Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 541 (25.7.1920)
- Date
- 1920-07-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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" «i^ Smnüag ' ' ’ ' ~ ' Wi.»er«vrOenzeit»»g MFI ■ WIWWWIIIIMII1 > T -Trnnnr;.- . , . -. ».«sqn n»i m Inland Der Empfang der fremden Gesandten beim < Präsidenten Seitz. r; Gestern vormittags wurden die in Wien amtierenden Gesandten der Ententemächte vom Präsidenten der Nationalversammlung Seitz zur Überreichung ihrer Beglaubigungsschreiben empfangen. Die Neberreichung fand im Gebäude des Staatsamtes für Aeußeres statt und vollzog sich in feierlicher Weise, wobei auch die bischerigen Gebräuche beobachiet wurden. * AIS Erster erschien der außerordentliche Gesandte und bevollmächtigte Minister Italiens, Marchese della L o r e t t a. Der Gesandte hielt an den Präsidenten der Akationalversammlung eine Ansprache, in der er unter anderem sagte: „Ich hege das feste Vertrauen, daß das italienische und das österreichische Volk in dieser neuen, mit dem heutigen Tage beginnenden Phase ihrer Beziehungen in fruchtbarer und gemeinsamer Arbeit auf den ewigen Pfaden ber Kultur und des Fortschrittes über das Trennende der Ltunde hinweg geeint schreiten wollen und kommen werden." Der Präsident erwiderte: „Das österreichische Volk bat hen Vollzug der Ratifikation des Friedensvertrages von Laint-Germain umso freudiger begrüßt, als es sich der Hoffnung hingibt, daß durch die Wiederherstellung des formellen Friedens und der normalen Beziehungen mit dein großen Kachbarreiche der Wiederaufbau unseres durch die schverften Drangsale heimgesuchien Staates erleichtert und gefördert werden wird." Hieran schloß sich der Empfang des außerordentlichen Gesandten. und bevollmächtigten» Ministers Großbritanniens, Mr. Lindleh, welcher auSführie: „Im festen Vertrauen ruf die engen freundschaftlichen Beziehungen zu den Verbündeten Großbritanniens, glaube ich, Herr Präsident, sicher zu sein, daß ich in der Durchführung der Bestimmungen deS FriedenSvertrages auf Ihre und der österreichischen Regierung aufrichtige Mitarbeit zählen kann, indem Sie mit allen in Ihrer Dkachr liegenden Mitteln die-Herstellung des allgemeinen Wiederaufbaues und der Beruhigung fördern, deren die ganze Welt so dringend bedarf, und für die dieMLiederherstellung günstiger Verhältnisse in der öfterreiMchen Republik von hoher Wichtigkeit ist." . . * Der Präsident crnwortete: «Ich darf mich als berufenen Interpreten des österreichischen Volkes betrachten, wenn ich Ihnen, Herr Gesandter, die Gefühle der dankbaren Genugtuung darüber ausdrücke, daß die Regierung des britischen Reiches die Wiederherstellung der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern beschleunigt und mit ihrer Vertretung eine so hervorragende Persönlichkeit des großbritannischen auswärtigen Dienstes betraut hat. Das bietet uns ein Unterpfand sowohl für das Interesse, welches Regierung und Volk des britischen Reiches an der Wohlfahrt der Republik Oesterreich nehmen, als auch für die Fortwicklung jener Vsberlieferungen, die in Wien und London durch Jahrhunderte perknüpft haben." Am 1 Uhr nachmittags fand der Empfang des außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Ministersder französischen Republik, Herrn Lesev re-P o n talis, statt. Der Gesandte führte unter anderem aus: „Die Männer, denen die schwierige Ausgabe anbertraut ist, die junge Republik auf ihren ersten Schritten zu geleiten, werden zu verhindern wissen, daß sie sich auf Wege begibt, die ihre Existenz und ihre Zukunft gefährden können. Sie werden die junge Republik von gefährlichen Einflüsterungen bewahren und werden, dessen bin ich sicher, in jeder Lage die Bemühungen derer unterstützen, deren lebhaftester Wunsch eS i% Oesterreich sich KU einem Staate