Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 539 (23.7.1920)
- Date
- 1920-07-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4‘ Wien, Freitag Wechsels vergessen zu haben, daß Deutschösterreich Bela 'Kun das Asylrecht gewährt hat auf Grund von Vereinbarungen, die vor dem Sturze der Näteregierung hier' in Wien zrvischen den. antibolschewikischen und konserva-!.tiven Kreisen jlugarius. und der österreichischen Regierung .unter..Internen!ion von Vertretern der Entente getroffen 'wurden, um eine blutige Katastrophe in Budapest zu vermeiden. Die österreichische Negierung hat somit;im Interesse Ungarns und auf Ersuchen ungarischer Kreise die..Last dieses Asyls, .nicht auseigenem Interesse, auf sich genommen, obwohl sie vom ersten bis zum letzten Tage des ungarischen Räteregimes. mit diesem Regime in schwerem Konflikt lebte. Das, was damals Oesterreich für die Entwirrung Ungarns getan hat, scheint -ganz vergessen zu sein. Man beliebt noch heute fortwährend, diesen Sachverhalt zu entstellen, und ich kann nur' annehmen, daß infolge deS häufigen System- Wechsels die Männer von heute ihre Kntz.tmluitötmit der. Vergangenheit verloren ‘ Haben. Zweitens habe ich mitzuteilen: Die heutige Regierung in Ungarn behandelt die Mitglieder einer «früheren ungarischen Regierung, welche meines Erinnern s. zur Behauptung des territorialen Besitzstandes Ungarns den doppelten vaterländischen Krieg gegen. Rumänien und die Tschecho-Slowakei gefiihrt hat, als Verbrecher. Tos ist ihre Sache, Dieselben Männer werden - jedoch von der Regierung eines anderen Staates,, nämlich Rußlands, mit . dem wir nicht minder in Frieden leben wollen wie mit Ungarn, und der noch dazu tatsächlich über viele Zcbntauseude unserer Kiegsgefangenen verfügt, yoa-aeachtet und als.eine verbündete.Regierung behandelt und ihre Freiheit wird als Bedingung, für die Rückgabe der.Kriegsgefangenen gestellt. -.Ein und derselbe Tatbestand, wird also von zwei . -Staaten ganz entgegengesetzt bewertet. Oesterreich ist allerdings nicht gewillt, in. diesem Streite den Richter zu machen, will aber auch an ihm nicht teilnehmen: es auch! bloß die Interessen seiner 'Staatsbürger, zu 'währen.. r. Drcft ,wci Tatsachen beleuchten den Fall/ über den-die-ungarische Regierung mißverständlich gegen uns Beschwerde führt. Bon Ungarn veranlaßt, haben wir Bela Kun das Asylrecht gewährt und unser Versprechen gehalten, solange das Asyl beansprucht wurde. Selbstverständlich haben wir das Interesse der Kriegsgefangenen, die r.nsere Staatsbürger sind und nunmehr durch ein Jahrfünft auf die Heimkehr harren, den Angelegenheiten sreinder Staatsbürger voranzustellen. Wir haben damit die Rechte Ungarns, das von uns seinerzeit die Asylgewäbru.ig erbeten hat, in keiner Weise beeinträchtigt. Im übrigen ist die gnrre. Angelegenheit durch die.Ausreise, der Beteiligten gegenstandslos." . Ein -.weiter: Fall Friedman«. Deu Fälscher in der Furrder-AeÄaLtion.! Die ,;9i .eichspo st" empfindet es schmerzlich daß Abgeordneter Dr. Otto Bauer das Treiben ihrer um Len Herrn Fried mann gescharten Freunde (die sie bei Tage verleugnet) als Hochverrat bezeichnet hat. Sie sucht also dasw-erühmte österreichische Präjudiz und findet es in der „Wiener Morgenzeitung", und zwar in einem Artikel vom 18. Juli, der die Delogierung der Flüchtlinge behandelt und an das im Friedensvertrag festgesetzte 'Zlussichtsrecht des Völkerbundes, das heißt unter den .gegebenen Umständen der Entente, erinnert. Sie legt also folgendermaßen munter aus: ch.... .. bekennt das. Organ der Jüdischnationalen und Dstjuden offen ltnb frei, daß seine Partei gegen die 'jüngste. Maßnahme zur Milderung der schrecklichen Wohnungsnot in ■ Wien Jim den Einspruch der