Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 547 (31.7.1920)
- Date
- 1920-07-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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t Seit» t Wien, Samstag PolMsche^undschä«. Der Tanz auf dem Vulkan. ^'' Sclten in den letzten Iaüren bat es noch so entftheidungsvolle Stunden für den europäischen Kontinent Und seine Völker gegeben, wie die in der zweiten Hälfte des- Juli 1920. Nicht nur auf der politischen Tribüne, sondern weit mehr noch hinter den Kulissen spielen sich Ereignisse ab, von denen wenig gesprochen wird, noch weniger geschrieben wird, von denen aber in manchen Belangen die Zukunft der Kultunuenschheit. mindestens aber der Friede Europas abhängt. Erst nach geraumer Zeit wird wieder enthüllt werden, wie sehr in der letzten Zeit von den verschiedensten Seiten mit dem Feuer gespielt wurde. Noch beireht die Gefahr, daß eine Ilnvorsichtigkeit. sei es auf seiten der Entente, sei es in Warschau oder Moskau, zur Explosion führt und ein neuer verheerender Brand Gesamteurova ergreift. Wenn die Verhandlungen Zwischen Moskau und Warschau, beziehungsweise London und Paris keine alle Teile befriedigende Ordnung in Osteurom herbeiführen, dann wird nicht nur Rußland und Polen mit Galizien ein Neuer Kriegsschauplatz werden, auf dem die Inden die ersten Opfer bilden werden, sondern es droht die ungeheure Gefahr noch einer ganzen Reihe neuer Komplikationen. Vor allem darf nicht vergessen werdd, daß der sozialen Revolution — dem Produkt der wirtschaftlichen Absperrung und des Mangels jeder durchgreifenden Wirtschaftspolitik — nicht bloß in Polen allein., sondern vielmehr auch in Ungarn. Ru° Manien und Jugoslawien (von Tschecho-Slowakien gar nicht zu reden) der Boden geebnet würde. Dies fühlt Man in den Regierungskreisen aller dieser Staaten und scheint daher geneigt, eine etwaige Aktion der Militärpartei der Ententemächte gegen Rußland Heeresfölge zn leisten. Andererseits aber darf nicht übersehe^ werden, daß auch die Bevölkerung der Ententemächte immer unzufriedener wird mit den Ergebnissen des Friedens, sich immer ablehnender verhält gegen neue Aktionen und' daß weiters zur Unzufriedenheit mit den. ökonomischen Verhältnissen allüberall auch jene Nationalitätenfragen sich komplizieren, die man schon für gelöst ansah. s So droht denn die Gefahr, daß die Fortdauer der! jrusfisch.polriischen Kämpfe einerseits Deutschland, anderer-! seits Ungarn, Rumänien, Jugoslawien sowie in Vcrbin- I bims damit Italien in neue kriegerische Konflikte verwickelt, die sich dann automatisch auf den Balkan fortsetzen dürften. Aber auch dort könnten sie oitf die Dauer 5"cht lokalisiert werden, wenn, wie es immer mehr den Anschein gewinnt, die ganze mohammedanische Welt Asiens und Afrikas sich um das panslawistische Banner schart. Mit tiefster Trauer muß der objektive Kulturmensch ^konstatieren, daß die Diplomaten sowie die meisten Politiker der bestehenden Parteien gar nicht abnen, auf Welchem Vulkan sie tanzen; sie glauben zu führen und Mit den alten Mätzchen (die zum Kriege vom Jahre 191 4 lund zu den späteren sozialen Revolutionen führten) auch Weiter die Schicksale Europas leiten zu können. Sie Hetzen immer noch nicht, daß nicht etwa nur die Zustände Kn Deutschland und in den neugeschaffenen Sukzessionssstaaten vollkommen unhaltbar sind, sondern daß auch in ben Siegerstaaten der Entente eine Krise die andere vblöst, daß alle die alten Programme zur Losung des Nationalen und sozialen Fragenkomplexes genau so ver- ,sagen wie die taktischen Methoden, die Völker Europas Noch eine Veile durch Zuspitzung des Nationalitätenkampfes, durch einen maß- und ziellosen Antisemitismus!tmb durch Verschärfung des Klassenkampfes zu hypnotisieren. Wenn man in den verschiedenen Staaten die Reden bes