Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 538 (22.7.1920)
- Date
- 1920-07-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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f 00» T' """ # Me«, Donnerstag L U..... Der Zusammenbruch und die Schuldigen. Da- A. O. K. und Kaiser Karl. k' In der gestern vormittags abgehaltene» Sitzung des Ausschusses für Heerwesen erstattete Berichterstatter Witternrgg ein sehr eingehendes Referat über die von der Kommission zur Feststellung und Verfolgung militärischer Pflichtverletzungen im Kriege bisher vorgelegten zwölf Berichte. Die Behörden der Sukzessionsstaaten haben der Kommission sehr wirksame Rechts. Hilfe geleistet. « Tie Ursachen de§ Zusammenbruches an der Südtvestiront. Während die ersten Berichte der Kommission sich im -vesentlichen mit Einzclfällen befassen und von untergeordneter Bedeutung sind, erhebt sich der achte Bericht;uc Höhe eines geschichtlichen Dokuments. Es handelt sich üer um die Ursachen des Zusammenbruches der österreichijchen Südwe st front im Herbst 1918 und um die damit im Zusammenhang stehende Gefangennahme von mehreren hunderttausend Mann und den ungeheuren Verlust an Material und Vorräten in den letzten Stunden -es Weltkrieges. Aus dem umfangreichen Berichte der Kommission stellt der Berichterstatter folgendes fest: Tie Schuld des Kaisers und des Armeeoberkommandos. Die Schuld an diesen Verlusten trifft das Armeesberkommando. Der Kaiser und das Armeeoberlommando schwankten, ob sie die harten Bedingungen annehmen sollten oder nicht. Zuerst wurde aus Laden ein Telegramm an die Front geschickt, den Waffen- Mstand bedingungslos anzunehmen, dann wurde es durch ein späteres Telegramm wieder annulliert. Dies war die-Ursache, datz so viele österreichische Soldaten in die Kriegsgefangenschaft gerieten. Die Waffenstillstandskommission als solche, die in. Padua mit den Italienern verhandelte, traf keine Schuld, im Gegenteil, der in besonders verantwortlicher Stellung tätige Oberst Schneller hat sich den Dank der Republik Oesterreich verdient. Rach eigenem Ermessen konnte er nicht handeln und vom Armeeoberkommando erhielt er nicht die nötigen Direktiven. Trotzdem hat er schließlich gerettet, was noch zu retten war. Die Befangenheit des gemischten Senats. Der beim Obersten Gerichtshof zur Aburteilung über die vom Generalstaatsanwalt erhobenen Anklagen »ingesetzte Senat habe in den drei Fällen, in denen er bisher erkannt habe, Urteile gefällt, die sich nach dem Rechtsempfinden der Bevölkerung als bedauerliche Rechtstrrtümer darstellen. Gleichgültigkeit im entscheidenden Augenblick. Der Berichterstatter knüpft an die Berichte der Kommission folgende Bemerkungen: Die Offiziere haben sich in den entscheidungsschweren Stunden nicht, wie sie in ihren Aeußerungen angaben, von Motiven der Humanität und des Mitleides leiten lassen. Nachdem vielmehr klar war, daß die Monarchie unrettbar verloren sei, schwand auch die Anhänglichkeit und das Verantwortungsgefühl in den Generalen in demselben Maße wie die Macht und Autorität des Kaisers, der einzigen Stelle auf Erden, der sie verantwortlich zu sein glaubten. Gleichgültigkeit und Mangel an innerer Beteiligung hat sich der obersten militärischen Führer bemächtigt. Die Angst vor den rückströmenden Truppen. Es wirft sich auch die Frage auf, ob nicht der Kaiser und seine Ratgeber etwa auch die rückströmenden Soldaten mehr fürchteten als alles andere. Und