Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 527 (11.7.1920)
- Date
- 1920-07-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Rr. o<27 ü.'iicn. ::n rao Der Bericht Sir Stuart Samuels über die Lage der Jude« irr Polen. Aus London wird-uns 'geschrieben: Der Bericht Vir Stuart Samuels, der von der englischen Regierung zum Studium der allgemeinen Lage der Juden nach Polen entsendet worden war, wird jetzt von der Regierung als ein 36 Bogen starkes Weißbuch veröffentlicht. Der Bericht beginnt mit-einer kurzen Darstellung des Zweckes der Sanruelschmr^Nission und der'erhaltenen Instruktionen. Er sollte erMiandfrei sestst'ellen, - ob die Ereignisse in Polen als gewöhnliche Exzesse oder als Kogrome zu bezeichnen wären. Sir Samuel kommt nun auf Grund seiner Untersuchung der Ausschreitungen pfc Krakau, Lodz. Wilna, Lida, Pinsk und Lemberg, die er als die typischesten hinstellt, zum Schlüsse, daß diese Ku den Hauptpogromen in dem Sinne des Sportes, wie man es im Westen versteht, gehören. Der Bericht befaßt sich weiters eingehend mit dem Boykott gegen die Juden und stellt fest, daß ein privater/ sozialer und kommerzieller Boykott gegen die jüdische Be-; völkerung in den schärfsten Formen besteht. Die polnische Presse tue viel dazu, die Boykottbewegung zu nähren und aufrecht zu erhalten Ebenso eingehend beschäftigt, sich Sir Stuart Samuel in seinem-Berichte mit dem- Worwurf, die Juden seien alle Bolschewiken. Gr beweist ' an der Hand eines reichen Tatsachenmaterials, vor-üllem «ruf Grund der sozialen und ökonomischen Schichüinglder jüdischen Bevölkerung in Polen, daß dieser Vorwurf direkt absurd ist, denn der Bolschewismusbedeutet'-für die jüdische Bevölkerung Vernichtung und Ausrottung: Dieser allgemeinen Uebersicht schließen ' sich die speziellen Berichte über die Pogrome in Lernberg, Pinsk, Lida, Wilna, Slobodka, Lesna an, denen Protokolle und Dokumente beigeschlossen sind. Bei den einzelrren'Schilderungen stellt Sir Samuel fest, daß es sich jeweils rurr Ausschreitungen handelte, zu deren Entstehung.' die Jyden auf keine Weise beitrugen, urrd' daß er in keinem Falle die Ueberzeugung finden konrrte, daß die Verbrecher bestraft oder daß Entschädigung gewährt worden wäre. Der Bericht schließt mit folgenden Vorschlägen, die Sir Stuart Samuel seiner Regierung unterbreitet - und die seiner Meinung nach geeignet sind, eine Besserung her Lage der Juden in Polen herbeizuführen: I. Die polnische Regierung solle drindend ausgefordert werden, die Minoritätsklauseln des Vertrages vom 28. Juni 1919 im Sinne von Sympathie gegen ihre jüdischen Bürger durchznführen. Ein. Staat kann nur dann stark sein, wenn alle Teile seiner Bevölkerung in Eintracht und gegenseitigem Vertrauen für sein Wohl arbeiten? 8. Daß der jüdischen Bebölkeung in Polen eine tatt sächliche und keine „maskierte" Gleichheit gewährt werde. 3. Daß alle Vergehen gegen die Person oder Eigentum eines Untertanen ohne'Rücksicht auf seine Religion oder Rasse unverzüglich bestraft und die Namen der Deliffuenten veröffentlicht werden. Das letztere ist umso mehr notwerrdig, da der Staat nicht aus Rache, sondern um andere abzuschrecken, straft. 4. Daß die Juden Ostgaliziens ebenso wie die'Nichtjuden zu ihren amtlichen Stellen wieder zngelafsen Herden. 8. Daß die jüdischen Bahn- und Postbeamten in ihre Aemter wieder eingesetzt werden. 6. Daß keine Einschränkung in der Zulassung von Mischen Hörern zu den Hochschulen gemacht werde. 7. Daß ein Dekret erlassen werde, das den Boykott Vlß ungesetzlich erklärt uud alle Boykottpublikatiönen konfisziert. 