Parteiführer und Diplomaten liest, ihre Zeitungen dn-solgt und da nirgends den ernsten Willen und positive Vorschläge zur Lösung der Nationalitätenfrage im allgeweinen konstatieren kann, nirgends auch nur die Ansätze hu positiver großzügiger wirtschaftlicher Arbeit sieht, dann muß man, ohne gewohnheitsmäßiger-Pessimist zu sein, -fast an der Zukunft Europas verzweifeln, ftir alle Fälle ober die Befürchtung hegen, daß noch Hekatomben von Klutopfern fallen werden, ehe Vernunft und Einsicht jfc* sterbenden Europa Platz greifen. k. Krassm über Rußlands Zukunft und die k' polnisch« Frage. f „S u n" meldet aus Moskau über eine Unterredung jttttt Kraflm, welcher erklärte, daß nach Eintritt des Friedens binnen drei Jahr»» die Bevölkerung Rußlands nicht mehr an Hunger und Kälte leiden würde (ßrnd daß binnen zehn Jahren Rußland sein-r alte Blüte ^wieder erreicht haben werde. Rußland werde schon im Ersten Friedensjahr für 400 Millionen Golorubel Maschinen und landwirtschaftliche Geräte einkaufen. Ein Clearinghaus« mit Beteiligung formden Kapitals sei -wtivendig. lieber fci: polnische Frage äußerte sich Krasf'.n, daß er seinerzeit, gleich nach seiner Ankunft in London. Lloyd George ersucht habe, auf Polen einzuwirken. Lloyd George ihm aber bedauernd bemerkt habe, Polen sei ein unabhängiger Staat und England ganz machtlos, Irgendwie einzuschrcileu. Nun aber, wo Polen niederbreche, werde dir „Machtlosigkeit" Englands plötzlich beiseite gestellt und bas Einschreiten werde möglich. ES sei seine, Krassins, persönliche Ueberzeugung, daß die polnische Frage nur durch un mittel bars Verhandlung mit den Polen und nach der Einnahme Warschaus geregelt werden könne. Wiener Mo-Henzeitrmg * 31. Juli 1s2D 9Uu 647 ——— ---~“-m mm --- .«lagru. 0 '-> l.:— Palästina. Die zionistische Zahreskonferenz in London über den Palastina-Ausbaufonds (Keren Hajassod). r. Die Zionistische Konferenz beschließt, nt voller Würdigung der historischen Bedeutung des Augenblicks und in der Erkenntnis, dich die Energie des ganzen jüdischen Volkes für das gewaltige Werk des Aufbaues von Erc- Israelvereinigt »verdeu muh: 1. ES wird ein Im m i gra t t an s- und Kolo-- u i j a t i onsfonds geschaffen, &ct b<cn Namen „Kr r c r. H ajasso d" trägt. Der Fonds ist mit dem Charakter einer juristischen Prrfon zu konstitm-rre». 2. Die Konferenz stellt d-u für die Grundlage des Aufbaues der jüdischn-atioualen Heimstätte in Palästina erforderlichen Betrag auf 25^MillionkN englischen Pfund fest, die innerhalb eine) Jahres zu sichern sind. Sic wendet sich , in einem feierlichen Aufruf an das ganze jüdische .Volk, seine P flicht zu erfüllen und mit einem außerordentlichen Opfer an Vermögen und Einkommen die Aufbringung des Keren Hajassod durchzuführen. AlS Vorbild wird die historische Nationalstru-r des „Maasser" ausgestellt. 3. Ucber jeden Beitrag zum Keren Hajassod wird ein Zertifikat ausgestellt. 4. Aus den Eingängen -beS-Keren .Hajassod sollen mindestens 20 Prozent dem Jüdischen Nationale sond8 zugeführt »verdcn. > 5. Von den weiteren Eingängen des Keren Hajassod soll höchstens ein Drittel - für laufende Ausgaben des BildungSwrsens, der sozialen Fürso.ge. der Immigrantenfürsorge uud ähnlichen öffentlichen Zwecke des Aufbaues des jüdischen Heims in Palästina verbraucht werden, wahrend mindestens zwei Drittel für dauernde nationale Anlagen und wirtschaftliche Betriebe zu verwenden sind. Anmerkung 1. Bon diesem Fonds werden keine Beträge für die AdministrationSkosten der Zionistischen Organisation verwendet. Anmerkung 2. Von diesem, Fonds soll keine Unterstützung oder Anleihe gegeben werden für private Unternehmungen, soweit nicht ein gemeinnütziges Interesse damit verbunden ist. 6. Jedes Jahr sokk über die Ein- und Ausgaben des Fonds Rechenschaft abgelegt und öffentlich berichtet werden. 