Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 529 (13.7.1920)
- Date
- 1920-07-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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tiJMb *nceftt'2!Nkw—"■ ... Wien, Dienstag Wiener M»rgerrzeitvng 13. Juli 1920 - Nr. SNi Zionistische lahreskonferenz in London. Erster Tag, zweite Sitzung. Oberrichter Brand eis eröffnete die Sitzung mit einer Ansprache, in der er auf den großen historischen Moment hinwies, in dem wir jetzt leben und auf die Notwendigkeit, alle verfügbaren Kräfte des Volkes in den Dienst des Wiederaufbaues von Palästina zu stellen. Die Konferenz wird eine Reihe von Plänen erörtern prüften, es darf aber nicht vergessen werden, daß ohne ausreichende finanzielle Mittel die schönsten Pläne wertlos bleiben. Das Wort erhält der Ehrenpräsident Dr. Max N o r d a u, welcher ausführt: Bislang wurde die jüdische Stimme nur durch Leiden und Marter vernehmlich. Erst in den letzten Wochen ertönt eine neue jüdische Stimme, die Stimme j der Freude und Begeisterung. Infolge besonderer Schwierigkeiten konnte jetzt der Kongreß nicht einberufen werden. Nun' ist aber die Konferenz gut beschickt und besteht aus gewählten Vertretern, die ihrer Arbeitspflicht mit großem Ernst nächkommen müssen, um für die Massen, welche sie hierher geschickt haben, rasche und ernste Arbeit zu leisten. Jeder Zionist muß in sich die Erinnerung an unseren verstorbenen Führer Dr. Herz! tragen, der als erster von einem Judenstaat gesprochen hat. Wir gehen jetzt daran, neue Kapitel der jüdischen Geschichte zu schreiben. Wir müssen von nun ab dessen eingedenk sein, daß wir gleich anderen'Völkern ein Volk werden, und müssen daher wie ein lebendiges Volk ar> beiten. Beweisen wir es der Welt, daß wir wirklich ein Volk mit steifem Nacken sind, wenn es sich darum handelt, unser großes Ideal zu verwirklichen. Das Referat über Kolonisation und öffentliche Arbeiten in Palästina hielt Herr Julius Simon. Er unterbreitete eine Reihe von Vorschlägen, um die agrikulturelle Arbeit in großem Matzstab zu entwickeln, wofür in erster Reihe die Erwerbung großer, bisher unkultivierter Land strecken, die nicht im Besitz von Privaten sind, notwendig ist. Diese freien Bodenstrecken soll der Nationalfonds erwerben. Was die öffentkichen Arbeiten betrifft, so müssen wir zunächst an die Bewässerung des Landes herantreten, sodann bat die Aufforstung des Gebirges zu folgen. Ferner sind für die Einwanderer Häuser zu bauen, den kooperativen Arbeitergruppen muß mit Krediten, Maschinen, Baumaterialien und so fort an die Hand gegangen werden. Auch soll ein Arbeite'rdepartement errichtet werden, behufs Regelung aller in Zusammenhang mit der Arbeit und pnt den Arbeitern stehenden Fragen. Für diese Aufgaben Müssen innerhalb der ersten zwei Jahre 8 Millionen Pfund Sterling gesammelt werden. Hierauf referierte H. Neiditsch über den Wiede-raufbaufonds. Der Referent schlägt die Aufbringung eines Fonds von 25 Millionen Pfund Dterling vor, welche für den Wiederaufbau des Landes perwendet werden sollen. Die Ausgaben sollen zum Teile rückzahlbar sein. Die nichtrückzahlbaren Ausgaben sollen in sich folgende Arbeiten einschlietzen: fl. Emigration und Immigration, und zwar Wanjderungsstationen, Wohnstätten für die Wanderer, medizinische Hilfe usw. 2. Professionelle S ch u le n für Landwirtschaft, technische Arbeiten usw. 3. Versuchsstationen auf dem Gebiet der Landwirtschaft, Milchwirtschaft. der Geflügelzucht usw. 4. Die Organisierung von Schutz .Sicherheit und öffentlicher Ordnung zn Palästina. Die rückzahlbaren Ausgaben umfassen folgende Arbeiten: Die Kultivierung des Bodens, iTrockenlegung der Sümpfe, die Bewässerung sjund Aufforstungsarbeiten usw. Die 25 Millionen Pfund Sterling für den Wiederjaufbaufonds sollen nach dem Grundsatz