es mag. *— vielleicht nicht mit Absicht, aber im Unterbewußtsein —- der Wunsch in manchem Verantwortlichen entstanden sein, die Truppen mögen besser überhaupt jetzt nicht zurückkehren. f Kaiser Karls Verantwortlichkeit vor der Weltgeschichte. Es hieße aber dem Armeeoberkommando Unrecht tun, wenn man ihm allein die Schuld an dem folgenschweren Schritte zumessen wollte. Es gibt nur einen Faktor, der in letzter Linie militärische Entscheidungen zu treffen hatte und auch die Verantwortung vor der Weltgeschichte und vor der Bevölkerung übernehmen muß, wenn auch diese Verantwortung konstitutionell nicht bestand — den Kaiser. Kaiser Karl hat sofort nach der Thronbesteigung den Oberbefehl übernommen und ihn bis zur dritten Morgenstunde des 3. November 1918 fortgeführt. Tatsächlich sprach auch Kaiser Karl in dieser Frage daS letzte Wort. In der Zeit vom 2. November, 6 Uhr vormittags, bis 3. November, 3 Uhr 35 Minuten früh, hat Kaiser Karl dreimal mittelbar oder unmittelbar von seinem staatSgrundgesehlich gewährleisteten Rechte des Oberbefehls über die Armee und deS Entscheidungsrechtes über Krieg und Friden Gebrauch gemacht und jedesmal in einem anderen Sinne, welcher die vorherige Entscheidung widerrief. In einem Kronrat wurde am Abend die Instruktion an General Weber beschlossen, welche die Feindseligkeiten einzustellen befahl. Diese Instruktion wurde um 1 Uhr 29 Minuten nachts an Weber weitergegeben. Um 2 Uhr widerrief der Kaiser plötzlich ohne jeden ersichtlichen Grund den ' Befehl zum Abschluß des Waffenstillstandes und um 3 Uhr 35 Minuten, da die elfte Annes in Tirol die technische Unmöglichkeit des Widerrufes meldete, erfolgte die dritte Entscheidung, idle neuerlich die Einstellung der Feindseligkeiten anordnet. Kaiser Karl schwankte auch, wen er zum Armeeoberkommandanten nunmehr eruenven iMe. Zuerst betraute ex um 3 .Uhr morgens Wiener Me^en-eitir»« 22, Zrrü 1920 9tL 53* t.nr.'n'iäUlwitiiTf'» 11 n.. w———» nniniina'IWlIlllfUMMmHtt—C<— Der griechische Vormarsch in Marien. Saloniki, 21. Juli. (Havas.) Die griechische« Truppe« begänne« heute ihre« Vormarsch zur Besetzung von Thrazien. Die Eisenbahn- und Telephonverbiudung zwischen Konstantinopel und dem Innern ist nrrterdroche«. Adrianopel belagert. Washington, 21. Juli. (FunLspmch.) „Associated Preß" meldet aus Konstantmopet> daß der Kampf um Adrianopel am 19. Juli begann. Schwere Geschütze seien in Tätigkeit. Die Zivilbevölkerung habe Adrianopel geräumt, das von über 10.009 Türken verteidigt werde, denen sich zahlreiche Bulgare« angeschlossen hätten. Ein bulgarisches Flugzeug wurde vor Adrianopel ab geschaffen. Der Bahnvepkehr ist unterbrochen. Wz Palästina. Eine Fnnkenstation in Palästina. Ze.'»saleirr, 15. Juli. (Jüd. Korr.-Bur.) Es verlautet. daß auf dc?» O e l b e r g eine Funkenstati on errichtet wurde. Sie wird vor allem der Verwaltung zur Verfügung stehen, soll aber,später vergrößert werden und dem Publikum sowie Privatinstitutioneu zur Benützung fceistt'hen. Die Station wird die Linie London und Paris bedienen. Eine jüdische Iudustriearmee für Palästina. Jerusalem, 15. Juli. (Jüd. Korr.