Entente üngesücht hat!" Der Fälscher in der Funder-Redaktion macht. geschwind aus der Zukunft die Vergangenheit, um dann die 'Sozialdemokratie zu fragen, was sie dazu sagt. Die Antwort wollen wir geben. Die Flüchtlinge sind rechtlos e': Aftlslän der. Sie werden, von den Organen des Herxn,'Sever wie von den Parteigläubigen ' der „Reichspast" in gleicher Weise geschunden und schikaniert. Seit -Monaten machen alle, die sich aus Menschlichkeits- oder Solidaritätsempfindung heraus mit den Leiden dieser Opfer der österreichischen Fetdhcrrenlunst beschäftigen, die Behörden darauf aufmerksam, daß ein Staat, der selbst bettelt, nicht ausweisen oder unterdrücken.darf. Da dies alles aber vergeblich bleibt Kind man in den. letztem Tagen schon vielfach Flüchtlinge aus ihren Wohnungen — es sind Kellerwohnungen in der Brigittenau, nicht Ningstraßenpalais — auf die Straße gestellt hat, so muß man eben davon sprechen, daß diese Flüchtlinge unter dem Schutz des Völkerbundes stehen. Die Frihdmann-Clique aber will das Eingreifen der 'Entent^l in die Steuerhoheit des Staates herbeiführen. 'Das hat Herr Bauer (nicht wir) als Hochverrat stigmatisiert.' ' Z Keme Äverbeartion für die polnische Armee in Wien. ßM.nRester Lloyd" war vor. einiger Mt die Meldung euthalwn, daß in Wien Werbungen für die polnische. Armee, Und zwaxnicht bloß unter polnischen, sondern auch unter nichtpolnischen Staatsangehörigen, stattfinven. Wie den „Polnischen Stimmen" von autoritativer polnischer Seite mitgeteilt wird, ifi Uest Meldung volltommen ans.'der Suft.gegriffen. Wiener Arorgemzeitrmg Telegramme. Teleki schimpft. Der HorthyWauwa« gegen die österreichische Regierung. Budapest, 22. Juli. (Ung. Tel.-Korr.°Bur.) Das. Kabinett Teleki hat sich heute.der Nationalversammlung vorgestellt. Ministerpräsident' Graf Teleki ergriff das Wort zu einer längeren Rede, in der er unter anderem ausführte: Heute schwingen wieder verschiedene starke Kräfte aus, welche das Land vor eineinhalb Jahren vor eine schwere Krise, ja nahezu in die Vernichtung gestürzt hätten; ihnen gegenüber schwingen jedoch jene Kräfte in stärkerem Mäße, welche die Welt der gesunden Ent- Wicklung zuführen wollen. Ich wU zunächst auf jene Erscheinungen Hinweisen, welche wir in dem Boykott, in der'Flucht der Volkskommissare und in der Agitation gegen uns . . .. (Abgeordneter Georg Szmrecsany ruft: Ewige Schande für Oesterreich!) Ministerpräsident Graf Teleki (fortfahrend): . . . unter dem Namen der russischen Offensive kennen. Diese Erscheinungen - hängen miteinander zusammen und Europa muß sie als zusammenhängend erkennen. Dasselbe gilt - auch für die Flucht der Volkskommissäre. .Wir haben - die Auslieferung der Volkskommissare wegen gemeiner Verbrechen verlangt, und'es wäre-Pflicht der österreichischen Regierung gewesen, sie auszuliefern. Vor einigen Tagen erfuhren wir, , daß die österreichische Regierung es den Volkskommissären ermöglicht hat, nach Rußland auszureisen. (Zwischenrufe.: Sie haben unser Geld mitgenommen! Sie reisten.im Salonwagen!) (Am Geldpnnkt sind die Herren-sehr, empfindlich. Gegen die erpresserische Blutsteuer der,Horthy.Banditen haben sie jedoch gar nichts. Die Red.) . - _ . . - Ministerpräsident Graf Teleki (fortsahrend): Die Flucht der Volkskommissare hängt mit dem Vordringen der russischen Streitkräfte zusammen, welche am südlichen Flügel von den Polen zum Stillstand gebracht wurde. (Lebhafte Eljenrufe.) Das französische Ultimatum an Farsul. Paris, 22, Juli. (Funklpruch.) Das am 21. d. M. abgelaufene Ultimatum des Generals Gourand an Emir Faisul enthält folgende Forderungen: 1. Französische Kontrolle der Bahulinien von R a g a?. 2. B e s e tz n n g dir Stationen H o m s, Hama und der Stadt Aleppo durch die Franzosen. 