des „Maaßer" Aufgebracht werden. Jeder vermögende Jude soll zehn Prozent seines Vermögens für den Wiederaufbaufonds hergeben, die, welche kein Vermögen besitzen, sollen eine Abgabe von ihrem Einkommen oder ihren Ausgaben leisten. Es ist geboten, daß für die Zeit der Sammlung bes Wiederaufbaufonds alle anderen Sammlungen, mit Ausnahme des Nationalfonds, der seine Sammel- Tätigkeit im bisherigen Ausmaß fortsetzen soll, aufhören. Am ersten Tage war die Konferenz von foltzenden Ländern beschickt: Amerika 39, Argentinien 1, Bukowina 5, Bulgarien 4, Bessarabien 2, Belgien 1, Kanada 4, Deutschland 6, Estland 1, Aegypten 2. England 8, Frankreich 5, Griechenland 3, Holland 2, Italien 2, Jugoslawien 1, Litauen 3, Lettland 9, Neuseeland 1, Desterreich 7. Ostgalizien 5, Polen 30, Persien 1, Portugal 1, Rumänien 4, Russische Provinzen 17, Sibirien 1, Schweiz 1, Skandinavien 2, Südafrika 6, sTschecho-Slowakei i. Tunis 2, Ungarn o Weißruß land 5, Westgalizien 6 und Livland 3. Misrachi ist durch &0 Delegierte vertreten, die englischen und amerikanischen Poale Zion haben 7, die Achdnth Haawoda (Palästina) 3. Hapöel Hazair 2 und Zeire Zion 8 Delegierte. Zweiter Tag. Die dritte Sitzung unter dem Vorsitz des Ober- Achters B r a n d e i s begann mit dem Referat von iDr. Chaim W e i z m a n n über diezionistischeKom- ^mission i n Palästina. Diese Kommission hat sich ^das erstemal am 4. März 1918 nach Palästina begeben, .micht als Abgesandte des Aktionskomitees, welches zu jener Zeit nur dem Namen nach existierte, sondern als kleine politische Sondergruppe. Sie blieb im Lande bis September 1918 und kehrte dann nach Palästina erst nach Abschluß des Waffenstillstands zurück, diesmal bereits mit Vollmachten des Aktionskomitees. - In der zweiten Kommission befanden sich bereits Ing. Ussischkin und Dr. Ruppin. Die Aufgabe diese; Kommission war rein politischer Natur. Sie hatte die zionistische Organisation im Lande zu vertreten und war als eine Art Gesandtschaft für Palästina gedacht. Infolge des Militärregimes war sie nicht in der Lage, an konstruktive Arbeit heranzutreten und machte sich daher zur Aufgabe, die Lage an Ort und Stelle zu studieren sowie mit den Arabern Beziehungen anzuknüpfen. Die erste Kommission fand im Lande sehr ungünstige Zustände. Die Bevölkerung, von der ganzen Welt abgeschnitten, war vom Kriege total erschöpft. Die Militärverwaltung ignorierte vollständig die ihr von der Zentralregierung aufgetragene Politik, hatte gar kein Interesse für den Zionismus und gab sich auch keine Mühe, ihn zu studieren. Der zionistischen Kommssion begegnete sie mit Mißtrauen. Dessen ungeachtet hat diese sich gewisser Aufgaben entledigt, wie man sich aus den im Besitze der Kommission befindlichen Dokumenten überzeugen kann. Die Arbeit unter den Arabern war schwer und langwierig. Sie erforderte viel Nervenkraft, Ausdauer und Lokalkenntnis. In dieser Hinsicht hat die Kommission viel Ersprießliches geleistet. Was die Zusammenarbeit mit der palästinensischen Judenschaft betrifft, waren biefür große Anstrengungen notwendig. Sie ist in viele Parteien und Sekten gespalten, von denen jede glaubt, daß sie allein berufen sei, die Wahrheit zu vertreten. Wären diese Parteien lebende reale Organismen, ' so könnte man mit ihnen Übereinkommen, leider aber sind sie alle vom wirklichen Leben entfernt und sehr oft machte es den Eindruck, daß diese 80.000 Juden sich so gebärden, als würden sie 2 Millionen ausmachen. Dr. Weizmann teilt die Kolonien in zwei Typen: 1. Die alten Rothschildsiedlnngen, die viel geleistet haben und sich physisch und geistig für das Siedlungswerk geradezu aufopferten, ohne daß es ihnen gelungen wäre, den jüdischen Dauer zu schaffen: 2. die neuen Kolonien wie Dagania und die anderen, welche den jüdischen Bauer geschaffen, die