8. Daß alle Gefangenen in den Internierungslagern Mverzüglich vor das Gericht kommen, und daß eine menschliche Behandlung allen Internierten zugesichert werde. 9. Daß Erleichterungen für die Einführung neuer Industrien zum Zwecke der Zuführung eines größeren Teiles der jüdischen Bevölkerung zur produktiven Arbeit geschaffen werden. 10. Daß die britische Regierung diejenigen Juden, Welche aus Polen zu emigrieren wünschen, durch Gewährung von Reiseerleichterungen nach Ländern wie Palästina, Kanadas Südafrika, Algerien" und Südamerika «her nach anderen Ländern, die sie aufnehmen wollen. Unterstütze. II. Daß Banken errichtet werden, die das Vertäuen der jüdischen Bevölkerung besitzen, damit diese ihr Geld dort sicher deponieren können. 12. Daß erwogen werde, einen Sekretär, der jüdisch versteht und spricht, bei der englischen Gesandtschaft in Warschau anzustellen. Hie neue litauische Regierung und die Autonomie der nationalen Minderheiten. SßpjjL^refc&urcait des Ministeriums für jüdische AngelegenMten in Litauen" geht uns der folgende Bericht 8ij‘: Am 23. Juni stellte sich die neue litauische Regierung der konstituierenden Nationalversammlung vpr und entwickelte ibr Programm, worauf die Vertreter der erneuen Politischen und nationalen Gruppen in längeren programmatischen Erklärungen ihre Stellung zur neuen Hegierung präzisierten. Sowohl die Regierung als auch sämtliche Fraktionen des Landtages anerkannten die hechte der Minderheiten, insbesondere das Recht,, ihr nationales Leben auf Grundlage der nationalen Aütö n om i e z u or g anifr e r e n. An der ReLiernngserklärung wird noch insbesondere Sonener vJkürgerrzc.cu.-r> ’S!;] I 1920 Seite » Das Zionistisch?. Laudrslomitee'hat für den heute stattfindenden Gang zu>u Grabe Theodor' Herzls folgende Anordnungen getrossent Foruiierung des Zuges zwischen 9 und h^10 Uhr vormittags, wie folgt'., . Vor der Hochschule, für Vodettkultur sammeln sich die jüdisch-akademischen Verbindungen und Vereine. . . In der Mottl-Straße, an der linken Seite der Hochschule' für Bodenkultur nehmen,Ausstellung die Zionistischen Bezirtssektionen I—VIII.: Imgegenüberliegenden Teile der. Felix Mottl-Straße formieren sich' die Bezitkssektionen IX—XXI. - .; Beim .Karl Ludwig-Denkmal (Haltestelle vor der Endstation) formieren sich' die' zionistischen. Mittelschulverbindnngen in S. B., die Turnsind-Sportvereine, der Bla u -Wei ß-B erb and und diä Ehaluzim.' Die Gruppierung dieses Inges erfolgt zwischen ,s/4ü Uhr und- VtlOmjr. -'A Den Anordnungender durch blau-weiße Armbinden kenntlichen Ordner ist unbedingt Folge .zu leisten.; Die ,Marschordnung "ist IssMnden. ErWrei; wirdpers : Zug durch 40 Tütner,! dann solgen das..'Zionistische, Landeskomi'ee, das Präsidinm des Jüdische^,Rational-; rgtes und der Osigalizischen Delegation, dich zionistischen : Mandatare und sonstigen Honoratioren, dev.Jüdische;' Hoch schulausschuß, die jüdisch-akademischen Vereine und; Verbindungen, die zioriistischen Mittelschulperbindungen,; Turn- und Sportvereine, Vlau--Weiß, Chaluzim, sonstige Vereine,, schließlich die Bezirkssektionen. . . , . . i; J. In den ‘ Alleen, in welchen das Grab ,liegt, bildet; ein Zug Turner Spalier. Das Grab ist ohne Aufenthalt i >zu passieren. Das Stehenbleiben ist unter.allen Um-s ständen verboten. Die Div-ktion der Wiener Straßenbahn wird über unser Ersuchen den Verkehr aus der 40-er Linie zwischen r/?9 und' ^«10 Uhr entsprechend verstärken. Die Gesinnungsgenossen werden ausgefordert, unliebsame Szenen an den Haltestellen der Elektrischen unter allen Umständen' zu vermeiden, die Würde der Feier durch strammste Disziplin zu wahren. Für die Rückfahrt ist außer der 40cr Linie auch die 41er Linie zu benützen. Alle Teil'nehmer werden dringend er-, sucht, sich sofort nach dem Verlassen der Elektrischen in. ihre Einteilung zu be-. geben, um den. Ordnern den schweren Dienst nach Tunlichkeit zu erleichtern. '■. ' i.