a v e r k a u f t worden- Dazu wird von zuständiger Seite sestgestellt, daß Fritjof Ransen, der in Angelegenheit unserer Kr-egsgefangmen in einem Depeschenverkchr mit der österreichischen Regierung steht, Mher niemals auch nur andeutungsweise Angaben über einen derartigen Sachverhalt gemacht hat. Das Aebersinkommen bezüglich der österreichischen Schulden in Frankreich unterzeichnet. Paris, 4. August. Ministerpräsident M i l l e r a n d hat mit dem österreichischen Staatssekretär für Finanzen Dr. Reisch tnd dem Bevollmächtigten E i ch h o f f ein Uebereinkommen tnterzeichnet, das die Aussührungsbestimmnngen, betreffend die Zahlung der vor dem Kriege und während des Krieges fällig gewordenen österreichischen Schulden, festsrtzt. DaS Uebereinkommen wird dem Parlament beim Wiederzusammeutritt der Kammer vorgelegt werden. ' _ Protestkundgebung der Unabhängige» gegen das Entwaffnungsgesetz. Berlin» 4. August. Die „Freiheit" veröffentlicht einen dom Bezirksverbande der U. S. P. D. Berlin-Brandenburg, von der Gewerkschastskommission Berlin und Umgebung und von der Zentrale der Betriebsräte Unterzeichneten Aufruf, worin di^ Arbeiter für morgen nachmittags zu einer Protestkundgebung im Lustgarten gegen das Entwa fsrrrrussg es e d ausgn'uiea werden. '. .. - Amsterdam, 3. August. (Reuter.) Den „Times" zufolge hat die litauische Regierung den Vorschlag der Moskauer Regierung angenommen, daß in Wilna eine gemischte Kommission zur Ausführung des Friedensvertrages vom 20. Juli zusammentreten solle. Eine jüdische Delegation aus Ostgalizien zur Friedenskonferenz nach London. Lemberg, 1. August. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Wie die „Gazeta Wieczorua" mitteilt, haben nicht nur die ukrainischen Parteien in Ostgalizien, sondern auch die verschiedenen jüdischen Vereinigungen eine Einladung aus Paris erhalten, eine Delegation zur Friedenskonferenz nach London zu entsenden, auf der die Frage Ostgaliziens entschieden werden soll. (Nachrichten, ob und welche jüdischen Parteien eine solche Einladung erhalten haben, liegen bisher nicht vor.) Es wäre jedenfalls ein durchaus richtiger Grundsatz, daß bei den künftigen Verhandlungen die Vertreter aller Nationen befragt würden. Emir Faisul geht »ach England? London, 4. August. (Funkspruch.) Nach Meldungen aus K.a i r o beabsichtigt der ftühere König von Syrien, Emir Faisul, nach England zu reisen. Anklage gegen Horthh-Ungarn am 3»ternationalen Bergarbeiterkongreß. Omf, 4. August. (Molff.) Der internationale Bergarbeiterkongreß hat heutevormittags die Aussprache-' über die Lebensverhältnisse und Arbeitsbedingungen der Bergarbeiter in den verschiedenen Ländern fortgesetzt. Der ungarische Delegierte Payer betonte, daß die 21 Bergwerke Ungarns mit ihren 25.000 Arbeitern Durch den Fund einer Frauenleiche ist die BehorHtz zur Kenntnis eines, furchtbaren Familiendramas gelangt,'das schon um die Mitte des Vormonats ausgefuhrH worden ist. Am 20. Juli wurde nämlich bei MannswörtH die Leiche eines jungen Fra« aus dem Donaustrom ge^ zogen. Es wurde kestgestellt, daß die Tote die 29jährigtz Bahnbeamtensgattiu Katharina K. ist, die seit dem! 16. Juli mit ihrem sechsjährigen Söhnchen Wilfried K.i aus ihrer hiesigen Wohung in Meidling abgängig war^ Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Frau Selbstmord) begangen und ihren Sohn in den Tod mitgenommew hat. Frau K. hatte früher ihren ständigen Wohnsitz inj Graz. Infolge eines tiefgehenden Familienzwistes ist sitz mit ihrem Sohne nach Wien übersiedelt und hat beit Verwandten in Meidling Aufnahme gefunden. Jby Kummer machte die Frau lebensüberdriissig. Gelegent» lich hat sie sich geäußert, daß sie mit ihrem Wilfried! indenTodgehen werde. Auch der kleine Wilfried ist mit ihr ertrunken. Seine Leiche wurde bisher nicht/ gefunden. Frau K. hat den Selbstmord wahrscheinlich! in Wien verübt. _ li Die Studente» Palästinas und die Londone« Uuiverfität^ | D«r E«KielMnzSdep«tement bet Abrnimstrativbehörder« Palästina S teilt mit, daß laut einem Uebereinkommewj mit der Londoner Universität alle Palästinenser die A u f nahmSprüfung für das Jahr 1921 auch in Jerusalem bestehen können. Sie werden nach bestandenem Examen aus der Londoner Universität als ordentliche, beziehungsweise außerordentliche Hörer aufgenonrmen und erhalten nach Ablegung der nötigen Prüfungen die von erwähnter Universität verliehenen Titel. In Ausnah,nsfällen können diejenigen^ die'nicht nach London reisen können, die Erlaubnis erhalte«,) auch die weiteren Prüfungen in Jerusalem zu bestehen, jj