Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 537 (21.7.1920)
- Date
- 1920-07-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2979416-2979615--04744-2990521- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sk. 537 Wien. Mittwoch Wiener Morgenzeitung 21. Juli 1920 Seite 3 Telegramme Der Kongreß des Dritten Internationale. Moskau, 30. Juli. (Funkspruch). Gütern um 1% Uhr mittags wurde m Petersburg der zweite Kongreß der Dritten Internationale fverlich eröffnet. Fast von allen Staaten der Erde waren Arbeiter zur Feier rigetroffen. S i u o w i e w eröffnete die Sitzung, zunächst der gefallenen Kommunisten und der im Gefängnis Weilenden gedenkend, sprach hierauf über die Ziele der Partei, rrwähute, daß auf dem Kongreß auch über da- Brr» haltnis zu den deutschen Unabhängigen unb den fran;östscken Sozialisten entschieden werden solle, und gedach'e schließlich der französischen Kommune, die vor 50 Jahren den Mg gezeigt habe. I» den Vorsitz des Kongreffrs wurde einsiimm-g gewählt: 8 e w v (Deutschland). R o s m r r (Frankreich). S e n a t i (Italien), Lenin und S i n o w j e w (Rußland'. Im Namen der russischen Arbeiter und Bauern begrüßte Kalinin den Kongreß. Hierauf sprach der Vertreter der französischen Kommunisten Rosmer, worauf sich sämtliche Anwesende ans da- Marsseld begaben, wo aus die Gräber der Gesallrneu ein Lorberkranz niedergelegt wurde. Die Kampfberichte. WarßchM, 20. Juli. (Funkspruch.) Nördlich von Grodno stoßen die Bolschewiken mit starken Kräften gegen die Stadt vor. Nach der Einnahme von Lida dauern die Kämpfe bei Zybow'ee an. Abteilungen Posen scher Truppen, die vom Feinde umzingelt wären, konnten sich aus der Umklammerung befreien und erreichten bei Lida unsere Truppen. An der Schare, östlich von Baranowitschi, äußerst heftige Angriffe der Bolschewiken. In der Südpolesie griff der Feind unter Teilnahme von sibirischen Regimentern gestern unsere Stellungen bei Widibor an der Bahnlinie Lunin >rz—Sa rn y an; alle Angriffe wurden von unserer Infanterie, die von Panzerzügen unterstützt wurde, abgeschlagen. Der seit'längerer Zeit an der S t ij x Ii u ie erwartete entscheidende' Angriff hat am 18. Juli uiorgens 'gegen Czart o r y's 1, R a s alo w ka, Kalkig und N o w v s i>o l k i begonnen. Alle Angriffe wurden, von unserer ,7^.Djpis,ßon.. abgeschlagen. .Im Gebiet von Pubno und MlYnotv bauern die Kampfe an. Bei Wolotschisk griffen unsere Abteilungen plötzlich Ko rosten an und triebeü hie feindliche Besatzung in die Flucht. Während'der Käntpfe des gestrigen Tages war es dem Feinde gelungen, in Husi atyn einzud ringen. Ein dreimaliger Gegenar^griff unserer Truppen zwang ihn, gegen Osten zu weichen. ' Moskau, 20. Juli. (Fnnksprnch.) In den Kamp seil bei Lida wurden zahlreiche.Uefangene gemacht, 31 Geschütze, 60 Maschinengewehre und viel Kriegsgerät ein-- gebracht. Die Verfolgung wird fortgescht. Im Raum Baränotvlischi Überschritten.dle.^ .No.ttrutzjien die alten dMtschen SMnngen. 15 Werst östlich v'ö" Lnzino wurde Lachtva genonunen. Richtirng Kowel lvurde Rafalowka ustd /ine Reihe anderer Ortschaften genonlmen. Bei Äubno hef.ige Kämpfe. In der Krim Anftlärungsgesechte. 'y Mobilisierung in Rumänien. Hemberg, 20. Juli. (Poln. Stinunen.') Die „Ga- Feta Meezorna" meldet airS Bukarest: In Rumänien ist die Mobilisierung bereits durchgefnhrt. An den Dstjestr, den einzelne russische Abteilungen zu überschreiten . versuchten, sind Truppen dirigiert worden. Gleichzeitig richtete die rumänische Regierung an die russische Sowsstregierung die Anfrage, was jene Ueberschrektungsversnchc zu bedeuten haben und teilte mit, daß Rumänien eventuell die schärfsten Maßnahmen treffen müßte, um die rumänische Grenzbevölkernng zu schützen. Eine