-r * . ■ ... .I ü d i i ch - a k a d e m i s ch e r K u l t n r v e r b a n d I a b n e. Alte Mitglieder versammeln sich pünktlich V-9 Uhr zwecks gemeinsamen Ganges zum Grabe Herzls. Treffpunkt v o r l e tz t e Haltestelle des 40rr Wagens. Der e i n i g u n g d er L e h t w e rk st ä tt t n v n d 'Kurse des j ü d i s ch e n G r w e r b e f ö r d e r u n g sa m t e s: Heutr Gang zum Grabe Herzls. Teilnehmer der Kurse und Lehrwerkstätten (Elektrotechniker, Schlosser, Eisenbahner, v Hebräisch^Kursler) versammeln sich zwischen 8 bis Uhr früh; beim Karl Ludwig-Denkmal. Nachher Ausflug. Führung: Herr Regierungsrat Ing. L ö w y. hervorgeghoben, daß die Negierung entschlossen sei,' bei der Lösung der Unterrichts- und Kultusfragen den Wünschen und Bedürfnissen der nationalen Minderheiten im Sinne der nationalen Autonomie Rechnung zu tragen. Was die Agrarfrage betrifft, werde die Regierungjedem, der gar keinen oder zu wenig Boden besitzt, Boden zuweisen, dabei jedoch sich' von dem Grundsatz leiten lassen, daß nur derjenige Anspruch auf Boden habe, der ihn selbst bearbeiten will. Der türkische FriedeusvertraH über die Staatsbürgerschaft der Juden in Palästina. Aus Jerusalem wird uns geschrieben: Artikel 129 des Friedensvertrages mit der Türkei regelt die Frage der Staatsbürgerschaft der in Palästina wohnhaften Juden, welche nicht ottomanische Staatsbüger sind, folgendermaßen: „Diejenigen nichtottomanischen Juden, welche zur Zeit des Inkrafttretens dieses Vertrages innerhalb der im Artikel 94 dieses Vertrages festgesetzten Grenzen Palästinas ansässig sind, werden palästinensische Staatsbürger, und zwar Bürger Palästinas aller n. Bezüglich der in Palästina ansässigen ottomaurschen Juden besteht gar kein Zweifel. Auch diese Juden werden im Ginne des Artikels 123 des Friedensvertrages Bürger Palästinas. Heute, cien li. Juli, 7 Uhr, im sephärdischen Tempel, II., Zirkusgasse Nr. 22 WMW fäiöfejfv: elegramrne. Chaluzim in Jaffa. ' Jaffa, 10. Juli. 'Md. Korr.-Bar.) Hier jütfy neuerdings zwei Transporte mit 120 Chaluzim ge-1 landet, denen der Hapoel Hazair einen herzlicheni Empfang bereitet hat. Sie sind vorerst in Holzbarackest^ in Tel-Aviw rmlergebracht. Der Sabbath als offizieller Ruhetag. Jerusalem, '10. Juli. (Jüd. Korr.-Bnr.) Sir Herbert-' Samuel erklärte der Zionistischen Kommission, daß; weder, er noch die anderen Juden in der Vertoattung amj Samstag amtieren .werden. Seit Zerstörung des Tempels;'!. wibd; somit das erste Mal der Sabbath als offizieller^ Ruhetag wieder eingesührt. Rusfifche Banknote« mit jüdischem Aufdruck.) - HÄsingfors, 40. Juli. Md. Korr.-Bur.) ,Hswestia"l zufolge befindet sich auf der neuen, von der'Sowjet-" regierung-. herausgegebenen Banknvtenemission, auch ein' Text in jiddischer. Sprache. ‘ : Die rufstfche Antwort an England. ' Amsterdam, iv. Juli. (Wolff.) .Allgcmeen Handelsblad*^ meldet ans London : Die enzlische Regierung hat aus MoSkaA die Antwort auf'die Krassin ' von Llopd Gr.rge vorgelegten Fragen erhaben. Die Entscheidung wird nach der Rückkehr Lloyd Georges fallen. Vertrauensvotum für Giolitti. Rom, 9. Juli. (Stefani.) Die Kammer hat ittil? 