Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 520 (4.7.1920)
- Date
- 1920-07-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Me«, Somrta- «folge einer geheimen Order unter dem Zeichen des christlichen!KurseS. Die geplante Wi$tfchaftSreform hat in erster Linie das Ziel, den Juden das Leben unmöglich zu machen. So ist eine Novelle zum Gewerbegesetz in Vorbereitung, wonach alle Lizenzen eingezogen werden und neuerdings Gesuch einzureichen sind. Schon heute haben die Juden die größte Schwierigleit, eine Lizenz zu erlangen. Sämtliche Trafik- und Schankkonzessionen sollen eingezogen werden, um an Kriegsbeschädigte verliehen zu werden und es wird dann natürlich leine jüdischen Kriegsbeschädigten geben. Die in Vorbereitung stehende Gesetzesvorlage über Enteignung und Bodenreform soll in erster Reihe gegen die jüdischen Pächter gerichtet sein,, da diese nicht „bodenständig" sind. Vor einigen Tagen erschien eine Verordnung, wonach Staatsbeamte ohne jedes Disziplinarverfahren aus dem Dienste entlassen werden können, wenn ihr Betragen in moralischer, patriotischer öder sonstiger Beziehung nicht einwandfrei ist, und es ist leider kein Zweifel, daß sich auch diese Verordnung gegen die Juden richtet, Die Mordtaten der sogenannten unverantwortlichen Elemente werden aufhören, da die Wirkungen im Ausland für Ungarn allmählich allzubedenklich erscheinen. Der Kaufpreis dafür aber soll der Ruin der Juden im Gesetzeswege sein. Ganz in diesem Sinne hat »Uj Nemzedek", das antisemitische Hauptorgan, kürzlich erklärt, das neulich wieder in Erinnerung gebrachte Standrecht habe keinen Zweck und sei eine vergebliche Maßregel, da die Leidenschaft des Volkes zum Ausbruch kommen müsse, falls nicht die Gesetze den christlichen Kurs sicherstellten und am nächsten Tage wurde das Gesetz über Preistreiberei erlassen. Das ganze gegenwärtige System wird ähnlich wie einst die Methode Bela Kuns von einer Gruppe von Hetzpolitrkern, Demagogen und den MMtärformationen getragen, welche das ganze Land terrorisieren. Die Bauern stehen der ganzen Hetze völlig interesselos gegenüber, und werden erst durch die Brachialformationen^aufgehetzt. Auch die Abgeordneten baden nicht viel zu reden, denn die wahren Machthaber sind die berüchtigten DetacheMentskommandanten und der ihnen völlig verschriebene H'orthh. Der gegenwärtige Diktator von Budapest ist der 22jährige HejjaS und feine bekannten Kumpane. Das Treiben dieser Detachements hat sogar schon den Haß der nationalen Armee erregt, in welcher die aktiven Offiziere die Mehrheit bilden, die Wert darauf legen, mit den eKzedierenden Detachementkommandanten, die eigentlich Reserveoffiziere sind, nicht verwechselt zu werden. Die ungarisch-christliche Lehrfreiheit. 4vvv Univerfitatrhörer «erde« terrorisiert. Das zweite Semester des Studienjahres 1919 bis >1920 geht in den. ungarischen Hochschulen seinem Ende entgegen. Fast '4000 Universitätshörer, Christen und Duden, waren infolge ihrer politischen „Unverläßlichteit" außerstande, sich für dieses Semester inskribieren zu lassen, und selbst diejenigen jüdischen Hörer, die sämtliche Dokumente über ihr Desinteressement an den politischen Ereignissen verletzten Jahre beigestellt hatten, konnten die Vorträge nicht besuchen, da die Brachialformatwnen der christlich-nati^alen Univerfi ässhö er sie daran mit Gewalt verhinderten, das Gebäude.der yhiivevjität zu betreten. Die christlich-nationalen Stüde nrrn und die sie ansührenden Univerlitätsprofessoren scheinen mit dem Ergebnis nicht zufrieden zu .sein, sie wollen.nun, daß der Staat institutiv die Juden Pon der Universität und den übrigen Hochschulen sern-- halte. Bor kurzem hielten die christlich-nationalen Studenten eine Sitzung ab, an der auch zahlreiche Professoren sämtlicher Fakultäten der Universität teilimhmen. Die Festrede hielt der Universitätsprofessor Johann Tuzson, der unter anderem folgendes sagte: Bei den Inskriptionen im Herbst für das erste Semester Wiener Mvrgeuzettuux - - - - ■ ■ fr r" r Mitteilungen aus dem Publikum: K8M6 Gelles Markus Haber Verlobte. Wien, Im Juli 1920. soso Czernowitz empfehlen sich als Verlobte. Wien, im Juli 1920. nn Siegfried und Julie Geiz zeigen allen Verwandten, Freunden und Bekannten die Geburt eines kräftigen Jungen an. Wien, im Juli 1920. 