Verschwörung zur Ermordung des Sultans. Amsterdam, 19. Juli. (Korr-Bm.) Der K»nespoud*rnt der »T t m t S* meldet ans K o n st a n t i n v p e l. daß dir türlffche Polizei et«« Verschwörung entdeckt Labe, die sich die Ermordung des S n l t a n §■ und die Einsetzung einer vorlausigen Regierung zum Z:ele gesetzt habe. Aufruhr in Irland. Hondcn, 20. Juli.' (Fnn'kspruch.) Oberst G. F. Srnyth, DivisionSkommissär der irischen Konstabler, wurde in Cork, während er'im Klubzimmer saß, erschossen. Der Täter ist entkommen. Oberst Sluyth hätte gestern in Cork Gerichtsverhandlungen gegen Aufrührer einleiten sollen. Am 19. Juni hatte Smyth in einer Ansprache an die Polizisten erklärt, daß sie sich nicht scheuen sollen, zu schießen, und nicht nur zu. schießen, sonder» auch zu treffen. Nach der Ermordung Sinyths brach gestrrii nachts in Cork ein Straßenkamps zwischen Soldaten, und .Polizei einerseits -und' Sinnfeinern andererseits'ans, wobei gegen 50 Soldaten und etwa die gleiche Zahl Personen aus der Menge verwundet würden. Ein Mann ist tot. einige Personen befinden sich in sterbendem Zustand. Die Soldaten durchzogen auf Autos die Stadt,, wurden jedoch hiebei von den Republikanern mit Handgranaten und Bomben beworfen, so daß sie einen schweren Sta^d hatten. Die Kämpfe mit den Arabern. Bo«, 20. Juli. (Tel.»Komp.) Meldungen aus Damaskus besage». daß die Franzosen die Stationen Malakka und B ej a k besetzt haben. Die syrischen Kräfte, die bei Maidklangar kovzrntriert find, brre.tcn'dc» Widerstand vor. Die deduinischen ^Häuptlinge habe« sich ne Damaskus versammelt. Exzesse auf dem Koweler Bahnhof in Warschau. Warschau» 19. Juli. (Tel. der «Wiener Mürgenztg".) A« 18. d. M., gegen 9 Uhr abends, war der Koweler Bahnhof in Warschau wieder einmal der Schauplatz blutiger Ausschreitungen gegen Jflden. Bewaffnete kamen auS einem durchfahrenden Militärzüge, der auf dem Bahnhof hielt, auf den Perron, überfielen jüdische Paffagiere, schlugen sie blutig, schnitten ihnen die Bärte ab und beraubten sie vielfach. Es entstand eine ungeheure Panik, Hilferufe ertönten, Verwundete und blutig Geschlagene flüchteten in die nächst dem Bahnhof gelegenen Gasten. Es gab Schwer- und Leichtverwundete: einigen wurde auf dem Polizeikomnnstariat erst Hilst geleistet, attdere mußten in Spitalsbehandlung überführt werde». Die Einvernahme der ungarischen VslksbeanftragLen. Budapest, 20. Juli. (Nng. Tel.-Korr.-Bur.) Im Prozeß gegen die gewesenen Voltsbeauftragten wurde heute die Vernehmung des VolksbeauftraZten für die nationalen Minderheiten, Heinrich Kalmar, fortgesetzt. Hierauf wurde der Nu geklagte Ke len-Klein, ein Bruder des Terroristen Otto Korwin-Klein, einveruomrnen, Er hält über die Vorgeschichte der sozialistischkommunistischen Fusion einen längeren Vortrag und sagt, die Karolyi-Partei hätte nur aus Ministern und Don unserem Londoner Sonderberichterstatter. Das Massenmeeting am 11. Juli, über dessen Abhaltung bereits telegraphisch berichtet wurde, hat einen imposanten Verlauf genommen. Mehr als 15.000 Menschen stillten die Albert Hall und waren Zeugen einer Kundgebung, deren Bedeutung gar nicht abzuschätzen ist. Sie war ein politisches Ereignis ersten Ranges, denn sie war nicht nur eine grandiose Feier, ein überwältigender Ausdruck des Dankes der zu ernster, verantwortungsvoller Arbeit in London versammelten bevollmächtigten Vertreter der zionistischen Weltorganisation, sondern auch die feierliche.Anerkennung': des Zionismus seitens der anerkannten Vertreter des politischen Lebens' Großb r i t an n i e n s, also jener Großmacht, in deren Hände das Schicksal Palästinas und.somit auch das Schicksal des jüdischen Volkes gelegt ist. Wir lassen einen Auszug der wichtigsten.Redem folgen.