hebräische Sprache wieder belebt und das jüdische Dorf hervorgebracht haben. Diese kosteten uns viel mehr als die Rothschildsiedlungen, sie sind jedoch jeden Aufwand wert. Wir haben dort 100 Prozent jüdische Arbeit, die uns teurer ist als Millionen an Geld. Die Kommission versuchte auch das Erziehungswesen, dem noch viele Mängel anhasten, zu verbessern. Und nun — schloß Dr. Weizmann gibt es nur eine Rettung für Palästina. Es mftssen neue schöpferische Kräfte ins Land kommen, um zu arbeiten und zu produzieren. Nur das kann bewirken, daß die gesamte palästinensische Judenheit zur wirklichen produktiven und schaffenden Arbeit kommt. In der vierten Sitzung hat die Konferenz eine Reihe * von Komissionen eingesetzt, und zwar: Eine Finanzkommission, eine Kommission für Palästinaarbeit, eine Kommission für Erziehungswesen, eine Kommission für nationale Arbeit in der Diaspora und eine für die Vorbereitung des jüdischen Weltkongresses. Der Beschluß zur Einsetzung dieser letzten Kommission wurde mit 72 gegen 69 Stimmen angenommen. Si« großes Festmeeting in London. London. 12. Juli. (%z\. der .Wiener Morqenztq.") Soeben hat hier von der Englifh Zionist Federation, ous Anlaß b't fyu't stattfindenden Jahreskonferenz der zionistischen Staatsorganisation, ein Massenmeeting in der Royal Albert Hall stattgefunden. Den Vorsitz führte Lord Rothschild. Außer den aus allen Weltteilen hierher entsendeten Delegierten der Jahreskonsevenz haben über 300 englisch-jüdische Körperschaften ihre Vertreter entsendet. Die Versammlung war die imposanteste Kundgebung des Judentums seit dem Eittschlusse Englands, das Mandat für Palästina als jüdischnationale Heimstätte zu übernehmen. Als erster Redner sprach B a l f o u r, dev Verfasser jener historischdenkwür i>en T e '"a atmn.'e e' ("in ö ung in Sa i Re . o erfolgte und.die durch den jüdischen High Commiftioner Sir Herbert Samuel in der Tat umgesetzt wird. Valfour, dem dis Festoersammlung stürmische Ovationen darbrachte, gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß das jüdische Volk wieder in die Lage' kommen werde, auf eigener Heimstätte als wichtiger Kulturfaktor seine Mission zu erfüllen. England habe sein Wort gehalten und werde es auch weiterhin halten, nun» liege es am jüdischen Volke selbst, die Aufgabe, nach der es sich seit Jahrhunderten sehnt, jetzt, nachdem sie ihm übertragen ist, so zu lösen, daß daraus dem Judentum das langerfihnte Glück erwachse und gleichzeitig auch für die übrigen Bewohner des Landes wirtschaftlicher und kultureller Aufschwung erblühe. Es sprachen noch Lord Cre we, Lord Robert Ce eil, das Mitglied des Unterhauses und Major Ormsby-Gore, die jüdischen Redner, Großrabbiner von England, Doktor I. H. Hertz, Dr. Weizmann, Nahum,.So kolo w, Ussischkin, Dr. Nordau und James de Rothschild, welche den Dank der Zionisten und des gesäurten Judentums für die Wiederherstellung Palästinas als Heimstätte der Juden ausdrückten und versicherten, haß "-a.' 'Disch: V.-ll sich des großen historischen Äugenwird, die das britische Reich und ihre Verbündeten' sowie die ganze zivilisierte Welt in dasselbe setzem Mit einer enthusiastisch aufgenommenen. Dankesresolution an Großbritannien und die Alliierten schloß die denkwürdige Versammlung. Aus Palästina. Stetige Zunahme der Einwanderung nach Palästina. Das Jüdische Korrespondenz-Vureau berichtet aus Jaffa: In den letzten Wochen hat die Einwanderung beträchtlich zugenommen. Jedes Schiff, daS in Palästina-Häfen einlauft, bringt neue Chaluzimtrans-. Porte von 30 bis 60 Mann ins Land. Diejenigen, welche vom Wiener Emigrationsdienst organisiert werden, sind hauptsächlich junge Mädchen und Burschen, die bereits in den landwirtschaftlichen Arbeiten bedeutende Uebung besitzen und auch die hebräische Sprache be-. herrschen, so daß sie sich an das neue Leben im Lande leicht anpassen können. Unter den Emigranten fehlt es aber an städtischen Arbeitern, besonders an geübten Bauarbeitern. Neue Kolonien in der Nähe von Iernsalem. Das Jüdische Korrespondenz-Bureau berichtet aus Jerusalem: In Kirjath Jearim, das an der Straße Jaffa—Jerusalem gelegen ist, hat der Jüdische Nationalfonds 2000 Dunam unkultivierten Bodens erworben. Auf diesem Boden wurden nun 50 Chaluzims, meistens aus Galizien, angesiedelt. 