7. Die Inhaber der Zertifikate sind an der Verwaltung des Fonds und an, den Erträgnissen der aus dem Fonds geschaffenen wirtschaftlichen Betrieben zu beteiligen. Die Feststellung der geeigneten Form dieser Beteiligung wird der Exekutive überlassen, unter der Maßgabe, daß die Verzinsung auf das produktiv investierte Kapital tim angemessene Höhe nicht überschreiten darf. II. Zur Durchführung der nationalen Aktion für den Keren Hajassod ist di^ opferwillige Mitarbeit aller jüdischen Volksteile notwendig. Die Zionistische Konferenz erklärt daher die Aufbietung aller Mitglieder der Zionistischen Organisation für die Dauer eines JahreS für nötig und verpflichtet sie, sich der Exekutive zur Mitarbeit unverzüglich zur Verfügung zu stellen. Zkrsumm^Atritt der DölkerLrr«dversamrrrlrmg. Pari), 30. Juli. (Funkspruch.) Die am 10. November znsammentretrnde BöllerbundveSammlung wird unter anderem über, folgende -/Punkte zu verhandeln haben: 1. Ob die Versammlung die Vollmacht bec vorläufigen Mitglieder des Völkerbund rates — Spanien, Brasilien, Belgien, Griechenland — erneuern oder die vier Staaten durch vier andere ersetzen wird. 2. Die Frage der Zulassung der früheren Feinde zum Völkerbund würde aufgeworfen, wenn einer jener Staaten die Versammlung um Teilnahme als Mitglied ansucht. 3. Die Dölkerbnndversammlung wird in dem Bölkerüundvertrag jene Aendernngen vornehmen können, die sie für nützlich findet. Jeder im Völkerbuudvsrtrag Unterzeichnete Staat wird drei Abgesandte senden, die jedoch zusammen nur eine Stimme haben werden. Die Wirtschaft der Bolschewiken. Zu diesem Thenra schreibt N. Grigorjanz im Berliner „P o c w ü r t S" : Es darf nicht vergessen werden, daß in der Zeit, als die Bolschewiken die Herrschaft angetreten hatten, das heißt im November 1617, es rroch eü« russische I n d u st r i e» die diesen Namen verdiente, gab. , Der Zerfall Rußlands, feines Staats- und WirschaftSorganiömus, dann über die ewigen Kriege mit den gegenrevolutionären Generälen haben dem wirtschaftlichen Leben des ganzen Landes den Todesstoß versetzt. Alle Lleußerungen der bylschewikischen Minister, Kommissäre usw. schildern unS, wie die Wirtschaft und die Leistungsfähigkeit der Gesamtheit sowie des einzelnen in den Jahren 1918 und 1919 immer mehr und mehr gesunken waren. DaS sind von den Bolschewiken selbst festgenagelte Tatsachen. Aus ihnen ergibt sich aber mit eiserner Konsequenz die Schlußfolgerung; Die Anwendung der bolschewikische« Prinzipien hat es auf keinem Gebiet der wirtschaftlichen Betätigung zuwege gebracht, die Produktion .zu steigern und zu entfalten. Die Wahl dev zionistische« ExeLutwe. London, 30. Juli. sI. K.-V.) Das von der zionistischen Konferenz gewählte Präsidium der zionistischen Weltorganisation bestimmte zu Exekutivemitgliedern Ing. U s s i s ch k i n, Julius Simon und N. de L i^m e. Das Große Aktionskomitee hat diese Ernennungen bestätigt. Julius Simon wird wahrscheinlich das Finanzressort der zionistischen Organisation leiten, während U s s i s ch k i n mit der Leitung der Arbeiten in Palästina betraut werden soll. Lord Rothschild wurde zum Präsidenten, Pros. O. Marburg und Lev M o z k i n zu.. Di-epräsidenten des Großen Aktionskomitees' gewählt. Zu Revisoren der gesamten Finanzgebarung wurden ernannt: Sir Alfred Mond, Lord Rothschild und Mr. Bemard F l e x n e r. (Sir Alfred Mond ist Minister für öffentliche Arbeiten in England. Die drei letztgenannten Herren bilden den fögenannten 8oard of trustees fKontrollbehördef.) . .; Aufrage« über Palästina im englische» Anterhans. Landcn, 28. Juli. (Jüd. Korr.