Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 540 (24.7.1920)
- Date
- 1920-07-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2979076-2979416-2979618--04770-2990550- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
lieS SCUn, Samstag Wiener MorrjLnzeltn^z Die zionistische üahreskonferenz in London, 20. Juli. (Tel. der „Wr. Morgenztg/^ In der Nachmittagssitzung vom 19. d. M., in welcher Lord Rothschild präsidiert, werden die Anträge der Palästina-Kommission über die Bodenpolitik * «eiterberaten und nach dem Schlußwort des Berichterstatters Böhm einzeln, aber sämtliche mit überwiegender Mehrheit unverändert angenommen; nur m Grundsatz 2 wird auf Grund eines Amendementrntrages des Delegierten Abrahams (Südafrika) das Wort „mittellose" gestrichen. Zum Minoritätsvotum über das Prinzip der Nationalisierung verlangen die Antragsteller namentlich e Abstimmung. Diese ergibt 74 Stimmen für und 135 Stimmen gegen das Minoritätsvotum. Nach der Abstimmung übergibt Lord Rothschild, lebhaft akklamiert. den Vorsitz Herrn Louis L i p s k i. Delegierter Adolf Böhm gibt folgende Erklärung ab: Die oben öurchgeführte Abstimmung hat keine Prinzipienfrage zum Gegenstand gehabt. Wer gegen die Resolution gestimmt hat, hat gegen ein Mittel zur Nationalisierung des Bodens, nicht gegen die Nationalisierung selbst gestimmt. DasPrinzip der Nationalisierung ist bereits durch die Annahme der These 1 der Kommission angenommen worden. Hierauf werden von Bernard Rosenblatt namens der amerikanischen Zionisten, von Delegierten Tabenkin namens der A ch d u t h Haawodah und Delegierten Schweiger namens des Misrachi-Verbandes der Zeire Zion auf die Nationalisierung des Bodens bezüglichen Erklärungen abgegeben. Nachdem Dr. Klee den in der Ukraine ermordeten Delegierten des American Joint Distribution Committee Professor Friedländer und Dr. Kantor einen warmgefühlten Nachruf gehalten chatte, referierte Dr. Isidor Schallt (Oesterreich) über die Tätigkeit der politischen Kommission Er wies auf Theodor Herz! hin, welcher dem jüdischen Volke. die Welttribüne und den politischen Gedanken gegeben hat. Die Konsequenz dieses politischen Gedankens ist es, daß der zionistischen Bewegung im rechten Augenblick Männer wie Sokolow, Weizmann und Brandeis erstanden. Für ihre Tat. welche die Bewegung bergauf geführt hat von der Balfour-Deklaration zu San Remo, der Uebernahme des Mandats durch England, der Ernennung Sir S a m u e I § und der königlichen Botschaft, die er verkündet hat, dankt ihnen das jüdische Volk von ganzem Herzen. Nun beginnt die Tat. Wir haben noch nicht unseren Judenstaat, aber was wir haben, kann unser Judenstaat werden und es wird unser Judenstaat werden. Das Fundament ist gelegt, die Sache des jüdischen Volkes ist es, das Werk aufzubauen. Der Redner legte zum Schluß folgende Resolution vor: 1. Tie Jahreskonferenz der Zionistischen Welt, organisation begrüßt mit größter Freude und Dankbarkeit den Beschluß von San Remo, die Balsour- Deftaration in den Friedensvertrag mit der Türkei aufzunehmen, und die Annahme des Mandat s für Palästina durch Großbritannien zum Zwecke der Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk. Die Konferenz drückt ihre feste Ucberzeugung aus, daß die von England und den alliierten Mächten anerkannten Rechte des jüdischen Volkes auf sein Land auch vom Völkerbund verbürgt werden. Die Jahreskonserenz erklärt, daß das jüdische Volk