808» Möbel d. Innendekoration in grösster Auswahl. Nur gediegene 891 Erzeugnisse. . SPIM Weil JllSlsbt nslarDi. 11.2 (Ecke Karl Schweighofergaue). BRILLANTEN D »5 Väoo. iuweli PERLEN und JUWELEN kauft teurer als Jeder Vägö, Juwelier, l., Graben Ab 12. Juli beginnen in sämtlichen Abteilungen unsere Dauer: 2 Monate Eintritt täglich! 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Die Versammlung nahm eine im Sinne der Ausführungen des UniversitLtSprofessorS Tuzson gehaltene Resolution an. ES wurde ferner beschlossen, nach Art der deutschen Burschenschaften eine .unLarische Studentenverbindung ins Leben zu rufey.; ,,., Russische Pogromoffiziere bei Horthh. Budapest, 3. Juli. (Ung.Tel.-Korr.-Dur.) Ein in Budapest eingelangt« TranSpsrt russischer Offiziere, welche, wie die Blätter melde», der Denikinsche« Armee augehört halten, wurde gestern unter entsprechender militLrischer Begleitung nach S z e g e d i« weitergeleitet. 10.000 Juden aus Augur« ausgewieseu. Prag, 3. Juli. (Privat.) Nach einer Meldung der „Tribuua* aus Budapest wurde» 10.000 Jude» aus Ungarn ansgewiese«. Weitere Ausweisungen stünde» bevor. ' Die Regierungskrise. ' Budapest, 3. Juli. (Privat.) Als künftiger Ministerpräsident gilt der Präsident der Nationalversammlung Stephan Robovsky. Die Friedrich-Partei und die Christ« lichnationalen werden in Opposition gehen und Rvbovskh dürfte sich auf die Partei der kleine^ Landwirte stützen. Ungarische Todesurteile. Ter noch immer nach dem beschleunigten Verfahre» urteilende Senat des ungarischen StrafgerichtshoseK der« urteilte die Arbeiter Anton Prasser, Franz Boros und Friedrich Bela Köver, die während der Diktatur des Proletariats an der Niederringung einer gegenrevolutionären Bewegung in der Provinz teikgenommen hatten, zum Tode durch den Strang. Die übrigen Tlngeklagten wurden zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt. Neuerliches Ansteigen der Lebensmittelpreise in Ungar». Die Korrespondenz Herzog Melvetaus D u d a p e st: Die auf den Lebeusmittelmärkten seit einigen Tagen infolge des Boykotts wahrnehmbar gewesene rückfällige Bewegung der Preise hat wieder aufgehört. Gesterns trat eine Verteuerung sowohl der Obstals der! FleijHp.rLise ein. _________ Telegramme. Kraffin fahrt um nene Bedingungen. Pari»» 3. Juli. (Korr.-Bur.) »Daily Telegraph" meldet» die russische Delegation^ werde künftig über wirtschaftliche Fragen " icht «ehr direkt, sondern durch Vermittlung einer englischen G es ellschaft verhandeln. .Echo de Paris" gibt der Vermutung Ausdruck, die Reise KrassmS hänge wohl auch damit zusammen, daß die Sowjet« regirmng wegen der jüngste« Erfolg» an der polnische» Front m den Londoner Besprechungen eine festere Haltung einzunrhmm und nene Bedingungen zu stellen beabsichtige. Gin englisches Oberkommando in Konstanttnopel. Paris» 3. Juli. (Ssrr.-Bm.) Üeberemstimmvche Meldungen ans London und Athen besag«, daß die englische Regier«»« vorgeschlage» habe, ein einheitlich .es Oberkommando in Konstantmopel und dm Meer» eng« emzuführen und damit ein« englischen General zu betraue». Soskins Kolonisations- Vorschläge.*) Die Erörterungen palästinensischer Siedlungsfragen erscheinen hie'und da durch Partei- oder programmmäßige oder rein doktrinäre Tendenzen, manchmal durch Schablonenhaftigkeit oder umgekehrt durch nichtige Projektelust getrübt. Umsomehr müssen alle, die eine organisch gesunde Entwicklung der palästinensischen Siedlung erstreben, eine Broschüre begrüßen, die vor kurzem im Jüdischen" Verlag erschienen ist und Zeinen der tüchtigsten Kenner auf diesem Gebiete zum Verfasser hat. Drei Hauptmomente werden von Soskin ist den Vordergrund gestellt, welche, scheinbar Spezialprobleme, doch praktisch gesehen, eine untrennbare Einheit bilden: Die Bewässerung, gewissermaßen als die richtige Vorbereitung des Landes, Gemüsekultur als die wirtschaftliche Hauptbetriebsform, und die Kleinko Ionisation als die soziale Hauptform der Siedlung. Zunächst wird die Notwendigkeit und Möglichkeit eines großzügigen Bewässerungssystems für das ganze