-Bur.) Kapitän Ganzoni richtete im Unterhaus eine Anfrage air deu UntcrstaatSsekr/lär für Auswärtiges, welches nun der internatwrrale Status der Einwohner Palästinas sei, dir infolge ihrer Geburt die ottomanische Staatsbürgerschaft besitzen, ob sie britische Untertanen seien oder ob es bereits eine palästinensische Staatsbürgerschaft gebe. Der Unterstaatösekretärr antwortete, der mternatiouale Skatus der Einwohner- Palästinas, tvelche vtLomanische Unter-Stauen waren, werde so lange keine Aenderung erfahren, als der türkische Fr ie den s der trag nicht in Kraft getreten - ist. Mnn di-es der Fall sein wirb, werden solche Personen Bürger Palästinas werden, sofern sie nicht, wie im Frisdensvertrag vorgesehen sei, für andere Staaten optieren. Mr. Ge ul d richtete eine Anfrage an den UnLerstäatssekreiär für Aeußeres, ob die Rekrutierungen für die arübische Armee erlaubt seien und ob sie weiter unter den palästinensischen Einwohnern Fortschritte machen. Mr. Parker erklärte, eine solche Rekrutierung j« nicht gestattet: wenn sie unter der Bevölberüng Palästinas Fortschritte mache, so geschehe dies ohne Wissen und Genehmigung der Behörden. Derselbe Ab-' geordnete fragte ferner, ob Akkaba in den Admint-' strationsbvreich des Oberkommisfärs falle oder einen Teil von Syrien bilde. Der UnterstaaLssekretär antwortete, Akkaba werde nicht vom Oberkommissär von Palästina verwaltet. Solange die Grenzen noch nicht scstgelegt sind, ist es unmöglich zu sagen, zu welchem Land es eventuell gehören werde. Die neue Leitung der Jüdischen Kolonialbank. London, 30. Juli. (Jüd. Korr.-Dur-) Dir Rat der Jüdischen Kolomalbank, der in itziknuft aus den Mitgliedern dcs Großen Attioa-kvmitrrS brftrhrn soll, hat eine« Pall-ugSauSs«tzuß eingesetzt, dem L o r d Rothschild, Mr. Bernard F l t y «11, Mr. Jnlurs Sr « o « und Mr. N e i d i t s ch augehören. Genau seit einem vollen Jahre sind die Bokschewiken wieder im Besitz der Kohlen- und Eisenbergbaugebiete, etwaweniger Zeit halten sie auch die Naphthaquellen wieder m ihrer Hand. DaS hat aber die Lage kau» uenneußaeü günstig beeinflußt. Wir hören aber jetzt, daß trotz deS riesige Kräfte verzehrenden Krieges gegen Polen die Produktion in . Sowjetrußland zwar noch minimal, aber immerhin eine aufsteigende Tendenz aufzuweisen beginnt. Ob diese Erscheinung trügerisch oder der Beginn eines GesundungS- Prozesses ist, kann erst die Zukunft lehren, i Wenn die Bolschewiken selbst unumwunden zugeben, daß die Produktion während der Jahre 1918 und 1919 fast auf« gehört hat, und sie mit Nachdruck hervorheten, daß sie sich jetzt hebt, so müssen wir dies mit den drei grundlegenden Tatsachen in Verbindung bringen, die von ihnen in den letzten Monaten geschaffen sind. Ohne auf deren Einschätzung' hier näher eingehen zu wollen, seien sie hiemit genannt. Daß sind: Schaffung der militärisch organisierten Arbeitö' armeen, ferner Beseitigung der sogenannten Arbeiterkontrolle' und Einführung der einzelpersönttchen Verwaltung der Be« triebe und schiletzlich die Zulassung von Privatunternehmern ES soll hier nicht weiter erörtert werden, welchen unermetz» lichen Schaden di« Bolschewiken durch ihre tatsächlichen Wandlungen die Worte sind zum Teil rroch die alten — der Idee de- Sozialismus zugefügt hoben. Daspeziell die Energie, und Heizfrage anlangr, ft sind gerade die erwähnten Artikel BuchorinS in dieser Hinsicht außerordentlich interessant. In ihnen wimmelt es nur immer von ikharakteristiken, die besagen, daß .der Mangel an Heizmaterial geradezu katastroaphal ist". Besonders instruktiv ist das Kapitel über das Heizmaterial (.Rote Fahne" vorn 27. Juli). Darirr werden die Förderungszahlen aus dem Moskauer Kohlenrevier mitgeteilt, das die ganze Bolsche j wikenzeit hindurch in ihren Händen war. also die Unordnung i d«S Kriegenicht durchgemacht hat. Da heißt es i» dem Artikel, daß die Förderung der Kohlen in den ersten vier Monaten de- Jahre-. 1916 9,1, während sie in der gleichen i Zeit 1919 9.8 und 1920 10,8 Millionen Pud betrug, also er»