allen Nationen gegenüber, die an diesem großen Werke teilgenommen haben, insbesondere dem großen britischen Volk und feinen Führern gegenüber von den Gefühlen tiefster Dankbarkeit erfüllt ist. 2. Die Zionistische JahreSkonferenz erblickt in den bisherigen Zusicherungen öffentliche echtlich er Natur die Grundlage für die Schaffung eines jüdischen Palästina und hegt die Zuversicht, daß die noch zu führenden Unterhandlungen zu einer vollen Verwirklichung der zionistischen Bestrebuugen führen werden. Die Jahreskonserenz dankt 'den Herren W e i z m a n n und S o k o l o w für ihre im Interesse des jüdischen Volkes geleisteten aufopferungsvollen Arbeiten und spricht ihnen ihr Vertrauen aus. Die Resolutionen wurden unter brausendem Beifall einstimmig angenommen. ' Hierauf verlas der Präsident Lipski unter stur» mischem Beifall folgendes, vom Premierminister Lloyd George aus Spa an Dr. Weizmann gerichtetes T e l ea ramm: „Ich sende meine herzlich st en Glückwünsche dem ersten zionistischen Weltkongreß seit Kriegsausbruch aus Anlaß der Wiedererstattnng seines nationalen Heims an das jüdische Voll. Ich 'fr vertraue auch fest darauf, daß das jüdische Volk seine. AjMjchaften der Energie und EntMlosiepheit und der Toleranz, Weisheit und Ueberleguag gegenüber seinen Mitbürgern in Palästina beweisen wird, Eigenschaften, die für seinen Erfolg unerläßlich sind. Wenn dies geschieht, so bin ich überzeugt, daß das jüdische Volk abermals einen großen und segensreichen -Beitrag zum Fortschritt der Menschheit leisten wird. zLlohd George." Auf Antrag Rev. Goldblooms wurde beschlossen, das Telegramm durch eine Dankdepesche zu erwidern. In der Vormittagssitzung am 20. Juli (Vorsitzender Louis Lipski) berichtet Adolf Böhm (Oesterreich) über die zweite Gruppe der Beschlüsse, betreffend die Kolonisationsfragen. Er bringt folgende, von der Kommission angenommene Grundsätze für die Kolonisationsfragen vor das Plenum: 1. Die nationale Kolonisationstätigkeit hat die Ansiedlung des j ü d i s ch e n A r b e i t e r s zum Ziele. 2. Angisiedelt sollen nur solche Arbeiter werden, die sich in Palästina in langjähriger Praxis b ewährt haben, sowie Juden, welche im Galuth selb starbeitende Landwirte waren. Arbeiter, die sich im Galuth landwirtschaftliche Kenntnisse erworben haben, sollen erst nach einer entsprechenden Arbeitspraxis im Lande angesiedelt werden. Der Eignung der Frau für die Ansiedlung ist besondere Beachtung zu schenken. 3. Zwecks Besiedlung und Vorbereitung der Besiedlung Zollen nach Möglichkeit große, zusammenhängende Gebiete, auch solche, die erst amelioriert und saniert werden müssen, durch die Zionistische Organisation gesichert werden. 4. Die Ansiedlung von Anwärtern mit eigen e-m Kapital ist, ihrer Wichtigkeit entsprechend, auf das entschiedenste zu fördern, sofern sie sich den Prizipien der nationalen Kolonisation unterwerfen. 6. In Anbetracht der Wichtigkeit, schnell zu iniensiver Ausnützung der Ländereien überzngehen, sind mit äußerster Beschleunigung einige Siedlungen sowohl auf -bcwässerbarem als auch auf unbewässerbarem Boden nach den.Methoden der intensivsten Bodennutzung anzulegsn. ßOie hiefür notwendigen Geldmittel sind zur Verfügung zu stellen und mit der Vorbereitung dieser Siedlungen sowie des dafür nötigen Menschenmaterials ist eine Kommission von Fachleuten zu betrauen. . 