3. Annahme deS von dm Franzosen auSgegebenen syrischen Geldes. 4. A n e rkennung des französische« Mandats. 5. Bestrafung der Schuldigen. Paris, 22. Julr. Die Agence HavaS meldet auS Beirut vom 20. d. M. r Die Bevölkerung von Hasbayä und Rachahn hat sich erhoben und hie Behörde« verjagt. Die französische Flagge ist gehißt worden. Der italienische Außenminister über Spa. Rom, 22. Juli., (Stefam.) Minister des Aeutz«« Graf Sforza legte in der Kammer in Beantwortung von Anfragen über die. auswärtige Politik eingehend die bekannten, in Spa abgeschlossenen Vereinbarungen über die Aufteilung der Wiedergutmachungen dar und erklärte, die Vereinbarungen seien von Italien zur Herbeiführung der Versöhnung angenommen worden. Der Prozeß gegen de« Kommunisten HSlz. Prag, 21. Juli. (Privat.) Bor dem Jitschiner Kreisgscicht hatte sich der sächsische Kommunistenführer Max Hölz wegen des Verbrechens 'der öffentlichen Gewalttätigkeit und der llebertretung des Sprengmittelgesetzes zu verantworten. Holz wird in der Anklageschrift zur Last gelegt, daß er am 27. April l. I. in! der Gendarmeriestation Marienbad eine Handgranate gegen die Gendarmen aus der Tasche gezogen habe. Bei der heutigen Verhandlung verteidigte er sich damit, Laß er gar nicht dir Absicht hatte, die Gendarmen zu bedrohen. Als die Gendarmen sahen, baß Hölz in der Hand eine Granate habe, flüchteten sie in bas zweite Stockwerk.. Hölz ging mit seinem Sekretär Goethe auf die Straße. Nun ergriffen die Gendarmen die Waffen, riefen Assistenz herbei und eilten mit auf-- gepflanztem Bajonett den Flüchtigen nach. Sie begannen dann mit ihnemzu verhandeln. Hölz mußte zunächst die Granate nirderlegen, sich' entfernen, die Hände in dis Höhe heben und wurde sodann verhaftet. Die Gendarmen bestätigten jedoch durch ihre Aussagen die Ausführungen der Anklage 'und so wurde Hölz wegen öffentlicher Gewalttätigkeiten zu vier Monaten schweren Ksekers mit je einem harten Lager im Monate und -wegen Uebertretung des Waffinpatentes' zu 20 Kronen Geldstrafe, verurteilt. Die Strafe wurdp bedingt verhängt, so daß Hölz sie nicht antritt. Der Staatsanwalt meldete die Berufung gegen das Urteil an, so daß Hölz weiterhin in Haft bleibt. Wie das Abendblatt des „Pravo Lidu" mitteilt, machte Hölz bei der Verhandlung einen sehr guten Eindruck. Ev istein intelligenter Mensch, alterdings sehr nervös und) mt erklärlich, nach den vielen Strapazen und -Qualen sehr erschöpft. Für die Dritte I«ternatiorr«le. Paris, 21. Juli. (Korr.-Bur.) Die sozialistischen Blätter veröffentlichen ein Telegramm C a ch i n s und Frossards aus Moskau, worin diese für den Anschluß an die Dritte Internationale eintreten und mitteilön, . daß sie am 31. d. M. von Reval die Rückreise nach Frankreich autreten. werden, 23. Juli 1920 _%t 5Sjy Der polnisch-russische Krieg. , Polnischer FronLhericht. Die Rottruppen in Slsnim »«dRzeszpea emgedruuge«. Warschau, 22. Juli. (Funkspruch.) Frontbericht vom 21. Juli: .Nach der Einnahme von Grodnv setzen die feindlichen Abteilungen ihren Vormarsch längs der Straße Grvdno—Sokolka fort und kämpfen bei Bakuny mit unseren Truppen. Vakuny wurde vorübergehend vom Feinde genommen, von uns jedoch zurückervbert. , Längs des Njemen, von Luna und Wvla big zur Mündung der Schara versuchen die Bolschewiken, den Fluß um jed>rn Preis , zu überschreiten. Der von Oster» gegen den Brückenkopf von S l»n im geführte-Angriff zwang uns, die Stadt zu räum-rn; hartnäckige Kämpfe dauern zwischen Slonim und Aelwa fort. In diesem schmalen Abschnitt hatte der Feind drei Divisionen Infanterie konzentriert, die beim Uebergang über die Schara überaus schwere Verluste erlitten. In der Polesie, im Gebiet von Dziatlowicze, haben