- Don den zahllosen Glückwunschtelegrammen seiam die.folgenden hervorgehoben: - 1 Lord M e r s e y wünscht. der tiefen und aufrichtigen Sympathie Ausdruck zu geben, die er für die Ziele der zionistischen Bewegung empfindet. , ' Der Bischof von Gloncester: Ich freue mich, Ihnen meine volle Sympathie ftir den Gegenstand Ihrer Versammlung ausdrücken zu können. .. Lord Northbo u r n e■: Meine Beziehungen zu Ihrem Volk sind sehr alten Datums, aber ich hoffe sowohl für mich selbst wie auch fiir meine Nachkommen, daß wir niemals vergessen werden, was die. Juden in der Geschichte gelitten und was sie schöpferisch hervorgebracht haben. Der Bischof von Manch e st e t sendet die besten Wünsche und den Ausdruck seiner vollsten Sympathie mit den Aspirationen der Juden aus eine nationale Heimstätte in Palästina. - ' Der Staatssekretär f ü r Inneres: Die Annahme dieses Mandats bedeutet eine große Verantwortlichkeit und ein großes Privilegium und ich teile mit den Mitgliedern der zionstischen Federation die großen Hoffnungen aus die Zukunft des Landes, dessen Wohlfahrt unserer Obhut anvertraut wurde. Ich sende Ihnen meine besten Wünsche fiir den Erfolg Ihres Meetings und für die Zukunft Ihrer Bewegung. Mr. James O'Grady, Mitglied des Unterhauses: Für diejenigen, die an der Erhaltung der nationalen Eigenart eines Volkes Interesse haben, war es traurig, zn beobachten, wie die große jüdische Nation Jahrhunderte hindurch über die ganze Welt zerstreut lebte, ohne einen Mittelpunkt zu blitzen auf dem Territorium, das ihr als nationale Heimstätte ihre Entstehung brachte, dessen sie aber trotz der Diaspora mH Stolz gedachte und dem ihre Aspirationen zugewendet waren. Oberstleutnant D. G. W h i t e, Mitglied des Unterhauses: Ich fühle durchaus mit Ihnen, die seit langer Zeit sehnsuchtsvoll Ausschau hielten nach Palästina, auf daß es wieder die nationale Heimstätte der Juden werde und beglückwünsche Sie, daß Sie es nunmehr erlangt haben. Mr. Neville C h a m b e r l a i n, Mitglied des Unterhauses: Ich spreche Ihnen meme^ Sympathien mit der Feier der Annahme des Mandats über -Palästina als jüdischnationale Heimstätte durch England aus. Ich nehme gerne an, daß die Bestrebungen des jüdischen Volkes, welche auch den Sympathien meines verstorbenen Vaters (Joe Chamberlam) in so starkem Maße entsprochen haben, endlich in Erfüllung gegangen sind nnd ich wünsche Ihnen das höchste Gedeihen Ihres neuen Unternehmens. Den Vorsitz in der denkwürdigen Versammlung führte Lord R o t h s dj i l b£ bet tauft entern faaayn Wü- StaatS'ckrc'.tä'.'en bestanden. Die andere Partei, von der man so viel erwartet hatte, nämlich die büxgerlichA .radikale Partei, sei bei der erstell Kraftprobe zusammen^ gebrochen. Der Ministerrat Karolvis habe immer das^ sanktioniert, was auf der Straße geschehen .sei. Jni den wichtigsten Fragen habe stets die Stellungnahme! des Arbeiterrates den Ausschlag gegeben. Er betonkl. weiter, daß er sich niemals mit Politik besaßt ambi nicht habe beurteilen können, welche Aenderung die) Diktatrlr an der Versassnng des Landes Hervorrufe^ ' würde. Der Angeklagte habe sich stiNschweigend jenen Leuten angeschlossen, die dikse Frage verstanden hätten.' Er sei zwar Mitglied des revolutionären regierenden^ Rates gewesen, habe sich jedoch nur mit der Soziali- ■' sirrung der Industrie und Produktion besaßt'. Dieser^ Aufgabe hätte er iich auch aus vollem Herzen ge-', widmet und iibernehme jegliche Verantwortung. Schlägereien zwischen Studenten und Arbeitern in Marburg. Marbnrg, 20. Juli. (Molff.) Nachdem die Student tu der hiesigen Unwcrsiiät gestern vormittags gegen den Kultus« minister Hänrsch eine Protestkundgebung veranstaltet hatten, deriefen die A r b e i t e r für gestern nachmittags