Kolonisationswerk hervorgehoben. Vorbildlich in dieser Hinsicht erscheinen gewisse Gegenden der Lombardei, Spaniens (Valencia), die Kanarischen Inseln, der Kanton Wallis, in größtem Maßstab ganz China und in örtlicher Nachbarschaft die Ghuta von Damaskus. Soll im allgemeinen die natürliche Bewässerung eines Landes zuerst dem landwirtschaftlichen Bedürfnis dienstbar gemacht werden, so ist dies umso notwendiger in einem ariden Lande, und wenn die richtige Regulie- *) Kleinsiedlung und Bewässerung. Die neue Siedlungrform für Palästina, von Dr. S. E. S o S k i n (NaÜonalfondSbibliothek. Jüdischer Verlag, Berlins. rung der Wasserkräfte erst den ökonomischen Wert derselben sichert, so erscheint dies umso notwendiger in einem Lande mit örtlich und zeitlich so ungleichmäßigen Wasserverhältnissen wie Palästina. Vor allem müsse die Nutzung der fließenden Wässer großzügig in Angriff genommen werden, wofür der Jordan mit seinem starken Gefälle, die größeren Küstenflüsse und die Nebenflüsse des Jordan und nebenbei auch die Gebirgsquellen mancher Gegenden in Betracht kommen. (So fimnie nach des Verfassers Meinung der Nähr el Amtscha bei Petach Tikwah, der gegenwärtig nur einige Plantagen bewässert und einige primitive Mühlen treibt, einer Bedölkerung von 100.000 bis 200.000 Menschen die Lebensbasis schaffen.) Wichtig ist auch jene Kombination von Entsumpfung und Kanalisierung, welche gerade ehemaliges Sumpfland hie und da in fruchtbarstes Gelände zu verwandeln vermag. Hiezu kommt noch die Benützung des in geringen Tiefen zu erbohrenden Grundwassers in der Küstenebene und endlich die Aussammlung der Niederschläge in Stauwerken. In organisatorischer Beziehung erscheint dann die Durchführung eines einheitlichen und großzügigen Bewässerungsplanes an die Schaffung eines Wasseramtes gebunden. Hiemit aber wird die Basis geschaffen für die intensivste Form der Bodenkultur: der Garten- und Gemüsebau. Derselbe stellt leider in Palästina beinahe noch ein Novum dar gegenüber den beiden bis jetzt vornehmlich gepflegten Agrikulturformen: der „Pflanzung" und dem extensiven Getreidebau. Der fundamentale Vorteil der gärtnerischen Gemüsekultur ist zunächst äußerlich ein bevölkerungsstatistischer, indem schon den Aufstellungen Oettingers zufolge auf solche Weise die zehnfache Bevölkerung auf gleichem Boden ihren Unterhalt gewinnen, eine städtische Bevölkerungsdichte auf dem Lande erreicht werden kann. Noch mehr inH Gewicht fällt einerseits eine soziale, andererseits eine persönliche, erzieherische Seite der Sache. Der kapitalistischen Methode der Pflanzungswirtschaft gegenüber entspricht die gärtnerische Kleinsiedlung viel mehr den Anforderungen einer gesunden und sozialen Kolonisationsbasis, sowohl wenn dieselbe privatwirtschaftlich' als wenn sie genossenschaftlich gedacht wird, indem die persönliche Form dieser Siedlung nach der Meinung des Verfassers das Lohnarbeitertum überflüssig macht. Freilich dürfte das Ideal der „Handelsgärtneret", das Soskin aufstellt und das sich zum Beispiel im Hinblick auf den Export von Frühgemüse und auf gewisse Spezialkulturen (Tomaten, Bananen ufw.) besonders empfiehlt, hoch nur eine sekundäre Rolle spielen. Gegenüber der extensiven Getreidekultur wiederum stellt die Gartenkultur weniger Anforderungen an hie physische Arbeitsleistung, sie ist eine „zum Teil geistige Arbeit" und könnte darum Wohl auch, wie ja hie und ha schon hervorgehoben wurde, den Lebensgewohnheiten eines geistig hochentwickelten Volkes besser entsprechen, das wieder hiedurch besser als durch grobe Feldarbeit der Natur wiedergewonnen werden könnte. Andererseits freilich ist es auch klar, daß die gärtnerische Klein-, kolonisation schwerer als jede andere sich auf Grund eines bloß äußerlichen Programms verwirklichen läßt, da sie mit den ganzen Lebensgewohnheiten eines Volkes zusammenhängt, was ja auch Soskin richtig erfaßt hat, vor allem und mit einer größeren Würdigung vegetarischer Lebensweise. Dennoch wäre es sehr zu begrüßen, wenn der am Schlüsse der Broschüre gemachte' Vorschlag erster Versuchssiedlungen in der Art, wie ihn Soskin macht, vom Nationalfonds bald unternommen; i würdz, \_ , Ernst Müller,