-Bur.) In einer der letzten Nummern der „Palestttm Weeklh" reröffentlicht der Amerikaner V. Ro send lü tt einen Artikel, in dem er den Plan einer jüdischen Industriearmee für Palästina äufstelltsi Diese Armee soll den jüdischen Boden in Palästina für die sofortige Besiedlung geeignet, machen, Häuser für die Immigranten vorbereiten uyd vor allemdurch dieses System der „friedlichen Durchdringung" albe Mittel und Energien für die Renaissance des Heiligen Landes dienstbar machen. Die zionistische Weltorganisation soll nach dem Wunsche des Autors einen Ruf an die Inden der ganzen Welt ergehen lassen, sich für die Dauer von 18 Monaten in die genannte Armee emreihen zu lassen. Ein „Stab" aus drei Fachleuten soll die Sichtung durchführen und die geeignetsten und qualifiziertesten in diese Armee, die nicht mehr als 10.000 Mann zählen soll, aufnehmen. Die Aushaltung einer solchen Armee von 10.000. Mann für 18 Monate soll nach genauen Berechnungen des Verfassers zwei Millionen .Pfund Sterling erfordern. Frankreich und Palästina. London, 20. Juli. (Jüd. Korr.-Bur.) „Palestine" (das Oorgan des „British Pcklestine Committee") schildert in einer der letzten Nummern das Verhältnis Frankreichs zu den verschiedenen Problemen b. ttn nahen Osten und seine falsche Polittk inbezug auf Jerusalem und Damaskus. Das große Kapital — schreibt das Blatt — welches Frankreich in seinem.Jnteresse im nahen Osten investieren kann, ist die Entente,- niit England und die Entente mit dem jüdischen Volke. Frankreich hat ebenso wie England ein aus-, gesprochenes Interesse am Gelingen des Versuches mit einem jüdischen Palästina und diejenigen, welche Gegensätze instruieren wollen, sind keine wahren Diener Frankreichs. Ferner führt das Blatt aus, daß die einzig vernünftige Politik, die Frankreich im Osten führen kann, die Ueberlassung der natürlichen Grenzen im Osten und Norden an Palästina und die Verbindung . mit den Arabern gegen Kcmal, den einzigen Störenftied im Orient, sei. A r z mit diesen Posten, gleich darauf General KoveSz. Aus dieser ganzen Situation geht hervor, daß Kaiser Karl sich seiner geschichtlichen Verantwortung voll bewußt war, sich ihr jedoch durch eine nicht sehr würdige Handlungsweise im letzten Augenblick entziehen wollte. Der Kongreß der Dritten Internationale. Auf dem zweiten Kongreß der Dritten Internationale sollen folgende Gegenstände verhandelt werden: Arbeiterbündnis der ganzen Welt zur Unterdrückung der Macht des Kapitals. Wer steht im Kampf gegen die Gegenrevolution, wer hilft der Roten Front, wer ist am Ausbau der Sowjetrepublik beteiligt? Bereinigung des Proletariats der ganzen Welt. Befreiung aller Arbeiter und Bauern von Hunger, Kälte und anderen Lebensunbilden im Zeichen der Dritten Internationale. Durch die Dritte Internationale zur Diktatur des Proletariats. Aufbau des internationalen SowijetA der Arbeiterdelegierten. Geschichte der Dritten Internationale. Sieg deS Proletariats über den Kapitalismus. Kampf der Prolctarierarmee gegen den Kapitalismus. Die Dritte Internationale als Hauptgegnerin des Kapitalismus. Arbeiterregierung, Dritte Internationale und Weltregierung. Moskau» 21. Juli. '(Funkspruch.) Auf dem. Kongreß der Dritten Internationale in Moskau ist Deutschland durch die kommunistische Partei Deutschlands, die kommunistische Arbeiterpartei und die unabhängigen Sozialdemokraien vertreten, und. zwar durch Mockmann, Sterker, Crispien und Däumig. Außer diesen haben die anderen Vertreter nur beratende Stimme. Frankreich ist durch .4 Vertreter mit beratender und 2 mit beschließender Stimme vertreten; diese sind Frossard und Cachin. Weiters' haben entsendet: Italien 4 Abgesandte, England 2 Abgesandte der britischen Sozialisten und des Arbeiterkomitees, die Bereinigten Staaten 