eine kommunistische Versammlung auf dem Marktplatz ein. Dir Studenten »areu ebenfalls erschienen. Es kam zu Schlägereien. Auch abends fanden Zusammenstöße stakt. B a l f o u r s einen Appell an das gesamte Judentirnr, insbesondere an die Zionisten richtete, jetzt von einer Kritik, der Vergangenheit abzusehen nnd Schulter an Schulter daran zu arbeiten, sich des Vertrauens würdig zu zeigen, das die britische Negierung in das jüdische Vplk gesetzt hat. Hierauf ergriff der Hauptredner des Abends, Mr. Balfour das Wor'sikEr beganir seine Rede mit einem Geständnisr. „Seit langer Zeit bin ich ein ü b e r z e u g t e r Z i o n i st' und in dieser meiner Eigenschaft erscheine ich hier bei Ihnen. Aber selbst in den sanguinischesten Augenblicken.,. meines zionistischen Denkens habe ich niemals vorausgeahnt, oder an die Möglichkeit gedacht, daß das große Werk des Arifbaues Palästinas so bald zirr Tat werdest: oder daß ich es überhaupt noch selbst erleben wiirde. Das'' ist eines der großen und nnerwartetenErgebnisse des Welt-' kampfes, der soeben zrl Ende gekommen ist — wenn wib: überhaupt schon von einem Ende des Weltkrieges spreche^ dürfen." :j Mr. B a l sou r bespricht dann die Schwierigkeiten die zu überwinden es nun gelte und die auch die Grundlage der Kritik der Gegner des Planes bilden. Mas . die arabische Frage betrifft, so erwartet Redner, daß die Araber nicht vergessen werden, daß sie durch die Alliierten und in erster^ Reihe drrrch Großbritannien vmn türkischen Joche befreitt würden, daß England es ivar, das die arabische Souveränität im Hedschas hergestellt hat rmd jetzt daran gehtin Mesopotamien die Wege zur Errichtung eines unabhängigen arabischen Staates zu ebnen. Wenn die Araber all dessen gedenken, so können sie unmöglich ernstlich gekränkt sein darüber, daß dem jüdischen Volke «in Nest in Palästina gegeben wird, von welchem es jahrhundertelang abgesondert war, da doch bas jüdische Volk sicherlich Anspr^lch hat darauf, sich ans dem' Boden seiner Vorväter frei zu entwickeln. Dieser Gedanke mutz' die Sympathie des arabischen Volkes gewinnen, far wie ich auch überzeugt bin, das ihn auch meine ckststst-'' lichen Mitbürger in diesem Lande sympathisch anfnehmeu. Der zweite Einwand, hinter den sich die Kritiker stellen, ist die Berufung ans das Prinzip deS' S e l b st b e st i m m n n g s r e ch t e s. Sie.. behaupten, daß, wenn dieser Grundsatz logisch und ehrlich angewendet würde, so müßte es der Majorität der Bevölke-- rung Palästinas überlassen werden, über das Schicksal des Landes zrr entscheiden. Dies ftst aber nur rein technisch genommen, scheinbar richtig, und eben rein; technisch beurteilt will und kann ich gegen diesen Ein-: wand nichts Vorbringen. Wer aber einen Rückblick auf die Weltgeschichte und besonders auf die Geschichte desi' zivilisierten Teiles der Welt wirft nnd nicht sieht, dafi, der Fall des Judentums in jeder Hinsicht ein AuSnahmSfall ist, der außerhalb aller gewöhnlichen Gesetze und' Marimon fällt, der nicht in eine Formel oder einew Lehrsatz gepreßt werden kann: wer nicht sieht, daß der tiefe Untergrund des Prinzips deS^ SeIbstb estimmun g § r echtes geradezu auf den Zionismus h i n w e r st, so sehr es, streng technisch genomnwn, denr Zionismus scheinbar wenig günstig ist, der ver-steht entweder' das Judentum nicht oder das angerufene Prinzip nicht. Nur Pedanterie oder Mißgunst kann zwischen Zionismus und Selbstbestimmungsrecht einen Gegensatz konstruieren. M dritter Einwand werden die physischen Schwierigkeiten angeführt. Palästina sei schön, aber klein, und sei nn« geeignet, dem jüdischen Volke als. elüwickhmMäjWj Kallom über den Zionismus und die Zukunft Palästinas. blick auf die Ereignisse seit der D e k l a r a11 o 1t