6. Oeffentliche Arbeiten dürfen von der Zionistischen Organisation nur nach.volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten durchgeführt, werden. 7. Ter Jüdische Nationalfonds als solcher betreibt keine Kolonisation und führt, abgesehen von der Baumspende, keine Aufforstung aus. Er führt die'Amelioration seines Bodens durch. Er beschränkt diese Tätigkeit auf diejenigen Arbeiten, die nötig sind, um den Boden in einen wirtschaftsfähigen Zustand zu versetzen. Der Redner begründet diese Thesen und teilt noch mit, daß der Kommission ein Entwurf der amerikanischen zionistischen Organisation zur ^nsiedlung von 100.000 Juden in Palästina Vorgelegen habe.- Die Kommission habe nicht alle Einzelheiten dieses Projektes prüfen können, sei jedoch im allgemeinen damit ein vor standen gewesen. Delegierter Tabenkin (Poale Zion).unterbreitet zu den KolonifaLionSth'L,en einen MinoritätsÄntrag. bestehend aus zwei Resolutionen: 1. Die jüdische Kolonisation, sowohl städtische als aüch agrarische, soll v o l l st ä.u d i g auf jüdischem Natioualfondsboden in Ueboreinstimmung mit von Prinzipien üeL Jüdischen Nationalfonds vor sich gehen, 2, Die zionistischen Holorrisationsirrstitute dürfen ausschließlich sblche laildwirtschaftliche Siede tun gen oder städtischen-Muserbau unter-, stützen, die auf Nationalfoirbsbvdün vor sich gehen oder seiner Verfügungsmacht übergeben werben. Sodann begründet Ben Gurion (Achduth Haawodah) ein Amendement, das aus zwei Absätzen besteht: 1. Die Regulierung der Angelegenheiten des arbeitenden Jifchnw wird ausschließlich der Vertretung der arbeitenden Gesamtheit übergeben. Diese Vertretung körpcrschaft wird nach «stimm Modus gewählt Werben, den die allgemeine Konferenz der palästinensischen Arbeiterschaft festlegen wird. 2. Die zionistische Organik sation anerkennt die Arbeiterinstitute auf den Gebieten der Arbeitsbeschaffung, der Genossenschaften, der Kultur, der medizinischen Hilfe, des gegenseitigen Kredits und der Organisierung der Immigration arbeitender Elemente; sie vollzieht ihre Tätigkeit auf diesen Gebieten ausschließlich durch sie. Delegierter Yellin (Persien) spricht tzegen den MinoritSLsantrag, insbesondere aber gegen den Antrag Ben Gurion, der seiner Meinung nach einen Staat im Kt-rate. jK,aM D.ip Heftung dex. wMigsten AnHelegey- 24. Juli 1920 Nr. 640 heften könne nicht einer einzelnen Gruppe übergebe« werden, sie müsse der Gesamtheit des Volkes zustehen. Delegierter Sprinzak (Hapvel Hazair) begründet ein Amendement zu Par. 1 des Kommjssions^ antrages, wonach dieser Paragraph lauten soll: „5Die zionistische Organisation befaßt sich nur mit solcher Kolonisationsarbeit, welche die Unsiedlung des Wischen EigenarbeiterS auf Nationalfondsboden zum Ziele hat." Delegierter Kaplan (Zeire Zion) begründet ein Amendement zu Par. 4 des Kommissionsantrages, welcher lauten soll: Die Ansieblung von Anwärtern mit eigenem Kapital ist zu fördern, sofern sie sich den Prinzipien der nationalen Kolonisation unterwerfen. (Selbstarbeit.) In seinem Schlußwort erklärt der. Berichterstatter Delegierter BL hm, daß die Wnvritätsanträge ganz neue Anträge darstellen, welche dev Kommission nicht Vorgelegen haben. Die Anträge Ben Gurion gehörten eigentlich nicht zur Kvlonisationsfrage, sondern zur Frage der Organisation. Eine besondere Gefahr bedeute es, daß diese Anträge, di« Kompetenzen abgrenzen sollen, sehr unklar stilisiert seien. Inhaltlich bedeuten sie eine Absetzung der Geisamtheit. sowohl der Zionistischen