5 Kommunisten, Deutschöster, reich 3 Abgesandte, Ungarn 2, Bulgarien 3, Südslatvien, Rumänien, Serbien, Mexiko, Spanien, Kuba, Holländisch-Jnbien und Polen ie 1, die Türkei 3. China, Korea, Britisch-Jndien je 2, Holland 3, Rußland, Ukraine, Kaukasus, Sibirien, Baschkirenlanb und Kirgisenlanb insgesamt 46, Lettland 5, Georgien 7, Norwegen 6, Dänemark 2, Schweden und Finnland je 5, Armenien, Estland, Litauen je 1 Abgesandten. Insgesamt sind 51 Staaten vertreten. Sir Matthew Nathan» Douverneur r)n Queensland. Aus London wird uns gemeldet, daß Oberstleutnant Sir Matthew Nathan zum Gouverneur in Queensland ernannt wurde. EL ist nicht das erste Mal, daß. Sir Matthew Nathan zu so wichtiger politischer Stellung berufen wird. Ep war bereits nacheinander Gouverneur der Goldküste in Hong-Köng und Natal. 1909 bis 1911 gehört-: er als Postminister dem Kabinett Alt. Später. bMipAk er d.w LtM chws. des Lord-Leutnants von Irland, war während des Krieges im Verte'.bigungsdienst für London und Sekretär des Ministers für .Pensionswesen. Sir Nathan gilt als einer der genauesten Kenner des gesamten Kolonialwesens Großbritanniens. '' Die magyarischen Terroristen. Wie aus Budapest berichtet wird, hat die neue Negierung den Oberleuttrant Hejjas zum Polizethaupttnann von Kecskemet ernannt. Osztenburg wurde zum Kommandanten des Stuhlweißenburger und Pronay zum Kommandanten des Szegediuer Jägerbataillons ernannt. Hejjas ist der Schwager Horthys. _ Das ««garische Negieruugsprogramm. Lh-iftlich ttttft National. Budapest, 20. Juli. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Das neue Kabinett stellte sich gestern abends der Regierungspartei vor. Ministerpräsident Graf Teleki gab in kurzen Umrissen das Programm seiner Regierung bekannt. Er führte unter anderem aus: Heute stehen wir größeren Gefahren gegenüber, in Rußland, in Tschechien, in unserem eigenen Lande, in Oesterreich und überall ringsherum. Ich hoffe, datz es die ganze Welt wahrnimmt, daß wir jetzt Vorpostendienste versehen, daß wir dazu auserkoren sind, denn wir waren es, die es zuerst in Europa wagten, die christliche und nationale Richtung einzuschlagen. Die Grundlage für die Gesundung Ungarns müssen wir nrit raschem Entschluß finden. Die erste Aufgabe der Regierung wird es sein, in jeder Hinsicht Ordnung im Lande zu schaffen. Im Sinne des Parteiprogramms streben wir ein tatkräftiges Regime an, die vollkommene Herstellung der nach dem Ebenbild des christlichen und nationalen Kurses geschaffenen Rechtsordnung. Bei Beurteilung der christlichen und nationalen Richtung müssen wir. aber gerecht sein. Die Behauptung, daß wir eine rückschrittliche Richtung 6efolgen oder daß wir von dem allein richtigen Wege abgewichen sind, ist eine Verleumdung. Wir werden es nicht zulasten, daß diese Rechtsordnung Umsturzversuchen auSgesetzt wird. ( Der zweite Hauptpunkt unseres Programms steht in der Sanierung der finanziellen Lage. Die dritte Frage betrifft die Lösung der Bodenrßfo'cm. Die vierte Frage betrifft die Regelung der Lage det öffentlichen Angestellten,. Richter und Staatsanwälte. Wir wünschen sobald als möglich die christlichen wirtschaftlichen Interessen zu sichern. Wir beabsichtigen, eine energische Außenpolitik zu machen. Darunter verstehe ich insbesondere die Frage, des BoykoitS und jene andere Frage, die, wie ich' glaube', mrt dieser Frage im Zusammenhang stM, nLM«' lieft die Angelegenheit Aela K u ß s. Ich gehe sogar. i