265 gegen 146 Stimmen eine Tagesordnung ange-.; nommen, worin der Regierung das Vertrauen aus.. gesprochen wird. Dos Verhältnis Italiens zu Iugoflawie». Rvm, 107 Juli. '(Funkspruch.) Auf eine AnftagS, erklärte Giolitti in der Kammer, daß er zu seinen, bereits gegebenen Ausführungen über die auswärtiges Politik nur hinzuzusügen habe, daß, was Jugoslawien betreffe, er nicht einsehe, warum zwei zivilisierte Völker? die sie betreffenden Angelegenheiten nicht in gegen-" seitigem Einvernehmen regeln könnten. Im allgemeinen^ betonte er, daß die Regierung in der auswärtigen Politik keine improvisierten Lösungen beabsichtige und daß sie Wert daraus lege, sich freie Hand zu bewahren. Zur Steuerpolitik der Regierung bemerkte der Minister-- Präsident, daß die neuen Steuern ohne Rücksicht aus den Widerstand der besitzenden Klassen festgesetzt werden,:, denn es gelte vor allem, das wirtschaftliche Gleich-,, gewicht des Staates zu retten. .J Eine zweite Konferenz der neuen baltischen Staaten. Warschau, 7. Juli. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Die> „Danziger neuesten Nachrichten" melden'aus H e l s r n g-.' f o r s: Das lettische Ministerium des Aeutzern publiziert das Programm der zweiten Konferenz der neue« baltischen Staaten, die am 20. d. M. beginnen soll. Bec teiligen werden sich: Lettland, Litauen, Estland, Finnland, Polen und wahrscheinlich auch die Ukraine. Die Hauptfrage, welche auf der Konferenz besprochen werden' soll, ist der Abschluß einer Militärkonvention der ge-' nannten Staaten. Auch die Frage der Regulierung der valutarischen Beziehungen.der Randstaaten soll in Erwägung gezogen werden. ' * if Wie bekannt, hat die erste Konferenz der Rand-' staaten, deren Zustandekommen von Polen als großerdiplomatischer Erfolg ausposaunt worden war, ergebnislos geendet, da die Absicht Polens, .ein einheitliches Vorgehen der Randstaaten gegen Rußland zu erzielen, sich natürlich nicht verwirklichen ließ. Die zweite Kon« . serenz, deren antirussische Tendenz ebenfalls von Pole» propagiert wird, dürste angesichts der heutigen Situation überhaupt kernen Wert mehr haben. Rordschleswig an Dänemark. Kopeirhagen, 9. Juli. (Ritzau.) Heute vormittag? fand rmter dem Vorsitz des Königs ein Staatsrat statt, in welchem der König den am 5. Juli in Paris Unterzeichneten Vertrag mit den Alliierten, betreffend dia Uebertragung der Souveränität über Nordschleswig an Dänemark, ratifizierte. Ferner Unterzeichnete der König das Gesetz über die Einverleibung Nordschleswrgs an Dänemark sowie eine ans diesem Anlaß zu erlassende Botschaft an das Volk. Während der König die Unterzeichnung vornahm, gaben die Forts einen Salut ab' und alle Kirchenglocken der Stadt begannen zu läuten. Später wurde ein Festgottesdienst abgehalten, dem die ganze Konigsfamilie beiwohnte. Die Stadt hatte reichen Flaggenschmuck angelegt. Heute begibt sich der König an Bord der königlichen Jacht „Danebrog" mit den Mitgliedern der Königsfamilie und der Regierung nach! Nordschleswig, wo er morgen die alte Grenze zu Pferde überschreiten wird. Das Vermögen des preußischen KSuigSy«n»ye». Berlin, 10. Juli. (Korr.-Bur.) Der Nechtsausschuß' der deutschen Landesversammlung hat das Gesetz.über die Vermögensauseinanbersetzung zwischen dem preußr-' scheu Staate und denr vormaligen preußischen Königs-" haus beraten. Nach längerer, sehr heftiger Debatte, ' in der untrr anderem das.Vermögen des 'preußisches' Königshaicses aus 250 bis 300 Millionen angegeben wurde, wurde dir Augelrgenh^it bis S/Ptemper vertagt. &