Organisation als auch des jüdischen Volkes, zugunsten eines bestimmten Teiles. Bei der Abstimmung werben beide Sätze des Minvritütsdotums sowie brr erste Teil des Amendements Ben Gurion abgelehnt. Der zweite Teil des Amendements Ben Gurion wird wiederum in zwei Sähe geteilt. Zum ersten Satz schlägt Delegietex Abrahams ein Amendement vor, wonach der Satz lauten soll: Dir Zionistische Organisation soll mit den. Arbeiierinstituten auf den Gebieten der Arbe tsbeschaffung der Genossenschaften, der Kultur, des Sanitätswesens und des gegenseitigen Kredits zusammenarbeiten. Dieser Satz wird mit 403 gegen 20 Stimmen a n g e n o m m e n. Der Rest des zweiten Absatzes des Amendements Ben Gurion wird vom Antragsteller zurückgezogen. Sodann wird das Amendement Sprinzak zu Punkt 4 des Kommissionsantrages abgebehnt, das Amendement Kaplan zu Punkt 4 des Kommissionsantrages angenommen. Der Rest des Majoritätsantrages wird dann en bloc ohne Widerspruch zum Beschluß erhoben. Dr. Elias Auerbach berichtet im Aufträge der Palästina-Kommission über die dritte Gruppe ihrer Resolutionen, betreffend Sanitätsfragen und stellt folgende Anträge: Die Jahreskonserenz beschließt die Einrichtung eines Gesundheitsamtes als Abteilung der obersten zionistischen Behörde in Palästina. Sämtliche medizinischen und sanitären Arbeiten sollen in diesem Gesundheitsamt konzentriert werden. Zur Durchführung dieser Arbeiten ist aus dem allgemeinen Budget der Palästina- Arbeit ein besonderes Sanitätsbudget abzuzweigen. In dieses Budget sind alle Einzelbudgets von Organisationen für medizinische und sanitäre Arbeiten in Palästina einzustrllen. Debatte und Abstimmung über diese Anträge werden aus die Nachmittagssitzung verschoben. Die neue Leitung der zionistischen Weltorganisation. London, 22. Juli. (Jüd. Korr.-Bur.) ES verlautet, daß die Zusammensetzung der neuen Leitung der zionistischen Weltyrgkayisation die folgende sein wird: Oberrichter Louis Brande i s, Ehrenpräsident: Prof. Doktor W ei^mann, Präsident der Organisation; Nahum Sv ko lo w, Vorsitzender der Exekutive; Ing. Us sischk i n und Wladimir I a b o t i n s k h werden der Exekutive angeh oorn.; Der Ausbaufonds für Palästina. ^.Lvudoon, 22. Juli. (Jüd. Korr.-Bur.) In den letzten Tagen sind zwischen den Delegierten der Jahres» Ponfer^nz Meinungsverschiedenheiten aufgeta'ucht.. Die Differenzen betreffen die Fragen der zu wählenden Exekuti ve sowie deS Palästina- W iedsr auf b au f o u d s. Die amerikanischen Delegierten, von denen ein Teil gegen die Vorschläge- Mr. Branders' -bezüglich der Kandidaten in die Exekutive auftritt, verlangen hie Wahl von Fachleuten sowie daß diese Frage der Exekutive zur Entscheidung unterbreitet werde, während die Delegierten aus Osteuropa den Standpunkt vertreten, daß die Konferenz diese Angelegenheit iit ihrem Wirkungskreis, und zwar durch Erlassung einer feierlichen Kvoklamation an das jüdische Volk, sich für den Palästincr-Wi-rbccausbauftuäw mit einem Zehntel des Vermögens, beziehungsweise des Erwerbes zu besteuern, erledigen soll. Jabotinsky kommt «ach England. London, 22. Juli. (Jüd. Korr.-Bur.) Wladimir Jabotinsky. trifft Ende Juli in London ein. Ein Pogrom in Kuba«. Lovdon, 33. Juli. (Jüd. Korr.-Bür.) Der antibislschetvrkifchs Aufstand in Kuban war von einem schrecklichen Judenpogrom begleitet, der hauptsächlich die ansässigen Flüchtlinge getroffen hat. Näher Stach., tf&tot Mlen, noch.. i\