50 weitere sollen in den nächsten Tagen ihnen folgen. Die Chaluzims sind teils in Zelten, teils in Baracken untergebracht und ihre Beschäftigung ist vorläufig die Entfernung der Steine aus dem Boden und. das Bepflanzen der Höhen mit Bäumen. Die Erziehungsarbeit der Arbeiterparteien in Palästina. Das Jüdische Korrespondenz-Bureau meldet aus Jerusalem: Die in Palästina bestehenden zwei Arbeiterparteien Achdnth Haawoda und Hapoel Hazair wetteifern miteinander in der Intensität, mit der sie die Erziehungsarbeit unter dem Volke leisten. Während des Winters entsandte die Achduth Haawoda Lehrer für verschiedene Fächer nach 16 verschiedenen Zentren des Landes. In Jaffa begannen Kurse für Mathematik' und hebräische Sprache, die von hundert Teilnehmern besucht werden. Außerdem wurden auch Kurse zur Heranbildung von Metallarbeitern, Spenglern und Maurern eröffnet. Die in Liberias und Safed bestehenden Kurse wurden von 100, beziehungsweise 25 Teilnehmern besucht. ' PolitischeNmrdschau- Der neue Kurs in den Beziehungen zwischen Griechen und Juden. Brief ans Konstantinopel. Das in Konstantinopel erscheinende jüdische Blatt „La Nation" veröffenlichte vor kurzem den Inhalt einer Unterredung mit dem derzeitigen Verweser des Großrabbinats, H. Bejarano, in welcher Rabbi Bejarano es als dringendste und politisch wichtigste Aufgabe hinstellte, neben der Herstellung des Friedens im, Innern der ottomanischen Judenheit einem neuen Kurs in den Beziehungen der Juden zu den Griechen die Wege zu ebnen. Diese Ausführungen haben sowohl in jüdischen als auch in griechischen Kreisen zu sehr beachtenswerten Erörterungen geführt. Der Standpunkt der offiziellen griechischen Kreise in dieser Frage wird in einem - Artikel des griechisch-offiziösen „Neologos" erkennbar der zlr den Ausführungen des GroßrabbinerS Bejarano unter anderem in folgender Weife Stellung nimmt: „Die Zeiten haben sich gründlich geändert, und es ist bereits die Zeit gekommen, daß sowohl in sozialer als auch in moralischer Beziehung die Schranken gegenseitiger Vorurteile und gegenseitigen Mißtrauens fallen. Die Verständigung mit den Armeniern, ist gleich vom Anbeginn durchgeführt worden, und diese Verständigung wird täglich inniger und entwickelt sich zu dauernder Freundschaft. Hingegen haben die Beziehungen zu den Juden sich bedauerlicherweise nicht über das Gebiet der Theorie hinaus zu entwickeln vermocht. Die Skrupel gegen eine Annäherung gingen vom Großrabbinat aus, welches durch die Unsicherheit, die in den letzten Jahren bezüglich des Orientproblems geherrscht, hat, sich noch fester an seine Bedenken klammerte. Der soeben gestürzte Chacham Baschi ChaiM Nahum Effendi hatte trotz seines hohen Intellekts ünd seinSs politischen Scharfblicks seine Blicke bis in die letzte Zeit hartnäckig der jüngsten Vergangenheit zugewendet, anstatt sie in die Zukunst zu richten. Er konnte oder wollte nicht seine Beziehungen zu den Jungtürken lösen oder ihnen selbst seine Dienste verweigern. Seine Politik hat auch die Haltung seiner Gemeindemitglieder beeinflußt, und" daher kam es, daß diese immer nach zwei Seiten hinneigten. Von allen jüdischen Gesellschastsgruppen Konstantrnopels, die an der Verwaltung der Gemeinde teilnehmen, hat die zionistische allein den Mut, ihre politische Richtung, unter Ueberwindung einer würdelosen Ver-