der Arbeit und des Friedens entwickeln z» sehen." In seiner Erwiderung fichrte der Präsident unter anderem aus: „Es ist mir ein Herzensbedürfnis, bei diesem Anlässe hervorzuheben, daß die französische Ration die Wiederherstellung normaler offizieller Beziehungen nicht abgÄvartet hat, um unserem schwergeprüften Volke in seiner Not in menschenfreundlicher und hochherziger Weise zu Hilfe zu eilen. Der Oesterreicher, und insbesondere der Wiener, demzufolge seiner verwandten Mentalität seit jeher für das französische Wesen und Kulturleben Empfänglichkeit besitzt, hat auf diese Werse auch das Herz des französischen Volkes kennen und schätzen zu lernen Gelegenheit gehabt. Ich bitte Sie, Herr Gesandter, Ihre Regierung zu versichern, daß die Republik Oesterreich die Verpflichtungen, die der Friederrsvertvag von Saint-Gecmain ihr auferlegt hat, im Rahmen ihrer Kräfte und in Zuversicht auf das Wohlwollen der Verbündeten erfüllen wird." Nach den Ansprache stellten die Gesandten dem Präsidenten ihr Personal vor, woraus die Rückkehr der Gesandten in ihre Palais nach dem bei der Auffahrt beobachteten Vorgang erfolg tc. Parlamentarisches. Die Sommerpause wird für die Politiker heuer keine vollständige <cin. Die Mitglieder bc-5 Unteraus* ausschus^s für Versassungswesen treten bereits am t7, August wieder zusammen, um jene Teile M Verftffsungsentwurfts zu beraten, die in der kurzen Herbstsession im September erledigt morden sollen. Auch werden sowohl die Regierung als auch die Parteien tzie Vorarbeiten für die im Herbst stattfindenden Neupriahlen in die Nationalversammlung in Angriff nehmen. f Abzug der italienische« Truppe«. , * Innsbruck, 24. Juli. Die italienischen Truppen sind 'größtenteils abgezogen worden. Der Abmarsch dürste MßpJ® der allernächsten Lest vollkommen beendiLt sein. An unsere p.t. Abonnenten! Oesterreichisches. Postsparkaffenkonto 150.693. Tschecho-slowaKisches Postsparkassenkonto 150,693. Zahlstelle für Polen: Wiener Lombard- und Eskomptebank, Krakau, Nynek 12. Zahlstelle für Jugoslawien: Wer KiZicky, bank, ein., Osijek I., Gajev trg broj 11. Am 1. August beginnt ein neues Abonnement auf die „Wiener Morgenzeitung". Wir ersuchen, die Erneuerung rechtzeitig vorzunehmen, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Abonnementpreise: Für Wie» szum Abholen in den, Trafiken oder mit Posftnsendunch . Kr. SV.— pro Mouat Mit Postzusendung: Für die österreichische Provinz . Kr. 3V.— „ », Für die Tschecho-Slowakei . . . Kö. 13.— „ », Für Jugoslawien.Dinar 6.— „ „ Für Pole».pol». Mark 30.— * „ Für Deutschland.Mark 10.— „ ,» Für daS übrige Ausland.... Kr. 45.— * „ In Deutschland abonniert man die „Wiener Morgenzeitung* bei dem Zeitungsvertriebsbureau Hamewasfer, Berlin C 54, Nosenthalerstraße 43. Die Verwaltung der „Wiener Morgenzeitung". Telegramme. Der Völkerbund und die Minoritätsrechte der Juden in Polen. London, 24. Juli. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Auf ■» tue Anfrage Mr. Alfred Davies', was die englische Regierung auf Grund des Berichtes der unter Sir Stuart Samuel tätig gewesenen Kommission-über die Lage der Juden in Polen unternommen und ob sie sich die Vorschläge Srr Samuels zu. eigen gemacht habe, antwortete * Mr. Harms worth, die Regierunghabe eine Abschrift des Berichtes der polnischen Regierung und ein- Exemplar dem Völkerbund übersendet, damit der letztere in seiner Eigenschaft als Kontrollor des von Polen uyterzeichneten Vertrages hinsichtlich der Behandlung der Minoritäten die ihm geeignet erscheinenden Maßnahmen ergreife. Die Verhandlungen Wege» der Nord- und Ostgrenze« Palästinas. London, 24. Juli. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Im Unterhaus richtete der Abgeordnete Rapier an Heu Unterstaatssekretär für Auswärtiges, die Anfrage, ob irgendwelche Verhandlungen wegen der Festsetzung der endgültigen Nord--'« und Ostgrenzen Palästinas im Zuge sind. Mr. Harms war LH bejahte'die Frage. Die Verhandlungen werden zwischen der englischen und französischen Regierung geführt. Die Beanftvortung der weiteren Frage bezüglich der Haltung der Araber in dieser Angelegenheit behielt sich. Mr. Harmsworth für einen späteren Zeitpunkt vor. Die Aktion gegen Emir Faisul. Paris, 24. Juli. (Funkspruch.) Da Em i r Fais u i die Bedingungen des Ultimatums nur zögernd erfüllt, sind die französischen Truppen von Alexanbvette aus! in das Innere vorgerückt. Aleppo wurde besetzt, Damaskus wird erst, wenn notwendig, besetzt werten. Der größte Teil der Bahnlinie ist in unserer Hand; die scherifischen Truppen ziehen sich zurück, ohne Widerstand zu leisten. Die Horthy-Bnben fordern die Auslieferung Bela &sm*. Budapest, 24. Juli. Wie „Az Est" von zuständiger Seite erfährt, hat die ungarische Regierung an die deutsche Reichsregierung eine Rote gerichtet, worin sie die AusliLferung Bela Kuns und seiner Geno ssen fordert».und zwar auf der Grundlage, daß die geflohenen Uvmmunistenführec gemeine Verbrechen begangen haben. Da die Delikte rn Ungarn begangen wuHen, müssen ungarische Gerichte urteilen. Die Verbrecher seien also an Ungarn auszulirftrn. Die Lage in Irland. London, 24. Juli. (Funkspruch'.) Gestern wurde im Außenamt unter Zuziehung Lord Frenchs und Sir Nevil Macreadys über die Lage in Irland beraten. — Aus Irland werden neuerliche Zusammenstöße mit tödlichem .Ausgang gemeldet.. In Ballinr wurde sin Polizeisergeant erschossen und ein Konstabler verwundet. Bei Michelstown find zwei Aufständische von Soldaten erschossen worden. Die Menge wollte hierauf die Soldaten entwaffnen, wobei zwei Offiziere des schottischen Regimentes zwei Personen erschossen und mehrere verwundeten.- Die Küstenwachstation bei Kingsdale wurde überfallen, wobei ein Mann getötet wurde. In Belfast kam es abermals zu Musschrcitungeu, die zu förmlichen Kämpftn führten. Politische Dermögensbeschlagnahmen i« Jugoslawien. Agr»«, U. 9«li. (L»rr.°8»r.) fitl XvtifcftU »nriffext« ll-t eilte gerichtliche Entscheidung, «»«ich dag ganze bewegliche nnd unbewegliche Eigentum des Dr. Frank, de» Dr. Sachs und bes Dr. G a g l i » r fe t beschlagnahmt wirb, weil sie sich eigenmächtig in das feindliche Ausland entfernt, mit Klabncaric imb anderen magharischrn Agentr» m Verbindung getreten seien Und araev b:e SteatsttuLftr 2<L»sls»irss irarbnt'ü drde». 25. SuTt 1920.T f VStT5?t> Tagesbericht Das mißbrauchte Mitleid. > In einer antisemitischen Zeitung wurde gestern ein abgefeimtes Intrigenspiel der Juden aufgedeckt: Wenn man den jüdischen Blutsaugern und Plusmachern zu Leibe will, dann wird der gepeinigten Wiener Christenheit mit flehender Gebärde die jüdische -Armut entgegengehalten. Das jüdische Massenelend in Kellerwohnungen der Brigittenau, die Bettlerscharen aus-den Gassen der Leopvldstadt. nackte, kranke, hungernde. Kinder aus dem Pratzrviertel. Alsobald feuchtet sich' daS Auge des Wieners, seine Empörung löst sich zu unendlichem Mitleid und das verderbte Judengesindel' hat wieder einmal das Spiel gewonnen. Die Dickbäuchigen wuchern weiter undchie von Not und Sorge Ausgemeraelten gewinnen Zeit, dem gutmütigen, geduldigen Wiener die Haut über die Ohren zu ziehen, bis sie in absehbarer Zeit wohlgenährt und mit dicke« Börsen selbst zu den großzügigen Plünderern des christlichen Wien gehören. * O bitteres Satyrspiel, abgrundtiefe Travestie! 