unsere- Truppen durch kraftvollen Gegenangriff die bolschewiki- . scheu Abteilungen zurückgeworfen und zahlreiche 'Ge- . fangene eingebracht. Südlich des Pripet hat die Armee- Gruppe des Generals Balanchvwicz nach schweren Kämpfen Rzeszyca besetzt und unsere Truppen gegen Priwitowka zurückgedrängt. Weiter südlich . blieben alle Versuche des. Feindes, die Styrfront zu durchbrechen, ohne Erfolg. An der Südfront räumte unsere 18. Infanteriedivision Dubno, das von der Reitrrei Budennhs besetzt wurde. Die Kampfe dauern bei Dargowica und Kosin an. Unsere sechste Armee hat alle seitlichen Versuche, die Zbrucz-Lurie zu überschreiten, abgewiesen. Der Feind erlitt ungeheure Verluste. Bei Wvlotschysk würde eine feindliche Reiterbrigade von 800 Maim, die bis zu unserer Rückfront durchgestoßen hatte, nach blutigen Kämpfen mit sehr schweren Verlusten über den Zbruez zurückgeworfen. Unter dem Eindruck der ungeheuren Verluste des Feindes in diesem Mschnitt ging ein Regiment Knbankosaken vollzählig in der Nacht des 20. Juli zu uns über. Rrrssische Kavallerie an der deutsche« Grenze? Berlin, 22. Juli. (Tel.-Komp.) Im Reichstagsausschuß für auswärtige Angelegenheiten behauptete gestern der deutschnationale Abgeordnete G ö tz, nach ihm gewordenen Nachrichten hätte die russische Kavallerie bereits die Grenze erreicht. In einer Unterredung mit einem schweizerischen Journalisten erklärte der Berliner Vertreter der Sowjetregierung Viktor K o p p, die Bolschewiken beabsichtigen nicht, in Deutschland oder Ostpreußen emzurücken, sondern wünschten mit Deutschland in Frieden zu stehen und enge wirtschaftliche Beziehungen anzuknüpfen. Munition für Pole«. Moskau, 22. Juli. (Funkspruch.) Dem mit Munition beladenen Dampfer „PollyGeorge" wurde von den englischen Dockarbeftern die ÄnSfahrt aus London verweigert. Durchbruch der Polenfront a» der oft. preußischen Grenze. London, 22. Juli. (Tel.-Komp.) Nach hier vorliegenden Nachrichten haben die Bolschewiken die polnische Front an der ostpreußischen Grenze in einer Länge von 30 Meilen durchbrochen. Lloyd Georges Meinung. London, 22. Juli. (Funkspruch.) Ueber die polnisch-russische Frage äußerte sich im Unterhause Lloyd George, daß der polnische Minsterpräsident bereits das Nötige veranlaßt habe, um die polnischen Armeen hinter die legitimen Grenzen Polens zurückzuführen. Der französische Ministerpräsident Millerand habe die Antwort der Sowjetregierung als „impertinent" bezeichnet, er ziehefiedoch die Bezeichnung „inkorrekt" vor. Die Sowjetregierung habe sich bereit erklärt, einen Waffenstillstand mit Polen in frundschastlichem Geiste zu erörtern. Es lägen jedoch Anzeichen vor, daß die Sowjetregiernng nur mit einer proletarischen polnischen Regierung zu verhandeln bereit sei. Dies wäre eine unhaltbare Lage (intolerable Position). Die englische Antwort. Paris, 21. Juli. Der Londoner Korrespondent des „TempS" meldet, daß die Antwort der englischen Regierung mtf die russische Note gestern abends nach Moskau abgegaugerr sei. Das englische Kabinett habe beschlossen, in der Antwort nur praktische Fragen der Wiederherstellung des Friedens^ zu berücksichtigen und Ausführungen pvlewischen Charakters zn vermeiden. Me der Korrespondent der ,ßbav Dort Herold" berichtet, sei der Don der Antwort entgegenkommend. Die englische Regierung bemüh« sich, die Grmchlags» fitr erwr Derstmrdrgung hervorzuheben, verweise jedoch auf den. Entschlutz her Miierten, zugirnsten Polens einzuschreiten, wenn Ne russische Offensive fortgesetzt würbe. Englische Einbernftm-e». Paris, 22. Juli. (Tel.-Komp.) Der „Matin" meldek aus London: Der englische Kriegsminifter hat die Einberufung der ersten und zweiten territorialen Armee cm-- tzeoMei,