55ü£ grausamste Kapitel der Judenftage wird uns gegenwärtig. Es trägt die Überschrift: „Wirtsvolk., urü) Judengold." Jüdische Armut als Arznei gegen ihren Haß? Man könnte fast lächeln. In all den Jahrhunderten gab es nur eine gute Waffe gegen sie: die Münze. Sie haben uns gezwungen, mit verzweifelten Anstrengungen nach dem Golde zu greifen, mit hysterischer Hast den rettenden Mammon zu erraffen, sie haben uns hinein gepeitscht in die keuchende, von Generation zu Generation wachsende, bis zum Wahnwitz gesteigerte Gier nach den Goldstücken, die man zum erlösenden Wall um sich und die Sippe aufschichten konnte, die allein das Leben unter ihnen ermöglichten. Wann durften wir je versuchen, ihnen beschwörend die Armen und!' Elenden ln Israel entgegenzuhalten? . i- Wehe dem Besitzlosen! „Laß mein Kind reich sein,' damit es ihm nicht ergehe wie mir!"'war der letzte Stoßseufzer des auf der Landstraße verreckenden Juden-. Und siehe, wer besaß, der war zunächst geduldet, banngut gelitten, dann geachtet und schließlich geehrt. ES ist eine Anklage gegen die Erzieher ihres Volkes, daß sie sie gewöhnten, sich vor dem jüdischen Reichtum mit Ergebenheit zu neigen und chm mit Kratzfüßen die Ehrerbietung zu bezeugen, dieweil sie ihren Haß iaufi di« Asrmsteu lenkten. „Fahr' -na, Euer Gnaden!" ruft der Fiaker dem Börseaner zu, macht sein Buckerl und-' lüstet den Stößer« während er dem verdrückten „Polnischen" nachspuckt.. Und es ist der ewig grüne Lorbeer' des Ghettojudentums, daß die nämlichen, bie jenseits? des Ghettotores jeden Atemzug erkaufen mußten, in den' feuchten Mauern ihrer Siedlung den.Geistesadel des» darbenden Gelehrten über den Reichtum des Geld- Händlers stellten. 4 Die jüdische Armut als.Besänftigungsmittel dev Jubenfeindschaft? In der Geschichte Wiens liest mün's' anders. Als im Jahre 1421 wegen einer angeblichen Hvstienschänduug, „vor etleichn Jahrn begangen^, daS peinliche Gericht gegen die Wiener Judenschaft begann^ das mit dem fröhlichen Judenbrennen auf der -Erdbergerlände endigte, hat man zunächst fürsorglich die jüdische Webs, aus der nichts, herauszupressen war, ün GhettÄ zusammengeklaubt und als erstes Futter für den antü semitischen Heißhunger in die Donau gejagt. ■ | Drei Jahre nach der Wiener Judenhatz des JahreK 1670, die zur völligen Austreibung unserer Vorführerö aus dem Ghetto „Im Werd" führte, kam es zu bec denkwürdigen „Friedenskonferenz" zu Wischau. Wie»' tvvllte seine Juden zurück haben und entsandte den Grafen Brenner und den Bürgersmann Gabriel Selb,' damit sie mit den Flüchtlingen wegen Rückkehr der( Judenschaft verhandeln. Erste Bedingung: Die Besitzlosen (die „Kanaille") dürfen nicht mit. Nur die, welche' unter der Judentracht gespickte Geldkatzen um den Leib'^ gebunden haben, werden zurückgebeten. Außerdem war als Eintrittsgeld in bn Stadt der Lieder und Backhendel' der Bettel von 300.000 fl. zu erlegen. Für die ver-»>' jagte jüdische Annut schlug kein christlich Herz. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden bekanntlich nnr schwerreiche Juden in Wien geduldet, „Toleriert" war nur derjenige, der ein Mindestverrnügen von 10.000 Gulden nach wies- Zahle, und iorr heißen dich willkommen!- Und Rothschild zahlte, gab ein zinsfreies Darlehen Vvn 340.000 Gulden, um den Wienern die Erweiterung, der Passage zwischen Kvhlmarkt und Graben zu ermöglichen (weder der reiche Adel, noch die Bürgerschaft wollte Geld her geben) u nd er wurde dafür der erste , jüdische Bürger von Wien. 7 Blättern wir weiter, bis wir in die Zeit der neuen antisemitischen Hochkonjunktur gelangen. Wem galt das „risch, rtsch, vbidraht!", das Hepp-Hepp der Luegerzeit mit b<Nn Heurigendust? Dem jüdischen Straßenbahnkondukteur, den Jammergestalten mit dem Hattsierkasten, dem kleinen jüdischen Althändler. Die Großiuden aber brachten es bis zum .Rathausball. Müßige Reminiszenzen! Fast möchten wir eine Entschuldigung stottern, baß wir diese Betrachtung anstellten, die unseren erbärmlichsten Jammer preisgibt.^ Man verleihe: DaS famose Wort von der jüdischen' Armut, bte zur Rührung der Antisemiten schützend vortzehalten wird, Hat uns verleitet. Mv Abeles. J